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Kommentar zum WDR-Film – „Für dumm erklärt – Nenads zweite Chance“

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Bildungspolitik, Schulsystem

Der vom WDR kürzlich ausgestrahlte Film „Für dumm erklärt – Nenads zweite Chance“ hat hohe Wellen geschlagen – und das ist gut so! Immerhin ist auf diese Weise das sonst kaum beachtete deutsche Förderschulwesen ganz unerwartet in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten. Eine andere Frage ist, ob die auf den Film bezogenen Schlussfolgerungen Hand und Fuß haben oder (wieder einmal) am Kern der Sache vorbeigehen. Von Magda von Garrel[*].

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Filminhalte

Im Film wird ein zum Volk der Roma gehörender Jugendlicher porträtiert, der zu Beginn seiner Schullaufbahn, d.h. zu einer Zeit, in der ihm die deutsche Sprache noch sehr fremd war, einem Intelligenztest unterzogen worden ist. Der damals ermittelte IQ war so niedrig, dass Nenad als geistig behindert eingestuft wurde und die folgenden elf Jahre in einer darauf spezialisierten Förderschule verbringen musste.

Während dieser Zeit wurde die dem Schüler attestierte Behinderung nicht ein einziges Mal ernsthaft in Frage gestellt, sodass es dem Kölner Elternverein „mittendrin“ vorbehalten blieb, den inzwischen zum Jugendlichen herangewachsenen Schüler zur Teilnahme an einem weiteren Intelligenztest zu ermutigen. Das hierbei erzielte Ergebnis belegt, dass es sich seinerzeit um eine krasse Fehldiagnose gehandelt haben muss. Vor diesem Hintergrund will Nenad nun – und das ist ein Novum in der bundesrepublikanischen Schulgeschichte – das Land NRW verklagen.

Parallel hierzu porträtiert der Film auch die (Schul-)Geschichte des Jugendlichen Marcel, dem es ebenfalls nur mit großer Mühe gelungen ist, sich aus dem Förderschulsystem zu befreien. Inzwischen führt er Veranstaltungen durch, in denen er heutige Förderschüler/innen dazu motiviert, es ihm gleichzutun.

Systemkonforme Reaktionen

Die ersten (und ungewöhnlich schnellen) Reaktionen auf diesen Film zeigen, dass es ihm offensichtlich gelungen ist, in ein Wespennest zu stechen. Allenthalben melden sich jetzt Eltern und ehemalige Förderschüler zu Wort und berichten von ganz ähnlichen Erfahrungen, die auf die Feststellung hinauslaufen: „Einmal Förderschüler – immer Förderschüler!“

Die daraus von „Bildungsfunktionären“ flugs abgeleiteten Forderungen sind systemimmanenter Natur: Sicherstellung regelmäßiger Überprüfungen der Eingangsdiagnostik auf einem (auch hinsichtlich des Personals) qualitativ hohem Niveau und weitere damit einhergehende schulinterne Verbesserungen. Dabei sollen die für die Bereiche prozessbegleitende Diagnostik, qualifizierte Förderung sowie Eltern- und Systemberatung erforderlichen Kenntnisse in der Ausbildung und über regelmäßige Weiterbildungen erworben werden.

Mit diesen als Reaktion auf den Film erhobenen Forderungen wird gleich ein doppeltes Ziel verfolgt: Einerseits geht es um die Vermeidung falscher (und dann auch noch zumeist dauerhaft gültiger) schulformbezogener Entscheidungen und andererseits auch um die auf jeder Entwicklungsstufe vorzunehmende optimale Ausschöpfung der Potenziale und Fähigkeiten der Schüler/innen.

Unbeachtete Realitäten

In einem schulkonform gedachten Sinne liegen die hier skizzierten Vorstellungen zweifellos im Interesse der Schüler/innen. Aber trotz enger Kopplung an die derzeit gesetzlich verankerten Fördermöglichkeiten verhält es sich leider so, dass in der Realität die genannten Ziele oft nur schwer oder gar nicht zu erreichen sind. Um mit der Diagnostik zu beginnen:

Wer jemals eine ausführliche Kind-Umfeld-Analyse erstellt hat, weiß sehr genau, wie viel Zeit und Arbeit damit verbunden ist: Durchführung und Auswertung verschiedener Tests (Intelligenz- und Schulleistungstests), anamnestische Gespräche mit Eltern, Erziehern, Lehrern oder Familienhelfern, Durchführung diverser eigener Beobachtungen in unterschiedlichen Kontexten (Familien, Kitas oder Schulen), Abfassen des auf allen Teilinformationen beruhenden Gutachtens und Teilnahme an der Sitzung des für die Entscheidungsfindung zuständigen Gremiums.

Unter den jetzigen Bedingungen ist es gar nicht möglich, einen solchen Riesenaufwand alljährlich für alle dafür in Frage kommenden Schüler/innen zu betreiben, zumal die dafür zuständigen Lehrer/innen den weitaus größten Teil der damit zusammenhängenden Arbeit zusätzlich zu ihren unterrichtlichen und anderweitigen Verpflichtungen erledigen müssen. (Ähnliches gilt „selbstverständlich“ auch für die geforderten Weiterbildungen, die allenfalls für die höheren Schulleitungsebenen mit nennenswerten zeitlichen Entlastungen verbunden sind.)

