Eine Friedensdemo, auf der Teilnehmer gegen eine Rednerin derselben Friedensdemo vorgehen – kafkaesker geht es kaum. Genau das hat unsere Leserin Andrea Wolf-Schuler am 3. Oktober in Stuttgart erlebt: Während Sevim Dağdelen sprach, überwand ein junger Mann die Absperrung zur Bühne. Junge Demonstranten erklärten ihr danach, das BSW bestehe aus „Rassisten“, mit denen man nicht redet. Ihr Text ist trotzdem keine Abrechnung. Er ist ein warmherziger Appell an die Jugend, Schubladen und Gruppendenken hinter sich zu lassen.
Ja, ich war am 3. Oktober auf der großen Friedensdemonstration in Stuttgart. Die ersten Eindrücke: überall Menschen. Mal wieder kaum meine Generation, die der Eltern schulpflichtiger Kinder und Jugendlicher. Eher die der “Omas und Opas”. Individuelle Plakate, handbeschrieben. Individuelle Fahnen und Transparente zwischen jenen von Parteien und Organisationen. Ein selbstgenähtes großes Tuch mit den Worten: “We want Peace, not war”. Es war freudig, friedlich, ein großes Miteinander. Infostände, Austausch, Offenheit.
Und dann … Ich kann mich nicht an den genauen Wortlaut erinnern, gebe hier nur das wieder, was mir verhaftet geblieben ist – das mag, wie es die Natur der Dinge ist, durch meine eigene „Brille“ gefärbt sein.
Die Abschlusskundgebung. Sevim Dagedelen spricht. Ich unterhalte mich mit meiner Tochter, schaue nicht zur Bühne, höre nur zu. Plötzlich Tumult. Ich schaue auf die Leinwand, denn wir stehen relativ weit hinten: Entsetzensschreie. Polizisten werfen sich auf jemanden, die Person liegt am Boden. Die Menschen um mich sind geschockt, wie erstarrt. Man hört: da vorne ist Unruhe. Die Veranstaltungsleitung redet auf die Menschen direkt vor der Bühne ein, richtet sich an „junge Menschen“: sie sollen sich beruhigen. Keine Gewalt, keine Provokation. Man hört den Schock, den Stress, die Anspannung, die Dringlichkeit. Bilder tauchen in mir auf, von den Berlin-Demos zur C-Zeit, von Eskalation und Provokation und Gewalt gegen Demonstranten. Ich denke: man muss jetzt unbedingt deeskalieren, aktiv, nicht geschockt passiv bleiben. Ich gehe nach vorne. Und wirklich, da ist eine größere Gruppe von jungen Leuten. Ich spreche eine junge Frau an, sie hat eine eingerollte Fahne in der Hand: Was ist da los? Offensichtlich hat ein junger Mann die Absperrung zur Bühne überwunden um… ja was genau? Sie sagt, na ja, man dürfe eben nicht zulassen, dass Sevim Dagdelen hier redet, weil: Die ist ja vom BSW. Und das sind Rassisten.
Ich bin fassungslos und muss nachfragen, wie sie denn zu dieser Aussage kommt. Sie antwortet: Na, wegen Sachsen, die machten sich mit der AFD gemeinsam. Also sind „die vom BSW“ Rassisten und die dürfen auf einer Friedensdemo keinen Raum bekommen! Ich werde immer entsetzter und werfe ein, dass dieses Zurordnen und dieser Feindbildaufbau doch genau das ist, was Kriegen zugrunde liegt; das, was Frieden verhindert! Dann kommt eine ältere Frau hinzu: Gegen diese Polizeigewalt müsse man sich wehren! (Sie hätten den Jungen Mann bei seinem Angreifen also gewähren lassen sollen …).
Erst später, als noch während der laufenden Abschlusskundgebung eine Gruppe junger Leute an mir vorübergeht, lachend, schwarz gekleidet, auf den T-Shirts Aufdrucke der Antifa, fällt mir auf, dass auch sie ganz in Schwarz gekleidet war. Und ich denke an die „Gegendemos“ der Antifa zur C-Zeit, mit ihren damals für mich sehr beängstigenden und schockierenden Parolen, ganz auf Regierungslinie, und ihrem einheitlichen, uniformierten Erscheinungsbild: schwarz gekleidet, maximal maskiert: ein Block, der uniform auftritt und nicht als eine Gruppe von unterscheidbaren Individuen mit eigener Verantwortung. Die jene Menschen, die an Ihnen vorübergingen, als Verschwörungstheoretiker, Nazis bezeichnet und bedroht haben, und zu keinem konstruktiven Gespräch zu bewegen waren. Und ich erinnere mich, was ich vorher von jungen Leuten gehört habe: Nein, man geht nicht in der Nähe der Fahnen des BSW. Auch nicht in der Nähe der Fahnen von Pax Christi. Das eine sind Rassisten, das andere die Kirche, und gegen beides positioniert man sich. Da ist der Feind? Ich habe vorher nur den Kopf geschüttelt, und jetzt: Jetzt erlebe ich, was dieses „Mindset“ bewirkt, dass es real zu tätlichen Handlungen führt. Im Klartext: zu Gewalt. Es ist so bizarr.
