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Hunger nach Sinn

Veröffentlicht in: Gedenktage/Jahrestage, Wertedebatte

Am 14. Februar wird der Autor, Filme- und Fernsehmacher Alexander Kluge 80 Jahre alt. Eine Hommage von Götz Eisenberg.
Es gibt lakonische Bemerkungen von Alexander Kluge, die hoch verdichtet, gewissermaßen in Pillenform, den ganzen Kosmos der gegenwärtigen Gesellschaft enthalten und erhellen. “Sinnentzug. Eine gesellschaftliche Situation, in der das kollektive Lebensprogramm von Menschen schneller zerfällt, als die Menschen neue Lebensprogramme produzieren können.” Dieser Satz, mit dem Alexander Kluge sein Buch Lernprozesse mit tödlichem Ausgang aus dem Jahr 1973 eröffnet, hat mir einen verstehenden Zugang von weit verbreiteten gegenwärtigen Leidenserfahrungen eröffnet. Das Kapital ist schnell und dynamisch, die Menschen sind eher langsam. Ihre Fähigkeit, innerhalb ihrer Lebenszeit und auf der Basis einer erworbenen Identitätsstruktur und charakterlicher Prägungen Veränderungen zu verarbeiten, ist begrenzt. Immer mehr Menschen machen angesichts des forcierten gesellschaftlichen Wandels die Erfahrung von „Sinnentzug“ …

Öffentlichkeit und Erfahrung

Zum ersten Mal kam ich mit dem Autor Alexander Kluge in Berührung, als 1972 in der Edition Suhrkamp der Band Öffentlichkeit und Erfahrung erschien, den er zusammen mit seinem langjährigen Doppelpartner und Freund Oskar Negt verfasst hat. Das Buch griff in die politischen Debatten innerhalb der sich in verschiedene Fraktionen entmischenden 68er Bewegung ein und lieferte uns nachmaligen Spontis wichtige Argumente gegen die verschiedenen Varianten der Dogmatisierung des Protests in Theorie und Praxis. Der wichtigste Impuls, der von diesem Buch ausging, bestand darin, die Begriffe der Marx’schen Theorie nach unten, zu den wirklichen Erfahrungen der Menschen hin zu öffnen. Begriffe wie Alltagsleben, gelebte Erfahrung und menschliche Sinnlichkeit wirkten inmitten des Schulungswesens, das die linke Theoriebildung auf den Status von stalinistisch-maoistischen Parolen und einen scholastischen Kanon von Grund-, Haupt- und Nebenwidersprüchen herunterbrachte, ungemein befreiend und subversiv. Das Buch beginnt mit einer etwas verklausulierten Widmung: 11. September 1903, 6. August 1969. Diese Daten markieren Geburts- und Todestag von Theodor W. Adorno, dem Alexander Kluge nach seinem Jurastudium Ende der 1950er Jahre in Frankfurt begegnete und der ihn mit Fritz Lang in Kontakt brachte. Beide Begegnungen sollten richtungsweisend werden und Leben und Werk Alexander Kluges prägen. Seit 1960 dreht er als Regisseur und Produzent Kurzfilme und Filme, von denen mir vor allem “In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod” (1974), “Deutschland im Herbst” (1978) und „Die Patriotin“ (1979) in Erinnerung geblieben sind. Mein Favorit unter den Kluge-Filmen ist „Der starke Ferdinand“ aus dem Jahr 1976, in dem Heinz Schubert einen Werkschützer spielt, der Opfer seiner eigenen Sicherheits-Obsession wird. Als der ständig trainierte und insgeheim ersehnte Ernstfall endlich eintritt, versagt er kläglich und bringt die ganze Produktion zum Erliegen. Unvergesslich sind für mich auch die Gespräche zwischen Alexander Kluge und Heiner Müller, die spätnachts auf irgendeinem dieser ansonsten unsäglichen Privatkanäle zu sehen waren, für die Alexander Kluge seit vielen Jahren Kulturmagazine produziert.

