„Europa wird als Frontstaat benutzt, um strategische Rivalen zu schwächen“ – Glenn Diesen in Istanbul

„Europa wird als Frontstaat benutzt, um strategische Rivalen zu schwächen“ – Glenn Diesen in Istanbul

„Europa wird als Frontstaat benutzt, um strategische Rivalen zu schwächen“ – Glenn Diesen in Istanbul

Ein Artikel von: Redaktion

„Es ist (…) erwähnenswert, dass es in Europa tatsächlich Vereinbarungen für eine paneuropäische Sicherheitsarchitektur gab, die jedoch zugunsten der NATO-Erweiterung aufgegeben wurden unter dem Vorwand, dies würde die liberale Demokratie voranbringen.“ Mit diesen Worten verdeutlicht der norwegische Politikwissenschaftler und Professor Glenn Diesen die aus seiner Sicht fatalen Auswirkungen der von den USA dominierten sogenannten liberalen Weltordnung. Sein Impulsvortrag fand im Rahmen der Paneldiskussion I „Multipolarität und das Ende der liberalen Weltordnung“ beim Ost-West-Forum in Istanbul am 26. September 2026 statt.


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Der Vortrag wurde in englischer Sprache gehalten und ist hier mit deutschen Untertiteln zu sehen.

Diesen erläutert in seinem Vortrag, warum die unipolare Vorherrschaft der USA und der damit verbundene „liberale Universalismus“ seiner Ansicht nach nicht von Dauer sein konnten. Unter dem Vorwand, universelle Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte zu vertreten, habe eine Hegemonialmacht ihre eigene politische Ordnung zur allgemeingültigen Norm erhoben. Statt die Gleichheit und Souveränität der Staaten zu achten, habe sie dadurch neue Hierarchien und Machtblöcke eingeführt.

Diesen schließt daraus:

„Ich denke, dass der hegemoniale Universalismus deshalb auch als ein eigenständiger revisionistischer Impuls in der Weltordnung betrachtet werden muss.“

Während die USA und die EU aber weiterhin auf Unipolarität und Universalismus drängten, setzten aufstrebende Mächte wie China, Russland und Indien auf Multipolarität und die Anerkennung unterschiedlicher Zivilisationen und Entwicklungswege.

„Es steht einer Zivilisation nicht zu, einer anderen vorzuschreiben, wie sie sich entwickeln soll.“

Dies sieht Diesen als Indiz dafür, dass China und die anderen aufstrebenden Mächte keine neue Hegemonie anstreben

Besonders scharf kritisiert Diesen die Entwicklung Europas seit 1989. Die europäischen Staaten hätten im Rahmen der US-dominierten Weltordnung immer mehr ihrer ureigenen staatlichen Aufgaben an die USA ausgelagert – von der Außen- und Sicherheitspolitik über die Handels- und Finanzpolitik bis hin zur Organisation der Zivilgesellschaft. Hierzu führt er aus:

„Die Vorstellung, dass die Zivilgesellschaft eine unabhängige Rolle bei der Gestaltung der Gesellschaft spielen sollte – wir sehen nun, dass dies sorgfältig ausgearbeitet werden muss: Die Zivilgesellschaft muss von NGOs organisiert werden. Diese NGOs müssen ausländische NGOs sein. Und wie wir ebenfalls erfahren haben, wurden viele dieser amerikanischen NGOs als Tarnorganisationen aufgebaut, und zwar von Reagan und dem Leiter der CIA. Nun organisieren also ausländische Geheimdienste die Zivilgesellschaft anderer Länder. Offensichtlich wurden dadurch auch politische Institutionen für Länder geschaffen, die faktisch zu Frontstaaten geworden sind. Und ich glaube, das alles beginnt nun auseinanderzufallen.“

Diese Abhängigkeit werde Europa nun zunehmend zum Verhängnis:

„Regionen der Welt wie Europa, die lange Zeit eine sehr privilegierte Position innehatten, da sie von einer sehr großzügigen amerikanischen Handelspolitik und Sicherheitsvereinbarungen profitierten, erkennen nun, dass sie stattdessen als Frontstaaten benutzt werden, um strategische Rivalen zu schwächen.“

Diese Entwicklung sei keineswegs auf Europa beschränkt. Auch in Ostasien und den Golfstaaten wachse die Sorge über die Folgen der bisherigen Abhängigkeit von den USA.

Videoproduktion: Harici Media

Titelbild: Harici Media; NachDenkSeiten

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