Eine Art Bücherverbrennung in San Francisco. Soweit sind wir schon wieder.
Eine Art Bücherverbrennung in San Francisco. Soweit sind wir schon wieder.

Eine Art Bücherverbrennung in San Francisco. Soweit sind wir schon wieder.

Diana Johnstone
Ein Artikel von Diana Johnstone | Verantwortlicher: Redaktion

Diana Johnstone berichtet darüber in diesem Beitrag. Der Text wurde von Susanne Hofmann übersetzt. Albrecht Müller.

Diana Johnstone: Die Wandgemälde von San Francisco und der Selbstmord der Linken

Die Entscheidung der Schulbehörde von San Francisco (am 25. Juni 2019, NDS), die historischen Wandgemälde in der George Washington High School zu vernichten, ist nicht nur ein weiteres Beispiel für die Torheit der Identitätspolitik. Sie illustriert auch auf erschütternde Weise den drastischen geistigen Niedergang dessen, was man „die Linke” nennt, schreibt die US-amerikanische Journalistin und Autorin Diana Johnstone.

In den 1930er Jahren gab es noch eine Linke mit Verstand. Man konnte ihr zustimmen oder anderer Meinung sein, man konnte sie lieben oder hassen. In jedem Fall hatte sie Ideen, ein Ziel, Talent und einen Sinn für die Menschheit als Ganzes. Sie setzte sich für eine gerechte Gesellschaft ein, die der Ausbeutung ein Ende machen und dem Wohle der ganzen Menschheit dienen würde.

So gab es beispielsweise die künstlerischen Projekte der Works Progress Administration (WPA – Arbeitsbeschaffungsbehörde, die im Zuge des New Deal geschaffen wurde; Anmerkung der Übersetzerin), dem wichtigsten Programm des New Deal zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise, das von der Schaffung der Tennessee Valley Authority bis zur künstlerischen Aufwertung öffentlicher Gebäude reichte. Ein Begünstigter dieser Aufwertung war die George Washington High School in San Francisco, die mit einer bemerkenswerten Reihe von Wandmalereien des führenden Künstlers Victor Arnautoff gesegnet war. Er war ein russischer Einwanderer und hatte mit Diego Rivera, dem mexikanischen Meister der sozial engagierten Kunst, gearbeitet. Man sollte annehmen, dass diese beeindruckenden Wandmalereien in der Schule Lehrer und Schüler mit anhaltendem Stolz erfüllen würden.

Die WPA wurde, nicht zuletzt in ihren Kunstprojekten, von Linken, ja sogar regelrechten Kommunisten wie Arnautoff getragen, die es gewagt haben, vom sterilisierten „Ich kann nicht lügen” Kirschbaum-Mythos und der Verherrlichung von George Washingtons Überquerung des Delaware abzuweichen und an die vergessenen Opfer der Gründung der Vereinigten Staaten zu erinnern – an die Ausbeutung afrikanischer Sklaven und an die brutale Enteignung des Landes amerikanischer Ureinwohner. Die Wandbilder waren eindeutig Teil der Bemühungen linker WPA-Intellektueller, soziales Bewusstsein zu wecken – ein Schritt auf dem Weg zur Bürgerrechtsbewegung der 1950er Jahre.

Zu Zeiten des „Komitees für unamerikanische Umtriebe“ im Repräsentantenhaus und Joe McCarthys irrwitzigen Amoklaufs erregten derartige links eingefärbte WPA-Projekte, die die weniger glanzvolle Seite der Geburt der Republik ans Licht zerrten, feindseligen Verdacht. Und doch haben die Arnautoffschen Wandmalereien die Hexenjagd von Nixon, vom Komitee für unamerikanische Umtriebe und von McCarthy überlebt. Da brauchte es schon die Identitätspolitik, um zu ihrer Zerstörung aufzurufen.

Das Schockierendste ist, dass der afro-amerikanische Präsident der San Francisco Schulbehörde, Stevon Cook, diese Zerstörung der Wandgemälde befürwortet mit der Begründung, sie enthalten „brutale Bilder, die für bestimmte Gemeinschaften anstößig sind”. Joely Proudfit, die Direktorin des California Indian Culture and Sovereignty Center in San Marcos meinte, es lohne nicht, das Kunstwerk zu erhalten, wenn auch nur ein uramerikanischer Schüler „davon getriggert wird”.

