Rezension: Thomas Fricke, „Wie viel Bank braucht der Mensch? Raus aus der verrückten Finanzwelt“

Rudolf Hickel
Ein Artikel von Rudolf Hickel | Verantwortlicher:

Im März dieses Jahres hat der renommierte Wirtschaftsjournalist Thomas Fricke, ehemaliger Chefredakteur der „Financial Times Deutschland“, ein anspruchsvolles und zugleich gut lesbares Buch unter dem Titel „Wie viel Bank braucht der Mensch? Raus aus der verrückten Finanzwelt“ vorgelegt. Diese tiefgreifende Recherche, die durch die Stiftung Mercator ermöglicht wurde, unterscheidet sich wohltuend von den vielen populistischen Schnellschüssen. Die Publikation füllt auch eine Lücke, die die zuständige, jedoch großteils sprachlose Wirtschaftswissenschaft zu verantworten hat. Eine Rezension von Rudolf Hickel.

Banken in Schranken – Finanzmärkte entgiften

Im siebten Jahr nach dem Ausbruch der weltweiten Finanzmarktkrise ist der Schock über die Schäden, die die historisch lang angelegte Entfesselung der Finanzmärkte mit dem Zentrum der Banken im Profit- und Boniwahn ausgelöst hat, immer noch groß. Die Bilanz des unter dem Druck der Finanzindustrie forcierten Abbaus einer Ordnung ist in jeder Hinsicht katastrophal. Hat der Schock über den steilen Fall der Spekulationsbanken ausgereicht, die richtigen Lehren zu ziehen? Viele Aktivitäten auf EU-Ebene sowie auch in Deutschland in eigener politischer Souveränität lassen ein Ja erwarten. Schließlich sind in Deutschland kaum noch überschaubare gesetzliche Einzelmaßnahmen auf den Weg gebracht worden. Kurz vor Ablauf der derzeitigen Wahlperiode hat die Bundesregierung ein Gesetz zur Abschirmung des spekulativen Investmentbankings gegenüber den Kundengeschäften bei Großbanken durchgesetzt.

Hektische Kosmetik

Die vielen Einzelaktivitäten können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen: Es fehlt am ordnungspolitischen Mut, künftige Bankenexzesse zu Lasten Dritter zu verhindern. Die Banken-, Börsen-und Versicherungsunternehmen haben erfolgreich Lobbyarbeit betrieben. Die einzelnen Regulierungen bleiben deutlich unter der spürbaren Wirksamkeitsschwelle. Es fehlt an radikalen Vorgaben und Anreizen, mit denen die Banken auf ihre gesamtwirtschaftlich dienenden Funktionen eingedampft werden.

Wie lässt sich diese mangelnde Lernfähigkeit trotz der brutalen Folgen der Finanzmarktkrise mit dem Epizentrum Banken erklären? Was muss getan werden, um künftige Finanzkrisen zu vermeiden? Mittlerweile liegt dazu eine große Menge an populärwissenschaftlichen und politischen Publikationen vor. Im März dieses Jahres hat der renommierte Wirtschaftsjournalist Thomas Fricke, ehemaliger Chefredakteur der „Financial Times Deutschland“, ein anspruchsvolles und zugleich gut lesbares Buch unter dem Titel „Wie viel Bank braucht der Mensch? Raus aus der verrückten Finanzwelt“ vorgelegt. Diese tiefgreifende Recherche, die durch die Stiftung Mercator ermöglicht wurde, unterscheidet sich wohltuend von den vielen populistischen Schnellschüssen. Die Publikation füllt auch eine Lücke, die die zuständige, jedoch großteils sprachlose Wirtschaftswissenschaft zu verantworten hat. Im ersten Teil werden die Ideologien, Interessen, Instrumente und Folgen dieser freigesetzten Deregulierungslogik gezeigt. Daraus leitet sich der als radikal etikettierte „Aktionsplan für den Bankenausstieg“ im zweiten Teil ab.

Das Elend der Finanzglobalisierung

Am Anfang des sich entfaltenden Grundübels Finanzglobalisierung stand die ultra-kapitalistische Botschaft von der Entfesselung der Finanzmärkte mit der Verheißung einer anhaltenden Wohlstandsmehrung. Als einer der Vordenker wird Milton Friedman vorgeführt. Friedman hat in seinem Buch „Kapitalismus und Freiheit“ das totalitäre Primat der von politischer Regulierung befreiten Märkte für alle Produktionsbereiche, ja Lebensverhältnisse propagiert. Viele andere Marktpropheten trugen zum Sieg des Neoliberalismus auf den Finanzmärkten bei. Politik hat mit ihrer Marktorthodoxie die Interessen der Finanzwirtschaft erfüllt. Die Exekutoren sind Ronald Reagan, die beiden Bush-Präsidenten, aber auch Bill Clinton 1994 und 1999. Fatale Zeugin der Krone ist Margaret Thatcher, die am 26. Oktober 1986 einem „Big bang“ vergleichbar die Finanzplätze in England von Regeln freigesetzt hat. Der peinliche Zeitgeist wurde auch vom Internationalen Währungsfonds vorangetrieben.

