Rezension: Dieter Wellershoff: Der Himmel ist kein Ort

Ein Artikel von Joke Frerichs | Verantwortlicher:

Wellershoff erweist sich in deren gradliniger Darstellung als ein Meister im Umgang mit ambivalenten Stimmungen und Gefühlen in einer Zeit, in der Gewissheiten einer sinnstiftenden Ordnung mehr und mehr verloren gehen. Ein lesenswerter, nachdenklich stimmender Roman, der Fragen aufwirft, die viele Menschen bewegen dürften. Wellershoff ist einer von ihnen. Von Joke Frerichs

Im Mittelpunkt des Romans steht ein junger Dorfpfarrer, der mehr und mehr den Boden unter den Füßen verliert. Er lebt allein im dörflichen Pfarrhaus. Die Freundin hat ihn verlassen. Er selbst bewältigt mehr recht als schlecht die kirchliche Alltagsroutine. Eines Nachts wird er an einen Unfallort gerufen. Ein Wagen ist in den nahegelegenen Baggersee gefahren. Der Fahrer hat überlebt. Die Frau kann nur noch tot geborgen werden. Der gemeinsame Sohn ist bewusstlos und liegt fortan im Koma.

Schon bald danach gibt es im Dorf die unterschiedlichsten Deutungen des Unfalls. Von Spannungen unter den Ehepartnern ist die Rede. Auch die Tatsache, dass der Mann überlebt hat, gibt Anlass zu Spekulationen. Täglich berichtet die örtliche Presse von vermeintlich neuen Indizien.
Der Pfarrer versucht mit dem Mann ins Gespräch zu kommen, was nicht recht gelingt. Der Mann bleibt verschlossen und misstrauisch. Gegenüber der Dorfgemeinde, die längst ihr Urteil über den Mann gefällt hat, hält der Pfarrer an der Unschuldsvermutung zugunsten des Mannes fest. Zwar nehmen auch bei ihm die Zweifel zu, je mehr er über den Mann erfährt; gleichwohl gerät der Pfarrer mehr und mehr in Gegensatz zur Mehrheitsmeinung im Ort.

Dies ist der Ausgangspunkt einer sich verschärfenden Sinnkrise, die allmählich auch an den Grundfesten des Glaubens selbst rührt. Als er während einer Predigt versucht, seinen Standpunkt vor der Gemeinde zu erklären, erfährt er kalte Ignoranz. Das Motto der Predigt: „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet“ – zur Versöhnung gedacht – , wirkt auf die Gemeinde wie eine Provokation. Dem Pfarrer wird plötzlich bewusst, wie hohl die religiösen Formeln angesichts der realen Ereignisse klingen.

Wellershoff gelingt es mit einer erstaunlichen Präzision, verschiedene Facetten der Lebenskrise des Pfarrers darzustellen. Mit einem Kunstgriff gelingt es ihm, diese auf Aspekte der Glaubenskrise hin zu fokussieren: Er lässt den Pfarrer an einer wissenschaftlichen Tagung teilnehmen, die das Ziel hat, theologische Fragen der Zeit im Dialog mit Philosophen, Soziologen und Religionshistorikern zu reflektieren. Hier nun prallen die konträren Vorstellungen vom Glauben in aller Schärfe aufeinander.

Einer der Referenten führt aus, wie sich die Religion von der alles beherrschenden Sinndeutungsinstanz und lebensgestaltenden Macht in der traditionalen Gesellschaft zu einer altehrwürdigen Hintergrundautorität in der Moderne entwickelt und dabei nach und nach an Funktionen und Gestaltungsräumen einbüßt. Mit der verfassungsrechtlich garantierten Religionsfreiheit seien Konfessionen zu einer Art Konsumgut geworden, von der jeder nach Bedarf seinen persönlich dosierten Gebrauch macht. „Religion sei Privatsache geworden und verflüchtige sich in subjektiven Varianten oder lebe zum Feiertagsritual reduziert wie ein braves und geschütztes Haustier innerhalb der säkularisierten Gesellschaft weiter, die mit ihrer gesammelten Medienmacht anstelle der Sorge um das Seelenheil Tag für Tag die Jagd nach dem vielgestaltigen Glück irdischer Selbstverwirklichung propagiere. Das aktuelle Wunschbild körperlicher und seelischer Wellness und des gesellschaftlichen Erfolgs habe die religiöse Erlösungshoffnung überlagert und als etwas Unüberprüfbares und Vages in den Hintergrund gedrängt.“

