Der Islam als willkommenes Feindbild

Heiko Flottau
Ein Artikel von Heiko Flottau | Verantwortlicher:

Die muslimische Religionslehre fungiert im Westen als Projektionsfläche für Ängste und dadurch als Ersatz für Antisemitismus und Antikommunismus, wie Petra Wild in ihrem neuen Buch „Lieblingsfeind Islam“ schreibt. In ihrer Hauptthese bestreitet sie, dass sich Kulturen separat voneinander entwickeln: Die „Reinheit“ einer Kultur gebe es nicht. Von Heiko Flottau.

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Es gibt Bücher, die kommen spät, dennoch sind sie zum richtigen Zeitpunkt auf dem Markt. Ein Widerspruch? Keineswegs. Wenn man den äußerst umfangreichen und detaillierten Anmerkungsapparat in Betracht zieht, mit dem die Autorin Petra Wild jedes Kapitel ihres neuen Buches über den „Lieblingsfeind Islam“ ergänzt, dann kann man erahnen, mit welchem Wissens- und eigenen Erfahrungsschatz Petra Wild ihre These untermauert, wonach der Islam, so wie über ihn heutzutage diskutiert wird, für viele ein willkommener Ersatz sei für verlorene Feindbilder wie den Antikommunismus und den Antisemitismus (der zwar noch oder wieder all überall virulent ist, aber glücklicherweise offiziell geächtet ist). Praktisch jede ihrer Thesen untermauert die Autorin mit Belegen über ihre Quellen – und diese Genauigkeit hat ihren Preis in der Zeit, die es wohl braucht, ein solches Werk zu schreiben.

Eine Hauptthese des Buches räumt mit der Vorstellung auf, wonach sich Kulturen separat voneinander entwickeln. Im Gegenteil, Kulturen und Zivilisationen beeinflussen sich gegenseitig, eine Abgeschlossenheit, die „Reinheit“ einer Kultur garantieren würde, gebe es nicht, argumentiert die Autorin.

„In Wahrheit“, schreibt Petra Wild, „gibt es keine europäische Geschichte, die von außereuropäischen Einflüssen getrennt wäre. Das alte Griechenland war nicht weiß und europäisch, sondern ein Amalgam aus verschiedenen ethnischen und religiösen Einflüssen.“

Dem US-Wissenschaftler Martin Bernal zufolge, argumentiert die Autorin weiter, “waren sich die alten Griechen durchaus bewußt, daß sie zur kulturellen Sphäre des Orients gehörten, daß sie viel von den Ägyptern und Phöniziern gelernt hatten, ja nahmen ägyptische Vorfahren für sich in Anspruch.“

Die „Hellenomania“ des 19.Jahrhunderts sei viel vom Rassismus der Romantik inspiriert worden, schreibt Petra Wild. Der englische Dichter Lord Byron, das sei hier zusätzlich angemerkt, verherrlichte den griechischen Aufstand gegen die muslimischen Osmanen, seine Haltung passte gut ins Bild eines Philhellenismus, der sich bewusst vom Islam absetzte. Niemand aber besang die serbischen Aufstände gegen die Türken vom Beginn 19. Jahrhunderts – die Serben galten als ein Volk aus den tiefen Schluchten des Balkans, als ein Volk kulturlos und kaum erwähnenswert. Bis heute hat sich dieses Klischee erhalten.

Auf der Suche nach einem neuen Feind

Um ihre Hauptthese vom neuen Feindbild Islam zu untermauern, zitiert die Autorin einen Beitrag der „Washington Post“, wonach das US-Verteidigungsministerium nach dem Ende des Kalten Krieges aktiv auf der Suche nach einem neuen Feind gewesen sei. Petra Wild zitiert den damaligen Oberbefehlshaber der NATO, John Calvin, der 1988 in seiner Abschiedsrede angesichts des bevorstehenden Zusammenbruchs der Sowjetunion erklärte:

„Den Kalten krieg haben wir gewonnen. Nach einer siebzigjährigen Verirrung kommen wir nun zur eigentlichen Konfliktachse der letzten 1300 Jahre zurück: das ist die große Auseinandersetzung mit dem Islam.“

Tatsächlich steht der amerikanische General Calvin und mit ihm vor allem Europa in der Tradition eines Konzeptes, wonach die westliche Welt so, wie sie sich seit Renaissance, Aufklärung und dem von diesen Strömungen inspirierten Kolonialismus entwickelt habe, den meisten anderen Kulturen überlegen sei. (Diese These hat Samuel Huntington in seinem Werk „Kampf der Kulturen“ in den Dienst der amerikanischen Expansionspolitik in der islamischen Welt gestellt.)

