Ist das Corona-Virus der neue „Schwarze Schwan“?
Ist das Corona-Virus der neue „Schwarze Schwan“?

Ist das Corona-Virus der neue „Schwarze Schwan“?

Ein Artikel von Thomas Trares | Verantwortlicher: Redaktion

Nassim Nicholas Talebs Bestseller aus dem Jahr 2007 ist heute aktueller denn je – ein Buch über die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Weltweite Ausgangssperren, verwaiste Innenstädte, Produktionsstopps, tiefster Sturz des Ölpreises seit dem Zweiten Weltkrieg, mehr als sechs Millionen Erstanträge auf Arbeitslosengeld innerhalb einer Woche, Hilfspakete in Billionenhöhe, Corona-Bonds, Helikoptergeld, schwarze Montage und Donnerstage an den Aktienmärkten. Selbst erfahrene Experten bekennen: „So etwas habe ich so noch nicht erlebt.“ – Wenn solch ein Szenario Wirklichkeit wird, dann ist klar: in der Welt geht derzeit nicht nur ein Virus um, sondern auch der „Schwarze Schwan“. Von Thomas Trares.

Der Begriff geht zurück auf das gleichnamige Buch des libanesisch-amerikanischen Autors Nassim Nicholas Taleb. [1] Ein Schwarzer Schwan ist demnach ein Ereignis, das weit außerhalb der regulären Erwartungen liegt und enorme Auswirkungen hat. Zudem neigt die menschliche Natur dazu, im Nachhinein nach Erklärungen für das Unerwartete zu suchen, nicht jedoch im Voraus. Beispiele sind der 11. September, der Fall der Berliner Mauer oder die Erfindung des Internets. Für viele hat Taleb auch die Finanzkrise vorausgesagt – und dies nicht nur, weil sein Buch am Vorabend der Krise erschienen ist, sondern auch weil er darin die Modellfixierung der Ökonomen, die für den Ausbruch der Krise mitverantwortlich war, auf die Schippe nimmt.

Geschichte wiederholt sich

Und nun wiederholt sich die Geschichte wieder: Die Wirtschaft bricht ein, die Ökonomen reagieren verdutzt. „Wir haben es hier mit etwas zu tun, was natürlich Finanzmärkte überhaupt nicht einschätzen können. Die Ursache der Krise liegt ja weit außerhalb der Realwirtschaft und außerhalb dessen, was Finanzmärkte irgendwie in ihren Modellen einpreisen können“, sagte beispielsweise Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Diba, im Deutschlandfunk. Und in der „Phoenix-Runde“ meinte Professor Wolfgang Gerke vom Bayerischen Finanz Zentrum: „Wenn man sich dieses Jahr anschaut, dann haben die Profis erstmal alle daneben gelegen.“

Was also sind die Modelle der Ökonomen dann wert, wenn „alle daneben“ liegen? Nichts. „Sie sind komplett wertlos“, meint Taleb, der selbst an der Wall Street als Finanzmathematiker und Fondsmanager gearbeitet hat und sich stets weigerte, Prognosen abzugeben. Heute ist Taleb Professor für Risikoanalyse an der Universität von New York, sein Spezialgebiet ist der Umgang mit Phänomenen wie Zufall, Unsicherheit und Nichtwissen. Den Ökonomen hält er vor, dass ihre Modelle statistische Ausreißer systematisch ignorieren. Sie verwenden Daten aus der Vergangenheit und wollen damit die Zukunft voraussagen. Und dann kommt der Crash, der Schwarze Schwan, den keiner auf dem Zettel hatte. „Große Ereignisse haben keine Vorgänger“, sagt Taleb.

Mediokristan und Extremistan

Was genau er damit meint, verdeutlicht er anhand der Welten von Mediokristan und Extremistan: Wählt man 100 Menschen zufällig aus und misst deren Körpergröße, so wird das Hinzutreten des größten Mannes der Welt, selbst wenn er drei Meter groß wäre, den gemessenen Durchschnitt kaum verzerren. Dies ist die Welt von Mediokristan. Die größte Beobachtung mag hier zwar beeindruckend sein, für die Gesamtsumme bleibt sie aber bedeutungslos. Beispiele sind die Körpergröße, das Gewicht oder die tägliche Kalorienaufnahme von Menschen.

