Fußball-WM 2006 – Erste Zwischenbilanz eines unzeitgemäßen Beobachters –

Ein Artikel von Joke Frerichs | Verantwortlicher:

Sie werden es schon bemerkt haben, die Fußball-WM lässt auch uns nicht kalt. Jedenfalls nimmt sie uns Zeit und Energie für die NachDenkSeiten. Aber wo alle nur noch über Fußball reden, wollen wir eben auch da mitreden. Wir haben statt Netzer, Beckenbauer oder Beckmann einen wirklichen Fußballexperten, der für uns eine erste Zwischenbilanz der WM zieht. Lesen Sie einmal wirklich Interessantes und Analytisches von Joke Frerichs, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Fördervereins der NachDenkSeiten.

Nach 10 Tagen Fußball-WM und dem Abschluss des zweiten Gruppenspieltages ist die Zeit für eine erste Zwischenbilanz gekommen. Wohl noch nie war die Koinzidenz von Sport und Kommerz so offenkundig. Dass sportliche Großereignisse mittlerweile zu milliardenschweren Unternehmungen globalen Ausmaßes mutiert sind, hat sich herumgesprochen. Die Krake FIFA hat dafür gesorgt, dass nahezu alle weltweit operierenden Konzerne mit ihren Logos in den Stadien präsent sind. Sie schmücken die Umrandungen der Spielfelder. Gut sichtbar. In präzise geregelter Reihenfolge. In allen Stadien. Sie gehören zur stimmungsvollen Kulisse dazu. Kaum noch wegzudenken. Sie haben Zig-Millionen dafür bezahlt. Ihre Werbungskosten werden sie an uns Verbraucher weiterreichen. Coca Cola und McDonald agieren als Hauptsponsoren. Hatten sie je etwas mit dem Fußball zu schaffen?

Die Werbung ist allgegenwärtig. Massiv in Szene gesetzt durch die Medien und das Heer von Moderatoren und Kommentatoren, die sich auch noch gern ein Zubrot verdienen. Die Kerners, Beckmanns, Jauchs – und wie sie alle heißen: sie operieren gewissermaßen multifunktional. Als Werbeträger und Vermittler von Informationen; als Stimmungsmacher und Interpreten; als Botschafter des neuen Optimismus und Einpeitscher. Aus ihrem „Du bist Deutschland“ wird so ganz unversehens ein „W i r sind Deutschland“. Wir sind diejenigen, die an der WM verdienen. Dazu kommen dann noch: aktuelle und ehemalige Bundestrainer, Alt-Internationale, Sportmanager, Spieler, ja ganze Teams – sie alle werben um die Wette, so dass einem ganz schwindlig dabei wird. Rastlos, bis zur Erschöpfung. Ob Mercedes dadurch einen Wagen mehr verkauft?
Ungezählt die Auftritte Beckenbauers: Neben den Mächtigen und Schönen dieser Welt; dann im Werbespot (Preisfrage: Für wie viele Unternehmen und Produkte wirbt Beckenbauer?); dann als Kommentator und Experte in Talkshows und Sportstudios. Gefragt oder ungefragt: Beckenbauer äußert sich zu jedem Thema, mischt sich überall ein und ist ganz schlicht omnipräsent – wie sonst nur die Nervensäge Johannes B. Kerner.

Dagegen wirkt Günther Netzer mittlerweile fast langweilig. Seine Kommentare sind mittlerweile reichlich abgestanden. Immer nur Disziplin und Ordnung zu fordern ermüdet. Ach ja – und Aggressivität. Empfiehlt er doch in der Halbzeit des Spiels Argentinien gegen Serbien (6:0) den in jeder Hinsicht überforderten Serben mehr Aggressivität zu zeigen. Der Spieler Kezman hat den Rat befolgt und war dann auch nicht mehr sehr lange dabei. Im Ernst: Warum immer dieser Kriegsjargon? Wie wär`s mit Spielkategorien? Die Argentinier haben einfach besser gespielt. Sie haben die besseren Spieler, das bessere System, mehr Freude am Spiel. Das wär`s. Ist natürlich zugegebener maßen ein bisschen wenig für einen hochbezahlten Experten. Aber mir würde es als Kommentar reichen. (Zu meiner Fußball-Philosophie ausführlicher: Joke Frerichs, Zugänge. Wie man aufwächst, so denkt man; Norderstedt 2005, S. 105 ff.).

Die mediale Vermarktung und das Ereignis Fußball – sie sind auf untrennbare Weise verknüpft. Oft auch personell. Eins geht ins andere über. Manchmal weiß man nicht mehr, ist jetzt schon Spiel oder wird noch geworben. Jubelt die Menge tatsächlich oder nur virtuell. Alles verschwimmt in der Dauerberieselung zu einem Brei. Da hilft oft nur ein Bitburger, an das uns Oliver Bierhoff mindestens stündlich im Angesicht des Brandenburger Tores erinnert. Da hilft nur mitfeiern. Fehlt nur noch Kerner mit einem Bier auf der Siegessäule.