Geschichte und Eigensinn

Ich erinnere mich gut an den Sommer 1981. Wir waren mit einer Gruppe von Freundinnen und Freunden nach Italien gefahren und durften im Haus eines Professors wohnen. Alle hatten einen dicken, blauen Band im Gepäck, der in Farbe, Format und Goldprägung des Titels ein wenig ironisch auf die heiligen blauen Bände der Ostberliner Marx-Engels-Ausgabe Bezug nahm. Nun saßen wir unter Olivenbäumen oberhalb des Gardasees an kleinen Marmortischen und vertieften uns in die Lektüre dieses gerade bei Zweitausendeins erschienen Buches von Oskar Negt und Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn. Auf der Innenseite des Umschlags sieht man die beiden Autoren sich gegenüber sitzen, Tee trinkend, Pfeife rauchend, in Lektüre und Notizen vertieft. Die gemeinsame Produktionsweise dieses Buches faszinierte uns genauso wie sein Inhalt, der in nichts weniger als dem Versuch besteht, der Marx’schen Analyse des Kapitals eine Analyse seines Gegenpols folgen zu lassen: eine Geschichte der lebendigen Arbeitskraft. Abends saßen wir in der riesigen Küche des Landhauses, lasen uns bestimmte Passagen vor und redeten uns die Köpfe heiß. Seit diesen Tagen in Italien hieß es unter uns, wann immer von Alexander Kluge die Rede war, mit respektvoller Ironie: „Alexander Kluge, der nicht nur so heißt …“

Geschichte und Eigensinn ist eines der Bücher, deren Lektüre tiefe Spuren in Hirnen und Lebensläufen hinterlässt. Ganze Passagen habe ich damals bei der ersten Lektüre nicht oder nur ansatzweise verstanden, dann aber stieß ich auf Sätze und Gedanken, deren sprachliche Brillanz und inhaltliche Prägnanz für all die Mühen und Frustrationen bei der Lektüre entschädigten. Es gehört zu den Büchern, mit denen man nie fertig wird. Beim eigenen Schreiben befindet es sich wie ein theoretischer Handwerkskasten immer in meiner Reichweite.

Als ich mich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre mit dem Thema Amok zu befassen begann, hatte ich oft die eindringliche Stimme von Alexander Kluge im Ohr, die beinahe flüsternd aus dem Off des Films Die Macht der Gefühle kommt: “Menschen, die etwas nicht mehr aushalten, ertragen es noch lange. Dann plötzlich brechen sie aus – unerwartet und brutal!” Diese beiden Sätze erschlossen mir ebenso einen Zugang zu diesem rätselhaften Phänomen Amok wie Passagen aus Geschichte und Eigensinn: „Unglück kann aber nicht stillstehen. Ist es wie ein Schatz aufgehäuft, so bleibt es nicht ruhen, wie ein Schatz von Gold oder Zerstörungsgerät, sondern beginnt, auch als tote Arbeit Arbeitsvermögen zu hecken. Man kann sagen: Solche inneren Vorräte an Unglückserfahrung sind am explosivsten, wenn ihnen menschliche Berührungsfläche (lebendige Arbeit) fehlt, wenn sie in sich rotieren.“ Und weiter: „Der Entstehungsprozeß solcher Katastrophen ist verkleidet als menschliche Beziehung, die äußerlich so aussieht wie andere auch, erst nach der Katastrophe scheint alles einer Logik, einem Grundgesetz zu folgen, das auf aggressive Eruption die ganze Zeit über zusteuerte. Jeder Lernprozeß ist dadurch versperrt, daß er zu spät kommt. Es sind aber millionenfach Prozesse und Reibungen solcher Energien im Gange, die sich nicht immer in einem Springpunkt, in einer solchen tödlichen Katastrophe zusammenfassen, sondern über das Leben von 90 Jahren in kleiner Münze verteilt sein können. Dann hat das ganze Leben gewissermaßen die Form einer Katastrophe, und ein solches Leben kann äußerlich wie bei Philemon und Baucis aussehen, harmonisch. Die Energie solcher stillen Krisen ist aber keine andere als diejenige, die die Eruptionen auslöst.“

