Phänomen Obama

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Barack Obama ist ein Phänomen – im Wortsinne: eine Erscheinung oder ein seltenes Ereignis, ein ungewöhnlicher Mensch – hoffentlich kein Trugbild oder nur ein Traumbild. Wenn Obama alle Hoffnungen erfüllen könnte, die sich auf ihn richten, dann wäre er ein Übermensch.
Erstmals wurde ein Afro-Amerikaner Präsident der USA, kaum jemals haben sich mehr Amerikaner an einer Wahl beteiligt. Schwarze, Hispanics, Latinos, Frauen, junge und ärmere Amerikaner setzen mit überwältigender Mehrheit ihre Hoffnung auf ihn. Weltweit richten sich Erwartungen auf ihn.
Alles ist möglich, sagte Obama nach der Wahl, doch auf ihn wartet das Unmögliche.

Zwei Kriege, Finanzkrise, die Wirtschaft in der Rezession, eine tief greifende Automobilkrise, eine geplatzte Immobilienblase, Staatsschulden in Rekordhöhe, eine beängstigend hohe Auslandsverschuldung, ein notorisches Außenhandelsdefizit, Risiken für den Dollar, ein Land, mit dem höchsten Schadstoffausstoß und der klimaschädlichsten Energiebilanz, eine in arm und reich gespaltene Gesellschaft im Innern und eine Vorherrschaft der Reichen, eine Glaubwürdigkeitskrise des Rechtsstaats, eine der höchsten Kriminalitätsraten, ein Land, in dem die Freiheitsrechte von einer nationalen Sicherheitshysterie bedroht sind, ein Gesundheitssystem, das zunehmend zerfällt, geschwächte Gewerkschaften…

Auf Obama warten schier unlösbare Herausforderungen.

Obama hat den amerikanischen Traum und den Wandel beschworen, ein wohldefiniertes Programm hat er nicht. Deshalb ist alles möglich – zum Guten wie zum Schlechten.

Alles, was Obama angekündigt hat, wird auf scharfen Widerstand stoßen. Die ökonomischen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse haben sich mit der Wahl nicht geändert. Die neokonservative Bewegung und die (fast ausschließlich) rechten Denkfabriken haben noch immer das große Geld auf ihrer Seite. Die „Kultur der Vetternwirtschaft und der Korruption“ (Paul Krugman) hat nach wie vor die gesellschaftliche Dominanz. Die konservative Medienmacht wird massives Störfeuer liefern.
Die Geldgeber für Obamas Wahlkampf werden ihre politischen Dividenden einklagen.

Obama hat nur eine Chance auf einige Erfolge, wenn er auf die Bewegung von unten baut, die ihm den Wahlsieg beschert hat. Enttäuscht er die Jungen, die Frauen, die Diskriminierten, die durch die Neokonservativen vom Wohlstand Abgekoppelten, dann platzt der Traum und aus dem Phänomen Obama wird ein Phantom.

Wer von Obama Wunderdinge erwartet, wird schnell von der Wirklichkeit eingeholt.

Aber vielleicht strahlt die Bewegung, die Obama ins Präsidentenamt getragen hat, ja auf andere Länder aus. Der letzte konservative Paradigmenwechsel ging von Amerika aus, vielleicht könnte der Wechsel in den USA einmal mehr eine neue politische Epoche einläuten. Aber dazu braucht es gleichfalls eine Bewegung von unten.
Yes we can!

Unser in Deutschland lebender amerikanische Freund Roger Strassburg hat uns folgende Mitteilung an Barack Obama zugeschickt:

“Herr Obama, wir haben eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie.
Die gute Nachricht: Sie haben die Wahl gewonnen. Die schlechte: Jetzt werden Sie Präsident der Vereinigten Staaten.”

Nach acht dunklen Jahren bin ich zuversichtlich, dass mein Land in die zivilisierte Welt zurückkehren wird. Das heißt aber nicht, dass die Welt von unserer Außenpolitik begeistert sein wird.

Ich bin heilfroh, dass wir einen Präsidenten bekommen, der nicht länger dem Heilsversprechen der Deregulierung folgen wird. Das bedeutet aber lange nicht, dass er dem Casino-Kapitalismus Einhalt gebieten kann.

Ich habe große Hoffnung, dass mit der Einführung einer Krankenversicherung für alle der New Deal endlich weiterentwickelt wird.
Doch sein Gesundheitsprogramm ist nur ein erster Schritt in Richtung eines solidarischen Systems.

Manche meinen, Obama sei ein neuer John F. Kennedy. Ich hoffe nicht, denn Kennedy hat trotz seiner Popularität in Deutschland nach seiner “ich bin ein Berliner” Rede so gut wie nichts zustande gebracht – außer den Vietnam-Krieg anzufangen, bevor er ermordet wurde.

Manche – wie ich – wünschen sich lieber einen Franklin Delano Roosevelt, denn es ist seine Politik, die in der jetzigen Zeit dringend benötigt wird, um für die Masse der Bevölkerung den amerikanischen Traum wieder weitgehend Realität werden zu lassen. Noch bin ich aber skeptisch, dass er der neue FDR sein wird.

Präsident Obama erbt wie einst FDR eine große wirtschaftliche Last, eine schwere Finanzkrise, die eine schwere Wirtschaftskrise zu werden beginnt. Er wird wie FDR schnell darauf reagieren müssen und weitreichende Reformen einführen müssen, und zwar Reformen, die den Namen verdienen. Er hat mit den sicheren Mehrheiten im Kongress eine historische Chance dafür. Ob er auch den richtigen Stoff dazu hat, wird sich noch zeigen.

Anders als FDR erbt Obama auch noch zwei Kriege, deren Ende nicht in Sicht ist. Er wird diese nicht zu einem friedlichen Ende führen können.
Zieht er die amerikanischen Truppen heraus, bleibt Chaos und Bürgerkrieg zurück. Zieht er sie nicht heraus, stecken sie im Chaos und Bürgerkrieg.
Eine Lose-Lose-Situation.

Es wird schwer für ihn.

An seiner Stelle hätte ich mich gefragt, ob mir der zweite Preis nicht doch lieber wäre.

Rubriken:

USA Wahlen

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