Der Oscar für die schlechteste Idee geht an Hollywood
Der Oscar für die schlechteste Idee geht an Hollywood

Der Oscar für die schlechteste Idee geht an Hollywood

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Hollywood, die Traumfabrik. Hier wurden so großartige Filme wie „Der Pate“, „Das Schweigen der Lämmer“ oder „The Kings Speech“ gedreht – Filme, die mit dem Oscar als beste Filme des Jahres ausgezeichnet wurden. Ab 2024 dürfte keiner dieser Filme mehr einen Oscar bekommen. Ab dann gelten nämlich die neuen „Diversitätsregeln“. Als bester Film darf dann nur nominiert werden, wer verschiedene Kriterien in Sachen „Diversität“ einhält, also beispielsweise mindestens einen Hauptdarsteller hat, der einer ethnischen Minderheit angehört oder ein Thema hat, das politisch korrekt ist, sich also entweder für Frauen, ethnische Minderheiten, die Belange von Homosexuellen und Genderthemen oder geistig und körperlich Behinderte einsetzt. Von den zehn Nominierten in diesem Jahr würde übrigens nur ein einziger Film diese beiden Kriterien erfüllen. Das ist Propaganda im Namen der Identitätspolitik, viel Spaß im schönen neuen Kino. Von Jens Berger.

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In was für einer schlimmen, von alten weißen Männern kontrollierten Welt wir doch leben, zeigte die letzte Oscar-Verleihung. Als bester Film wurde ausgerechnet das südkoreanische Kunstwerk „Parasite“ ausgezeichnet, in dem es um zwei koreanische Familien und die immer dramatischer werdende Spaltung zwischen Arm und Reich geht. Ein Thema, das ohnehin in internationalen Produktionen nur eine Randerscheinung ist und künftig wohl endgültig den sogenannten Identitätsthemen untergeordnet werden dürfte. Auf der Liste der Themen, die eine Oscar-Nominierung ermöglichen, sind die Themen „Armut“ und „soziale Spaltung der Gesellschaft“ zumindest nicht zu finden. Das sehenswerte deutsche Sozialdrama „Systemsprenger“ schaffte es in diesem Jahr noch nicht einmal auf die Oscar-Shortlist für den besten fremdsprachigen Film und nach den neuen Kriterien würde auch „Parasite“ nicht mehr nominierungsfähig sein.

Wer heute ausgezeichnet werden will, muss sich auch thematisch dem Zeitgeist anpassen – wie beispielsweise der Film „Moonlight“, ein aus Diversitätssicht kaum zu toppendes Coming-Age-Drama über einen schwulen Afroamerikaner. Es gibt aber keinen plausiblen Grund, warum nur ein Film, bei dem die Hauptrollen ethnisch vielfältig besetzt sind oder der ein politisch korrektes Thema hat, ein großer Film sein kann.

Wie glaubhaft wäre ein Film wie „Der Pate“, wenn man den italienischstämmigen – also weißen – Mafiapaten nicht mit Marlon Brando, sondern mit einem farbigen Schauspieler besetzt hätte oder ein Genderthema in den Plot eingestreut hätte? Wie soll man in Filmen mit historischer Vorlage eine Diversität zaubern, die den historischen Tatsachen zuwiderläuft? Die Rennfahrer Carroll Shelby und Ken Miles (Le Mans 66 – Nominierung 2020), Dick Cheney (Vice – Der zweite Mann, Nominierung 2019), Winston Churchill (Die dunkelste Stunde, Nominierung 2018) oder Georg VI. (The Kings Speech, Oscar 2011) waren nun einmal „leider“ weiß und dazu auch noch heterosexuell. Wären die in den letzten beiden Jahren nominierten Antikriegsfilme 1917 oder Dünkirchen besser, wenn die Protagonisten farbig wären oder man deren homosexuelle Neigungen thematisiert hätte? Die dargestellten britischen Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg waren nun einmal in überwältigender Mehrheit weiß und heterosexuell. Soll Denzel Washington künftig Winston Churchill spielen? Sicher würde Washington das hinbekommen, aber warum? Zynisch könnte man sagen: Das moderne Hollywood ist offenbar „No Country for Old Men”.

Die politisch korrekte Verzerrung von Geschichte und Gegenwart im Medium Film nimmt von Tag zu Tag groteskere Züge an. Da nimmt HBO den – ebenfalls mehrfach oscarprämierten – Filmklassiker „Vom Winde verweht“ aus dem Programm, weil das Werk negative farbige Stereotype zeigen soll und damit rassistisch sei. James Bond steht ja schon lange im Fokus der politisch korrekten Kritik. Soll Bond – den Romanvorlagen nach ein britischer Upper-Class-Snob mit Eton-Ausbildung – künftig von einem Farbigen oder besser noch von einer Frau dargestellt werden? Das ist zumindest aus der Propaganda-Perspektive erstaunlich, da die Filmfigur Bond ja durchaus mit negativen Stereotypen gezeichnet ist und man sie streng genommen sogar als das Urgestein cineastischer toxischer Männlichkeit bezeichnen könnte. Wäre eine Ms. Bond dann toxisch weiblich? Sicher nicht. Ein netter, empathiefähiger Bond wäre aber nicht mehr der James Bond, für den die Filme berühmt und beliebt sind. Mir wäre auch neu, dass es Forderungen gibt, die James-Bond-Bösewichte künftig ethnisch oder gendermäßig korrekt darzustellen – zumindest für diesen Part gibt es also noch Zukunft für alte weiße Männer. Willkommen in der neuen Hollywood-Welt, in der alle Unsympathen und Mörder weiße Männer und alle Helden entweder farbig, schwul oder weiblich sind. Propaganda in Dolby Cinema. Wenn das mal nichts ist?

