Sind so kleine Hirne – Greise, gefangen in den Körpern von Jungpolitikern
Sind so kleine Hirne – Greise, gefangen in den Körpern von Jungpolitikern

Sind so kleine Hirne – Greise, gefangen in den Körpern von Jungpolitikern

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Kevin Kühnert und Philipp Amthor gehören zu den bekanntesten Politikern Deutschlands. Kühnert werden sogar schon „Kanzler-Qualitäten“ attestiert, während der 26-jährige Amthor in Talkshows mit seiner Lebenserfahrung hausieren geht. Absurd. Visionen? Fehlanzeige. Und nun drängt sich mit dem 31-jährigen frisch gewählten neuen JU-Chef Tilman Kuban noch ein dritter Greis im Körper eines Jungpolitikers in die öffentliche Debatte, der sich vor allem durch die Eigenschaften auszeichnet, die ein Jungpolitiker nicht haben sollte. Die Sache mit dem Generationswechsel in der Politik sollten wir uns besser noch einmal überlegen. Eine Glosse von Jens Berger.

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Helmut Schmidt soll einst gesagt haben: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“. So gesehen glänzt die kommende Politikergeneration durch geradezu beängstigende geistige Gesundheit. Jegliches visionäre Denken ist den namhaften Jungpolitikern von SPD und CDU fern. Es scheint vielmehr, als hätten Kühnert, Amthor und Co. die große Kunst des politischen Kompromisses bereits mit der Muttermilch aufgesaugt und seien schon im Kindergarten zu weisen alten Männern mutiert. Wäre das Leben ein Fantasyfilm, müsste man wohl ernsthaft prüfen, ob eine böse Fee nicht vielleicht zwei uralte Hinterbänkler von SPD und CDU in die Körper von Kühnert und Amthor verhext hätte.

Kevin Kühnert ist die fleischgewordene Kompromissformel. Eigentlich müsste man von einem Juso-Chef ja erwarten, dass er ungestüm den Weltfrieden fordert und – sei es auch aus folkloristischen Gründen – die rote Flagge hisst. Von Maximalforderungen hält Kühnert jedoch genau so wenig wie von Visionen. Er ist eher der Typ, dessen Forderungen nicht über einen Prüfauftrag für eine gestaffelte, haushaltsabhängige Begrenzung des Verteidigungsbudget mit obligatorischer Einbeziehung der NATO-Vorgaben unter fakultativer Querfinanzierung über den Länderfinanzausgleich hinausgehen. Und rot ist bei Kevin Kühnert noch nicht einmal der Schal. Wenn man den Juso-Chef so reden hört, kann man gar nicht glauben, dass der Mann noch nicht einmal 30 Jahre alt ist und mit professioneller PR als „Zukunft“ der SPD verkauft wird. Die Vergangenheit ist auch dann die Vergangenheit, wenn sie in junger Verpackung daherkommt.

Mit Inhalten scheint sich der Nachwuchs-Politiker Kühnert ohnehin nur ungern zu beschäftigen. Hinter den wachsweichen Worthülsen und allglatten Kompromissformeln verbergen sich keine Inhalte – zumindest keine mit Kanten. Kühnert macht stattdessen lieber mit Slogans auf sich aufmerksam. So führte er wortstark und inhaltsschwach die #NoGroKo-Initiative an, nur um danach mit den GroKo-Architekten ins Bett zu steigen und seine damalige „Gegenspielerin“ Andrea Nahles – und nicht etwa ihre progressive Konkurrentin Simone Lange – bei der Wahl zur Parteichefin zu unterstützen. Wenn Kühnert etwas kann, dann ist es der kunstvolle Machtpoker. Und wer keine Ecken und Kanten hat, sich vornehmlich im inhaltlichen Nichtschwimmerbecken aufhält und dazu noch professionelle PR-Unterstützung genießt und von den Medien hofiert wird, hat seinen Platz am Trog der Macht sicher. Jede Wette – auch wenn niemand so wirklich weiß warum, der jugendliche Greis Kühnert ist die Zukunft der SPD. Und dies ist vor allem für die SPD ein Problem.

Kaum besser sieht es bei der CDU aus. Kaum war mit Paul Ziemiak der erste junge Greis in die erste Reihe aufgerückt, wurde plötzlich ein gewisser Philipp Amthor zum Talkshow-Inventar und Social-Media-Star. Und hier wird es auch für Kommentatoren undankbar. Auch wenn die BILD es für „abartig“ hält, ihren Schützling nicht wegen „seiner politischen Positionen“, sondern wegen „seines Äußeren“ zu kritisieren, muss man hier doch auch einmal die Kirche im Dorfe lassen und die Frage in den Raum stellen, warum ausgerechnet Philipp Amthor zu derartiger Popularität gelangte. Sicher nicht wegen seiner „politischen Positionen“, die altbacken, spießig und abgestanden sind, sondern eben weil ein so „drollig“ aussehender junger Mann in der Verkleidung eines Politikers derart altbacken, spießig und abgestanden daherredet. So geht Humor. Das wussten schon die Monty Pythons. Heintje meets Meister Joda und fertig ist die „Nachwuchshoffnung“ der CDU.