Sinnentzug

Es gibt lakonische Bemerkungen von Alexander Kluge, die hoch verdichtet, gewissermaßen in Pillenform, den ganzen Kosmos der gegenwärtigen Gesellschaft enthalten und erhellen. “Sinnentzug. Eine gesellschaftliche Situation, in der das kollektive Lebensprogramm von Menschen schneller zerfällt, als die Menschen neue Lebensprogramme produzieren können.” Dieser Satz, mit dem Alexander Kluge sein Buch Lernprozesse mit tödlichem Ausgang aus dem Jahr 1973 eröffnet, hat mir einen verstehenden Zugang von weit verbreiteten gegenwärtigen Leidenserfahrungen eröffnet. Das Kapital ist schnell und dynamisch, die Menschen sind eher langsam. Ihre Fähigkeit, innerhalb ihrer Lebenszeit und auf der Basis einer erworbenen Identitätsstruktur und charakterlicher Prägungen Veränderungen zu verarbeiten, ist begrenzt. Immer mehr Menschen machen angesichts des forcierten gesellschaftlichen Wandels die Erfahrung von „Sinnentzug“: Was sie in Kindheit und Jugend gelernt und verinnerlicht haben, passt irgendwann auf kein Lebensgelände mehr so richtig. Vielen von ihnen geht es wie Meister Anton, der am Ende von Friedrich Hebbels Theaterstück „Maria Magdalena“ sinnend stehen bleibt und ausruft: „Ich verstehe die Welt nicht mehr.“ Sie haben mit dem Fortgang des Ganzen nichts mehr zu tun und fühlen sich angesichts des Zusammenbruchs des Reichs des Vertrauten verstört und entwertet. Der forcierte gesellschaftliche Wandel erschüttert das eingespielte Gleichgewicht zwischen der Struktur der äußeren Realität und der Identitätsstruktur der Menschen und wird zur Quelle von Wirklichkeitsverlust und seelischer Krankheit. Das, was aus Gegenwart und Zukunft auf die Menschen zukommt, fügt sich ihrer Verarbeitungsroutine nicht mehr. Immer mehr bisher gut angepasste Menschen haben das Gefühl, dass der Film der äußeren Realität schneller läuft als der innere Text, den sie dazu sprechen. Sie fühlen sich aus ihrer Ordnung der Dinge katapultiert, desorientiert, entwirklicht und werden von der Angst heimgesucht, eines nicht mehr fernen Tages vollends aus der Welt zu fallen.

In Geschichte und Eigensinn heißt es zu diesen Erfahrungs- und Wirklichkeitsverlusten: „Es muß etwas an sich und zugleich für mich eine zusammenhängende Bewegung ergeben, damit ich sagen kann: Das hatte einen Sinn. … Ist etwas zusammenhanglos, konsensunfähig (d.h. unvernünftig), entwirklicht und unglücklich, so wird wohl niemand das als menschlichen Sinn bezeichnen. Ich lebe bis zum Tode, und am Ende merke ich, daß dieses Leben nicht meins war und außerdem leer blieb. Das hatte keinen Sinn. Es entwickeln sich historisch, unter enormen Motiven berufliche Qualifizierungen, die Entwicklung macht sie gegenstandslos, überflüssig; jetzt waren Anstrengung, Hoffnungen und Loyalitäten unnötig.“

Frühe Glücksüberschüsse

Wie nah Alexander Kluge Adorno stand und wie gut er sich in ihn und die Motive seines Denkens einzufühlen vermochte, verdeutlicht ein Gespräch mit ihm über Adorno, das in dem Film Es gibt kein richtiges Leben im falschen – Th. W. Adorno enthalten ist. Seine Bemerkungen über Adorno haben mich derart beeindruckt, dass ich mir die Mühe gemacht habe, sie von einem Videoband abzuschreiben. Da Alexander Kluge die alte Rechtschreibung bevorzugt und in seinen Büchern beibehalten hat, habe auch ich am guten, alten Eszett festgehalten und die roten Markierungen des Korrekturprogramms ignoriert.