Ganz anders Extremistan. Erfasst man beispielsweise das Vermögen dieser 100 zufällig ausgewählten Menschen und fügt nun zu der Stichprobe den reichsten Mann der Welt hinzu, dann wird der Durchschnitt explodieren. Das ist die Welt von Extremistan, in der die Schwarzen Schwäne lauern. „In Extremistan ist niemand sicher“, sagt Taleb. Dort kann ein einzelnes Ereignis alle anderen dominieren. Taleb meint nun, dass die Finanzmärkte den Gesetzen von Extremistan gehorchen, die Modelle der Ökonomen aber die heile Welt von Mediokristan abbilden. „Leute, die das Pech hatten, eine Ausbildung in der traditionellen Statistik durchzumachen, glauben, dass wir in Mediokristan leben.“

Taleb wendet die Metapher des Schwarzen Schwans aber nicht nur auf die Finanzmärkte an, sondern auf alle Ereignisse, die Regeln radikal verändern. „Eine kleine Zahl Schwarzer Schwäne erklärt so ziemlich alles in unserer Welt, vom Erfolg von Ideen und Religionen über die Dynamik geschichtlicher Ereignisse bis zu Elementen unseres persönlichen Lebens.“

Parallelen zur Coronakrise

Und vieles von dem, was Taleb schreibt, ist auch auf die heutige Situation in der Corona-Krise anwendbar. So hatte er bei Ausbruch des Libanon-Krieges (für Taleb ein Schwarzer Schwan, der aus dem Nichts aufgetaucht war) beobachtet, dass sich die Erwachsenen um ihn herum sicher waren, dass der Konflikt „schon in ein paar Tagen“ vorbei sein würde. Der Krieg dauerte schließlich 15 Jahre. „Die Dynamik des Libanonkonflikts war offensichtlich nicht vorhersehbar gewesen, aber fast alle, denen die Sache wichtig war, schienen überzeugt zu sein, dass sie wissen, was vor sich geht.“

Ähnlich könnte es heute auch all jenen gehen, die in der Coronakrise an eine baldige Rückkehr zur Normalität glauben. Und dabei stellt das Coronavirus noch das geringste Problem dar. Denn dieses gehorcht Naturgesetzen und fällt damit in die Welt von Mediokristan. Dort sind die Auswirkungen halbwegs abschätzbar. Beim „Shutdown“ des öffentlichen Lebens jedoch sind sie es nicht. Soziale Phänomene fallen in die Welt von Extremistan, sie sind wilden Zufällen unterworfen.

Prophetisch kommen heute auch Talebs Ausführungen zur Globalisierung daher: „Die Globalisierung könnte den Anschein von Effizienz erwecken, doch die dabei wirkende Leverage und Interaktion zwischen den Teilen werden dazu führen, dass kleine Risse an einer Stelle sich durch das ganze System ausbreiten.“

Kein Schwarzer Schwan

Taleb macht aber auch klar: Wer oder was ein Schwarzer Schwan ist, kann nicht allgemeingültig definiert werden. Vielmehr hängt es vom Wissen und den Erwartungen ab. Für die New Yorker waren die Anschläge vom 11. September ein Schwarzer Schwan, nicht aber für die Attentäter. Für modellgläubige Ökonomen war die Finanzkrise ein Schwarzer Schwan, nicht aber für Taleb. Für ihn war die Krise lediglich „das Ergebnis von Fragilität von Systemen, die blind gegenüber Schwarzen Schwänen sind“.

Inzwischen hat sich Taleb auch zur Corona-Pandemie geäußert. In einem Gastbeitrag für die „Neue Zürcher Zeitung“ [2] schreibt er: „Manche bezeichnen die Pandemie … als Schwarzen Schwan – also ein völlig unerwartetes Ereignis, auf das nicht vorbereitet zu sein entschuldbar ist. Damit spielen sie auf das Buch ´Der schwarze Schwan´ an. Hätten sie das Buch wirklich gelesen, dann wüssten sie, dass eine globale Pandemie dort klar und deutlich als weißer Schwan figuriert – als ein Ereignis, das mit Gewissheit irgendwann eintreffen wird. Solche Pandemien sind unvermeidlich, sie resultieren aus der Struktur der modernen Welt; und ihre wirtschaftlichen Folgen werden noch gravierender infolge der zunehmenden Verflechtung und der übertriebenen Optimierung.“

Titelbild: Lubos Chlubny/shuttestock.com


[«1] Der Begriff geht ursprünglich auf die Entdeckung schwarzer Schwäne Ende des 17. Jahrhunderts in Westaustralien zurück, was für die Briten, die aus Europa nur weiße Schwäne kannten, seinerzeit ein sensationelles Ereignis war.

[«2] nzz.ch/feuilleton/kein-schwarzer-schwan-nassim-taleb-ueber-die-corona-pandemie-ld.1548877

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