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Damen im Café und „ihre“ Griechen

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Strategien der Meinungsmache, Wertedebatte

Ich sitze dieser Tage in einem kleinen Café, trinke einen Cappuccino und sinniere so vor mich hin. Gegenüber ein Tisch mit älteren Damen – ein Damenkränzchen. Recht gut situiert scheinen sie zu sein. Sie sind viel gereist und reden über Alltagsdinge: über Kochrezepte, übers Abnehmen, über ihre Krankheiten und Wehwehchen und natürlich über ihre Reisen.
Plötzlich sind sie beim Thema Griechenland. Ich hatte es schon befürchtet. Eine von ihnen hat eine dieser Talkshows im Fernsehen gesehen, die seit Wochen nahezu allabendlich über den Bildschirm flimmern. Jetzt stimmen alle mit ein und eine übertrifft die andere mit abfälligen Kommentaren über die faulen Griechen, die an unser Geld wollen; die doch selbst schuld sind, dass es ihnen schlecht geht und die dazu noch undankbar sind, da doch unsere Regierung alles tut, um ihnen zu helfen usw. Mich wundert nicht die Schlichtheit ihrer „Argumente“ und der Grad an Dummheit. Sie sind der Widerhall dessen, was die Medien seit Monaten verbreiten: von der vornehmen FAZ bis zur primitiven, menschenverachtenden BILD. Was mich wundert, ist das Fehlen jeglicher Empathie für die Menschen in Griechenland. Von Joke Frerichs.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Diese alten Damen sind doch wahrscheinlich allesamt Mütter und Großmütter. Wenigstens die Kinder und alten Menschen müssten ihnen doch leid tun. Wie ist es möglich, dass keine von ihnen auch nur einen Hauch von Mitgefühl hat? Sie haben offenbar keine Vorstellung davon, was den Menschen in Griechenland gegenwärtig zugemutet wird; welches Ausmaß an Elend und Verzweiflung sich dort ausbreitet. Stattdessen Häme, Geringschätzung, ja pure Verachtung.

Über das Ausmaß dieser sozialen Kälte bin ich erschrocken. Ich merke, wie der Zorn in mir aufsteigt. Ich hätte Lust, hinüberzugehen und sie anzuschreien oder zu ohrfeigen, ich wünschte, dass sie sich an teuren falschen Gebisse verschluckten. Aber wozu? Sie würden noch immer nicht verstehen. Sie haben früher von den KZs nichts gewusst und sie haben angeblich nicht bemerkt, wenn Juden im Haus nebenan verschwunden sind. Sie haben sich auch damals mit einfachen Erklärungen zufrieden gegeben, weil sie es gar nicht so genau wissen wollten. Auch jetzt verstehen sie nicht oder es lässt sie gleichgültig. Gleichgültigkeit – das ist, wie Brecht gemeint hat, das schlimmste Übel der Gegenwart. Von Demut gegenüber der eigenen Geschichte keine Spur.

Man braucht ein dickes Fell in diesen Tagen. Der Tenor der Berichterstattung macht mich krank und ratlos. Das Schema ist einfach, aber wirkungsmächtig: Wir sind die Guten; andere sollen sich gefälligst an uns ein Beispiel nehmen. Schon wieder soll am deutschen Wesen die Welt genesen. Nach 1914 und 1939 ist dies der dritte Versuch, die Welt nach unseren Vorstellungen umzukrempeln.

Griechenland soll die Blaupause für das neoliberale Durchregieren a la Merkel werden. Wer sich widersetzt: den werden wir mores lehren: Der Alb der toten Geschlechter scheint erneut über uns zu kommen. Merkel mit der Pickelhaube; Schäuble mit Hitlerbart. Und als Steigbügelhalter fungiert einmal mehr eine orientierungslose SPD. Hatten wir alles schon einmal: als die SPD 1914 den Kriegskrediten zustimmte, weil sie nicht länger als vaterlandslose Gesellen gelten wollten. Danach kam Versailles und dann Hitler. Und ein neues Versailles haben wir jetzt wieder, wie Varoufakis zurecht festgestellt hat. Und was kommt danach? Diese Frage geht nicht nur an Griechenland, sondern an ganz Europa.

Diese alten Weiber bestätigen mich in meiner Skepsis gegenüber Forderungen nach Volksabstimmungen. Würde das „Volk“ um seine „Meinung“ gefragt, 80 % wären wohl für einen Grexit und für einen Rauswurf der Griechen. Das raubt einem jede Illusion in die Weisheit des Volkes. Wie sagte doch Arno Schmidt schon vor über 50 Jahren: Hör mir uff mit dem Volk. Die wären doch dem Hitler bis nach Sibirien gefolgt.

Indessen haben die alten Damen sich ausgegeifert. Sie sind mit sich und der Welt zufrieden und fühlen sich auf der sicheren Seite. Wenn sie sich da mal nicht täuschen.

Von Walter Benjamin, der sich 1941 auf der Flucht vor den Nazis in den Pyrenäen umgebracht hat, stammt der Ausspruch: Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben. Gibt es Anlass zur Hoffnung? Die Geschichte und Gegenwart sprechen dagegen. Aber was bleibt uns sonst? Solange wir noch Worte finden, sollten wir den Mund auftun, denke ich bei mir, gestehe mir aber auch ein, dass es immer schwieriger wird, die richtigen Worte zu finden.

Mir geht mein Gedicht durch den Kopf, das ich unlängst für die Reihe Lyrik in Köln geschrieben habe:

Einspruch

Ich hasse alle Weltenherrscher
deren Religion Macht und Geld ist

In den Köpfen und Herzen der Menschen
hinterlassen sie Spuren der Verwüstung

Gäbe es einen Gott – er müsste wahnsinnig werden
beim Anblick seiner Schöpfung

Als ich das Café verlasse, wünsche ich mir nur eins: Liebe Griechen, Italiener, Spanier, Iren … – werdet bitte nicht wie die Deutschen!

Anmerkung: Dieser Text wurde für Freunde in Griechenland verfasst. Sie haben ihn ins Griechische übersetzen lassen. Er soll dort in einer Regionalzeitung veröffentlicht werden.

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