An so einer Position ist alles falsch. Bildung sollte Menschen dazu befähigen, das, was sie sehen, zu analysieren und nicht lediglich „getriggert“ zu werden. Die gegenwärtige Welt ist vollgepfropft mit hochgradig verstörenden Bildern. Wenn ein Schüler erreichen kann, dass ein historisches Wandgemälde abgerissen wird, weil er oder sie davon „getriggert” wird, was soll das denn bitte für eine Vorbereitung für die Zukunft sein? Die Schule sollte kein „sicherer Raum” für Emotionen sein, sondern darauf vorbereiten, auf dem Lebensweg Emotionen mit Vernunft zu meistern. Jene, die die Wandbilder beseitigen möchten, haben die schlechtestmögliche Art der Interpretation dieser Wandbilder gewählt, statt sich ihres Denkvermögens zu bedienen, um sie zu verstehen und in ihren Kontext zu stellen. Ja, es gab die Sklaverei und ja, die amerikanischen Ureinwohner wurden abgeschlachtet. Und ihre Nachfahren können sich die Kraft vergegenwärtigen, die nötig war, um Widerstand zu leisten und zu überleben und sie können aus ihrer tragischen Geschichte Mitgefühl schöpfen für all jene, die heute unter vergleichbarer Ungerechtigkeit leiden. Der Angriff auf die Wandbilder ist eine Geste ohnmächtiger Boshaftigkeit.

Was sind die verletzten Gefühle eines Highschool-Schülers in San Francisco im Vergleich zum Schmerz und dem Hunger eines jemenitischen Kindes, das unter dem Bombenhagel lebt, der von den USA unterstützt wird? George Washington ist tot, doch in der Stadt, die seinen Namen trägt, finanziert die amerikanische Führung das Massaker an unschuldigen Zivilisten auf der ganzen Welt. Warum setzen diese super-empfindsamen amerikanischen Schüler ihr Feingefühl nicht dafür ein, sich den fortwährenden Verbrechen entgegenzustellen? Warum entwickeln sie ihre Intelligenz nicht, um herauszufinden, wie sie im gemeinsamen Kampf mit anderen den permanenten Krieg der Washingtoner Regierung beenden können?

Aber der Trend der Hypersensibilität (der „Generation Schneeflocke”) kann mit wirklicher Stärke nichts anfangen, mit der Kraft des Mutes, mit der sich Hindernisse überwinden lassen. Stattdessen saugt er künstliche moralische Stärke aus ewiger emotionaler Schwäche. Anstatt Stärke durch zunehmendes Wissen zu gewinnen, klammert sich eine gewisse Strömung junger Menschen, die im Gegensatz zu ihren Vorfahren NICHT gelitten haben, an ihre Opferrolle als Schlüssel zu ihren eigenen Privilegien. Dies mag ein paar flüchtige Vorteile bringen, ist aber auf lange Sicht verheerend.

Eine gesunde Gesellschaft beruht auf einer Balance zwischen der Achtung des Individuums, ganz unabhängig von seiner Identität oder seiner Herkunft, und dem Bewusstsein, Teil der Menschheit zu sein – mit all ihren Leiden, Freuden, Tragödien und Hoffnungen. Wenn man sich jedoch in einer begrenzten Identitätsgruppe abkapselt, verweigert man sowohl den Respekt vor dem Individuum als auch die Wahrnehmung der universalen Menschheit. Es kann nur Grundlage für endlose Konflikte sein, nach dem Motto „meine Leute sind besser als deine” – „nein, meine Leute sind besser als deine!”. Diejenigen, die einen kurzzeitigen Sieg “erlangen”, indem sie anderen den zerstörerischen Akt eines Bildersturms aufzwingen, bestätigen damit nur, dass ihr einziger Schlüssel zum Erfolg ihre Identifikation als „Verlierer” ist.

Solange derartige Spaltungen Bestand haben, wird sich das amerikanische Volk in Stammes-Scharmützeln aufreiben, während seine verbrecherischen Machthaber fortfahren, die Welt zu verwüsten.

Der Text wurde von Susanne Hofmann übersetzt und erschien zunächst auf globalresearch.ca.

Diana Johnstone lebt seit vielen Jahren in Paris und schreibt als freie Journalistin für verschiedene US- und internationale Medien. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, darunter „Die Chaos-Königin: Hillary Clinton und die Außenpolitik der selbsternannten Weltmacht“.

Titelbild: © Diana Johnstone

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