Die auf diesem Konzept beruhende Expansion des Westens entspricht einem Weltbild, dass der palästinensische, einst in den USA lehrende, inzwischen verstorbene Wissenschaftler Edward Said (1935 – 2003) mit „Orientalismus“ beschrieben hat. Petra Wild schreibt:

„Der Orientalismus bestimmt die Wahrnehmung der westlichen Welt bis heute. Dessen wohl hartnäckigstes Erbe ist die Angewohnheit, alles, was die muslimische Welt betrifft, durch den Islam erklären zu wollen, wohingegen keiner auf die Idee käme, den Vietnamkrieg durch das Christentum … erklären zu wollen.“

Und weiter:

„Die islamische Welt wird außerhalb der Geschichte gestellt und Muslime …. werden zu einer besonderen Spezies gemacht. Das nutzte und nutzt den imperialistischen Mächten, deren Politik die Entwicklungen in der arabischen Welt entscheidend geprägt haben. Daß nach dem 11.September 2001 versucht wurde, die Erklärung für die Angriffe auf das Pentagon und das World Trade Center im Koran zu suchen statt in der US-Außenpolitik, ist beredtes Zeichen für das Fortleben des Orientalismus.“

Kulturelle Antipathie

Dieser Orientalismus habe sich „parallel zur kolonialen Durchdringung der arabisch-islamischen Welt durch europäische Großmächte“ entwickelt und sei eine „Position der Dominanz und Konfrontation“ sowie „kultureller Antipathie“ gewesen. „Die Grundannahmen des Orientalismus sind, dass der Orient absolut anders als der Okzident und diesem unterlegen ist. Diese Vorstellung basiere auf der Dichotomie „westliche Zivilisation – Orient“, wobei „letzterer als negatives Gegenstück zur westlichen Zivilisation per Definitionem der Inbegriff des Positiven ist“.

Folgt man der Argumentation von Petra Wild, so ist der antimuslimische Rassismus Ausdruck eines Zivilisationsrassismus, der tief in der europäischen Kultur verankert sei und der Anti-Islamismus ebenso umfasse wie Antisemitismus. Und dieser Rassismus, diese von der Vorstellung westlicher Überlegenheit gespeiste Haltung habe, schreibt Petra Wild, eine lange Geschichte.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel etwa habe das Judentum als eine „asiatische Religion“ bezeichnet, und für den Philosophen Gottfried Herder seien die Juden „die „Asiaten Europas“ gewesen. Die Kreuzzüge seien, schreibt die Autorin weiter, gleichermaßen „antiislamisch und antisemitisch“. gewesen. Und: „Der berühmteste Dichter seiner Zeit, Dante Alighieri, verwies den Propheten Muhammed in seiner Göttlichen Komödie im 14.Jahrhundert in die siebte Hölle.“

Auch die Aufklärung habe ihren Anteil an der Einteilung der Welt in Rassen (wertige und minderwertige) und an der Vorstellung gehabt, die westliche Kultur sei anderen Kulturen weit überlegen. Immanuel Kant habe geschrieben, dass der Mensch in den heißen Ländern zwar früher reife, aber „nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen“ erreiche. Die „gelben Indianer“ hätten ein geringeres Talent (als die Weißen) , die Neger seien weit tiefer und am tiefsten stehe „ein Theil der amerikanischen Völkerschaften“.