Thomas Fricke demontiert eindrucksvoll und unaufgeregt die Ursachen der gescheiterten Story von den allzeit effizienten Finanzmärkten, die zur Mehrung des ökonomischen Wohlstands und zusätzlichen Arbeitsplätzen beitragen sollen. Die Bilanzierung zeigt, die Realität verweigert diesem mathematisch fundierten Modell eines heiligen Finanzkapitalismus die Gefolgschaft. Statt einzelwirtschaftlichem Rationalverhalten dominiert ein irrationaler Herdentrieb. Auch von der auf alle Akteure gleichermaßen verteilten vollkommenen Information kann keine Rede sein. Asymmetrisch verteilte Informationen dominieren. Sie locken das teure Pseudowissen der Ratingagenturen an. Realwirtschaftlich entkoppelte Spekulationen erzeugen chronische Instabilität und fördern am Ende nicht, sondern vernichten Wohlstand. Fricke bringt einen wichtigen, bisher unterbelichteten Zusammenhang ein. Die Globalisierung der Finanzmärkte hat die Spaltung zwischen Armen und Reichen vorangetrieben. Allerdings wird den Ursachen dieser Spaltung zu wenig in den politisch-ökonomischen Zentren der Verteilung nachgegangen. Es fehlt der Blick auf die doppelte Wirkung von Lohnverzichten zugunsten der Gewinne: Die Binnenkonjunktur wird geschwächt und die überschüssigen Gewinne drängen auf die Finanzmärkte.

Die krachende Niederlage dieser exzesshaften Finanzglobalisierung wird mit einem überraschend einfachen, aber aussagekräftigen Vergleich belegt. Wirtschaftliches Wachstum durch Investitionen und Innovationen zusammen mit einem hohen Beschäftigungsgrad waren in einer sehr langen Phase vor der Entfesselung der Banken deutlich höher als in der nachfolgenden, über dreißigjährigen Phase der Deregulierungspraxis.

Banken in die Schranken

Aus der Analyse der Ineffizienz und Instabilität werden im zweiten Teil die Konsequenzen für eine wirksame Reform des Bankensektors gezogen. Die vorgeschlagenen Maßnahmen dienen dem Ziel, die Grundlogik dieser Finanzglobalisierung unwiderrufbar zu durchbrechen. Allerdings zeigt sich, dass nicht alle Vorschläge dieser Prinzipientreue folgen. Der Autor wählt gekonnt eine methodischen Einteilung: Ausführlich definiert werden fünf Reformziele, auf deren Realisierung die im „5+Säulenmodell“ definierten politische Handlungsfelder ausgerichtet sind. Die fünf Reformziele sind unterschiedlicher Qualität. Wichtig ist das Ziel, den Herdentrieb spürbar zu dämpfen. Durch Regulierungen muss nach dem Prinzip der neuen Logik eines dienenden Bankensystems das Renditepotenzial von Finanzanlagen deutlich gesenkt werden. Es gilt, Finanzmittel, „die bisher in der Sphäre der Geldzauberei gebunden waren“, für die Realwirtschaft freizusetzen. Schließlich muss die allerdings nicht nur durch den Finanzmarktwahn gestiegene Armuts-Reichtums-Spaltung für ein „solideres Wachstum“ überwunden werden. Bei den 5+ Instrumenten werden auch bisher schon bekannte Vorschläge eigenständig begründet. Dazu gehören die Finanztransaktionsteuer, ein „Stoppmechanismus für Exzesse beim Handel mit Staatsanleihen“, ein „Kapriolenschutz für Rohstoffmärkte“, vor allem auch ein „System automatischer Korrekturen als Mittel gegen gefährliche Euphorie- und Panikattacken“. Eine wichtige Innovation ist die ausführlich begründete Forderung eines neuen Weltwährungssystems als zentraler Beitrag zur Stabilisierung der Finanzmärkte.

Der Frickesche Katalog der nur „hilfreichen Reformmaßnahmen“ enttäuscht. Darunter fällt auch die Spaltung des spekulativen Investmentbankings gegenüber dem normalen Kundengeschäft. Allerdings macht die Spaltung nur Sinn, wenn zugleich die spekulativen Finanzmarktinstrumente abgeschafft bzw. reguliert werden. Ein Widerspruch bei der Untersuchung ist nicht zu leugnen: Das Prinzip, die Grundlogik freigesetzter Finanzmärkte radikal zu durchbrechen, greift bei einigen Vorschlägen zur neuen Bankenstruktur zu kurz. Ausgeblendet bleiben Fragen nach künftig alternativen Eigentümerstrukturen. Wie Fricke zeigt, haben Bankendienstleistungen durchaus öffentlichen Gut-Charakter. Um diesem gerecht zu werden, muss die Diskussion über die Stärkung gemeinwirtschaftlicher Eigentumsstrukturen bis hin zu Modellen der Verstaatlichung oder Vergesellschaftung zumindest diskutiert werden.

„Von Bankfort nach Solarfort“

Der Verfasser erlaubt sich am Schluss eine anregende, kleine Utopie. „Von Bankfurt zu Solarfurt“ beschreibt den Wechsel von Bankenmetropolen im Dienste spekulativer Verschleuderung von Finanzmassen zur Finanzierung grüner Investitionen beispielsweise in Solartechik. Die Chefetagen der neuen Industrien im Dienste ökologischer Innovationen residieren künftig in den ehemaligen Bankentürmen der Mainmetropole. Und wo ziehen die Banken hin? In Zweckgebäude in der Frankfurter Vorstadt mit dem Motto über der Eingangstür: „Wir dienen“.

Eine weitere Rezension des Buches ist am 20. Juni auf den NachDenkSeiten erschienen: Jens Berger – Neue Banken braucht das Land.

Thomas Fricke: „Wie viel Bank braucht der Mensch? Raus aus der verrückten Finanzwelt“,Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main, 1. Auflage 2013, ISBN 978-3-86489-036-9, Preis 19,99 € (D) / 20,60 (A) / 28,90 SFR (CH)

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