„Eine multipolare Welt entsteht – und das ist auch gut so“, so Ulrike Guérot in ihrer Eröffnungsrede beim Ost-West-Forum in Istanbul am 26. September 2026. Die US-Hegemonie könne und müsse enden, ein globaler Krieg verhindert werden. Guérot entwirft die Vision eines Europas, das sich von EU, NATO und USA emanzipiert und zwischen Ost und West vermittelt – und ruft dazu auf, gemeinsam an diesem Europa zu arbeiten. Von Redaktion.
Am 26. September trafen sich beim Ost-West-Forum in Istanbul Diplomaten, Wissenschaftler, Sicherheitsexperten und ehemalige Militärs aus 30 Ländern, um über die sich verändernde Weltordnung zu diskutieren. Das von Harici Media und der Berliner European Transcontinental Initiative (ETI) veranstaltete zweitägige Forum brachte Teilnehmer aus Europa, Asien, dem Nahen Osten und Nordamerika zusammen – darunter Ulrike Guérot, Michael von der Schulenburg, Pascal Lottaz, Hauke Ritz und Thomas Fazi.
Im Mittelpunkt standen der Übergang von der westlich dominierten unipolaren zu einer multipolaren Weltordnung, die Verschiebung des globalen Machtgleichgewichts sowie die Frage nach einer künftigen Sicherheitsarchitektur. Diskutiert wurden zudem die wachsende Gefahr direkter Konflikte zwischen Großmächten, das erneut gestiegene Risiko einer nuklearen Eskalation und die Folgen neuer, durch Künstliche Intelligenz ermöglichter Kriegstechnologien.
Wir werden in den nächsten Tagen und Wochen auf unserem YouTube-Kanal einige der dort gehaltenen Vorträge und Paneldiskussionen veröffentlichen, beginnend mit der Eröffnungsrede von Dr. Ulrike Guérot, Direktorin der European Transcontinental Initiative (ETI).
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Da die Inhalte auf unserem Kanal nur im englischen Original mit deutschen Untertiteln veröffentlicht werden, drucken wir hier die deutsche Übersetzung ab:
Eröffnungsrede zum ersten Ost-West-Forum in Istanbul am 26. September 2026
von Dr. Ulrike Guérot
„Sehr geehrte Damen und Herren,
verehrte Gäste,
sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
es ist mir eine große Ehre und eine echte Freude, Sie im Namen der türkischen Medienplattform Harici und der European Transcontinental Initiative zum ersten Ost-West-Forum in Istanbul willkommen zu heißen.
Mein herzlicher Dank gilt meinem engagierten Kollegen und Freund Tunç Akkoç sowie seinem gesamten Team, die die Initiative ergriffen haben, dieses Forum ins Leben zu rufen und dieses neue internationale Format hier in Istanbul zu verwirklichen – einer Stadt, die seit Jahrhunderten die Brücke zwischen Ost und West bildet.
Mit dem Ost-West-Forum wollen wir eine Plattform für die globale kritische Gemeinschaft schaffen. Für all jene, die noch an den Frieden glauben, in einer Zeit, in der die Welt am Rande eines dritten Weltkriegs steht. Für all jene, die das 21. Jahrhundert im Streben nach Frieden, Gerechtigkeit und Gleichheit für alle Menschen gestalten wollen – so wie es Immanuel Kant bereits in seiner Abhandlung über den ewigen Frieden vorgesehen hat. Und für all jene, die noch immer an die Charta der Vereinten Nationen glauben, die wie ein Juwel das erstmals 1789 verkündete Versprechen bewahrt: dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind.
Mehr als zwei Jahrhunderte später ist es an der Zeit, diesem Ziel näher zu kommen. Und die Welt des 21. Jahrhunderts verfügt über alle Ressourcen, die sie dafür benötigt.
Was fehlt
Was heute fehlt, ist nicht Energie. Nicht Nahrung. Nicht Kommunikation. Nicht Ressourcen. All das gibt es bereits. Diskurse über Knappheit sind neo-feudale Diskurse – die Sprache derer, die nicht teilen wollen.
Buddhistische, muslimische und christliche Traditionen kennen alle eine tiefere Wahrheit: Wo Fülle ist, wird die Fülle wachsen. Daran glauben wir hier in Istanbul – hier, auf der Brücke, am Schnittpunkt der Kulturen.
Was heute fehlt, ist Diplomatie. Weisheit. Politischer Wille. Und Liebe.
Und wir hoffen, dass dieses Signal heute von Istanbul aus in die Weltpresse geht – genau an dem Tag, an dem die UN-Generalversammlung zu Ende geht:
Ja, eine andere Weltordnung ist möglich.
Ja, die US-Hegemonie kann und muss ein Ende finden.