Ich will es verstehen, also suche ich das Gespräch. Was sehen diese jungen Menschen, die Generation meiner eigenen Tochter, als Lösung? Die Zugehörigkeit zur „richtigen“ Partei, zum Partei-Sozialismus. Genau zu jenem, der sich, wie ich dachte, durch die Geschiche entpuppt hat als: „auch nicht die optimale Lösung in der Praxis“ und auch klar nicht als „Hort der Wahrheit“. Und der Feind? Zuvorderst AfD und BSW?! Also unisono und geschlossen und undifferenziert. Mit denen darf man nicht reden, geschweige denn zuhören. Dann bietet man „denen“ eine Plattorm, macht sich quasi „mitschuldig“. Kontaktschuld. Die müssen verboten werden, also zumindest mal die AfD. Die „richtige“ Partei, also die „Guten“, die bauen an dieser Brandmauer gegen beide Parteien mit, weil es ja Rassisten seien, klar, und stellen das auch niemals infrage. Auch da kommen Assoziationen bei mir hoch, zu „das darf niemals hinterfragt werden“ …
Warum um alles in der Welt meinen junge Menschen, sich in einer Partei einordnen zu müssen und dann ohne Hinterfragen deren propagierte „Narrative“ übernehmen zu dürfen? Und führt das Erleben solcher Widersprüchlichkeit wie gerade, dieses kafkaesken Moments, wenn eine Rednerin auf einer Friedensdemo von Teilnehmern der Friedensdemo angegriffen wird, weil sie zu den Falschen gehört, führt dieses Erleben zu einer Dissonanz, zu einer Kritik am Gruppendenken?
Ich möchte mich an die Jugend wenden. Nicht anklagend oder belehrend, sondern um einen Impuls in den Raum zu geben und um konstruktiv eine andere Vision aufzuzeigen.
Tappt bitte nicht in diese ollen Fallen hinein! Lasst Gruppendenken, Schwarz-Weiß-Zuschreibungen und diese ganzen spaltenden Psychospielchen hinter euch! Das sich und andere in Schubladen Einordnen und einander mit einem Label Versehen. Was folgt dann? Einander bekämpfende Gruppen, wo feste Meinungsblöcke einander gegenüberstehen. Und übrigens: Wer bestimmt die Gruppenmeinunug, wer ordnet ein, wer „herrscht“? Ja, das andere ist anstrengend, das hier ist bequemer. Es ermöglicht, dass ich mich aufwerte: Weil ich zu den „Guten“ gehöre. Nicht zu den anderen, der Gruppe (von Menschen!), die ich gleichzeitig mir gegenüber abwerte. „Wir“ sind richtig und gut (klüger, besser, verantwortungsvoller, solidarischer …); „die“ sind falsch und schlecht (dumm, schädlich, gefährlich, gefährdend …). Um daraus abzuleiten, dass „wir“ mit „denen“ nicht sprechen dürfen, nicht einander zuhören. Das zu untersagen, wodurch wir unsere bisherigen Überzeugungen erst hinterfragen können und Impulse aufnehmen, um uns zu bewegen und zu wachsen. These, Antithese, Synthese: erst die Konfrontation von unterschiedlichen Standpunkten, Modellen ermöglicht die Weiterentwicklung. Das, was unser ureigenes menschliches Potential ausmacht. Voneinander zu lernen und miteinander um eine bessere Lösung FÜR ALLE zu ringen.
Ihr seid die Zukunft,ihr habt die Möglichkeit, die Zukunft anders zu gestalten als die Generationen vor euch: aus deren Fehlern zu lernen. Eine wahrhaft heile, friedliche Welt zu erschaffen.
Ja, ich bin der festen Überzeugung und habe das sichere Gefühl, dass etwas Anderes vonnöten ist, um aus der Gewaltspirale des Gegeneinanders, das den Krieg ermöglicht und nährt, herauszukommen.