Sicher, das Medium Film war schon immer von größtem Interesse für die Propaganda. Dabei gab es ganz große Propagandafilme wie Eisensteins Werke „Panzerkreuzer Potemkin“ und „Alexander Newski“ und ganz miese Propagandaschinken wie die Bruckheimer-Blockbuster „Top Gun“ und „Pearl Harbor“. Nun hätten wohl weder Sergej Eisenstein noch Jerry Bruckheimer ein großes Problem damit, wenn man ihre Werke als Propaganda bezeichnet. Dass auch Filme, die vor Diversität nur so strotzen, eine Form der Propaganda sein können, würde ganz Hollywood jedoch sicher in aller Form von sich weisen. Doch genau das ist der Fall. Man will die Menschen über die Kultur zu einem größeren Verständnis für ethnische Minderheiten, Diversität und sexuelle Identitäten zwingen. Das ist ja sicherlich ein löbliches Motiv, das jedoch nicht die Mittel rechtfertigt. Die Kunst ist frei und muss frei bleiben.

Es ist ja nicht so, dass es einen Mangel an – auch guten – Filmen zu diesen Themen gäbe. Viele davon wie Asphalt Cowboy (Homosexualität – 1969), Boys don´t Cry (Transsexualität – 1999), Mississippi Burning (Rassismus – 1989) oder Rainman (geistige Behinderungen – 1988) wurden, sogar lange bevor der Zeitgeist dies diktierte, gedreht und allesamt in zumindest einer Kategorie auch mit dem Oscar prämiert. Mit Denzel Washington, Jamie Foxx, Idris Elba oder Mahershala Ali gibt es auch zahlreiche farbige Schauspieler aus der Champions League, allenfalls bei den farbigen Schauspielerinnen gibt es in der Tat noch Nachholbedarf, es ist jedoch fraglich, ob sich dies durch die neuen „Diversitätskriterien“ ändert.

Es gibt jedoch auch ein Leben und Themen jenseits von Minderheiten, die sich für erzählenswerte Geschichten und gute Filme eignen, und es wäre jammerschade, wenn diese Geschichten nun nicht mehr die Möglichkeit bekommen, für ein größeres Publikum verfilmt zu werden. Aber am Ende des Tages ist dies natürlich auch eine Chance. Wenn Hollywood sich dem Diktat der politischen Korrektheit unterwerfen will, wird es über kurz oder lang nur seine eigene kulturelle Dominanz aufs Spiel setzen. So spielte der politisch überaus korrekte – und ja auch gute – Film „Moonlight“ international trotz der Oscar-Auszeichnung als bester Film nur 65 Millionen US-Dollar ein. Zum Vergleich – der politisch nicht ganz korrekte, aber immerhin in diesem Jahr oscarnominierte Film „Joker“ spielte mehr als eine Milliarde US-Dollar ein. Letzten Endes entscheidet das Publikum nun einmal selbst, für was es sein Geld ausgeben will und ethnische oder LGBTQ-Themen mögen ja das linksidentitäre Feuilleton vor Freude juchzen lassen – das breite Publikum interessiert sich dann doch eher für Storys, die ohne Erziehungsauftrag daherkommen. Und wenn wir mal die anspruchsvolleren potentiellen Oscar-Kandidaten beiseitelassen, regiert im Blockbuster-Bereich ohnehin ein intellektuelles Niemandsland, mal mit weniger, mal mit mehr Propaganda zwischen den Bildern. Hollywood und die großen Studios wird es auch mit Propaganda-Regeln für die Oscars weiterhin geben; gute Geschichten werden es dort aber schwerer denn je haben.

Wenn Hollywood künftig die Regenbogenfarben der Propaganda schwingt, werden gute Drehbücher, die an den „Diversitätskriterien“ scheitern, halt in anderen Ländern verfilmt werden. Und wer weiß – vielleicht ist das ja der Anfang des Endes der kulturellen Dominanz der USA?

Vielleicht hat sich der Oscar ja auch ohnehin schon überlebt. Zumindest in den letzten Jahren ließen sich die Voten der Jury nicht immer nachvollziehen und der Eindruck, dass Hollywood schon länger zu bemüht ist, „gut“ zu sein, wird da ebenfalls eine Rolle spielen – nicht ohne Grund hat in diesem Jahr ausgerechnet ein südkoreanisches Sozialdrama die Academy überzeugen können.

Titelbild: Featureflash Photo Agency/shutterstock.com

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