„Das merken Sie sehr schnell bei ihm, daß er Glück in der Kinderzeit kennengelernt hat oder meint, es kennengelernt zu haben, und das läßt er sich nie wieder ausreden. Das hat wohl sicher auch zu tun mit seiner Mutter, einer Sängerin, der Tochter eines korsischen Generals, die hier in Frankfurt-Bockenheim in Gefangenschaft war und mit einem Freifahrschein zwischen Riga und Paris als Sopranistin hin und her reiste. Eine bewunderte Mutter, die dieses Wunderkind jetzt so liebte, Frau eines Weinhändlers, der sich auf Durchschnittsweine spezialisiert hatte. Dies ist durchaus ein Gegensatz. Er hat nie mit dem gleichen Respekt oder der gleichen Zuneigung von seinem Vater gesprochen, dem Wiesengrund, wie von seiner Mutter, der Adorno. Er muß also in Beziehung zu seiner Mutter Glück kennengelernt haben, mindestens die Sehnsucht, die dann überraschende Erfüllung findet, und sehr vieles jetzt ist Rekonstruktion dieser Momente. Sehen Sie, es gibt Physiker, die können auf Mikrosekunden die Plasmaphysik beherrschen oder irgendetwas anderes und daraus nehmen sie die Gewißheit, für die eine ganze naturwissenschaftliche Entwicklung geradestehen muß. Und so ähnlich ist es in der Geisteswissenschaft oder der Philosophie: wenn Sie an irgendeiner Stelle ein Glück erkannt haben, dann wissen Sie, daß es das gibt, das kann Ihnen die ganze Realität nicht wieder ausreden. Die Realität hat als Realitätsprinzip in uns und als umbauter Raum in unseren Städten oder unseren Gesellschaften – als verbauter Raum – eine ungeheure Überredungskraft, daß es diese ganzen Kinderzeiten nie gegeben hätte und manchmal auch, daß es sie geben möge, es könnte ja chaotisch werden, und hier tritt Adorno als Ungläubiger heran. Es ist eine zweite Säkularisierung, die er hier predigt: man soll, man kann nur an das Glück glauben, sonst kann man nicht weiterleben.

Die westeuropäische Geschichte hat seit 200 Jahren die Vorstellung, daß in der Kinderzeit Glück steckt. Nun ist Adorno natürlich nicht einer, der sagt: Wer Glück erlebt hat, lebt von diesem Glück. Das würde er so nicht sagen … sondern, wer Glück erlebt hat, entbehrt es gleich darauf, darunter leidet er und das macht ihm ein Gedächtnis. Und nur wer dieses Gedächtnis hat, hat die Sehnsucht nach dem Glück in sich, und dies ist eigentlich das Glück, von dem er spricht; davon lebt man. Man lebt also von der Sehnsucht nach dem Glück, von dem man eine Ahnung hat, aber die könnte man nicht haben, wenn man nicht irgendeine Spur davon kennengelernt hätte. Einer, der glücklich ist, sagt Adorno, der vergißt es gleich darauf. Beispielsweise der Held Siegfried, der hat überhaupt kein Gedächtnis, der war glücklich mit Brunhilde, und nach einem Schluck Met oder Zaubertrank vergißt er sie und liebt bald darauf eine andere. Das geht von Frau zu Frau: genießen und wegwerfen, ohne ein Don Juan zu sein. Dieses pure, unreflektierte Glück ist es nicht, das Adorno in der Kinderzeit vermutet. Kinder sind leidensfähiger, sie lernen etwas Glückliches kennen, meist über die Mütter, und anschließend entbehren sie es umso intensiver: dies treibt sie an ein Leben lang. Man muß sich das als eine Art von Diaspora-Erfahrung vorstellen. Adorno hat nie die Vorstellung, daß am Anfang ein Paradies liegt oder ein natürlicher Zustand à la Rousseau, sondern es ist verwirrend von Anfang an und es ist falsch gelaufen. Der ganze Planet lief falsch, sowie er Bewußtsein hatte. Aber es ist diesem Falschen etwas Richtiges beigemengt, untrennbar, und jetzt kämpfen diese Dinge miteinander, und aus den Spuren dieses wenigen Richtigen, das nur in Form von Mißverständnissen überliefert ist, damit sich verbunden zu halten, diese Flaschenposten lesbar zu halten, das ist das, was Adorno eigentlich selber als Nachrichten weiterleitet. Und er sagt: Keiner kann das Glück ausschließen, daß plötzlich durch ein Bündnis aller Spuren mit allen Spuren, durch eine plötzliche Ankunft mehrerer Flaschenposten in einem glücklichen Hafen hier eine gesellschaftliche Veränderung stattfindet. Die Revolution geht aber nicht dadurch, dass die Postämter besetzt werden.“

