Der ZDF-Clown und der Kriegs-Comedian: Böhmermann „interviewt“ seinen Kumpel Selenskyj

Der ZDF-Clown und der Kriegs-Comedian: Böhmermann „interviewt“ seinen Kumpel Selenskyj

Der ZDF-Clown und der Kriegs-Comedian: Böhmermann „interviewt“ seinen Kumpel Selenskyj

Tobias Riegel
Ein Artikel von: Tobias Riegel

Jan Böhmermann hat ein unterwürfiges Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodomir Selenskyj geführt. Wie sich der öffentlich-rechtliche „Satiriker“ dabei dem Kriegs-Präsidenten anbiedert, ist einfach nur zum Fremdschämen. Das ist zwar erwartungsgemäß, aber trotzdem nur schwer zu ertragen. Ein Kommentar von Tobias Riegel.

Jan Böhmermann hat bei seinem heute Abend ausgestrahlten Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodomir Selenskyj vorgemacht, wie man ein Interview nicht führen sollte. Zumindest dann nicht, wenn man einen für viele Bürger hoch umstrittenen Politiker interviewt und nicht einen B-Promi für ein Boulevard-Magazin.

Selenskyj darf in der befremdlich kumpelhaften Plauderei praktisch sagen, was er will – und (fast) nichts wird hinterfragt. Zum Beispiel Selnskijs Äußerungen zur Vorgeschichte des russischen Einmarsches, also zur Zeit zwischen 2014 und 2022, sind eine total unseriöse Verzerrung der Vorgänge. Oder die Behauptung, Putin sei der zweitreichste Mensch der Welt (nach Elon Musk). Da wird vom „Journalisten“ bzw. „Satiriker“ Böhmermann (beide Bezeichnungen passen nicht zu seiner Rolle) einfach nur völlig unangemessen reagiert.

Musk wird von Böhmermann übrigens als „südafrikanischer Oligarch“ bezeichnet, der sich im „rechtsextremen sozialen Netzwerk X“ äußere. Auch diese Empörung ist doppelmoralisch, solange sie selektiv nur jene Oligarchen trifft, die die Ukraine nicht weiter massiv unterstützen wollen. An manchen Stellen klingt (zwischen menschelnden Plaudereien über Hunde und die Familie) auch kurz so etwas wie Kritik an, als Böhmermann etwa nach der Korruption oder ausbleibenden Wahlen fragt. Doch weil Böhmermann die fragwürdigen Antworten Selenskyjs dann so stehen lässt, erscheint das eher so, als sollte dem ukrainischen Präsidenten (und Ex-TV-Comedian) mit den Fragen vor allem die Möglichkeit gegeben werden, diese Vorwürfe in einer sehr freundlichen Umgebung „auszuräumen“.

Charmeoffensive zum Weichkochen der Bürger

Man stelle sich vor, an Selenskyjs Stelle würde stattdessen der russische Präsident Wladimir Putin sitzen: Nicht nur bereits dessen Einladung, sondern auch ein fairer (wenn schon nicht kumpelhafter) Umgang mit Putin durch Böhmermann sind absolut unvorstellbar. Das beschreibt die doppelten Standards des ZDF, das sich in Form von Böhmermann total distanzlos an eine der Kriegsparteien und die Person Selenskyj anbiedert. Das kann man geradezu als Anti-Journalismus beschreiben. Wenn sich Journalisten in dieser peinlichen Form an Putin ranschmeißen würden, wie Böhmermann das bei Selenskyj praktiziert, fände ich das übrigens genauso schräg. Dass Russland umgehend einen Waffenstillstand ausrufen sollte, habe ich etwa hier geschrieben.

Der warme Empfang für Selenskyj bei Böhmermann ist vermutlich Teil einer größeren Charmeoffensive, die die Bürger hierzulande weichkochen soll, damit sie einem EU-Beitritt der Ukraine zustimmen. Denn eine Mehrheit der EU-Bürger und der Deutschen lehnt diesen EU-Beitritt aus sehr guten Gründen ab, so etwa eine aktuelle Umfrage von Bertelsmann. Als Reaktion empfiehlt der Medienkonzern aber nicht etwa, diesem Bürgerwillen zu folgen. Stattdessen sei ein „vertiefter Dialog“ und eine überzeugendere „Kommunikation“ nötig, wie im Artikel “EU-Beitritt der Ukraine: Und sind die Bürger nicht willig, so braucht es eben noch mehr ‘Kommunikation’” beschrieben wird. Diesen „vertieften Dialog“ erleben wir wohl gerade.

Böhmermann und das ZDF verletzen mit diesem „Interview“ einmal mehr ihren Programmauftrag, nämlich „umfassend“ zu informieren. Das Ergebnis ist zum Fremdschämen.

Titelbild: Screenshot/ZDF

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