Der Krieg gegen den Iran droht das internationale Chaos weiter zu verschärfen. Unabhängig vom Ausgang der aktuellen Krise zieht der Angriff der USA und Israels schwerwiegende Konsequenzen für die Weltpolitik nach sich. Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der Zeitschrift Russland in der globalen Politik, sieht darin weniger eine Frage nach der Zukunft der Islamischen Republik. Vielmehr stehe die grundlegende Wahrnehmung dessen zur Debatte, was in den internationalen Beziehungen künftig als zulässig gilt. Dieser Konsens verschiebt sich – eine Entwicklung, die für die globale Stabilität nichts Gutes verheißt. Aus dem Russischen übersetzt von Éva Péli.
Zunächst gilt es festzuhalten: Die Berufung auf das Völkerrecht, das theoretisch das Fundament jeder Diplomatie bildet, ist hinfällig geworden. Als die Vereinigten Staaten in den Jahren 2002 und 2003 die Invasion im Irak vorbereiteten, hielten sie es noch für nötig, Zeit und Energie zu investieren, um eine entsprechende Resolution des UN-Sicherheitsrates zu erwirken. Das berüchtigte Reagenzglas des damaligen US-Außenministers Colin Powell, welches die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen beweisen sollte, wurde in einer rhetorisch akribisch inszenierten Sitzung vor den Vereinten Nationen präsentiert. Die Überzeugung der internationalen Gemeinschaft misslang zwar, doch galt dieser Versuch innerhalb der US-Administration zumindest als politisch geboten.
Heute kommt ein solches Vorgehen den Verantwortlichen gar nicht erst in den Sinn. Weder im vergangenen Sommer noch im aktuellen Fall haben die Initiatoren der Militäraktion bei internationalen Instanzen um Legitimation ersucht. Wenn in den USA derzeit die Frage der internen Rechtmäßigkeit debattiert wird – etwa, dass Trump nicht befugt gewesen sei, einem anderen Land ohne Zustimmung des Kongresses faktisch den Krieg zu erklären (eine Zustimmung, die George W. Bush für den Irak seinerzeit noch einholte) –, dann ist dies allein der innenpolitischen Lage in Washington geschuldet. Die völkerrechtliche Außenwirkung spielt keine Rolle mehr.
Völkerrecht am Ende: Vom Irak-Krieg 2003 zur heutigen Eskalation
Der diplomatische Prozess verkehrt sich unterdessen in sein diametrales Gegenteil. Sowohl dem zwölftägigen Krieg zwischen Israel und dem Iran im Juni 2025 als auch der jetzigen Aggression gingen intensive Verhandlungen voraus. Diese wirkten keineswegs wie eine bloße Inszenierung zur Ablenkung; es wurden reale Optionen zur Beilegung des Atomkonflikts erörtert. Dennoch schlugen die Gespräche in beiden Fällen – ohne formale Unterbrechung – unmittelbar in militärische Strafaktionen um.
Im Falle Israels ist dies gewissermaßen „ehrlich“, da dort nie ein Hehl daraus gemacht wurde, das iranische Regime vernichten zu wollen, und die Führung stets betonte, nicht an den diplomatischen Weg zu glauben. Die USA jedoch haben den Dialog offensichtlich zynisch instrumentalisiert, um den Gegner in falscher Sicherheit zu wiegen und ihn dann zu überrumpeln.
Diplomatie als Falle: Wie Washington Verhandlungen instrumentalisiert
Welche Lehren werden jene daraus ziehen, die sich in diplomatischen Prozessen mit Washington befinden oder solche vor sich haben? Die Antwort lautet: Absolut nichts ist mehr glaubwürdig. Vertrauen erweist sich als unmöglich; Verlass ist nur noch auf die eigene Stärke. Erforderlich ist mindestens ein Argument, das das Gegenüber schlicht nicht ignorieren kann.
