“Let’s Make Money” – Autor Wagenhofer im Interview

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

“Getriebene in einem unmenschlichen System” – so die Headline über dem Interview in der Tagesschau und der Einstieg: „Mit “Let’s Make Money” kommt Ende des Monats der Film zur Finanzkrise in die Kinos. Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer begleitete Investmentbanker und Fondsmanager über mehrere Jahre – auch durch die Grauzonen der Finanzwelt. Sein ernüchterndes Fazit: Die Krise hatte man bereits vor Jahren vorhergesehen – nur hat es niemanden interessiert, solange die Rendite stimmte.“ Albrecht Müller.

Noch ein weiterer Auszug aus dem Interview und die Links. Auf jeden Fall ein Tipp fürs Kino:

tagesschau.de: Herr Wagenhofer, Sie haben drei Jahre lang die Spur unseres Geldes im internationalen Finanzsystem verfolgt. Zum Filmstart nun ist die Krise losgebrochen. Gutes Timing?

Erwin Wagenhofer: Es kann niemanden freuen, dass diese Krise jetzt so richtig losbricht. Tatsache ist, dass in den vergangenen drei Jahren all die Leute, mit denen wir gesprochen haben, diese Krise haben kommen sehen. Aber niemand hat etwas dagegen getan. Das ist für mich heute das Überraschendste. Das ist, als ob Sie im Auto sitzen und mit 200 Stundenkilometern durch die Gegend fahren. Je länger Sie das tun, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie einen Unfall provozieren. Gegen die Finanzkrise hat niemand etwas getan – wissend, dass sowieso immer die Allgemeinheit bezahlt. Dahinter steckt ein Konzept.

tagesschau.de: Die Banker und Manager haben also weitergemacht, weil sie wussten, dass die Allgemeinheit für den Schaden aufkommen würde, während sie abkassieren?

Wagenhofer: Ganz genau. Und das ist die wichtigste Botschaft des Films. Die Krise kam nicht wie eine von Gott gegebene Naturkatastrophe über die Menschen, sondern sie ist von Menschen gemacht. Am größten Finanzplatz der Welt in London arbeiten zwei Millionen Menschen, alles gut ausgebildete Leute. London ist eigentlich ein einziger Hedgefonds. Diese Leute produzieren aber überhaupt keinen Wert im wirtschaftlichen Sinn, sondern schaufeln nur Geld hin und her, das dann irgendwo auf der Welt – wenn es mit der Realwirtschaft überhaupt noch etwas zu tun hat – für uns arbeitet. Das war der Ausgangspunkt für meinen Film. Die Banken werben: Lassen sie ihr Geld arbeiten. Aber das kann ja nicht funktionieren, weil Geld selbst nicht arbeiten kann, das müssen andere tun. Und das passiert meistens über Ausbeutung.“ (…)

tagesschau.de: Was erwarten Sie denn von den Banken?

Wagenhofer: Die Banken haben bis jetzt nicht verstanden, dass sie ein Dienstleistungsgewerbe sind. Sie sind dazu da, uns zu dienen. So wie die Wirtschaft da ist, uns zu dienen. Nicht wir müssen der Wirtschaft dienen.
Am Ende bezahlen immer die kleinen Leute

tagesschau.de: Ihr Film legt nahe: Wer sein Geld zur Bank trägt, macht sich zum Komplizen der Profitgier. Verwahren Sie ihr Geld im Sparstrumpf?

Wagenhofer: Ich habe ein ganz normales Sparbuch. Eine Bank ist ja a priori nichts schlechtes, sondern eine gute Erfindung. Nur hat es eine Fehlentwicklung gegeben: Wir müssten fragen, “Was machen Sie denn mit meinem Geld, wenn ich es Ihnen bringe?” Und die Banken müssten dann Rechenschaft ablegen und sagen: Ich verleihe es an den nächsten Tischler, ich mache dieses und jenes damit.” Aber das hat uns bis jetzt nicht interessiert. Hauptsache war, dass sich das Geld vermehrt. Ich will mit meinem Film aussagen: Freunde, am Schluss bezahlt es immer ihr: Der kleine Mann und die kleine Frau auf der Straße.
Das Interview führte Claudia Witte, tagesschau.de

Der Dokumentarfilm “Let’s Make Money” [N. Bachmayer, HR]

Erwin Wagenhofer: Der Österreicher Erwin Wagenhofer (geboren 1961 in Amstetten) ist Autor und Filmemacher. Mit “Let’s Make Money” setzt Wagenhofer seine Globalisierungskritik fort, die mit dem Film “We Feed the World” begann. Der Dokumentarfilm über die Massenproduktion von Lebensmitteln wurde zum erfolgreichsten österreichischen Dokumentarfilm aller Zeiten, auch in Deutschland sahen ihn 400.000 Kinobesucher. Für “Let’s Make Money” führte Wagenhofers Reise auf der Spur des Geldes unter anderem in das Finanzzentrum London, auf den afrikanischen Kontinent, nach Indien, auf die Kanalinsel Jersey, in die Berge der Schweiz und an die Costa del Sol. Kinostart in Deutschland ist am 30.10.2008.

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!