Absurd ist auch, wie die Medien dieses abgekartete Spiel mitmachen und ihrerseits den Hype um den Greis im Körper eines als Greis verkleideten Kindes auch noch anheizen. Wer kommt beispielsweise ernsthaft auf die Idee, einen 26-jährigen männlichen Single mit erzkonservativem Weltbild als einzigen Mann in eine politische Talkshow einzuladen, in der fünf Frauen mit Expertise das Thema „Abtreibungen“ diskutieren? So wird aus Politik eine Freakshow und es muss sich wirklich niemand wundern, wenn vor allem die jüngeren Generationen mit dieser Form von Politik nichts mehr zu tun haben wollen. Auch wenn man Jungpolitikern natürlich zugestehen muss, dass sie für ihr eigenes Handeln selbst verantwortlich sind, muss man hier auch die Frage stellen, wie weit unser Voyeurismus gehen darf und ob man einen Philipp Amthor nicht auch einmal vor sich selbst schützen und ihm erklären muss – „Philipp, die lachen nicht mit Dir, sondern über Dich“.

Ein – in jeglicher Hinsicht – anderes Kaliber ist da schon der neue JU-Chef Tilman Kuban. Während Amthor wie eine Sprechpuppe die altbackenen Slogans seiner altbackenen Fraktionskollegen nachäfft, ist Kuban ein Scharfmacher, der mit seinen dummen rechten Tiraden auch sehr gut in die AfD passen würde. Kuban ist dabei auch vom Typ her eine Ausnahme im Reigen der Jungpolitiker. Obgleich erst 31 Jahre alt, wirkt Kuban auch optisch eher wie ein politisches Auslaufmodell. Doch leider täuscht dieser Eindruck. Kuban ist vielmehr der lebende Beweis dafür, dass die Zukunft der CDU, wenn er denn deren Zukunft sein sollte, am äußersten rechten Rand zu finden ist.

In seiner Bewerbungsrede für das Amt des JU-Vorsitzenden zeigte Kuban den johlenden JU-Funktionären, was seine Vision für 2040 ist. „Ein Land, das seinen Soldaten mehr Respekt zollt“ und in dem „Heizpilze“ und „Cola in der Schule“ nicht verboten sind. Sein Feind ist die „linke Toleranzpolizei“, die die Bürger nicht schützen will, sondern lieber „Schultoiletten für das dritte bis 312. Geschlecht“ fordert. Wenn Kühnert die fleischgewordene Kompromissformel und Amthor die Reinkarnation von Heintje ist, dann ist Tilman Kuban die Personifizierung eines AfD-Trolls, der die Kommentarbereiche so lange vollspammt, bis er gesperrt wird. Kuban ist Niedersachse und das merkt man durch und durch. Gestählt durch Bierzeltreden vor Jungbauern mit Brakelmann-Mütze im niedersächsischen Schweinegürtel beherrscht der rhetorische Metzger das Einmaleins des Rechtspopulismus aus dem Effeff. Dafür ist ihm das Johlen der JU-Basis, die offenbar zeitlos aus BWL- und Jura-Studenten mit fein gebügelten Business-Hemdchen und handverlesenen Blondinen mit Kostümchen besteht, sicher. Aber „die Jugend“ erreicht der greise JU-Chef damit glücklicherweise nicht.

Ein Blick auf die drei Nachwuchspolitiker Kühnert, Amthor und Kuban zeigt, dass „die Jugend“ ohnehin nicht zur Zielgruppe dieser Politiker und derer, die hinter ihnen stehen, gehört. Mit Kühnert, Amthor und Kuban kann man vielleicht ältere Wähler einfangen, denen man vorgaukeln will, die Partei hätte auch ein „junges Gesicht“ und „Zukunft“. Junge Wähler oder besser junge Nichtwähler wissen, dass dies beides eine Lüge ist.

Wer nur Kühnert, Amthor und Kuban zu bieten hat, muss sich daher auch nicht wundern, wenn „die Jugend“ nicht in Event-Locations oder Bierzelten den geistigen Greisen im Körper von Jungpolitikern zuhört, sondern die Sache lieber selbst in die Hand nimmt. Die „Fridays for Future“ sind da hoffentlich erst der Anfang. Interessant ist da vor allem die Frage, wie die traditionelle Politik die jüngeren Generationen überhaupt wieder einfangen und einhegen will und ob ihr dies gelingt. Zumindest ich wäre sehr glücklich, wenn dies nicht der Fall ist. Denn Visionen sind nichts für den Arzt, sondern unerlässlich, wenn wir die Hoffnungen auf eine lebenswerte Zukunft nicht zusammen mit dem politischen Nachwuchs begraben wollen.

Titelbild: Whatafoto/shutterstock.com

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