Doch es kommt noch schwerwiegender. Das iranische Staatsoberhaupt wurde nicht nur durch einen Präzisionsschlag liquidiert – diese Tat wurde auch noch als triumphale Errungenschaft und Segen für die künftige Konfliktlösung gefeiert. Dabei war Ali Khamenei nach den Gesetzen seines Landes die legitime oberste Instanz eines UN-Mitgliedsstaates, der international nahezu universell anerkannt ist und als vollwertiger Akteur am Weltgeschehen teilnimmt – einschließlich der politischen Verhandlungen mit eben jenen Staaten, die seinen Tod herbeiführten.
Dass ein Staat das Oberhaupt eines anderen Staates gezielt ermordet und dies nach demselben Schema erfolgt, mit dem Anführer von Terrorzellen oder Drogenkartellen ausgeschaltet werden, verleiht der Weltpolitik eine völlig neue, gefährliche Dimension.
Gezielte Tötung von Staatschefs: Ein Bruch mit der internationalen Ordnung
Dies gilt selbst im Vergleich zu früheren Regimewechseln und deren gewaltsamen Endpunkten, wie dem Lynchmord an Muammar al-Gaddafi in Libyen oder der Hinrichtung Saddam Husseins im Irak. Beide Ereignisse resultierten zwar aus externen Militärinterventionen, doch Gaddafi starb durch die Hand libyscher Widersacher inmitten innerer Unruhen. Saddam Hussein hingegen fand sein Ende durch ein Urteil eines irakischen Gerichts – ungeachtet berechtigter Zweifel an der Objektivität dieses Verfahrens. Der Fall Iran markiert den Übergang zu einer Methode, die Israel bisher primär gegen die Führungsinstanzen von Hisbollah und Hamas praktizierte. Die Vereinigten Staaten stützen diesen Ansatz nun vollumfänglich.
Dieser Prozess demontiert die letzten stabilisierenden Elemente, die aus früheren Epochen der internationalen Beziehungen überdauert hatten. Die Akteure machen die Anerkennung staatlicher Legitimität nun von tagespolitischen Umständen oder persönlichen Zu- und Abneigungen abhängig. Das verwandelt die Weltpolitik in eine Form des „Russischen Roulettes“ und entzieht ihr das fundamentale Regelwerk. Es ist nicht so, dass früher alle Akteure stets nach Recht und Moral handelten – zumal Letztere je nach Kulturkreis ohnehin unterschiedlich interpretiert wird. Doch es existierten Rahmenbedingungen. Diese werden nun eingerissen.
Da dieser Prozess konsequent und beinahe fließend voranschritt, scheinen viele politische Eliten den Ernst der Lage noch nicht in seiner ganzen Dramatik erfasst zu haben. In diesen Kreisen gelten die Ereignisse lediglich als drastische, aber erklärbare Auswüchse aktueller Widersprüche. Doch diese Sichtweise teilen nicht alle. Die Schlussfolgerungen, die die Gegner der USA nun zwangsläufig ziehen, liegen auf der Hand:
- Diplomatie als Sackgasse: Verhandlungen mit den US-Amerikanern erscheinen nahezu zwecklos. Das Endergebnis verlangt stets die Kapitulation oder entlarvt sich als diplomatische Simulation, die lediglich die gewaltsame Lösung vorbereitet.
- Ultima Ratio: In einer Situation ohne Rückzugsweg und ohne die Aussicht auf Erhalt des Bestehenden legitimiert sich jedes verbleibende Argument – also jede verfügbare Form des „roten Knopfes“, sei er nun wörtlich oder im übertragenen Sinne gemeint.
Trumps Nahost-Strategie und die Lehren aus der Ära Saddam Hussein
Diese Erkenntnisse werden Bestand haben, ungeachtet der kommenden Ereignisse im Iran. Selbst wenn dort eine Form des „Social Engineering“ nach venezolanischem Vorbild gelänge – etwa durch eine Hinterzimmer-Absprache über eine für alle Seiten akzeptable Machtübergabe (was derzeit wenig wahrscheinlich wirkt) –, würde dies andere US-kritische Staaten nicht beruhigen. Der Mechanismus der gewaltsamen Unterwerfung ist nun etabliert. Er agiert weitaus härter als die „Farbrevolutionen“ der 2000er Jahre. Der Widerstand dagegen wird künftig entschlossener und verzweifelter ausfallen – mit Konsequenzen, die im schlimmsten Fall eine fatale Eigendynamik entwickeln.