Ja, Frieden kann erreicht werden.
Ja, ein globaler Krieg kann vermieden werden.
Ja, eine multipolare Welt entsteht – und das ist auch gut so.
Ja, die Welt wird das Ende dessen überstehen, was wir früher „den Westen“ nannten.
Ja, die sogenannte „regelbasierte Ordnung“ hat sich als hohl erwiesen – und die internationale Gemeinschaft kann zu den Regeln der UN-Charta zurückkehren.
Heute senden wir diese Grüße von Istanbul nach New York. Wir sind hier, um über die internationale Ordnung des 21. Jahrhunderts nachzudenken und nach Alternativen zum Status quo zu suchen.
Die Lage der Welt
Das wird nicht einfach sein. Die internationale Ordnung ist, wie Sie alle wissen, in Unordnung geraten.
Gerade in diesem Moment erleben wir Kriege im Plural. Kämpfe um Ressourcen. Die Besetzung von Ländern und Gebieten. Und vor allem eine Situation in Gaza, die UN-Generalsekretär Antonio Guterres als unerträglich bezeichnet hat.
Die Welt wird nicht vergessen, was Israel dort tut. Und wir alle verfolgen den von Südafrika vor dem Internationalen Gerichtshof angestrengten Fall.
Lassen Sie mich Nelson Mandela zitieren: „Wir wissen nur zu gut, dass unsere Freiheit ohne die Freiheit der Palästinenser unvollständig ist.“
Neben diesen tektonischen Verschiebungen im internationalen System erleben wir gleichzeitig auf mehreren Ebenen einen Paradigmenwechsel.
Da ist das Ende der liberalen Ordnung.
Da sind Künstliche Intelligenz und Robotik, die die Frage nach dem Überleben unserer Spezies aufwerfen und die Hybris des Transhumanismus – des homo deus – offenbaren.
Und da ist der Ehrgeiz, den Mars zu erobern, als ob diese Erde, der einzige Globus, den wir alle teilen, nicht gut genug für uns wäre – wenn wir uns doch nur richtig um sie kümmern würden. Deshalb bin ich persönlich sehr traurig, dass der Vatikan in diesem Jahr letztendlich keinen Vertreter zum Ost-West-Forum entsenden konnte, denn Papst Leo XIV. hat in seiner jüngsten Enzyklika Magnifica Humanitas inspirierende Gedanken zu all dem niedergeschrieben.
Eine europäische Stimme
Nun, als diejenige, der die Ehre zuteil wird, dieses erste Ost-West-Forum zu eröffnen, gestatten Sie mir bitte ein paar Worte als europäische Bürgerin.
Vor vielen Jahren arbeitete ich für Jacques Delors, den Präsidenten der Europäischen Kommission von 1985 bis 1995 – einen Mann, der gemeinsam mit François Mitterrand und Helmut Kohl eine friedliche, demokratische und soziale Europäische Union anstrebte. Delors war Sozialist, Katholik und Gewerkschafter.
Das Europa, das er sich vorgestellt hat, ist heute bis zur Unkenntlichkeit verzerrt worden. Und das ist eine Tragödie – nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt.
Ich spreche hier für die vielen europäischen Bürger, die keinen Krieg mit Russland wollen. Die nicht länger für US-amerikanische geostrategische Interessen instrumentalisiert werden wollen, die für den europäischen Kontinent selbstmörderisch sind. Die nach wie vor an der in der Charta von Paris von 1990 festgeschriebenen Vision festhalten:
einer europäischen Sicherheitsarchitektur mit Russland.
Die immer noch von einem politisch vereinten Europa träumen – nicht von einem, das von engstirnigen oder rachsüchtigen Interessen einer Hohen Vertreterin für Außen- und Sicherheitspolitik gekapert wird, die nicht die Interessen von 450 Millionen europäischen Bürgern widerspiegeln. Diese 450 Millionen haben genug von lächerlichen False-Flag-Operationen wie am Leipziger Flughafen und den durchsichtigen Bemühungen, NATO-Staaten in den Ukraine-Krieg hineinzuziehen, den sogar die Ukrainer bald beenden wollen.
Und diese Bürger wollen nicht mit ansehen, wie eine immer technokratischere Union in autoritäre Gewohnheiten abdriftet – indem kritische Stimmen auf extralegale EU-Sanktionslisten gesetzt werden und der Kontinent der Aufklärung zurück ins dunkle Mittelalter gezogen wird.
Erlauben Sie mir auch ein Wort als deutsche Bürgerin.
Ich spreche für die schweigende Mehrheit der deutschen Bürger, die fassungslos sind, dass kritische Infrastruktur auf unserem Territorium von einem Land zerstört werden kann, das einst unser Freund und Partner war – und dass unsere Regierung dazu nichts zu sagen hat.
