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8. Dezember 2016
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Teach First Deutschland und die Privatisierung (zuerst) der Lehrerausbildung

Veröffentlicht in: Bildung, Chancengerechtigkeit, Privatisierung öffentlicher Leistungen

„Ich freue mich, dass die Initiative Teach First Deutschland Kinder und Jugendliche an Schulen in besonders benachteiligten Gebieten aktiv unterstützen will. Das ist eine interessante Möglichkeit, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Besonders bemerkenswert finde ich, dass eine praxisorientierte Qualifizierung der zukünftigen Pädagoginnen und Pädagogen mit einer Veränderung der Schulkultur sowie einer aktiven Karriereunterstützung verbunden werden soll. Das Projekt hat meine volle Unterstützung“, meintPriska Hinz Bildungs- und forschungspolitische Sprecherin Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

„Ich unterstütze Teach First Deutschland, da diese Initiative gesellschaftliche Kräfte dort bündelt, wo sie am dringendsten gebraucht werden – an unseren Schulen“ sagt Prof. Dr. Erich Thies, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz. Was steckt in Wirklichkeit hinter Teach First. Von Jens Wernicke.

Die „Initiative Teach First Deutschland. Begeistert für Bildung“ wurde vor gut einem Jahr gegründet und etabliert sich im Moment als gemeinnützige GmbH mit Sitz in Berlin. Ihre Idee geht aus einer Masterarbeit an der Hertie School of Governance (http://de.wikipedia.org/wiki/Hertie_School_of_Governance), einer Privathochschule, an der ein „Master“-Abschluss bis zu 20.000 Euro an Gebühren kostet, hervor, die der Initiative aktuell auch ihre Geschäftsstelle am Schlossplatz 1 in Berlin – im ehemaligen Gebäude des Staatsrats der DDR – bereitstellt.

Teach First geht es laut offiziellen Verlautbarungen darum (http://www.teachfirst.de/tfd/programm), Schülerinnen an Schulen in sozialen Brennpunkten „zu besseren Leistungen“ zu motivieren und somit etwas gegen die „mangelnde Chancengerechtigkeit“ im deutschen Bildungssystem zu tun.

Zitat:

Unser Ziel für den zweijährigen Einsatz: Die Fellows motivieren die Schüler als junge Vorbilder und befähigen sie zu besseren Leistungen. Mit Leidenschaft, Talent und vielfältigen Erfahrungen bereichern sie die Schulen. Auf lange Sicht werden sich ehemalige Fellows aus führenden Positionen im Bildungswesen, in der Politik, Wirtschaft oder Zivilgesellschaft weiter zugunsten benachteiligter Schüler einsetzen und als zukünftige Entscheider zur Veränderung des Bildungssystems beitragen. Um den Erfolg zu gewährleisten, werden nur Fellows mit überdurchschnittlichen akademischen Leistungen sowie besonderer persönlicher Eignung ausgewählt. Vor und während ihres Einsatzes werden sie intensiv und speziell ausgebildet und kontinuierlich betreut. Im zweiten Programmjahr bilden sie sich zusätzlich in enger Kooperation mit unseren Partnerunternehmen für Führungsaufgaben im Bildungswesen und im Privatsektor weiter.

Konkret geht es also nicht etwa darum, die mangelnde Durchlässigkeit oder das dreigliedrige Schulsystem strukturell in Frage zu stellen, sondern, ganz im Gegenteil, das laut PISA sozial selektivste System „chancengerecht“ zu gestalten, indem in ferner Zukunft in möglichst vielen Haupt-, Real- und Gesamtschulen so genannte „Fellows“ (sozusagen StipendiatInnen) der Initiative die Schülerinnen und Schüler „besser“ (als der Staat es bisher in Eigenregie vermochte) betreuen.

Zum Schuljahresbeginn 2009/2010 startet Teach First bereits in Berlin und Hamburg sowie darüber hinaus wahrscheinlich -hier finden aktuell noch Gespräche statt – in Hessen und Nordrhein-Westfalen. Los geht es dann mit 150 Fellows in diesen 4 Bundesländern; es sollen jedoch sukzessive stets mehr Fellows sowie perspektivisch alle Bundesländer werden.

