Von Kai Ruhsert, 6.1.2005 für NachDenkSeiten.

„Die Reformlüge“ polarisiert die Leser und löst zuweilen heftige Reaktionen aus. An pauschalisierenden und polemisierenden Kommentaren mangelt es nicht. Eine Kritik, die sich tatsächlich mit den Argumenten befasst und Fehler, Ungenauigkeiten oder übersehene Zusammenhänge aufzuzeigen versucht, steht indes bis heute aus.

Auf der Suche nach einem Experten für diese Aufgabe entschied sich die FAZ für ihren Wirtschaftsredakteur Hanno Beck. Beck hat auch einen Lehrauftrag an der Fachhochschule Frankfurt/M.; Fachkenntnisse darf man bei ihm also voraussetzen.

Doch schon der erste Absatz beginnt in einem ähnlichen Stil, wie er von anderen, weniger qualifizierten Autoren vorgegeben wurde: Im Plauderton gegenseitigen Schulterklopfens mit dem Leser spricht Beck einige Themen aus dem Buch an, um sich über die so absonderlich erscheinenden Thesen von Müller zu erheitern:

Wir haben ein demographisches Problem? Glatte Lüge. Inflation ist unsozial? Gelogen. Wer spart, baut Schulden ab? Die reine Unwahrheit. Leistung muß sich wieder lohnen? Wer das behauptet, lügt.

Auf Müllers Begründungen geht Beck mit keinem Wort ein!

Stattdessen wirft Beck mit Begriffen wie Vulgärkeynesianismus, Wunschkonzertökonomie, Eklektizistismus und Polemik um sich. Auf den ersten Blick habe Müller zwar alles mit Zahlen und Fakten gut begründet. “Doch auf den zweiten Blick sind Müllers Argumente mehr als enttäuschend und halten einem näheren Blick selten stand.”

Das Selbstbewusstsein dieses Kritikers ist enorm; er hält es nicht für nötig, auch nur einen der Vorwürfe mit einem Beispiel zu erläutern. Sein Wort muss dem Leser genügen.

An den harten Fakten, mit denen Müller seine Thesen untermauert hat, ist nun aber leider nicht zu rütteln. Was tun? Nun, wenn die Fakten nicht zu widerlegen sind, kann man immer noch behaupten, dass sie unvollständig seien, dass es also andere, von Müller ignorierte Zahlen gebe, die gegenteilige Interpretationen nahelegen – Beck nennt das „selektive Statistik“.

Irgendwelche Belege dafür? Sie ahnen es längst: Keine! Wieder bleibt es bei der bloßen Behauptung.

Für Hanno Beck wird es jetzt etwas eng, denn wegen dem bekannt hohen Anspruch der FAZ an die eigene Seriösität mag er die Leser doch nicht ganz ohne den Eindruck lassen, der eine oder andere Kritikpunkt sei tatsächlich mit Zitaten aus dem Buch belegbar.

Beck versucht es nun mit dem Vorwurf, Müller setze “interpretatorische Kreativität und Naivität” ein.

Zitat Beck:

Reformlüge Nummer 20: “Wir können nur das verteilen, was wir vorher erwirtschaftet haben.” Natürlich eine Lüge, meint der Autor: Der Verteilungsprozeß geschehe automatisch im Einklang mit dem Produktionsprozeß. So naiv kann Müller gar nicht sein, als daß er diesen Satz und seinen intendierten Bezug zu der Sekundärverteilung und ihren Folgen nicht willentlich mißversteht.

Diese Sätze lassen zunächst auf einen inhaltlich fundierten Kritikpunkt hoffen. Genaugenommen enthalten sie zwei Vorwürfe:

  1. Albrecht Müller stelle den Inhalt der weit verbreiteten Überzeugung, man könne nur das verteilen, was man vorher erwirtschaftet habe, grundsätzlich falsch dar. Er ignoriere nämlich, dass es dabei hauptsächlich um die nachträgliche Einkommensumschichtung über Steuern und Sozialabgaben gehe.
  2. Schwerer noch wiegt der explizite Verdacht, dass Müller den Leser vorsätzlich täusche.

Zitieren wir einfach aus dem Buch (gegen Ende der von Beck erwähnten Reformlüge 20):

„… Unser Land leidet nicht unter zu viel Verteilungsgerechtigkeit (siehe dazu auch Denkfehler Nr. 21, 22 und 32 …)“

Die Kapitel, auf die Müller an dieser Stelle verweist, lauten: „Die Arbeit muss billiger werden“, „Die Lohnnebenkosten sind zu hoch“ und „Mehr Eigenverantwortung, weniger Sozialstaat“. Sie betreffen durchweg die Sekundärverteilung!