Und was die in Förderschulen übliche „Verweildauer“ angeht: Nicht wenige der dort tätigen Lehrer/innen sind zutiefst davon überzeugt, dass sich die ihnen anvertrauten Schüler/innen mehrheitlich gerne in diesen Sondereinrichtungen aufhalten, da hier alles „beschaulicher“ zugeht und der in den Regelschulen vorherrschende Konkurrenzdruck kaum noch eine Rolle spielt. In diesem Verständnis kommt jede Rückführung eines Kindes in die Regelschule einer „Bestrafung“ gleich.

Dem entsprechend können die von einem Förderschulkollegium angestrebten Ziele von vornherein ziemlich begrenzt sein. So lautete die (in einem selbst erlebten Fall) an einer Schule für geistige Entwicklung ausgegebene Parole schlicht und einfach: „Werkstattfähigkeit reicht!“

Von ebenfalls nicht zu unterschätzender Bedeutung ist der „schulische Selbsterhaltungstrieb“. Enorm viel hängt von der Anzahl der Kinder ab, die eine Schule besuchen: Fortbestand der Schule, Anzahl der genehmigten Klassen, Größe des Kollegiums etc. Da mag sich keine (Förder-)Schule ins eigene Fleisch schneiden, indem sie „Rückführungen“ in jedem theoretisch angezeigten Fall veranlasst.

Fatalerweise kommt auf Seiten der dauerhaft in Sondereinrichtungen untergebrachten Schüler/innen ein resignationsverstärkender Gewöhnungseffekt hinzu. In den allermeisten Fällen führt das permanent zu ertragende Außenseiterdasein dazu, dass die Schüler/innen auch von sich aus gar nicht mehr den Wunsch nach einer Wiedereingliederung in das Regelschulsystem verspüren. Insofern ist der von den im Film vorgestellten Protagonisten gezeigte Mut ein eher untypisches Phänomen in deutschen Förderschulen.

Auch deshalb hat die sich jetzt überschlagende Anteilnahme etwas Heuchlerisches an sich. Schließlich ist seit Jahrzehnten bekannt, dass in Deutschland die schulische Durchlässigkeit fast immer nur in Form von Abstufungen praktiziert wird. Der „Skandal im Skandal“ besteht deshalb darin, dass erst jetzt, wo zwei Fälle einer spektakulären Gegenwehr öffentlichkeitswirksam bekannt geworden sind, ein diesbezüglicher bildungspolitischer Handlungsbedarf anerkannt wird.

Alternative Vorschläge

Wie an anderer Stelle bereits angedeutet worden ist, werden mit den bislang vorgetragenen Schlussfolgerungen keine grundsätzlich neuen Wege beschritten, wobei erschwerend hinzukommt, dass die Schulrealität auch schon den relativ moderaten Verbesserungsvorschlägen entgegensteht. Mit anderen Worten werden wir, wenn das Wohl der Kinder oberste Priorität für uns haben soll, mit einer bloßen Ausdifferenzierung des Bestehenden nicht wirklich weiterkommen.

Statt dessen kann und müsste der von dem Film ausgehende Weckruf ganz anders verstanden werden: Komplette Abschaffung des Förderschulwesens, Verzicht auf Etikettierungen jeglicher Art und Einführung unterstützender Maßnahmen, die überwiegend auf regelmäßigen und miteinander ausgetauschten Beobachtungen der lernbegleitenden Personen beruhen.

Dabei können sich Erkenntnisse über die Stärken und Schwächen aller Schüler/innen auf eine sehr ungezwungene (gleichsam „natürliche“) Art ergeben, wenn sie in Form gezielter Verhaltensbeobachtungen im Rahmen vielschichtiger Projektangebote gewonnen werden: Wo liegt das Hauptinteresse? Bei welchen (auch manuellen) Fähigkeiten hapert es noch? Welche Kenntnisse sind noch nicht vorhanden und/oder noch „ausbaufähig“? Wie ist es mit der Ausdauer und den sozialen Kompetenzen bestellt? etc.

Trotz aller Kürze der hier vorgeschlagenen Alternativen dürfte deutlich geworden sein, dass diese auf einen radikalen Bruch mit der derzeitigen Gestaltung des Schulwesens hinauslaufen. Wenn es dem Film „Für dumm erklärt – Nenads zweite Chance“ gelänge, einen auch dorthin führenden Weg zu ebnen, könnte er als einer der bedeutendsten Meilensteine in die hiesige schulpolitische Geschichte eingehen.


[«*] Magda von Garrel ist Sonderpädagogin (Fachbereiche: Sprachbehinderungen und Verhaltensstörungen) sowie Diplom-Politologin und war als Integrationslehrerin an Grund-, Haupt-, Sonder- und Berufsschulen tätig. Zuletzt erschien von ihr „Instandsetzungspädagogik Integrationsansätze für lernentwöhnte Kinder“ im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. Kontakt zur Autorin.

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