Im Großen und Ganzen soll dann Folgendes geschehen: Teach First allein – finanziert bisher unter anderem von Lufthansa, Deutsche Post, Microsoft Deutschland, den Zeit-, Hertie- und Vodafone-Stiftungen (vgl. http://www.teachfirst.de/tfd/unterstuetzer/) sowie 2 privaten und namentlich nicht bekannten „Mäzenen“ (mit Robert-Bosch- und Jacobs-Stiftung finden aktuell Gespräche bezüglich möglicher Kooperationen statt) – übernimmt die Auswahl und die Ausbildung von (vermeintlich) „exzellenten Personen“, die dann als von der Wirtschaft mit deren Weltsicht ausgebildete „Fellows“ als Ersatz- bzw. Unterstützungslehrer (zuerst vor allem) an solche deutschen Schulen gehen, in denen es viele benachteiligte Schülerinnen und Schüler gibt.

Diese Fellows werden von den Kultusministerien mit ca. 1.700 Euro brutto monatlich – und aus „zusätzlich“ zu schaffenden Personaltöpfen, die eine Verdrängung „normaler“ Lehrer somit vermeintlich verhindern – aus öffentlichen Geldern bezahlt. Sie entstammen – der Selektion nach „überdurchschnittlichen Studienleistungen“ sei es gedankt – aller Voraussicht nach fast ausschließlich dem Klein- und ggf. Großbürgertum.

An den Schulen sollen sie den benachteiligten Kindern dann zum einen ein Vorbild sein (Etwa nach dem Motto:„Sieh mal hier, ich als jemand, der begabt ist und Karriere machen kann, kümmere sich um Dich“ oder „Schau an, auch ich habe doch mit exzellenten Noten mein Biochemie-Studium abgeschlossen, das vermagst also auch Du, auf Deiner Hauptschule hier, wenn Du es nur richtig, richtig willst“ etc.). Zum anderen so sollen sie diese Kinder dazu bringen, ihre gesellschaftliche, strukturelle sowie in der Regel sicher materielle Benachteiligung aus eigenen Kräften heraus zu überwinden, indem sie die „exzellenten“, „hochbegabten“ Benachteiligten unterstützen, ihr Leistungspotential zu erschließen.

Damit aber nicht genug. In Aussicht gestellt wird den so genannten „Fellows“, die ob ihrer „über­durchschnittlichen Studienleistungen“ in der Breite wohl durchaus materiell lukrativere Möglichkeiten hätten als ausgerechnet in Sozialen-Brennpunkt-Schulen „unter Lehrergehalt“ Aushilfe machen, dass sie danach „womöglich“ als „Führungskräfte“ im Bildungssystem verbleiben. In Amerika und Großbritannien sei es in ähnlichen Projekten bspw. bereits so, dass die Hälfte aller Fellows „in Schlüsselpositionen“ des Bildungssystems verbleibe, davon 25 Prozent, in den Schulen selbst: Als DirektorInnen, SchulleiterInnen, „SchulleitungsdirektoriatsmanagerInnen“ etc. …

Gegen die philanthrope Rhetorik des Projektes ist Folgendes einzuwenden:

Selektivität und Benachteiligung werden durch dieses Projekt nicht strukturell beseitigt, sondern bestenfalls in Einzelfällen und allenfalls zum Teil kompensiert. Insofern stellt sich das Projekt als strukturkonservativ und innovationsfeindlich dar: Die Hauptschule wird „beschützt“ anstatt bspw. zu Gunsten integrativer Schulsysteme für alle abgeschafft.

Sollte dieses Projekt sich verbreitern und an Einfluss gewinnen, rekrutiert fortan die Wirtschaft die zukünftige „Führungs-Elite“ des Bildungswesens, nämlich Schulleiter, , und zudem hohes Verwaltungspersonal für „den Bildungsbereich“ aus, die allerdings von Pädagogik wohl i.d.R. kaum viel verstehen dürften. Es steht zu vermuten, dass hier eher wirtschaftliche als pädagogische Prinzipien vermittelt werden und zudem „Mäzene“ die Deutungshegemonie darüber erlangen werden, was eigentlich Benachteiligung und wie dieser zu begegnen ist.

Tatsächlich geht es also weniger um „mehr Gerechtigkeit“, als um mehr um Einfluss auf das Management des Bildungssystems: Das (vor allem höhere) Personal für den „Bildungsmarkt“, auf dem Schulen in mittelfristiger Zukunft wie Unternehmen „geführt“ werden sollen, wird bereits heute herangezogen, in Wirtschafts- und Alumni-Netzwerken eingebunden, „großgezogen“, mit Privilegien und „Schlüsselkompetenzen“ versehen, rekrutiert…

Der „Karriereweg“ eines Schulleiters ändert sich somit perspektivisch vollständig – und hiermit wohl auch dessen „Loyalität“: Er wird von der Wirtschaft als „Unternehmensführer“ ausgebildet und nicht als Gleicher unter Gleichen vom Ministerium oder der Schulaufsicht bestimmt.