Es sind Stellen wie diese, die Wellershoff als einen sprachmächtigen Autor ausweisen. Und es kann wohl kein Zweifel daran bestehen, dass er seinen Protagonisten die eigenen Zweifel an der sinnstiftenden Funktion der kirchlichen Institutionen in den Mund legt. Die Kirche mit ihren Betreuungsangeboten ist zu einer gesellschaftlichen Nische für Zuflucht suchende Menschen geworden, die in der Unübersichtlichkeit und Instabilität der Leistungsgesellschaft menschliche Nähe und Wärme vermissten. „Die Formelhaftigkeit, zu der die Glaubensinhalte in ihrer rituellen Vermittlung erstarrt sind, wird dabei von den Kirchenbesuchern als Preis der Geborgenheit in Kauf genommen. Weder glauben noch zweifeln sie an den Glaubensverheißungen. Die meisten sagen sich: Vielleicht ist doch etwas daran. Man kann es ja nicht wissen.“ (221)

Mit diesen und ähnlichen Formulierungen gelingt es Wellershoff, die Grenzen kirchlicher Glaubwürdigkeit auszuloten. Auf der Tagung werden grundsätzliche Standpunkte kritisch hinterfragt und – jenseits aktueller Anlässe – diskutiert.
Dabei wird deutlich: die Zweifel überwiegen.
Nur scheinbar widersprechen dem Ereignisse wie Kirchentage oder z.B. der Weltjugendtag, der alle paar Jahre Hunderttausende junger Menschen zusammenführt. Bezogen darauf äußert ein Tagungsteilnehmer seine Zweifel, ob derartige Veranstaltungen als Zeichen einer „Renaissance der Religion“ angesehen werden können. „Das glaube ich eigentlich nicht. Was ich persönlich bisher wahrgenommen habe, waren an Massenereignisse gebundene, flüchtige Stimmungen, die sich selbst genug waren und sich selbst konsumierten. Wenn`s vorbei ist, läuft man auseinander, und nichts bleibt zurück außer dem Bedürfnis nach einem neuen Event und neuen Massenbegeisterungen.“ (224)

Von diesen mehr oder weniger äußeren Erscheinungsformen kirchlichen Geschehens, die man teilen oder auch nicht teilen kann, geht Wellershoff sukzessive auf Grundfragen der Religion über. Auf die Frage: Wer oder was ist Gott? Hierauf antwortet einer der Referenten: „Gott ist die Summe der Erzählungen über Gott. Man kann auch sagen: eine von Menschen geschaffene, Halt und Orientierung stiftende Fiktion…..Der Gottesbegriff ist die personifizierte menschliche Antwort auf die Seinsfrage. Doch der Satz der biblischen Schöpfungsgeschichte: Gott schuf den Menschen sich selbst zum Bilde, steht schroff und steil, ohne Anlehnung an bekannte Fakten für sich da. Man kann ihn nur glauben oder nicht. Wenn wir dagegen die Beziehung der beiden tragenden Worte umkehren zu dem Satz: Der Mensch schuf Gott sich selbst zum Bilde, dann wird die Aussage anschlussfähig an alle evolutionsgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen Faktenzusammenhänge. Der Mensch ist nicht aus einem Schöpfungsakt hervorgegangen, sondern ist als das bisherige Endprodukt der schon über zwei Milliarden Jahre andauernden Evolution des Lebens vor etwa zweieinhalb Millionen Jahren in Erscheinung getreten…. Er war unfertig und veränderungsfähig, ein Bündel verborgener Möglichkeiten. Ein problematischer, weitreichender Wurf, von dem sich nicht sagen lässt, wohin er noch führen wird.“ (226)

Nach seinen Ausführungen zur biblischen Schöpfungsgeschichte problematisiert der Referent das Gottesbild des Christentums. Dass es lange Zeit verboten war, sich ein Bild von Gott zu machen; wie es zur Herausbildung monotheistischer Religionen gekommen war; zum Absolutheitsanspruch des einen Gottes. Er fährt dann fort: „Im Alten Testament begegnet uns Gott zwar in übermenschlicher Größe und Macht, aber durchaus analog zu den damaligen menschlichen Lebensformen als Herrscher, Stammesoberhaupt, Richter oder Vater. Und er zeigt sich als ein Wesen von archaischer Emotionalität: zornig, strafend, Opfer und Unterwerfung fordernd und den Andersdenkenden und Feinden – und manchmal allen Menschen – Vernichtung androhend. In all diesen Erzählungen von Gott, die bis heute wie unbewegliche Felsbrocken im Bewusstsein der Menschen liegen, drückt sich das menschliche Verlangen nach einem mächtigen Schutzherrn aus.“

