Plötzlich finden Journalisten und Politiker den Begriff „Stellvertreterkrieg“

Plötzlich finden Journalisten und Politiker den Begriff „Stellvertreterkrieg“

Plötzlich finden Journalisten und Politiker den Begriff „Stellvertreterkrieg“

Marcus Klöckner
Ein Artikel von: Marcus Klöckner

Medien und Politik sind die Tage über etwas gestolpert, nämlich: den Begriff Stellvertreterkrieg. Der Grund: Die Nachricht macht die Runde, dass Russland dem Iran militärische Daten bei seinem Abwehrkampf gegen die USA und Israel zur Verfügung stellt. Die CIA agiert in der Ukraine bereits seit mindestens 2014. Die USA liefern militärisch wichtige Daten aus Wiesbaden. Der Westen hat der Ukraine bisher Gesamthilfen im dreistelligen Milliardenbereich zur Verfügung gestellt. Die NATO-Staaten „unterstützen“ die Ukraine massiv. Allerdings: Wenn es einen Begriff in den deutschen Medien gibt, der im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg geradezu mit Nachdruck nicht Verwendung findet, dann ist es der Begriff „Stellvertreterkrieg“. Ein Kommentar von Marcus Klöckner.

Der „Iran darf nicht zum Schauplatz von Stellvertreterkriegen werden“ – so sagte es laut Tagesschau Bundeskanzler Merz die Tage in seiner Rede auf der Internationalen Handwerksmesse in München.

Die Überschrift eines aktuellen Artikels der Neuen Osnabrücker Zeitung lautet: „Beginnt ein Stellvertreterkrieg? Russland liefert Infos über US-Militär an Iran“. Und in einem Beitrag des Deutschlandfunks unter der Dachzeile „Nahost-Konflikt“ – der Begriff „illegaler Angriffskrieg“ taucht nicht auf – ist zu lesen: „Das Regime in Teheran versucht außerdem Israels Sicherheit über ‚Stellvertreter‘ zu untergraben.“

Das sind drei Beispiele für etwas Bemerkenswertes. Sowohl Journalisten als auch Politikern ist der Begriff „Stellvertreterkrieg“ bekannt.

Nicht, dass es daran vom Grundsatz her Zweifel geben könnte – schließlich: Wer Journalist oder Politiker ist, sollte selbstverständlich wissen, was ein Stellvertreterkrieg ist. Allerdings: Wie ist es zu erklären, dass seit Jahren ein Stellvertreterkrieg vor der eigenen Nase stattfindet und Journalisten und Politiker den Krieg nicht als solchen bezeichnen?

Könnte es vielleicht nicht doch so sein, dass die überaus gebildeten Damen und Herren aus Politik und Medien den Begriff Stellvertreterkrieg noch nie gehört haben?

Auch wenn sich diese Frage aufdrängt: Sie ist absurd! Das Problem liegt an einer anderen Stelle.

Sowohl Politik als auch – besonders verwerflich – Medien benennen die Realität nicht so, wie sie ist, sondern so, wie sie zur Propaganda passt.

In der Ukraine darf der Krieg auf keinen Fall ein Stellvertreterkrieg vonseiten der USA und der NATO sein. In der Ukraine gibt es einen „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ Russlands. Punkt. Das ist die Position des politischen und medialen Mainstreams. Dabei spielt es keine Rolle, dass die CIA seit mindestens 2014 tiefenpolitisch in der Ukraine agiert. Es ist auch egal, wie stümperhaft die „Diplomatie“ des Westens im Ukraine-Konflikt aussieht (Warum wohl?).

Auch die geradezu gigantischen „Hilfen“ des Westens für die Ukraine, die massive militärische Unterstützung beinhalten inklusive der Lieferung militärischer Daten vom US-Stützpunkt in Wiesbaden, aber auch geheime Kommandostrukturen der USA in der Ukraine: Nichts davon und von vielem Weiteren führt in Politik und Medien dazu, den Begriff Stellvertreterkrieg zu gebrauchen.

Einmal heißt es der Realität angemessen in einem Beitrag von Focus Online: „Es ist der erste Stellvertreter-Krieg zwischen Russland und der Nato in Europa“ . Ansonsten: Der Begriff scheint in Bezug auf den Ukraine-Krieg regelrecht auf dem Index zu stehen.

Das ist beachtlich. Schließlich: Wie weitreichend ist der Ukraine-Krieg gerade auch für Deutschland?! Da trimmen deutsche Politiker das Land auf „Kriegstüchtigkeit“, wollen 1 Billion Euro bereitstellen und es heißt: „Russland wird für immer ein Feind für uns bleiben.“

Wenn es sich beim Krieg in der Ukraine auch um einen Stellvertreterkrieg handelt – und dem ist so –, dann ist es zentral, dass Journalisten und Politiker den Begriff in den Mund nehmen. Denn wenn klar wird, dass der „gute Westen“ die Ukraine als Rammbock gegen Russland nutzt, also selbst mit den Krieg forciert, fällt das Märchen vom bösen Russland, das sich ganz Europa einverleiben will, in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Das politische Großprojekt Kriegstüchtigkeit kann abgeblasen werden und das Geld in sinnvollere Projekte gesteckt werden.

Deutlich wird: Wo dringend von einem Stellvertreterkrieg zu sprechen wäre, verhalten sich Journalisten und Politiker so, als käme der Begriff nicht in ihrem Wortschatz vor. Kaum aber bietet Russland dem Iran aufgrund des illegalen Angriffskriegs der USA und Israels Unterstützung an, ziehen „die Guten“ den Begriff Stellvertreterkrieg schneller aus dem Zauberhut als ein Zauberer sein weißes Kaninchen.

So zeigt sich einmal mehr: Die vorgebliche Ignoranz und das vermeintliche Unwissen sind taktisch-strategisch motiviert. Alle wissen, was ein Stellvertreterkrieg ist. Alle wissen vom Stellvertreterkrieg in der Ukraine – aber sie dienen lieber der Propaganda als der Wahrheit.

Titelbild: noz / tagesschau

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