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Die Entzauberung des Weihnachtsmannes

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Eine gegenwartsnahe Weihnachtsgeschichte von Götz Eisenberg

In den Vorweihnachtstagen sah ich in der Fußgängerzone ein vielleicht vier- oder fünfjähriges Kind, das sichtlich verstört auf etwas hinter einer der Weihnachtsmarkt-Buden deutete. Es zerrte am Mantel seiner Mutter, die in die Betrachtung einer Schaufensterauslage vertieft war, und versuchte schreiend, sie auf den Grund seiner Verstörung aufmerksam zu machen. Als ich näher trat, sah ich, dass das Kind auf einen Weihnachtsmann zeigte. Dieser saß auf dem Rand eines Blumenkastens und rauchte. Er hatte seinen Bart bis über die rote Mütze hochgeklappt, um ihn vor der Glut der Zigarette zu schützen. Der Sack mit den kleinen Präsenten lag achtlos am Boden, unter dem roten Weihnachtsmannkostüm schauten Jeans und Turnschuhe hervor.

Das Kind machte in diesem Augenblick eine erste schockartige Erfahrung dessen, was der Soziologe Max Weber die „Entzauberung der Welt“ genannt hat: Der Weihnachtsmann ist nicht aus einer jenseitigen Welt auf einem Mondstrahl zu uns herabgeglitten und auf einem von Rentieren gezogenen, mit Glöckchen versehenen Schlitten durch den verschneiten Wald in die Stadt gekommen, sondern ein verkleideter Hartz IV-Empfänger, der sich etwas dazu verdient und in einer Arbeitspause eine Zigarette raucht.

Kinder erschrecken über so etwas noch, während wir Erwachsenen uns mit allen Scheußlichkeiten der Welt arrangiert haben. Was ist denn von Weihnachten geblieben, das ja ursprünglich ein Fest war, das die Erinnerung daran festhalten wollte, dass Gott Mensch geworden ist und uns durch seinen Sohn die Botschaft übermittelt: Es gibt Rettung und Erlösung, die Schuld wird vergeben? Mit dem in der Krippe geborenen Jesus war der lang herbeigesehnte Messias erschienen, der den Himmel aufreißt und die Furcht von den niedergedrückten und mit Sorgen beladenen Menschen nimmt. Jesus ist gesandt, um Gerechtigkeit, Frieden und Liebe in die Welt zu bringen.

Wie weit haben wir uns davon entfernt! Das Geld ist – wie Heinrich Heine bemerkte – zum „wahren Gott unserer Zeit“ geworden und bedient sich einer religiösen Überlieferung, um eine mehr oder weniger obszöne Orgie der Selbstvermehrung und des Konsums in Szene zu setzen. Vor einigen Jahren hörte ich im Fernsehen den Chef eines Berliner Kaufhauses auf die Frage nach dem Verlauf des Weihnachtsgeschäfts antworten: „Der verkaufsoffene Samstag am Tag vor Heiligabend hat sich als ein Geschenk Gottes erwiesen.“

Das liebreizende Weihnachtskrippen-Jesulein entwickelte sich zu einem streitbaren, kämpferischen Mann, der eines Tages – einen Strick in der Hand und von heiligem Zorn erfüllt – im Tempel stand, die Tische umstürzte und die Händler und Geldwechsler hinausjagte, die aus dem „Haus des Vaters eine Räuberhöhle“ gemacht hatten. Dieser Jesus, der den Tempel reinigte und der Macht der Herren und des Geldes Einhalt gebot, wurde wenig später ans Kreuz geschlagen. Die Antwort der Welt auf das Liebesangebot war das Kreuz, die Antwort auf eine Liebe zu den Letzten, die die Ersten sein werden, zu den Verworfenen und Gedemütigten, denen Gerechtigkeit zuteilwerden soll. An die Geburt dieses Jesus will uns Weihnachten erinnern. Nie haben wir einen wie ihn dringender benötigt als heute, da die Macht des Geldes und der „gefühllosen baren Zahlung“ universal geworden ist und uns zu verschlingen droht.