Von diesem Gottesbild des Alten Testaments führt – religionsgeschichtlich – ein weiter Weg zur versöhnlichen Botschaft der Bergpredigt; ein Weg, auf dem widersprüchliche Glaubensinhalte in Einklang gebracht werden müssen. Dabei handelt es sich um den fundamentalen Gegensatz zwischen dem monotheistischen Gott, „der keine anderen Götter neben sich dulden wollte“ und der Tatsache, dass er mit Jesus einen „Beisitzer“ an die Seite gestellt bekam, „der ein ganz anderes, sensibleres Programm vertrat…“ Um diesen Widerspruch zu überbrücken, musste der Mensch Jesus erst durch das Nadelöhr seines Todes gehen, um so imaginär zu werden, dass er in den göttlichen Rang erhoben werden konnte. Aber war er nun noch derselbe?“

Diese Umdeutungen und Neuinterpretationen der bisherigen Glaubensinhalte und ihrer Ambivalenzen war nach Ansicht des Referenten „zweifellos eine strategische Leistung der Apostel und vieler nachfolgender religiöser Denker, indem sie einerseits die Gegensätze verschmolzen und Jesus Christus als die Menschwerdung Gottes interpretierten, andererseits aber den alten Gott als metaphysische Garantiemacht im Hintergrund lebendig erhielten. Ohne sich auf Gott berufen zu können, wäre Jesus ein Wanderprediger geblieben, der wie viele andere mit der Zeit wieder aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden wäre. Da er den `Mühseligen und Beladenen` aus der Seele gesprochen hatte, fand seine Lehre in den antiken Sklavengesellschaften zwar wachsenden Zulauf. Aber gerade diese Klientel verlangte göttlich beglaubigte Heilsbotschaften und erwartete wunderbare Errettungen.“ (230)

Auf der Tagung prallen die Meinungen hart und unversöhnlich aufeinander: Zwischen denen, die in der Schöpfung „nicht nur das Zufallsprodukt der Evolution, sondern ein göttliches Geschenk“ sehen und die der biblischen Schöpfungsgeschichte nahe stehen, in der es heißt: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe da, es war gut.“ (233)
Und denen, ob es ein und derselbe Gott ist, von dem hier die Rede ist: „Einschließlich Pest, Cholera und Krebs? Einschließlich Krieg und Völkermord? Und noch anders gefragt: Ist Gott auch zuständig für die Milliarden auseinanderdriftenden Galaxien und ihr rasendes Verschwinden im dunklen Raum und für die Schwerkraftfallen der schwarzen Löcher in ihrer Mitte, die ganze Sternsysteme verschlingen und zu Nichts zusammenpressen. Oder ist er nur der Lokalgott eines kosmisch gesehen winzigen, bedeutungslosen Planeten?“ Eines Planeten mithin, der nur über eine begrenzte Lebenszeit verfügt, wobei das Leben der Menschheit wahrscheinlich von noch kürzerer Dauer sein wird.

Für mich sind die zitierten Passagen um den Glauben die zentrale „Botschaft“ des Romans von Wellershoff; insbesondere auch die an anderer Stelle auftauchende Frage: „Wie konnte der archaische Gottvater dem Sterben des gekreuzigten Gottessohnes ungerührt zusehen?“ Warum ruft dieser im Augenblick seines Sterbens: „Mein Vater, warum hast du mich verlassen?“ Wie steht es überhaupt um dieses zentrale Symbol des Christentums: Der leidende, gekreuzigte Sohn als Abbild für die Dramatik der menschlichen Existenz, die durch Irrtum, Vergänglichkeit und Leiden geprägt ist?
Zwar wird durch die Auferstehungsgeschichte diese Grunderfahrung des Menschen wieder aufgehoben, da die Mehrheit der leidenden Menschen einen solchen Trost braucht, der Distanz zur Übermacht der bedrängenden Realitäten schafft – aber, bemerkt einer der Tagungsteilnehmer lapidar: Sterben müssen wir noch immer.

Dass dieser Disput um Grundfragen des Glauben mit seinen unvereinbaren Gegensätzen nicht dazu angetan ist, die Sinnkrise des Protagonisten zu mildern – ja seine Zweifel und Selbstzweifel dadurch zusätzliche Nahrung erhalten, liegt auf der Hand. Wellershoff erweist sich in deren gradliniger Darstellung als ein Meister im Umgang mit ambivalenten Stimmungen und Gefühlen in einer Zeit, in der Gewissheiten einer sinnstiftenden Ordnung mehr und mehr verloren gehen. Ein lesenswerter, nachdenklich stimmender Roman, der Fragen aufwirft, die viele Menschen bewegen dürften. Wellershoff ist einer von ihnen.

Dieter Wellershoff: Der Himmel ist kein Ort; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009

Rubriken:

Kirchen/Religionen Rezensionen Wertedebatte

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