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Stiglitz mit neuer später Einsicht zum Marktversagen – immerhin. Lobenswert.

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Ein Leser von NachDenkSeiten macht auf die deutsche Herausgabe des neues Buchs von Joseph Stiglitz aufmerksam, dessen Vorabdruck in der Financial Times Deutschland heute begonnen hat. Dem Nutzer von NachDenkSeiten verdanken wir auch die Zusammenfassung wichtiger Inhalte des Buches, zum Beispiel das Eingeständnis, „dass uns das angemessene Gleichgewicht zwischen Staat und Markt aus dem Blick geraten war.“

Joseph Stiglitz – wichtiger Ökonom unter Bill Clinton, Vorsitzender des US-Sachverständigenrates, Wirtschaftsnobelpreisträger 2001 – blickt in seinem neuesten Buch selbstkritisch zurück: “Wenn ich heute zurückblicke, frage ich mich: Was haben wir falsch gemacht? Ich glaube zunächst, dass uns das angemessene Gleichgewicht zwischen Staat und Markt aus dem Blick geraten war. Zwölf Jahre lang – während der Regierungszeit von Reagan und Bush senior – wurde die Wirtschaftspolitik in den USA von Ideologen der freien Marktwirtschaft geprägt, die den Privatsektor idealisieren und staatliche Programme und Regulierungen verteufelten. … Gleichzeitig war längst bekannt, dass Märkte nicht immer effizient funktionieren und manches, wie etwa Luftverschmutzung im Überschuss produzieren, anderes dagegen vernachlässigen, etwa Investitionen in Bildung, Gesundheit und Forschung. Auch regulieren sie sich nicht selbst … Eine der größten wirtschaftstheoretischen Leistungen des 20. Jahrhunderts … besteht darin, die Bedingungen herauszuarbeiten, unter denen Smiths ‘unsichtbare Hand’ funktioniert. Dazu gehören viele unrealistische: etwa, dass Information entweder vollständig oder zumindest nicht von irgendwelchen ökonomischen Vorgängen beeinflusst ist; dass alle über dieselben Informationen verfügen; dass vollkommene Konkurrenz besteht … Meine Forschungen … haben gezeigt, dass die unsichtbare Hand womöglich deshalb unsichtbar ist, weil es sie gar nicht gibt. … Das Theorem der unsichtbaren Hand bedeutet für Manager eine große Entlastung, behauptete es doch, dass sie dem Gemeinwohl nutzten, wenn sie für sich selbst gut sorgten. … Regulierung trägt oft in nicht unerheblichem Maße dazu bei, Märkte effizienter zu machen, indem sie beispielsweise den Spielraum für Interessenskonflikte begrenzt … Die wichtigste Lektion aus den letzten Jahren ist, dass wir ein Gleichgewicht zwischen staatlichen Eingriffen und Eigendynamik des Marktes brauchen. Aber die Welt muss diese Lektion immer wieder neu lernen. Immer wenn Länder das richtige Gleichgewicht fanden, erzielten sie hohe Wachstumsraten. … unsere Strategie war nicht erfolgversprechend. Sie basierte darauf, Länder in der Dritten Welt dazu zu zwingen, eine Politik zu betreiben, die sich deutlich von unserer eigenen unterschied: nämlich eine radikal marktwirtschaftliche Politik, die für all das stand, was die Regierung Clinton in den USA bekämpfte. Wir gaben unsere Prinzipien auf – soziale Gerechtigkeit, Gleichbehandlung und Chancengleichheit, Prinzipien, die wir im Inland hochhielten -, um für die amerikanischen Sonderinteressen so viel wie möglich herauszuholen. Die Länder der Welt sind wirtschaftlich verflochten, und nur wenn wir gerechte internationale Regelungen finden, können wir den Weltmarkt stabilisieren. Dazu bedarf es eines Geistes der Zusammenarbeit, der sich nicht auf rohe Gewalt gründet, nicht darauf, dass man mitten in einer Krise unangemessene Bedingungen diktiert, dass man andere einschüchtert, unfaire Handelsabkommen oktroyiert oder eine doppelzüngige Handelspolitik betreibt, wie es sich in den 90er Jahren als hegemoniales Vermächtnis der USA etabliert hat …” (Joseph Stiglitz, The Roaring Nineties, Der entzauberte Boom, Siedler, Januar 2004, Vorabdruck in FTD 14.1.04)

Nachtrag:

  1. Stiglitz’ Einsicht war hierzulande vor 30 Jahren politisches Allgemeingut. Entsprechend gut florierte die Wirtschaft und das öffentliche Leben.
  2. Stiglitz’ Hinweis auf den “Geist der Zusammenarbeit”, der sich nicht darauf gründen sollte, “dass man mitten in einer Krise unangemessene Bedingungen diktiert”, passt sehr gut zu den heutigen Meldungen, wonach die EU-Kommission in Brüssel gegen den Beschluss der EU-Finanzminister zur Aufhebung des Strafverfahrens gegen Deutschland und Frankreich klagen will. Brüssel liegt, gemessen an Stiglitz’ Einsichten, hinterm Mond – eben ganz auf angebotsökonomischer Linie. Bei Solbes und seinen Helfern – und leider wohl auch bei Prodi – hat sich die Einsicht vom Versagen des Marktes in einer Rezessionssituation noch nicht herum gesprochen. Dieser Brüsseler Dogmatismus, geprägt von den “Ideologen der freien Marktwirtschaft”, kann für Europa sehr gefährlich werden.
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