Diese Deutschen sind ebenso schockiert, dass unsere Regierung immer noch Wolodymyr Selenskyj unterstützt, der – und ich zitiere hier Marsha Havrishkos jüngsten Friedensbeitrag auf Substack – „Das jüdische Gesicht einer rechtsextremen Renaissance in der Ukraine“ ist, den ich Ihnen allen zur Lektüre empfehle.
Diese stille – oder zum Schweigen gebrachte – Mehrheit der deutschen Bürger ist empört darüber, dass die Regierung des einzigen Landes, das für die Shoa des letzten Jahrhunderts verantwortlich ist, heute faschistoides und rassistisches Verhalten sowie militärische Aktionen der ukrainischen und israelischen Regierungen unterstützt. Es liegt nicht in meiner Macht, dies zu tun. Aber wenn ich es könnte, würde ich mich dafür entschuldigen!
Warum wir hier sind
Mein persönliches Ziel, als ich gemeinsam mit Tunç Akkoç und Harici das Istanbul East-West Forum gründete, war es, einige der brillantesten und unabhängigsten Köpfe der Welt zusammenzubringen, um uns Europäern dabei zu helfen, den Strudel des gegenwärtigen Nihilismus zu überwinden, der das EU-Europa beherrscht.
Ich zitiere meinen geliebten französischen Dichter Rimbaud: „Qui ne peut pas construire, doit détruire.“ (Wer nicht aufbauen kann, muss zerstören.) So wie die Dinge stehen, scheint Europa unfähig zu sein, einen Weg zu finden, bei der Beendigung des Krieges in der Ukraine eine konstruktive Rolle zu spielen, ohne das Gesicht zu verlieren. Und so zieht es die Eskalation vor: um sich nicht seiner eigenen Schuld, seinem eigenen Versagen, seiner eigenen politischen Schwäche stellen zu müssen.
Meine Damen und Herren, bitte verstehen Sie: Dieses EU-Europa ist gefährlich – nicht wegen seiner Stärke, sondern wegen einer Schwäche, die es nicht eingestehen kann, und eines Nihilismus, der es in die Selbstzerstörung reißen könnte.
Die European Transcontinental Initiative, die ich gemeinsam mit Hauke Ritz und Isabell Casel gegründet habe – die beide heute eine Podiumsdiskussion moderieren werden –, hat daher zwei Leitmotive:
Europa jenseits der EU gestalten
und Europa für eine multipolare Welt gestalten.
Ein Europa, das zwischen Ost und West vermittelt. Und natürlich spielt in diesem Europa die Türkei – denn wir befinden uns heute in der Türkei – eine wichtige Rolle! Wir möchten, dass Sie wissen: Viele, ja die meisten europäischen Bürger träumen davon! Ein Europa, das sich von der EU, von der NATO und von den USA emanzipiert, gerade um für eine multipolare Welt bereit zu sein. Bitte helfen Sie uns, dieses Europa zu gestalten!
So werden wir arbeiten
Heute werden wir vier Themen in vier Podiumsdiskussionen erörtern.
(….)
Meine Damen und Herren, das Ost-West-Forum ist gekommen, um zu bleiben!
Von nun an werden wir uns jedes Jahr am dritten Septemberwochenende in Istanbul treffen. Bitte tragen Sie die Termine schon jetzt in Ihre Kalender ein.
Die Gestaltung des 21. Jahrhunderts wird viel Arbeit erfordern – konzeptionelle, intellektuelle und emotionale Arbeit. Eine Konferenz wird nicht ausreichen.
Und bitte vergessen Sie nicht: SIE sind kein Publikum. Sie sind die Konferenz.
Morgen Vormittag brauchen wir Sie. Um dieses Forum herum wollen wir ein Netzwerk aufbauen: einen Veröffentlichungsplan, Arbeitsgruppen, einen Wirtschaftsrat zur Finanzierung der kommenden Jahre, einen wissenschaftlichen Beirat und eine Gruppe von Medienpartnern.
Mit Ihren Netzwerken, Ihren Kanälen, Ihren Ideen, Ihrer Forschung, Ihren Schriften und Ihren Kontakten – wir alle zusammen sind das Istanbuler Ost-West-Forum.
Also bitte: Engagieren Sie sich. Seien Sie anspruchsvoll. Und helfen Sie uns, dieses Forum in den kommenden Jahren größer, stärker und sichtbarer zu machen.
Vielen Dank für Ihre Anwesenheit. Vielen Dank an Sie alle, dass Sie hier sind!“
(Aus dem Englischen übersetzt von Maike Gosch)
Titelbild: Harici Media