Zuletzt weisen diese Ereignisse eine Dimension auf, die die gesamte Ordnung des Nahen Ostens betrifft. Hier lohnt erneut der Blick auf das Jahr 2003: Die Irak-Invasion markierte den Wendepunkt, an dem das regionale Gefüge des 20. Jahrhunderts zu zerfallen begann (ein Prozess, der bereits 1991 mit „Desert Storm“ einsetzte, damals jedoch im Schatten noch bedeutenderer Weltgeschehnisse stand). Der schnelle Sieg über Saddam Hussein erzeugte eine Euphorie und die Illusion, die gesamte Region nach US-amerikanischen Vorstellungen umgestalten zu können. In der Realität geschah das Gegenteil: Die Region wurde unsteuerbar, während Kräfte erstarkten, die zuvor außerhalb der strategischen Kalkulation standen. Paradoxerweise ermöglichte gerade die Zerschlagung des irakischen Regimes den Aufstieg des Irans, der schließlich zum heutigen Konflikt führte.
Sollte der Iran infolge der jetzigen Aggression transformiert werden, tritt die gesamte Region in eine neue Phase ein. Die Vision von Donald Trump und seinem Umfeld ist simpel: Eine militärische Vormachtstellung Israels, gekoppelt mit einer intensiven wirtschaftlichen Kooperation zwischen Israel und den Golfmonarchien – alles primär im Interesse der USA.
In diesem Kalkül stellt der Iran das zentrale Hindernis dar – sowohl als Bedrohung für seine Nachbarn als auch als eigenständiger Machtfaktor mit eigenen Allianzen. Gelingt die Zerschlagung oder massive Schwächung des Irans in seiner jetzigen Form, scheint dieser militärisch-kommerzielle Plan aufzugehen.
Doch die Lehren aus dem Irak-Krieg sollten als Warnung dienen. Der Iran ist ein zu gewichtiger, historisch verwurzelter Staat des Mittleren Ostens, als dass solche geopolitischen Experimente reibungslos verlaufen könnten. Trump soll Berichten zufolge lange gezögert haben, bevor er sich zur Kriegserklärung durchrang. Berater und Interessengruppen überzeugten ihn jedoch mit der Aussicht auf enorme Profite: Nicht nur die Kontrolle über die Golfregion, sondern ein direkter Einflusskorridor vom Kaukasus bis nach Zentral- und Südasien. Dies verspricht kommerzielle Möglichkeiten in einer neuen Größenordnung – ein Aspekt, der für das Weltbild Trumps und seiner Entourage entscheidend ist. Doch was auf dem Papier logisch erscheint, deckt sich in der harten Realität selten mit dem geplanten Verlauf.
Fazit
Das allgemeine Resümee fällt so ernüchternd wie unoriginell aus: Die Weltpolitik setzt verstärkt auf nackte Gewalt und erzwungene Unterwerfung. Alles andere sinkt zur Nebensache herab. Selbst die heuchlerischen moralischen oder ideologischen Vorwände finden kaum noch Verwendung. Die Bewertung dieser Entwicklung obliegt dem Einzelnen. Doch eine Ignoranz gegenüber diesen Fakten ist nicht länger möglich.
Veröffentlicht in der Rossijskaja Gaseta
Fjodor Lukjanow: Chefredakteur der Zeitschrift „Russland in der globalen Politik“ seit 2002, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik sowie Forschungsdirektor des Waldai-Klubs und Professor an der Higher School of Economics.
Titelbild: artemegorovv / Shutterstock