War da nicht mal was? Ach ja: „Keine Macht den Drogen!“ (Waren das noch Zeiten, als der DFB angeekelt und empört das Ansinnen der Braunschweiger Eintracht zurückwies, für einen Kräuterschnaps zu werben). Mittlerweile ist alles erlaubt. Dabei ist die Werbung überwiegend plump. Vor allem die Bierwerbung: Eine tumbe Menge grölt im Chor. Ausdruck deutscher Fröhlichkeit? Die Bilder zeigen mehr, als die Werbestrategen vielleicht intendieren. Der Verbraucher in der Rolle des jubelnden Konsum-Idioten. So hätten sie uns wohl gern. Die „Gesellschaft für Konsumforschung“ meldet denn auch pflichtgemäß: Die WM fördert den Optimismus in der Bevölkerung. Von ihr geht die Botschaft aus: „Wir können unsere Probleme lösen.“ Na, dann. Bei der Großen Koalition scheint die Botschaft jedenfalls noch nicht angekommen zu sein. Kein Wunder. Fehlt doch immer ein Minister, weil er zu einem Spiel abkommandiert wurde. Zu jedem Spiel ein Vertreter der Regierung. Wenn das nicht volksverbunden ist. Mit von der Partie und das ist auch neu – die Frauen: Die Gesundheitsministerin, die Entwicklungsministerin, selbst die Kanzlerin. So viel Frau war nie beim Fußball. Macht sich doch schön, Frau Merkel einmal klatschen zu sehen. Unübertroffen unser Herr Bundespräsident. Schon bei drei Spielen dabei. Hat wohl auch weniger zu tun. Was ihn jedoch nicht davon abhält, ganz nebenbei wieder einmal ein schnelleres Reformtempo anzumahnen und den Sozialstaat zu relativieren. So funktioniert das in der virtuellen Volksgemeinschaft während einer WM.

Ach ja, Fußball gespielt wird auch. Noch nicht sehr innovativ, aber hin und wieder ganz ansehnlich. Überzeugt haben mich bisher nur die Argentinier. Ihr temporeicher, voller Varianten steckender Kombinationsfußball ist bisher das Maß aller Dinge. Ich prophezeie: Wer Weltmeister werden will muss Argentinien schlagen. Leider treffen wir voraussichtlich schon im Viertelfinale auf Argentinien und das war`s dann wohl. Wohin dann mit den aufgebauschten Emotionen? Dem neuen Nationalgefühl. Hoffentlich gibt es kein böses Erwachen. Täte dem Standort Deutschland nicht so gut.

Überhaupt die Deutschen. Bisher weiß man noch immer nicht, wo die Mannschaft steht. Ein Spielsystem ist bisher kaum erkennbar. Viel guter Wille zwar. Und unbändiger Kampfgeist. Aber auch wenig Klasse. So war es ja fast immer. Viele der Spieler können und müssen sich noch steigern. Schweinsteiger und Poldolski wollen meist des Guten zu viel. Schweinsteiger will ständig zaubern und verheddert sich dabei. Ist nun mal kein Ronaldinho. Und Podolski hat bisher keine Bindung zur Mannschaft. Will zu schnell abschließen und übersieht dabei die Mitspieler. Überhaupt greifen die Mannschaftsteile nicht ineinander. Die Abwehr (obwohl gegen Polen schon stabiler) steht auf einer Linie, aber nicht eng genug an den Gegenspielern. Sie schaltet zu langsam um. Ebenso das Mittelfeld, das meist schlecht gestaffelt steht. Nur Philipp Lahm spielt bisher so, wie man sich das auch von den anderen wünscht. Aber wie gesagt: Es ist an noch einiges möglich und die Hoffnung stirbt zuletzt. Das Viertelfinale sollte es schon werden.

Die meisten anderen Mannschaft sind auch nicht das Gelbe vom Ei. Brasilien spielt bisher enttäuschend – gemessen am Confed-Cup z.B. Der Generationswechsel scheint zu spät zu kommen. Einige Spieler sind deutlich über den Zenit hinaus. Allen voran Ronaldo, der von den Kommentatoren schon dafür gerühmt wird, dass er sich bewegt. Emerson ist ebenso ein Schatten früherer Tage. Auch Cafu und Roberto Carlos haben die beste Zeit hinter sich. Brasilien verfügt aber über personelle Alternativen: Juninho, Cicinho oder Robinho etwa. Mir fiel im letzten Spiel der Brasilianer gegen Australien auf, dass deren Spiel viel besser lief, als Ronaldo ausgewechselt worden war. Einige Spieler wirkten wie von einer Last befreit (Kaka; Ronaldinho). Kaka könnte überhaupt einer der großen Spieler dieser WM werden. Ronaldinho wirkt noch etwas gehemmt. Hat vielleicht zu viel gefeiert mit dem FC Barcelona.

