„Und der Arme sagte bleich: Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich!“

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Heute erscheint mit „Wem gehört Deutschland? Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen“ Jens Bergers zweites Buch im Westend Verlag. Der NachDenkSeiten-Redakteur bringt darin Licht ins Dunkel der Debatte um „das Vermögen“ der Deutschen, Armut und Reichtum sowie Verteilungsgerechtigkeit. Interviews zum Buch sind mittlerweile beim SR2 und bei Deutschlandradio [Audio – mp3] nachzuhören. Für die NachDenkSeiten sprach Jens Wernicke zum Veröffentlichungsstart mit Jens Berger über das Buch und die Vermögensverteilung in Deutschland.


JW: Herr Berger, in Ihrem heute erscheinenden Buch gehen Sie der Frage nach, wem Deutschland gehöre. Es geht um Armut und Reichtum sowie die heimliche Macht im Staat. Bevor wir ins Detail gehen, vorab: Rüdiger Liedtke geht seit 20 Jahren derselben Frage nach – warum Sie nun also auch?

JB: Im Rahmen meiner journalistischen Arbeit stoße ich nun schon seit Jahren regelmäßig auf Einzelmeldungen zum Thema „Reichtum“ und „Vermögensverteilung“. Jedes mal war ich jedoch überrascht, dass es kein Kompendium gibt, das diese Einzelmeldungen einmal zusammenfasst und dem gesamten Themenfeld mit einem roten Faden durchzieht. Dies ist umso erstaunlicher, da es sich hier ja beileibe nicht um ein Nischenthema handelt, das nur für Fachleute von Interesse ist. Im Gegenteil.

Hinzu kommt, dass sämtliche verfügbaren Daten darauf hinweisen, dass die Vermögensverteilung in Deutschland vor allem in den letzten 15 Jahren sich ganz massiv verschoben hat. Wir beobachten hier einen epochalen Wandel. Von der Gründung der Bundesrepublik bis zur Mitte der Neunziger Jahre war Deutschland ein Land, in dem die Unterschiede zwischen Arm und Reich von Jahr zu Jahr geringer wurden. Seit diesem Zeitraum bewegen sich die Vermögen rasant auseinander. Es gibt jedoch kaum Bücher und nur wenige Studien, die sich ausführlich mit diesem Phänomen beschäftigen. Daher habe ich selbst zur Feder gegriffen.

JW: Und was genau haben Sie nun untersucht?

JB: Zunächst habe ich natürlich einen sehr genauen Blick auf die verschiedenen Posten der persönlichen Vermögensbilanz geworfen. Wem gehören die Geldvermögen? Wem die Immobilien? Wem die Unternehmen? Wichtig war es mir jedoch auch, dem Leser zu erklären, warum die Vermögen in diesen und anderen Punkten derart ungleich verteilt sind. Was sind die Gründe für die fortschreitende Ungleichverteilung? Handelt es sich hierbei um einen normalen Trend, der beispielsweise durch die Globalisierung ausgelöst wurde oder ist diese Entwicklung gar politisch gewollt?

JW: Sie sezieren damit auch die Rede von „dem Deutschen“ und „unserem Wohlstand“ und legen den Finger in die Wunde der sich öffnenden Schere zwischen Armen und Reichen im Land. Wer aber sind denn „die Reichen“ im Land, was macht sie aus und weiß man über sie?

JB: Abseits einiger meist belangloser Kurzmeldungen in der Wirtschaftspresse und zahlreicher noch belangloserer Berichte in der Yellow Press wissen wir erschreckend wenig von den Reichen im Land. Und auch diese Informationen sind keinesfalls lückenlos. Sicher hat fast jeder schon einmal etwas von den Brüdern Albrecht gehört, denen die Discounter-Kette ALDI gehört. Aber wer kennt schon einen Mann wie Bernard große Broermann, der als alleiniger Besitzer der Asklepios-Kliniken so sehr wie kaum ein anderer von der Privatisierung des Gesundheitssystems profitiert hat? Während es im Großteil des Buches in der Tat eher um statistische und strukturelle Fragen geht, werfe ich in elf Unterkapiteln auch einen sicherlich nicht unbedingt repräsentativen Blick auf die Reichen im Land, bei dem Ross und Reiter auch beim Namen genannt werden.

JW: Aber sind, wie der Untertitel Ihres Buches das andeutet, diese Wohlhabenden denn zugleich auch gleich die stillen Machthaber im Staate? Wie kommen Sie darauf?

