„Verschwörungs-Star Ken Jebsen kommt zu den Jazztagen in Dresden“ – unter dieser Überschrift hat der Kulturchef der Sächsischen Zeitung einen aktuellen Artikel veröffentlicht. „Verschwörungs-Star“? Wie man den Debattenraum publizistisch verseucht, zeigt das Blatt also schon in der Überschrift. Mit der festen Überzeugung, die „Wahrheit“ gepachtet zu haben, kriegen sie alle ihr Fett weg: Ulrike Guérot, Daniele Ganser, der Musiker Tino Eisbrenner, Festivalchef Kilian Forster. Der Artikel der Sächsischen Zeitung, verfasst von Oliver Reinhard, zeigt, was passiert, wenn Journalismus entkernt und mit Weltanschauung aufgefüllt wird. Ein Kommentar von Marcus Klöckner.
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„Warum macht der Festivalchef das?“ So lautet die Frage, die der Feuilleton-Leiter der Sächsischen Zeitung im Vorspann seines Artikels aufwirft.
Warum also lädt Forster Ganser, Guérot und – Achtung, so formuliert Reinhard tatsächlich – „diverse Moskau-Freunde ein“? Das will der Redakteur „wissen“.
Wobei schon an dieser frühen Stelle des Artikels jedem klar sein sollte: Wer in der Überschrift von einem „Verschwörungs-Star“ spricht und Kritiker westlicher Tiefenpolitik als „Moskau-Freunde“ bezeichnet, der will nichts „wissen“.
Echtes journalistisches Erkenntnisinteresse? Fehlanzeige. Die Frage fußt auf der in Stahlbeton gegossenen Überzeugung, im Besitz der einzig gültigen „Wahrheit“ zu sein.
Da soll sich ein Festivalchef dafür erklären, dass kritische Wissenschaftler und Künstler eine Bühne bekommen? Der Niedergang des Journalismus – er ist auch bei der Sächsischen Zeitung sichtbar.
Wäre es denn besser gewesen, Forster hätte Roderich „Der Krieg muss nach Moskau getragen werden“ Kiesewetter eingeladen? Oder Johann „Russland wird immer ein Feind für uns bleiben“ Wadephul? Oder die bekannten Kriegstrommler aus dem akademischen Feld, deren Namen es nicht wert sind, genannt zu werden? Also diejenigen, die in schier unzähligen Medienbeiträgen die Propaganda der NATO wiederkäuen, die immer mehr Waffen an die Ukraine liefern wollen und bis heute den Begriff Stellvertreterkrieg nicht über ihre Lippen bekommen?
Vielleicht wäre es auch eher im Sinne der Sächsischen Zeitung, wenn am Busen der Herrschenden nuckelnde Künstler auf der Bühne stünden, die selbst jetzt, wo die gesamte Republik „kriegstüchtig“ (Goebbels-Wort) werden soll, schweigen?
Reinhard – und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – prangert in seinem Beitrag nicht etwa an, dass die Landeshauptstadt die „Förderung für die Festivalsaison 2025 erst um 55 Prozent gekürzt und für dieses Jahr auf Null gesetzt“ hat.
Wo ist der kritische Journalismus, der die politisch Verantwortlichen mit lauter Stimme fragt: „Was soll das?!“
Stattdessen folgt der Angriff auf den Historiker Daniele Ganser, die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot und „Moskau-Freunde“.
Erstens: Ganser gehört zu den renommiertesten Historikern Europas. Sein Verdienst: Er hat sich in einer aufwändigen Studie mit einem der düstersten Kapitel transatlantischer Tiefenpolitik auseinandergesetzt: Mit den Geheimarmeen der NATO, kurz: Gladio (siehe Spiegel-Artikel).
Auf dieser Erkenntnisbasis hinterfragt der Schweizer auch die Anschläge vom 11. September – was nun wirklich mehr als nachvollziehbar ist.
Reinhard lässt diese Informationen aus. Stattdessen folgt: Schlagwort-Bingo. Den Begriff „Faktenverbiegung“ wirft Reinhard ins Blatt. Welche Fakten Ganser nun verbogen haben soll: Die Leserschaft darf im Dunkeln tappen.
Zweitens: Guérot, das heißt, jene Politikwissenschaftlerin, die in der Coronazeit den Mut aufgebracht hat, laut und deutlich „Grundrechte!“ zu sagen, muss sich nun eine „kremlfreundliche“ Kommentierung vorwerfen lassen.
Wo war eigentlich die Sächsische Zeitung in der Coronazeit, als unsere kranken und alten Mitmenschen alleine ohne ihre Angehörigen in Heimen und Krankenhäusern sterben mussten? Brav angepasst mit der FFP-2-Maske beim Bäcker?
Und: Im Gegensatz zu den Legitimationsexperten der großen Medien hat Guérot verstanden, was ein Stellvertreterkrieg ist.
Drittens: Was soll das heißen: „Moskau-Freunde“? Ist es nicht mehr erlaubt, Freunde in Moskau zu haben, weil Russland die Ukraine angegriffen hat? „Washington-Freund“ darf man aber schon noch sein? Trotz Atombombenabwürfen, Agent-Orange-Einsatz in Vietnam, eines Angriffskriegs gegen den Iran samt Bombardierung einer Mädchenschule?
Lassen wir es.
Die Sachlage ist klar: In Sachsen schmeckt gewissen Teilen der Politik und der Medien nicht, dass die Jazztage mehrere Zehntausend Besucher verzeichnen – und dabei auch kritische Wissenschaftler sind.
Über Geschmack darf selbstverständlich gerne gestritten werden. Mit einer verwahrlosten Politik, die das Land an den Rand eines Krieges mit Russland treibt, streitet man allerdings nicht. Als Journalist zeigt man ihr die Rote Karte – so wie zombiejournalistischen Attacken.
Anmerkung Redaktion
Florian Warweg schreibt auf der Plattform „X“ zu dem Beitrag der Sächsischen Zeitung: .@saechsischeDE behauptet mit Verweis auf @IlkoKowalczuk, der ostdeutsche Liedermacher Tino Eisbrenner hätte in 🇷🇺 Kinder mit “Tapferkeitsmedaillen” ausgezeichnet. Doch Recherchen zeigen, die Darstellung der SZ ist falsch & verstößt gegen Pressekodex.
Titelbild: H.J.Maquet Foto





