Kanzlerin Merkel versucht sich als Motivationstrainerin

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Weil Angela Merkel wohl selber das Gefühl hat, dass die Vorschläge, die die Regierung anbietet, wohl kaum Zuversicht und Optimismus auslösen können, versucht sie im Fußball-WM-Jahr den Ball an die Mitbürgerinnen und Mitbürger zurück zu spielen. Wie eine Motivationstrainerin redet sie auf uns ein und tut so, als ob es eigentlich nur an uns liege, das Land voran zu bringen. Motto: Jeder ist selbst seines Glückes Schmied!

„Wie wäre es, wenn wir uns heute Abend das Ziel setzen, im kommenden Jahr überall noch ein wenig mehr als bisher zu vollbringen?“ „Ich möchte uns ganz einfach ermuntern herauszufinden, was in uns steckt!“ „Ich bin überzeugt, wir werden überrascht sein!“ „Sollte 2006 nicht das Jahr sein, in dem Sie versuchen, diese Idee in die Tat umzusetzen?“ „Fangen wir einfach an!“ „Im kommenden Jahr haben wir als Land alle gemeinsam eine große Chance!“ „Wir können gemeinsam so viel erreichen!“ „Jeder kann seinen Beitrag leisten! Überraschen wir uns damit, was möglich ist!“ Wie ein Fußballtrainer einer gegen den Abstieg kämpfenden Mannschaft redet die Kanzlerin auf uns ein.
Nun ist Motivation wichtig, aber von einer Trainerin sollte man darüber hinaus erwarten, dass sie Fehler analysiert und konkrete Vorschläge macht, wie man das Spiel erfolgreicher gestalten will. Jeder Trainer weiß: Es bringt eine Mann- oder Frauschaft nur bedingt voran, wenn jeder nur für sich kämpft und jeder das letzte aus sich herausholt, wenn die Anlage des Spieles, das Spielsystem nicht stimmt.

Und was das Spielsystem anbetrifft, hat unsere Motivationstrainerin außer den bekannten Sprüchen nicht viel zu bieten. „Arbeit braucht Wachstum und Wachstum braucht Freiheit.“ Wie soll aber Wachstum entstehen? Freiheit für wen und von was?

„Vielen (wird) bereits sehr viel abverlangt“ meint die Kanzlerin. Hilft ihnen da der Hinweis auf die Freiheit? Und vor allem: Wer verlangt eigentlich vielen so viel ab? Ist einfach das Schicksal, das vielen viel abverlangt? Oder ist es nicht gerade auch die Politik, für die Frau Merkel steht?

„Schritt für Schritt“ sollen wir „voran gehen“. „Viele kleine Schritte gehen, die aber in die richtige Richtung.“ Aber ist denn die Richtung der Schritte überhaupt richtig? Wohin führen die Schritte? Wo sind wir auf der eingeschlagenen Richtung vorangekommen?

Was sind das denn für Schritte, die die Bundesregierung gehen will?

  • „Überall sparen“. Doch was hat uns die Sparpolitik bisher gebracht – außer mehr Schulden?
  • „Arbeitsvermittlung stärken“. Doch was bringt eine stärkere Vermittlung, wenn keine zusätzlichen Arbeitsplätze da sind? Dass die Vermittlung allein nicht viel bringt, hat uns doch die gerade vorgelegte Studie über Hartz I bis III gezeigt, die die Bundesregierung selbst in Auftrag gegeben hat.
  • „Arbeit, die rings um den Haushalt getan wird, steuerlich besser …stellen“. Liegt in der Beschäftigung von mehr Dienstmädchen wirklich die Zukunft der Arbeit?
  • „Die Investitionsbedingungen für die Betriebe verbessern“. Sind sie nicht schon dramatisch zu Lasten der Sozialausgaben verbessert worden, sind nicht schon genug Unternehmenssteuern gesenkt worden? Wo sind die Investitionen, wo ist das Wachstum geblieben?
  • „Bürokratieabbau“, „wettbewerbsfähige Unternehmensbesteuerung“, „eine Reform von Bund und Ländern“, eine „echte“ Reform (waren die bisherigen Reformen etwa unecht?) der Kranken- und Pflegeversicherung, „freier Welthandel“ – die übliche Gebetsmühle eben.

Das war eigentlich schon alles, was uns die Kanzlerin als ihren „Beitrag“, als den Beitrag der Regierungspolitik, ankündigt.

„Sie hat gut reden, wird jetzt vielleicht der eine oder andere sagen. Ihr geht es gut, sie hat in diesem Jahr doch einiges von dem erreicht, was ihr wichtig war“ sagt Angela Merkel mit entwaffnender Ehrlichkeit am Anfang ihrer Ansprache und fährt fort: „Aber mir? Wie soll es weitergehen nach dem Verlust meines Arbeitsplatzes? Wann finde ich endlich einen Ausbildungsplatz? Wie können wir die Pleite unseres Betriebes verhindern? Was wird aus mir und meiner Familie?“

Man soll von einer Neujahrsansprache ja nicht zu viel verlangen, aber hat Angela Merkel auch nur den Ansatz einer Antwort auf diese Fragen gegeben?

Im Fußball würde man auch eine neue Trainerin ziemlich rasch wieder entlassen, die immer nur die Vorschläge des erfolglosen, entlassenen Trainers wiederholt und deswegen – wie es so schön heißt – die Mannschaft nicht mehr erreicht. Da kann die neue Trainerin noch so sympathiegewinnend auftreten.

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