Was, wenn … es also nicht um das Label geht, das ich mir und Dir verpasse, nicht um die Maske? Also NICHT um: AfD-Wähler, Linke-Jugend, CDUler, Briefmarkensammler, Bundeswehrsoldat, Krankenschwester, Pastoralreferentin … Nein, wenn es um den einzelnen Menschen an sich geht. Was, wenn wir einander mit echter Offenheit und Toleranz in gegenseitigem Respekt als Individuen wertschätzend begegnen? Um einander zuzuhören, der Mensch dem Menschen, um zu erfahren, was denkt der Andere? Was ist seine Sicht auf das Thema, auf die Welt, was sind seine Erlebnisse, Prägungen, Ängste, Bedürfnisse, Lösungen, Vorstellungen? Was ist sein individueller Blickwinkel und was kann ich daraus mitnehmen, wenn ich es wage, neben meine festgefahrene Meinung zu treten und offen zu sein für den Anderen, seine Sicht auf die Welt, seine Vision? Wie können wir ein konkretes Problem gemeinsam angehen und lösen?
Wo fängt es an? Das ist ja der Witz: nicht in einer Gruppe, sondern bei MIR SELBST.
Da ist meine Vision von einer Menschheit, wo der EINZELNE für sich selbst Verantwortung übernimmt. Und da ist es so, wie der Kalenderspruch es besagt: wie im Innen, so im Außen, wie im Kleinen, so im Großen. Ich muss beim MIR SELBST anfangen, in meinem Inneren. Das bedeutet auch: nicht allein dem Verstand, mit seinem sprachbasierten Datenwissen, die Entscheidungshoheit zu überlassen, sondern auch die andere Ebene zuzulassen: Gefühl, Intuition, Herzensweisheit. Um aus dem Herzen heraus wahrzunehmen und gemeinsam mit dem Blickwinkel des Verstandes, ganzheitlich also, zu entscheiden und zu handeln. Diesen inneren Krieg, diese innere Einseitigkeit, zu beenden, in sich selbst zwischen den verschiedenen Institutionen Frieden zu schaffen und ein Miteinander zu leben, in innerer Offenheit, Vollständigkeit, Ganzheit. Als souveräner Mensch mit seiner eigenen Wahrnehmung und Verantwortung für und gegenüber sich selbst.
Um dies dann auch im Außen umzusetzen, in der Begegnung mit unseren Mitmenschen. Dann zählt nicht mehr das Label, deine Maske, sondern DEIN SEIN, dein konkretes Agieren.
Noch ein Gedanke: Ja, es gibt sie: Menschen, die Gewalt aktiv ausüben, nicht nur passiv, als Mittäter und Ermöglicher Gewalt gutheißen. Jene, die gegen andere Menschen psychische und physische Gewalt ausüben. Gegen Kinder, Männer Frauen. Solche Menschen gibt es innerhalb aller Gruppen. Und die Grundlage ist immer: Da erhebt sich jemand über andere und legitimiert sein gewaltvolles Handeln gegenüber jenen, die er als weniger wert einstuft, als irgendwie gerechtfertigt.
Wie leicht das ist und wie breit dieser Mechanismus die Menschen in Massen erfassen kann, das habe ich persönlich in den C-Jahren erlebt. Nicht vom Hörensagen, sondern direkt.
Ihr, die „Jungen“, wart damals Kinder.
Jetzt wachst ihr in eure eigene Verantwortlichkeit. Eure Entwicklung, vom noch abhängigen Heranwachsenden zum selbstständigen Er-Wachsenen. Dazu gehört auch, sich von den älteren Generationen abzugrenzen, eigene Erfahrungen zu machen, sich auszuprobieren, eigene Fehler zu machen.
Das ist alles völlig legitim. Eure eigene Wahrnehmung, eure eigene Sicht auf die Welt: Das sondern soll eine Bereicherung sein für die Welt, für die Zukunft, die IHR gestalten werdet.
Ich möchte euch hier einen Impuls, meine Vision, mit auf den Weg geben. Denn so sind wir Menschen: Nur das, mit dem wir konfrontiert sind und mit dem wir uns auseinandersetzen, nur das erkennen wir als Möglichkeit. Darum ist es so wichtig, dem anderen zuzuhören, um aus unserer eigenen kleinen Welt herauszuwachsen und uns zu erweitern, unserern Horizont, unsere Möglichkeiten.
Weil wir eine Menschheitsfamilie sind, hat euer Wirken in der Welt auch Aus-Wirkung auf mich wie umgekehrt. In dieser Welt, wo jeder seine eigenen Erfahrungen, Prägungen, Ängste, Bedürfnisse, Gaben, Fähigkeiten, Blickwinkel … mitbringt. Und jede davon hat ihren Wert und ist eine Bereicherung für uns alle.
Lasst uns DAS miteinander leben. Probiert es doch einfach aus!
Titelbild: Screencap STN via YouTube