Vom allumfassenden Rassismus waren auch Historiker nicht frei. 1880 bediente der deutsche Historiker Heinrich von Treitschke (1834-1896) einen Vorwurf, der seinerzeit für die Juden und heute für manche Muslime gilt. Treitschke schrieb nicht nur, dass die Juden sich nicht assimilieren wollten. Er formulierte auch den Satz, den sich das Kampfblatt der Nazis „Der Stürmer“ zu eigen machte. Er lautet: „Die Juden sind unser Unglück.“ Heute, argumentiert Petra Wild, treffe ein ähnlicher Vorwurf die Muslime, welche, wie manche behaupteten, wie einst die Juden nach der Weltherrschaft strebten. Mathias Döpfner etwa vom Springerverlag habe von der „Bedrohung unserer Kultur durch das Vordringen des Islam“ gewarnt. Für den derzeitigen deutschen Innenminister Hort Seehofer ist die „Migration die Mutter aller Probleme“, wobei, wohlgemerkt, die Flüchtlinge zu allererst Muslime und Afrikaner sind.

Die Furcht vor der muslimischen Zuwanderung wird durch viele Medien bestärkt. Die Autorin zitiert die Website Politically Incorrect, nach deren Behauptung „unsere Nachkommen – und wahrscheinlich schon wir selbst – aufgrund der kulturellen Expansion und der demographischen Entwicklung in zwei drei Jahrzehnten in einer weitgehend islamisch geprägten Gesellschaftsordnung leben müssen, die sich an der Scharia und dem Koran orientiert und nicht mehr am Grundgesetz und an den Menschenrechten“.

Das wohl teilweise bewusste Missverstehen des Islam findet sich auch in diskriminierenden Berichten wieder: Unter der Chefredaktion von Stefan Aust erschienen, wie die Autorin berichtet, im „Spiegel“ reißerische Titelgeschichten wie „Allahs blutiges Land“ – „Allahs rechtlose Töchter“ – „Papst kontra Mohammed“ und „Mekkadeutschland“.

Keine Aufklärung im Islam?

Ein weiterer Vorwurf, der dem Islam gemacht wird, ist jener, wonach es im Islam keine Aufklärung gegeben habe. Diesem Vorwurf liegt zunächst einmal die eurozentrisch geprägte Weltanschauung zugrunde, wonach sich alle Kulturen gleichmäßig, d.h. nach europäischem Vorbild zu entwickeln hätten. Die alte Frage nach den „cluster of absences“, nach den Errungenschaften, welche die Westler haben und die Orientalen nicht haben, geistert auch heute noch durch manche politische Diskussion. Welch geistige Armut herrschte auf dem Globus, gäbe es nur eine, und in diesem Falle eintönige europäische Kultur.

In der Blütezeit des Islam, im Abbassiden-Kalifat von Bagdad (das unter dem Ansturm der Mongolen 1258 zugrunde ging) blühten die Wissenschaften. Araber tradierten nicht nur das Wissen der Griechen auf spätere, „abendländische“ Generationen; sie brachten in Andalusien, aber nicht nur dort, auch hervorragende Wissenschaftler wie Ibn Sina (lateinisch Avincenna, etwa 980-1037) und Ibn Rushd (Averros, 1126-1198) hervor. Mag sein, dass sich die islamische Hochzivilisation im Zweistromland vom „Mongolensturm“ (damals wurde auch das ausgeklügelte Bewässerungssystem zerstört) nie wieder recht erholt hat.

Aber auch der europäische Kolonialismus hat die arabisch-muslimische Welt noch einmal zurückgeworfen. Petra Wild schreibt, alle islamischen Reformbewegungen, die seit dem 18.Jahrhundert aufgekommen seien, seien weniger Produkte des Islam als Reaktionen auf den imperialen Westen gewesen.

Manch einem der oben erwähnten journalistischen Quertreiber und manch einem nationalistischem Historiker wie Treitschke wäre vor dem Verfassen seines Oevre ein tieferer Blick in die Geschichte zu gönnen gewesen. Dann hätte er, wie Petra Wild schreibt, festgestellt, dass sich die arabisch-islamische Welt auf dieselben antiken Traditionen gründet wie Europa. „Die griechisch-antike Denktradition floss neben Elementen des Judentums und des Christentums auch in den Islam ein, während Europa über Jahrhunderte davon abgeschnitten war.“

Unterlegenes Abendland?