JB: Wem gehören beispielsweise die großen Zeitungen des Landes? Mit zwei Ausnahmen gehören sämtliche Tageszeitungen mit einer Auflage von mehr als 200.000 Exemplaren Familien, die in der Liste der 500 reichsten Deutschen wiederzufinden sind. Bei den Wochenzeitungen, den Magazinen und den privaten Rundfunksendern sieht es ähnlich aus. Wer gehört zu den Großspendern der politischen Parteien? Wer gründet Think-Tanks und vermeintlich gemeinnützige Stiftungen, die die Grundlagen für politische Reformen schaffen, von denen die Wohlhabenden des Landes so massiv profitieren? Wer steuert die Finanzmärkte, deren Wünsche unsere marktkonforme Demokratie tagtäglich umsetzt? Bei der Analyse über die Gründe der steigenden Vermögensungleichheit stößt man immer wieder auf dieselben Strukturen. Lassen Sie es mich so sagen: In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich in Deutschland eine zahlenmäßig sehr kleine, dafür finanziell umso potentere Parallelgesellschaft gebildet, die ihre Ziele mit erschreckender Effizienz umsetzt. Der Aufschrei dagegen blieb jedoch aus. Vielleicht auch deshalb, weil kaum jemand etwas über die wahren Vermögensverhältnisse im Land weiß?

JW: Aber ist das für Sie bereits „Macht“: Einen Think Tank zu gründen? Reformen mitgestalten? Auch die Gewerkschaften und die Linke nennen ja „Think Tanks“ ihr eigen – die Böckler- und die Luxemburg-Stiftung – und mischen sozusagen bei politischen Reformen etc. pp. mit.

JB: Das stimmt. Doch man sollte sich davor hüten, hier Äpfel mit Birnen zu vergleichen, da man die – nennen wir es – „Wirkmächtigkeit“ der verschiedenen Think Tanks kaum vergleichen kann. Eine neue – nennen wir sie – „Studie“ des Instituts der Deutschen Wirtschaft wird in allen Medien ausführlich erwähnt und der IW-Chef Michael Hüther darf seine Sicht der Dinge nicht nur in den großen Talkshows, sondern auch in BILD, SPIEGEL, FAZ und Co. unters Volk bringen. Das IW wird, wie der Name schon sagt, von der deutschen Wirtschaft finanziert und wer die Kapelle bezahlt, bestimmt, was gespielt wird. Wann haben Sie zuletzt einen Böckler- oder RLS-Vertreter bei Günther Jauch oder Maybrit Illner gesehen? Wann wurde ein linker Ökonom zuletzt von der BILD interviewt?

JW: Aber wenn es nur diese Handvoll Menschen sind, die die Strippen im Hintergrund ziehen, welche die Macht in Händen halten, …leben wir dann überhaupt noch in etwas, das den Namen „Demokratie“ verdient? Oder sind die Zustände längst etwas, das man, wie der Elitenforscher Michael Hartmann dies unlängst tat, als deutliche Bedrohung für die Demokratie skizziert hat?

JB: Alle Macht geht vom Volke aus, so sagt es das Grundgesetz. Und Brecht sagte: „Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber“. So gesehen sind wir ziemlich dumm. Es ist in der Tat ein sehr bemerkenswertes Phänomen, dass die Mehrheit der Bevölkerung in einem durchweg demokratischen System stets gegen ihre eigenen Interessen votiert. Dazu hat sich ja bereits Ulrike Herrmann in ihrem Buch „Hurra, wir dürfen zahlen“ Gedanken gemacht. Sie analysiert darin einen „Selbstbetrug der Mittelschicht“, die sich interessanterweise selbst als Teil der Oberschicht sieht und daher eine Politik wünscht, die vor allem den Eliten nützt. Da ist wohl viel Wahres dran.

JW: Was Sie sagen, ist nahe dran an dem, was kürzlich eine Studie der Universität Princeton thematisierte. Dass nämlich die USA viel eher als Oligarchie denn Demokratie zu beschreiben sind. Sind solche Entwicklungen denn aufhalt- und ggf. umkehrbar – und wenn ja, dann wie?

JB: Am Ende meines Buches zähle ich 16 Punkte für einen Weg zu einer gerechten und stabilen Gesellschaft auf. Ich will an dieser Stelle natürlich nicht alles verraten, da sich ja ansonsten niemand mehr das Buch kaufen würde. Nur so viel: Diese Entwicklungen sind nicht nur aufhalt-, sondern sogar umkehrbar. Und dazu braucht es noch nicht einmal einen wie auch immer gearteten Systemwechsel. Das eigentliche Problem ist vielmehr, dass eine Umkehr der Entwicklung politisch gewollt sein muss. So lange die Menschen aber nicht wissen, wie sehr die Umverteilung von unten nach oben bereits fortgeschritten ist und welche Konsequenzen dies für sie hat, werden sie auch weiterhin eine Politik unterstützten, die gegen ihre eigenen Interessen arbeitet. Daher ist es unumgänglich, diese Themen zunächst einmal zur Diskussion zu stellen und eine Debatte anzustoßen. Ich hoffe sehr, dass mein Buch dazu zumindest einen kleinen Teil beitragen kann.

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