Um seine eigenen Worte zu gebrauchen: So naiv kann Hanno Beck gar nicht sein, dass er dies nicht willentlich falsch verstanden hat.

Müllers Absicht ist es, den engen Zusammenhang zwischen Produktion und Verteilung hervorzuheben, um deutlich zu machen, welcher Schaden mit Hilfe dieser Reformlüge angerichtet wird, indem unzureichende Einkommenssteigerungen das Wachstum der Produktion bremsen. Die Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärverteilung ist für Müller in diesem Kontext von untergeordneter Bedeutung.

Es steht Hanno Beck natürlich frei, eine andere Meinung zu haben (diese aber bitte zu begründen) und andere Schwerpunkte zu setzen. Wenn er jedoch Albrecht Müller wider besseren Wissens unterstellt, den Leser täuschen zu wollen – dann fällt dieser Vorwurf auf ihn selbst zurück.

Es folgt der zweite (und bereits letzte!) Versuch von Beck, eine konkrete Kritik zu formulieren:

Daß Müller dabei auch innerhalb seines eigenen Theoriegebäudes ins Schwimmen kommt, scheint ihn nicht zu bremsen: Wenn wir nur unter einer Unterauslastung der Kapazitäten leiden, wie er postuliert, dann dürfte eine aktive Konjunkturpolitik eigentlich nicht zu inflationären Prozessen führen (…)

Dieser Punkt ist besonders aufschlussreich: Entweder ist es Beck gelungen, einen so banalen Fehler nachzuweisen, dass jede weitere Beschäftigung mit dem Buch obsolet erscheint. Oder aber Hanno Beck hat den Text sinnentstellend wiedergegeben.

Es genügt, Müller etwas weniger selektiv zu zitieren, als Beck es zu tun pflegt:

„Hätten wir die Chance, mit der bedrückenden Arbeitslosigkeit und der Unterbeschäftigung besser fertig zu werden, wenn wir in Kauf nähmen, dass die Preise auch einmal um 3 oder 4 Prozent steigen, wenn die Wirtschaft endlich boomt?“

(Hervorhebung von K.R.)

Der von Beck behauptete Widerspruch existiert nicht; auch Müller erwartet eine Tendenz zu einer höheren Inflationsrate erst dann, wenn die Konjunktur sich erholt und die Kapazitätsauslastung zugenommen hat.

Hanno Beck zeigt sich noch an einem weiteren Punkt entschlossen, Müller auf seine besondere Weise zu interpretieren:

(…) Und wenn er, wie unter Denkfehler Nummer 18 postuliert, Inflation braucht, um “dem Bewegungsdrang der Ökonomie ein wenig Raum zu geben”, so deckt sich das zudem nicht mit seiner Diagnose, daß den höheren Preisen schließlich auch höhere nominale Zinsen und Löhne gegenüberstehen, weswegen Inflation harmlos sei. Das ist äußerst diskussionswürdig: Wenn Inflation ohne Auswirkung auf die realen Größen bleibt, wie soll sie dann beschäftigungswirksam werden?

Tatsächlich wird der Inflation an keiner einzigen Stelle des Buches ein beschäftigungswirksamer Effekt zugeschrieben! Müller plädiert dafür, Inflation nur als unerwünschte Folge einer Konjunkturerholung und auch dann nur in engen Grenzen zu tolerieren, um das so wichtige Wachstum nicht ohne Not abzuwürgen.

Anhand der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland in den letzten Jahrzehnten weist Müller nach, dass eine geringfügig höhere Inflation keineswegs zu Reallohnverlusten führen muss. Bei Beck wird daraus die absurde Behauptung, “die Inflation bleibe ohne Auswirkung auf die realen Größen”.

Dass Beck zum Schluss von einem polemischen und beleidigenden Stil des Buches spricht, mutet nur noch komisch an.

Von Hanno Beck hatte man die bisher anspruchsvollste Kritik erwartet; tatsächlich enthält sie nur Polemik, Verdrehungen und Sinnentstellungen. Qualitativ unterbietet er schließlich (fast) alles, was je über das Buch von Albrecht Müller erschienen ist.

Wie ist es möglich geworden, dass die FAZ einen Text veröffentlicht, der so nachlässig mit der Wahrheit umgeht?

„Die Reformlüge“ hat mit dieser Rezension eine weitere Prüfung bestanden.

Quelle: Rezension von Hanno Beck in der FAZ

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