Der faszinierende Kerngedanke Kluges, dass es Glückerfahrungen der frühen Kindheit sind, die uns ein Leben lang an- und umtreiben und beim Erwachsenen zum Ferment von politischen Rekonstruktionsversuchen und Utopien werden können, zieht die bange Frage nach sich, was aus diesen Glücksüberschüssen wird, wenn die bürgerliche Kälte sich universalisiert, die intimen Binnenwelten und frühen Sozialisationsprozesse erfasst und einen Kälteschatten auf das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern wirft. Stürzen Kinder aus dem Mutterleib direkt in die Gesellschaft des entfesselten Marktes, ohne dass der Airbag der Familie und liebevolle elterliche Zuwendung diesen Aufprall abfedern, werden sie die Differenzerfahrung nicht mehr machen können. Der lebensgeschichtliche Anfang besitzt Naturalform, würde Alexander Kluge sagen. Hier hat sich inmitten einer von Ware, Geld und Tauschbeziehungen beherrschten Gesellschaft eine alternative, am Gebrauchswert und an Bedürfnissen orientierte Logik durchgehalten. Und nur, wer die kennengelernt hat, wird die Geld- und Kapitallogik, die den Anfang dann überlagert und zum Verschwinden bringen will, als befremdlich erleben. Die bürgerlich-kapitalistische und vollends vom Markt beherrschte Gesellschaft wird nur dann als menschenfeindliche Eiswüste erlebt, wenn man noch die Wärme eines liebevollen Empfangs in den Knochen verspürt und den Geruch von etwas anderem in der Nase hat. Von Warencharakteren und Geldsubjekten werden nur Warencharaktere und Geldsubjekte hervorgebracht, deren Innenwelt eine Gletscherlandschaft eingefrorener Gefühle ist und die lediglich die psychischen Korrelate von Geld und Markt hervorbringen: kalte Schonungslosigkeit, Indifferenz, Skrupellosigkeit und Feindseligkeit. Ich habe unter dem Titel Unterm Strich zähl’ ich im pädagogischen Online-Magazin Auswege einen längeren Beitrag veröffentlicht, der Belege und Beobachtungen für die These enthält, dass sich unter unseren Augen der Übergang zu einem neuen Kindheitsmuster vollzieht und wir im Begriff sind, ins Stadium der gesellschaftlichen Produktion von „Psychopathen“ einzutreten. Der „Psychopath“ ist durch eine große Wendigkeit und Anpassungsfähigkeit, psychische Frigidität, Empathie-Mangel und Rücksichtslosigkeit charakterisiert und scheint der den wild gewordenen Märkten und entfesselten Geldströmen entsprechende Sozialcharakter zu sein oder zu werden.

Wir werden uns also sputen müssen, wenn wir noch einen Zipfel der alternativen Logik zu fassen bekommen und als Ansatzpunkt einer gesellschaftlichen Veränderung in Gang setzen wollen. Wenn alles homogenisiert und pasteurisiert, verkabelt, digitalisiert, modularisiert und vernetzt sein wird, wenn alle Flüsse begradigt, Straßen betoniert, alle alten Bahnhöfe unter die Erde verlegt sind, wenn der Durst endgültig in Nachfrage nach Coca-Cola verwandelt und allen menschlichen Wünschen und Bedürfnissen eine Warenhaut übergezogen worden ist, wenn Eltern ihre Kinder als börsennotierte Bio-Aktien und werdende Ich-AG’s betrachten und behandeln, von denen eine gute Performance erwartet wird, wenn auch die Liebe ökonomisiert ist und über sogenannte soziale Netzwerke wie eine Ware gehandelt und getauscht wird, könnte es zu spät sein. Dann wären wir gezwungen, in einer „eindimensionalen Gesellschaft“ (H. Marcuse) zu leben, die alle Hoffnungen und Alternativen unter sich begraben hat. Auch das ist von Alexander Kluge und der Kritischen Theorie zu lernen: Dass wir kalte gesellschaftliche Verhältnisse mit dem analytischen Blick kalter Kenntnisse anblicken und analysieren müssen und dennoch nicht aufhören dürfen, an ihre Veränderbarkeit zu glauben und an ihr zu arbeiten. Als kritische Theoretiker sind wir zum Pessimismus verpflichtet und müssen die Dinge und Entwicklungen bei ihrem Namen nennen, als Menschen können wir nicht aufhören, optimistisch zu sein und zu hoffen, dass „plötzlich durch ein Bündnis aller Spuren mit allen Spuren, durch eine plötzliche Ankunft mehrerer Flaschenposten in einem glücklichen Hafen doch noch eine gesellschaftliche Veränderung stattfindet.“