Gegenüber Brasilien wirken die Argentinier und auch die Spanier wie Jungbrunnen. Vor allem Argentinien spielt einen Fußball vom anderen Stern. Spielen die Riquelme, Sorin, Ayala, Saviola und Crespo weiterhin auf diesem Niveau, sehe ich nicht, wer sie schlagen kann. Und dann haben sie noch einen gewissen Lionel Messi in petto, den ich gegenwärtig für das größte Talent überhaupt halte. Leider war er lange verletzt. Findet er jedoch noch in die Mannschaft, wird das Spiel der Argentinier noch unberechenbarer. Ich sehe nicht, wer sie in dieser Form schlagen könnte, zumal sie diesmal auch ihre disziplinarischen Probleme im Griff zu haben scheinen. Ein Erfolg des überaus sympathischen Trainers Josè Nestor Pekermann, der die meisten seiner Spieler schon als Jugendtrainer betreut hat.

Ähnliche Probleme wie Brasilien hat auch Frankreich. Frankreich sehen, heißt daher vor allem: von Zidane Abschied nehmen. Wenn man sieht, wie Zidane sich über den Platz quält, tut einem das schon sehr weh. Er hätte nicht zurückkehren sollen. Er wird uns als einer der größten Spieler der letzten zehn Jahre in Erinnerung bleiben.

Dann sind da natürlich noch die Holländer, Engländer und Italiener. Alle haben ähnliche Probleme wie die Deutschen. Noch nicht so recht in Schwung. Die Engländer wirken sogar ein wenig lustlos. Die Holländer hören nach einer Führung auf zu spielen. Und die Italiener: Auch noch kein harmonierendes Team. Und immer in Gefahr, übermotiviert zur Sache zu gehen. Sich durch Platzverweise selbst zu schlagen.
Man wird sehen müssen, wie die traditionellen Tourniermannschaften sich entwickeln. Vieles ist möglich – was auch von den weiteren Paarungen in den Achtel-, Viertel- und Halbfinals abhängt.

Was fällt sonst noch auf? Da sind zunächst die Regelauslegungen. Gut, dass endlich das Trikotzupfen, die Schwalben und der Ellbogencheck geahndet werden. War schon lange überfällig. Für derartige Reformen ist eine WM immer gut. Dagegen wird es wohl noch Jahrzehnte dauern, bis die unsinnig komplizierte Abseitsregelung vereinfacht wird. Das sog. Abseits auf gleicher Höhe ist schon von der Logik der Wahrnehmung her ein glatter Unsinn. Zielfotos zeigen immer wieder, dass es eine „gleiche Höhe“ nur in absoluten Grenzfällen gibt. Fast noch absurder ist das „Abseits im Moment der Ballabgabe“. Kein Linienrichter der Welt kann gleichzeitig den abgespielten Ball und den angespielten Spieler im Auge haben. Die Folge sind Fehlentscheidungen am laufenden Band in nahezu jedem Spiel.
Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit auch noch für alle Welt sichtbar. Da die FIFA den Schiedsrichtern technische Hilfsmittel verbietet, käme nur eine Regeländerung in Frage. Aber wie die Dinge liegen, wird das dauern. Die alten Herren der FIFA brauchen halt ihre Zeit.
Trotz der genannten Einschränkungen pfeifen die Schiedsrichter bisher recht gut. Sind halt auch nur Menschen.

Unfassbar dagegen ist für mich, dass es in den wunderschönen Stadien keinen vernünftigen Rasen gibt. Da gibt man Hunderte von Millionen für Dächer und VIP-Logen aus und schafft es nicht, einen Rasen bereit zu stellen, der höchsten Ansprüchen genügt. Mal rutschen die Spieler aus, mal scheinen sie stecken zu bleiben. Ob zu glatt oder zu stumpf – man weiß es nicht und kann es eh nicht mehr ändern. Gott sei dank sind die Holländer schuld an der Misere, die den Rasen gelegt haben. Ein Grund weniger, uns die Schuld zu geben, wenn Holland nicht Weltmeister wird.

Harren wir also der Dinge, die da kommen werden. Etwas mehr Spielfreude können wir noch verkraften. Und vor allem nie vergessen: Das Wichtigste am Fußball ist, dass er nicht das Wichtigste ist. Oder so ähnlich.