Würde uns heute ein neuer Messias geboren, würde er sich der Occupy-Bewegung anschließen, an der Börse die Computer zertrümmern und das ganze Finanzgesindel verjagen, er würde in Gorleben gegen die Castor-Transporte, in Stuttgart gegen den neuen Bahnhof und in Thüringen gegen die Nazis demonstrieren. Er würde uns klarmachen, dass die Rede von den Marktgesetzen und Sachzwängen, denen wir uns zu unterwerfen haben, nur den Umstand kaschiert, dass wir es nicht länger wagen, die Sachen und Verhältnisse in eine andere Richtung zu zwingen. Er würde dafür sorgen, dass jene ehernen Gesetze, deren perfekte Grausamkeit man uns gegenüber als ein Naturfaktum darstellt, den Menschen plötzlich gestehen würden, dass sie sie ja selbst gemacht haben und also auch verändern können.

Aber nichts an der Art, wie wir heute Weihnachten begehen, erinnert an die Geburt dieses Mannes, und wenn er wiederkehrte, ließe man ihn verhaften und wegsperren. Dostojewskijs düsterer Großinquisitor ist ja nur scheinbar eine mittelalterliche, in Wahrheit eine höchst moderne Figur. Es ist dem Kommerz gelungen, Weihnachten „seinen rührend-sentimentalen Schleier abzureißen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückzuführen“, wie Marx vor über 150 Jahren über die entzaubernde Wirkung der Bourgeoisie-Herrschaft schrieb. Die Menschen sind, im Großen und Ganzen, religiös traumlos geworden, wunschlos unglücklich, zynische Pragmatiker. Sie sehnen sich nach nichts mehr, außer einem Flachbildschirm, dem neuesten Handy und einem größeren Auto.

Damit es besser würde, wäre eine Haltung des aktiven Wartens erforderlich, ein zumindest „zögerndes Geöffnetsein“ des Bewusstseins, von dem Siegfried Kracauer einmal gesprochen hat. Das aktive Warten ist eine Form der Ermöglichung des Gewünschten. Wir bräuchten eine allgemeine gesellschaftlich-politische Adventszeit, ein kollektives Sich-Sehnen nach Veränderung und – von mir aus – Erlösung, das die Voraussetzung dafür wäre, dass es besser und qualitativ anders würde. Stattdessen stehen die Leute an den Glühweinständen, ziehen grölend durch die Innenstädte und schleppen – schlecht gelaunt und aggressiv – die Dinge nach Hause, die zu kaufen ihnen die Werbung suggeriert hat. Es handelt sich dabei um Glücksersatz, Entschädigungen für all die Frustrationen und Enttäuschungen, die sich im Schatten eines weitgehend ungelebten Lebens in den seelischen Innenräumen angesammelt haben.

Ein Ethnologe von den Osterinseln, der sich in Deutschland aufhielte, um unsere Advents- und Weihnachtsbräuche zu studieren, würde auf Grund seiner Beobachtungen des weihnachtlichen Treibens keine Hinweise darauf finden, dass sich die Christen in einem gemeinsamen Fest an die Geburt von Jesus erinnern oder gar auf seine Wiederkehr hoffen. Eher würde er den Eindruck gewinnen, es handele sich um einen finanzpolitisches Instrument zur Belebung der Binnennachfrage, den Ausbruch einer zeitlich begrenzten kollektiven Bulimie oder eine Variante des Potlatch, bei dem es darauf ankommt, Familienangehörige, Freunde und Bekannte mit sinnlosen, aber teuren Präsenten niederzuschenken.

Der Autor Götz Eisenberg ist Gefängnispsychologe und Sozialwissenschaftler. Er ist Autor des Buches „Damit mich kein Mensch mehr vergisst. Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind“.

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