Da die Länder dabei die Ausbildungskosten dieses (Führungs-)Personals einsparen können, handelt es sich in Zeiten „leererer“ Kassen um ein sehr lukratives „Entstaatlichungsmodell“: Egal, ob diese danach „Führungspersönlichkeiten im Bildungsbereich“ werden oder nicht und umso mehr Lehrer seien es auch nur für die 2 Programmjahre über Teach First an die Schulen gelangen, umso „billiger“ wird die Lehrerrekrutierung für den Staat – und umso mehr unterminiert dieses Programm sowohl Qualifikations- als auch ggf. Gehaltsstandards.

Im Hintergrund scheint zudem noch etwas anderes zu stehen – nämlich auch und vor allem das Ziel der Vermarktung der Weiterbildung bzw. die Etablierung eines Weiterbildungsmarktes.

Zitat:

Während ihres Einsatzes werden die Fellows intensiv betreut. Von Teach First Deutschland gestellte Tutoren sowie schulinterne Mentoren unterstützen die Fellows in der Weiterentwicklung ihrer Lehrkompetenz. Zusätzlich stehen den Fellows im zweiten Jahr Karrierecoaches zur Seite, um ihre berufliche Zukunft zu planen. […] Im zweiten Jahr erfolgt in enger Kooperation mit den Partnerunternehmen ein arbeitsbegleitendes Coaching- und Weiterbildungsprogramm. Das Programm soll die Fellows gezielt auf Führungsaufgaben im Bildungssektor und in anderen Bereichen vorbereiten.

Ob derlei Maßnahmen während der Zeit des Fellowships nun unentgeltlich sein sollen und werden oder nicht: Auch und vor allem private Mäzene, hinter denen Wirtschaftsinteressen stehen, verschenken nichts! Während des Programms wird sicher nicht (gerade) Gewerkschaftspolitik oder Armutsforschung gelehrt. Nach Ende des Programms stehen – ob als Lehrer oder in einer Tätigkeit in der Kultusbürokratie – zudem vermutlich Kosten für weitere „Module“, „Zertifizierungen“ oder ähnliches ins Haus.

Aus soziologischer Perspektive kennzeichnet den geballten Zynismus dieses Projektes jedoch vor allem: Die Kinder der Gewinner im bestehenden System, jene also, die nicht „trotz“, sondern eben „wegen“ der sozialen Selektion des bestehenden Bildungssystems „nach oben“ gekommen sind – die Kinder der „Nach-Oben-Gekommenen“ also – sollen nun fortan zu den „Unteren“ gehen, um diesen zu erklären, dass das Sein nicht das Bewusstsein bestimmt.

Als „Belohnung“ hierfür erhalten sie (so ist es zumindest gedacht) dann später „Führungsposition“ im demnächst erschlossenen „Bildungsmarkt“. Teach First reproduziert so letztlich genau das, was es angeblich bekämpft: …die Klassengesellschaft: Oben bleibt oben bzw. kommt auch in der nächsten Generation wieder dorthin … unten hingegen ändert sich wenig bis nichts.

Nicht umsonst bezeichnen die Medien das Projekt auch als „idealen Karriereturbo“ (vgl. http://www.zeit.de/campus/online/2007/46/teach-first-deutschland, http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,516056,00.html) – statt bspw.- und dem erkennbaren Zweck näher liegend: „Niedriglohneinsatz an Problemschulen“.

Weiterführende Literatur
Zum Kontext siehe vor allem folgende weiterführenden Texte:

  1. http://www.freitag.de/2006/28/06280401.php
  2. http://www.freitag.de/2006/31/06310801.php
  3. http://www.erzwiss.uni-hamburg.de/personal/lohmann/afterneo.htm
  4. http://www.anti-bertelsmann.de/2006/schoellerbultmann.pdf

Quelle: Projektdarstellung [PDF – 924 KB]

Jens Wernicke ist Referent für Bildungs- und Hochschulpolitik der Fraktion DIE LINKE. im Hessischen Landtag

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