Der Griff nach der Notbremse

Damit diese Hoffnungen nicht purer Voluntarismus sind oder den Status quasi-religiöser Gläubigkeit annehmen, bedürfen sie der Spuren, von denen bei Kluge die Rede ist. Hoffnungen müssen sich auf ein Fundament in der Realität, auf gesellschaftlich-geschichtlichen Tendenzen berufen und stützen können. Die Hoffnung der kritischen Theorie basiert letztlich auf der Annahme, dass Herrschaft über äußere und innere Natur auf Grenzen stößt, dass es in der Natur und im menschlichen Subjekt Schichten und Bereiche gibt, in die die Gewalt von Abstraktionsprozessen nicht vordringen darf. In dem Maße, wie die Familie „auf ein reines Geldverhältnis“ reduziert wird und die „gefühllose, bare Zahlung“ (Marx) von ihrer Binnenstruktur Besitz ergreift, zerstört die kapitalistische Gesellschaft der Gegenwart die Formen, in denen Kultur – nach der Auflösung des „ursprünglichen Gemeinwesens der agrarischen Hausgemeinschaft“ (Negt/Kluge) – sich menschliche Natur angeeignet hat. Ein gewisses Mindestmaß an familiärer Sozialisation, Stabilität und Verlässlichkeit von persönlichen Bindungen scheint unerlässlich zu sein, damit der Mensch seine „psychische Geburt“ (M. Mahler) vollenden kann. Wird dieses Minimum unterschritten, dann lösen sich jene Reste von Identität, also leib-seelischer Stabilität und Kontinuität auf, die auch für den Fortbestand der kapitalistischen Gesellschaft unabdingbar sind. Die globalen Revolten der Gegenwart zeugen davon, dass diese Grenzen in beiden Richtungen überschritten sind und permanent weiter überschritten werden. Die Geldvermehrung und Plusmacherei hat sich von allen Beschränkungen losgerissen und ist gänzlich in die Abstraktion geschossen: Die Null nullt vor sich hin und die wild gewordenen ökonomischen Prozesse schleifen die Menschen und ganze Gesellschaften nur noch wie lästige Anhängsel mit. Die Politik, heißt es bei Oskar Negt, gerät in die Lage einer Institution, „die über das Wetter herrscht“. Neben den ökonomischen und ökologischen Krisen draußen gibt es auch eine „innere ökologische Krise“, hat Peter Brückner, der auch ein Spross der kritischen Theorie gewesen ist, schon Mitte der 1970er Jahre bemerkt. Deren Folgen treten als psychische Störungen, psychosomatische Erkrankungen, dem, was Ärzte vegetative Dysfunktion, ADHS, Depression, Burn-out-Syndrom nennen, als Frühinvalidität, Drogen- und Tablettenkonsum, aber auch als Wut und vage Empörung zu Tage. Der Körper formuliert sein stummes Nein gegenüber den Verhaltenszumutungen einer Realität, die immer unerträglicher werden und eigentlich nicht länger lebbar sind. Aufgabe einer kritischen Theorie der gegenwärtigen Gesellschaft wäre es, die exotisch verrätselte Sprache der Symptome zu dechiffrieren, die Leidenserfahrungen der Menschen beredt werden zu lassen und ihre Ursachen ins Bewusstsein zu heben. Der diffuse Rohstoff der Rebellion und des Unbehagens bedarf der Regulierung durch eine intellektuelle und moralische Instanz, die ihn dem Sog der Regression entreißt und in eine aufklärerisch-emanzipatorische Richtung bringt. Sonst besteht die Gefahr, dass die diffusen, frei flottierenden Unruhe- und Leidenszustände von rechts angeeignet werden. Das hatten wir schon einmal und droht uns gegenwärtig erneut.