Auch zivilisatorisch war die islamische Welt über Jahrhunderte dem „Abendland“ überlegen. So habe beispielsweise Kanalisation und Straßenbeleuchtung erst im Europa des 19.Jahrhunderts in den Städten Einzug gehalten, während diese Errungenschaften schon im alten Damaskus und in Bagdad sowie in den persischen und islamisch-spanischen Städten des 9. Jahrhunderts Standard gewesen seien. Die Autorin zählt eine Fülle von Beispielen auf, an denen sich der Einfluss der arabischen Kultur auf die westliche festmachen lässt. So sei die Einführung der Algebra der größte Beitrag, den die Araber zur Entwicklung der europäischen Mathematik geleistet hätten. Und, wohl den wenigsten bekannt: das Wort Algorithmus leite sich vom Namen des iranisch-arabischen Wissenschaftlers al-Kwarizimi ab. Al-Kwarizimi – geboren 780, gestorben nach 850 – war ein aus dem Iran stammender, aber in Bagdad lehrender und forschender Universalgelehrter.

Mit einem Ausblick in die europäisch-islamische Geschichte beendet Petra Wild ihr Buch. Das Kapitel über Al-Andalus, über das muslimische Spanien, beweist noch einmal die Interdependenz der Kulturen. „Die Iberische Halbinsel“, schreibt die Aurorin, „entwickelte sich unter arabischer Herrschaft zu einer blühenden muslimisch-christlich-jüdischen Zivilisation.“ Nachdem diese Kultur unter dem Angriff christlicher Staaten 1492 zugrunde gegangen war, folgte, wie Petra Wild schreibt, unter den katholischen Herrschern Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien „eine lange Phase der religiöser Intoleranz und der Geistfeindlichkeit. Mehr als drei Millionen Muslime“, schreibt die Autorin, „Juden und auch viele arabisierte Christen mussten fliehen; im eroberten Granada flammten kurz nach der Machtübernahme durch die katholischen Könige die Scheiterhaufen auf. Zunächst waren es die Bücher der Araber und Juden, die in Flammen aufgingen und das Erbe einer der reichsten Kulturen des Abendlandes vernichteten. Doch … wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen, wie Heinrich Heine in seiner Granada-Tragödie Almansour schrieb.“

In der Tat trat an die Stelle der weltoffenen muslimischen Kultur Andalusiens nach 1492 die Diktatur des Katholizismus. Tomas de Torquemada (1420-1498) wurde der erste Großinquisitor der „katholischen Könige“. Torquemada, Dominikanermönch und Beichtvater Isabellas von Kastilien, verfolgte vor allem zum Christentum zwangskonvertierte Juden und zwangskonvertierte Muslime, die ihren Glauben heimlich weiter ausübten.

Westliche Wertegemeinschaft, christlich-jüdisches Abendland – angesichts der von Petra Wild aufgetischten geballten Ladung an historischen Fakten schrumpfen diese von unseren Politikern in Talkshows oft als Versatzstücke gebrauchten und missbrauchten Begriffe auf Normalmaß.

Immerhin, die neue Diskussion um den „Lieblingsfeind Islam“ hat eine uralte Diskussion wiederbelebt. Hat nun der englische, 1865 in Bombay geborene, spätere Literaturnobelpreisträger Rudyard Kipling Recht, wenn er schreibt: „Ost ist Ost und West ist West, und niemals treffen sich die beiden“? Oder halten wir es mit Johann Wolfgang von Goethe, der in seinem West-Östlichen Diwan schreibt:

Wer sich selbst und andere kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

Petra Wild: Lieblingsfeind Islam. Historische, politische und sozialpsychologische Aspekte des antimuslimischen Rassismus. ProMedia Verlag Wien, 2018
Ebenfalls von Petra Wild: Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina. Der Zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat. ProMedia Verlag Wien, 2013

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