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Nachtrag zu zwei Beiträgen von gestern – zur politischen Verantwortung für „In Lohn ohne Brot“

Veröffentlicht in: Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Leserbriefe

Der Autor des Beitrags In Lohn ohne Brot ‒ Wenn Arbeit nicht vor Armut schützt Markus Krüsemann fühlt sich zu Unrecht kritisiert durch den Artikel: Der Niedriglohnsektor ist nicht vom Himmel gefallen. Aktive Beschäftigungspolitik müsste zentraler Bestandteil der neuen Regierungspolitik sein. Das tut mir ausgesprochen leid. Ich hatte jedoch den Hinweis auf die Verursacher der Erwerbsarmut vermisst. Offensichtlich habe ich zu kritisch reagiert. Das hat damit zu tun, dass es mir dringend notwendig erscheint, den öffentlichen Druck für eine aktive Beschäftigungs- und Lohnpolitik gerade angesichts der Koalitionsverhandlungen zu erhöhen. – Es folgen eine Mail von Markus Krüsemann und eine Leser-Mail. Albrecht Müller.

Markus Krüsemanns Mail an Heiner Flassbeck und Albrecht Müller:

„wie schade, dass Sie meine Gedanken zur Erwerbsarmut in den falschen Hals bekommen haben. Das zumindest ist mein Eindruck, denn Ihre Kritik kann ich nicht nachvollziehen, wie ich auch Ihre Unterstellung nicht verstehen kann, ich sei in die TINA-Falle getappt.

„Heute können spätkapitalistische Länder wie Deutschland nicht mal mehr die bloße Existenzsicherung durch Arbeit garantieren“, hatte ich geschrieben. Das hat Ihnen anscheinend überhaupt nicht gefallen. Das wiederum verstehe ich nicht. Wieso handelt es sich hier, wie Sie sagen, nicht um eine objektive Gegebenheit, oder, mit anderen Worten, um keine empirisch nachweisbare Tatsache? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie den Begriff ‘objektive Gegebenheit’ als Ausdruck für ein quasi naturgesetzliches Faktum verwenden. Ich tue das jedenfalls nicht. Gleichfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie davon ausgehen, objektiv Gegebenes sei gleichbedeutend mit nicht veränderbar. Ich tue das jedenfalls nicht (wie ich auch die Ausweitung des Niedriglohnsektors nicht als „zwangsläufig“ ansehe, lieber Albrecht Müller, hatte ich doch von einem „politisch aufgeblähten Niedriglohnsektor“ gesprochen, insofern fällt da mal nichts vom Himmel).

Wenn du nicht einmal im Artikel den Teufel anprangerst, dann liegst du mit ihm im gleichen Bett? Ich wollte keine derartige Messe lesen, und dass der Artikel insgesamt weitgehend deskriptiv ist, macht ihn doch nicht automatisch zu einer Lobpreisung dessen, was ist. Ich fand es unter dem Leitmotiv „die schlechte Jobqualität als treibende Kraft in den Blick zu nehmen“ eher unpassend, die LeserInnen zum wiederholten Male mit der Nase auf die Verursacher für die gegenwärtige Lage zu stoßen. Denn natürlich gibt es für diese „Tatsachen“ Ursachen und Täter. An vielen anderen Stellen (z.B. hier oder hier) habe ich längst Ross und Reiter genannt. Sie hier mal nicht zu nennen, macht mich in Ihren Augen anscheinend zu einem Apologeten des Bestehenden. Sie hier mal nicht zu nennen, das sollte den LeserInnen Raum geben, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Das zumindest hat bei Ihnen ja geklappt, auch wenn mich Ihre Konklusionen wundern.“

Zwei Lesermails zu den beiden Beiträgen von gestern:

Sehr geehrter Herr Müller,

vielleicht ein klein wenig polemischer. Sie schreiben:

— Wenn die sich in Berlin formierende Koalition wollte und bei Sinnen wäre, … —

Das Problem ist, dass die Damen und Herren sehr wohl „bei Sinnen“ sind.

Es sind keine Schwachsinnigen oder leiden an einer sonstwie gearteten Krankheit. Nein, diese Menschen handeln in vollem Bewußtsein. Hier hilft auch nicht, die in Deutschland sehr beliebte, Ausrede „Trunkenheit“.

Diese Menschen fahren diese Gesellschaft in vollem Bewußtsein gegen die Wand. In vollem Bewußtsein! Genau das, ist das Erschütternde an diesem Handeln. Es gibt keinerlei mildernde Umstände.

Mit freundlichen Grüßen
Jan Skalla


Zu „In Lohn ohne Brot“:

Ein ja durchaus lesenswerter Text, der die Auswirkungen eines Teilaspektes inhumaner Gesetze in der Bundesrepublik trefflich beschreibt. Es gibt im SGB so unglaublich viele Facetten eines Unrechtsystems, die weit in faschistische Ideologien reichen; da wären die illegalen Zwangsmassnahmen zu nennen, oder vorsätzlich falsche Beratung durch Behördenmitarbeiter oder Informationsverweigerung. Ich kann Ihnen als mit 57 Jahren chronisch erkrankter ein Lied davon singen, wie erniedrigend nach 42 Jahren Berufstätigkeit die Tatsache ist, dass die soziale Hängematte solch grosse Maschen hat, dass man bequem durchschlüpft und ziemlich hart auf dem Boden asozialer Realität aufschlägt.

Es wäre allerdings förderlich, wenn nicht nur die Anamnese erklärt würde, sondern dann auch die menschenrechtlich unzulässigen Verfahren oder Anwendungen, die grundgesetzwidrig sind.

Im dritten Schritt würden etliche zehntausend Entrechtete davon profitieren, wenn die Handlungsanweisungen zu Verfügung gestellt würden, sich gegen Unrecht, Ausbeutung und Zwangsrekrutierung zu wehren.  So ganz trauen sich die Apologeten des Hungersektors noch nicht, die Unterstützung den Bedürftigen vollends zu entziehen. 

Es wäre töricht, anzunehmen, dieses verrottete System kann man mit Aufklärung und Gesetzesinitiativen bekämpfen. Dafür funktioniert die Obrigkeitshörigkeit und das Beamtentum zu reibungslos, ziviler Ungehorsam ist nun einmal die deutsche Sache nicht. Da muss jeder für sich alleine kämpfen. Und das geht nur, indem man den Apparat mit den eigenen Waffen schlägt, dem Bürokratismus und dem Formularwahn. …

Wie wäre es denn, wenn alle Erwerbslosen … sich auf sämtliche auf dem Server des Arbeitsamtes befindlichen Jobangebote mittels Serienbrief online bewerben (die NSA wird sich freuen)? Oder jeder einen Beistand zu Gesprächen bei Agenturen oder Bewerbungen mitbringt, wie es Konzernleiter selbstverständlich auch machen via Fachanwalt. Oder sich die Unterlagen aushändigen lassen zur Prüfung bei juristisch versierten Personen? Sich AU schreiben lassen aufgrund der entwürdigenden und psychisch zerstörenden Umstände?

Viele Grüße aus dem Großraum Bremen,
Günter Radys 

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