Was meint Kluge, wenn er am Ende der Adorno-Passage sagt: „Die Revolution geht aber nicht dadurch, dass die Postämter besetzt werden“? Wenn sich die verschiedenen Bruchlinien der sozialen Integration überhaupt noch einmal zu so etwas wie einer Revolution bündeln lassen, können wir uns diese nicht mehr nach dem Bild der russischen Oktoberrevolution vergegenwärtigen. Längst kommt die Macht nicht mehr nur aus den Gewehrläufen und den politischen Institutionen. Sie hat sich verzweigt und ist molekular geworden, sie hat von unseren Wünschen und Bedürfnissen Besitz ergriffen, ist bis in unsere Denk-, Gefühls und Handlungsgewohnheiten vorgedrungen. Die Revolution der Zukunft wird ihren theoretischen Bezugsrahmen eher in den geschichtsphilosophischen Thesen Walter Benjamins finden als in der Tradition des Arbeiterbewegungs-Marxismus, der viel zu stark von den Prinzipien der instrumentell-ökonomischen Vernunft und dem bürgerlichen Fortschrittsdenken durchdrungen war. Revolution im Sinne Benjamins wäre nicht bloße Machteroberung und die Beschleunigung des von seinen bürgerlich-kapitalistischen Fesseln befreiten Fortschritts, sondern der Sprung aus diesem Fortschritt und seiner Logik der Natur- und Menschenbeherrschung heraus. Benjamin erinnert daran, dass Marx die Revolutionen als „Lokomotiven der Weltgeschichte“ begriffen hat und fährt fort: „Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ Eine geschichtsangemessene Theorie der Revolution hätte die traditionelle Fetischisierung der Produktivkräfte, der Arbeit und des technisch-wissenschaftlichem Fortschritts zu überwinden und müsste ihre Intentionen eher im Bezugsrahmen einer sinnlichen Vernunft und in Begriffen wie Entbrutalisierung, Entmachtung, Nachlassen, Verlangsamung und Versöhnung formulieren. Eine an Gebrauchswerten und Bedürfnisbefriedigung orientierte Ökonomie akzeptiert sinnvolle Begrenzungen und tritt in den Dienst gesellschaftlich-kultureller Zwecksetzungen. Sie wird nicht länger von der sinnentleerten, abstrakten Dynamik von Markt und Geld zu Wachstum und ständiger Innovation angetrieben, sondern kennt die Kategorie des Genug. „Vielleicht“, heißt es bei Adorno, „wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und lässt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen.“

Der Antirealismus der Gefühle

Gerade rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag sind im Suhrkamp-Verlag unter dem Titel Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe noch einmal Geschichten von Alexander Kluge erschienen. Zum Thema Reprivatisierung und Medizinalisierung gesellschaftlicher Konflikte findet sich darin folgende Geschichte: „Ein Arbeiter in Frankfurt am Main hatte sein Leben in ein und demselben Betrieb verbracht. Diese Fabrik wurde insolvent. Der Arbeiter besuchte eine Ärztin. Er hatte heftige Magenschmerzen, nicht erst seit Schließung des Betriebs. Die Ärztin verschrieb ihm Tabletten. Ich habe die Tage meines Lebens hingegeben, sagte der Arbeiter, und als Gegenleistung erhalte ich diese Tabletten. Damit bin ich nicht einverstanden.“

Ich werde den Gefangenen, mit denen ich mich einmal in der Woche zur Kulturgruppe treffe, aus Anlass seines Geburtstags eine ältere Geschichte von Kluge vorlesen. Sie heißt Eine, deren Unterschrift unter dem Gesellschaftsvertrag gefälscht ist. Erzählt wird die Geschichte einer Frau, die sich als Hausgehilfin durchs Leben schlägt und nicht aufhört zu stehlen. Unter anderem betätigt sie sich als Beischlafdiebin. Auch ständige richterliche Ermahnungen und Verurteilungen bringen sie nicht davon ab. Sie verhält sich wie ein Ein-Personen-Indianerstamm, der sich nicht an die Rechtsordnung gebunden fühlt und aus irgendeiner schwer fassbaren Regung für sich bleibt. Auch die zurate gezogene Gutachterin Dr. Brille vermag das Geheimnis ihrer hartnäckigen Klauerei und Unbelehrbarkeit nicht zu lüften. Als der Richter schließlich entnervt fragt, wie er denn entscheiden solle, antwortet die Gutachterin: „Gar nicht entscheiden. Diese Person kann gar nicht anders leben. Das sind keine Diebstähle, sondern ihre Lebensäußerungen. So wie unsereins Luft holt.“

Alexander Kluges Anmerkungen und Geschichten zum Antirealismus der Gefühle haben mir einen verstehenden Zugang zu einem Phänomen eröffnet, dem ich im Kontext meiner Tätigkeit als Gefängnispsychologe immer wieder begegne. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 14./15. Januar 2012 erläutert er noch einmal, was er darunter versteht: „Denn die Wünsche und das Mögliche gehören zur Realität. Und der Antirealismus des Gefühls: Dass ich mich weigere, eine Realität, die nicht auf mich eingeht, zu akzeptieren, sondern sage, ich setze meine eigene Realität dagegen, dieser Eigensinn ist etwas, was für Menschen zum Realismus gehört. Realismus ist nicht Abbildung von Tatsachen.“ Nirgends kann man diesen Mechanismus und seine lebensdienliche und identitätserhaltende Kraft intensiver erleben als im Gefängnis, wo Menschen oft auf Jahre einer Realität ausgeliefert sind, die sich ihnen gegenüber als kompaktes Nein behauptet. Weil das Gefängnis alle Lebensäußerungen seiner Kontrolle unterwirft und den Wunsch der Gefangenen, Subjekte mit eigenen Ziel- und Zwecksetzungen und nicht nur Objekte eines fremden Willens und damit im Sinne Kants würdelos zu sein, negiert, ist es zugleich der Ort, der die meisten Träume beherbergt und wo der Antirealismus des Gefühls treibhausmäßig gedeiht. Man trifft hier regelmäßig auf Ein-Mann-Indianerstämme, die ihren Eigensinn gegen eine Übermacht aus Reservats-Verwaltung und Kavallerie zu behaupten versuchen. Ihre phantasiegeleitete, mitunter ans Wahnhafte grenzende Realitätsverleugnung ist gegen jede wohlmeinende Korrektur perfekt abisoliert. Das Gefühl wehrt sich gegen die Wahrnehmung einer Realität, die unerträglich ist, und ersetzt sie durch eine Illusion. In Das fünfte Buch schreibt Alexander Kluge: „Weder eine kasernierte Arbeit noch eine Gefangenschaft machen deshalb bis zum Nullpunkt unglücklich. Kurz vor diesem Nullpunkt macht die Hoffnung Sprünge.“ Dieser Kampf um Selbstbehauptung ist erstaunlich robust und phantasievoll, manchmal aber auch verzweifelt bis zur Selbstverletzung und zum Suizid.

Für Alexander Kluge schließt sich mit Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe ein Kreis. Schon sein erstes, im Jahr 1962 erschienenes Buch hieß Lebensläufe. Kluge beobachtet, hört hin und notiert seit dieser Zeit, was er sieht, hört und erlebt. Den Rest erfindet er hinzu. Programmatisch heißt es eingangs des neuen Buches: „Für Menschen sind Lebensläufe die Behausung, wenn draußen Krise herrscht. Alle Lebensläufe gemeinsam bilden eine unsichtbare Schrift.“ Diese zu entziffern und lesbar zu machen, hat Alexander Kluge zu seiner Lebensaufgabe gemacht.

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