Kommentar zu: Der Fall Nawalny und Deutschland. – Ob die Geschichte sich wiederholt?

Marco Wenzel
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Ich habe den Beitrag von Frau Dr. Hadinger gelesen; er ist in der Tat interessant und in weiten Teilen auch richtig – was Nawalny betrifft. Den Vergleich der beiden Vorgänge Lenin und Nawalny finde ich allerdings höchst unpassend und weit hergeholt. Er setzt Lenin und seine Person in ein falsches Licht und suggeriert, dass er ein bezahlter Agent der deutschen Obersten Heeresleitung gewesen sei. Davon kann jedoch keine Rede sein. Von Marco Wenzel.

Die Beendigung des Krieges und die Rückkehr der Truppen nach Hause war das große Thema in den russischen Schützengräben, lange bevor Lenin im April 1917 in Petrograd eintraf. Die Beendigung des Krieges war stets eine der wichtigsten Forderungen der Bolschewiki. Die russischen Truppen in den Schützengräben führten ein armseliges Leben in Kälte und Nässe, unzureichender Kleidung und unzureichenden Essensrationen. Sie hatten schon lange keine Lust mehr, ihr Leben für die Kriegsziele des Zaren und der Entente zu geben, für einen Zar, der das Land in die Verarmung getrieben hatte und ihnen und ihren Familien kaum noch das Überleben sichern konnte. Sie wollten schnellstmöglich wieder nach Hause, zu ihren Familien und ihre Felder bestellen, denn die meisten von ihnen waren arme Bauern. Mit den Kriegszielen des Zaren hatten sie nichts zu tun.

Der Krieg verlief indes nicht so, wie Deutschland es sich erhofft hatte. Der Krieg an zwei Fronten war nicht mehr lange auszuhalten. Die Oberste Heeresleitung (OHL) unter Hindenburg und Ludendorff suchte spätestens seit 1916 eine Möglichkeit, die Ostfront zu entlasten, um Truppen zur Unterstützung an die Westfront verlegen zu können. Nach dem Sturz des Zaren im Februar 1917 führte, zur großen Enttäuschung der OHL, aber auch der russischen Soldaten, die provisorische Regierung den Krieg weiter fort. Die bereits gegründeten Sowjets standen unter der Führung der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre und unterstützten den Kurs der Regierung.

Der bolschewistische Flügel der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die von Lenin gegründet und auch geführt wurde, hatte seit Kriegsbeginn gegen den Krieg polemisiert und mobilisiert. Nach dem Sturz des Zaren wollte Lenin, der gerade in der Schweiz im Exil weilte, schnellstmöglichst nach Petrograd, um dort Einfluss auf die Ereignisse in Russland nehmen zu können. Aber das war inmitten der Kriegswirren ein schwieriges Unterfangen. Lenin und seine Begleiter waren ja alle Russen und damit zugleich Feinde Deutschlands. Und auch die Reise quer durch Russland bis nach Petrograd, sollten sie es denn bis an die russische Grenze schaffen, war ein schwieriges Unterfangen. Lenin war zumindest in Russland einigermaßen bekannt. Eine russische Reisegesellschaft wäre sowohl in Deutschland als auch in Russland unvermeidlich aufgefallen und wahrscheinlich verhaftet worden. Daher die Idee mit dem Sonderzug unter deutscher Bewachung bis zur finnischen Grenze. Die OHL brachte Lenin nach Russland in der Hoffnung auf einen Separatfrieden. Und sollte das nicht gelingen, so würde Lenin doch zumindest, so hofften sie, Propaganda gegen den Krieg machen und damit den Kampfeswillen der russischen Truppen schwächen. Insofern, und auch nur insofern, deckten sich die Interessen Lenins auf der Suche nach einer Möglichkeit, nach Petrograd zu reisen, mit den Hoffnungen der OHL auf eine Entlastung der Ostfront.

Es ist wahrscheinlich, dass die OHL den Zug auch bezahlt hat. Anders wollten sie Lenin, auch schon aus Geheimhaltungsgründen, nicht reisen lassen. Der „plombierte Zug“ war nicht plombiert, sondern stand unter dem Schutz und der Bewachung der OHL. Aber nicht, weil diese befürchteten, Lenin und seine Genossen würden unterwegs abhauen, sondern weil zu befürchten stand, dass eine nicht in die Pläne eingeweihte Polizei sie unterwegs verhaften würde. Nun ist ein Sonderzug vielleicht für den Einzelnen kostspielig, im Vergleich zu den Kriegskosten ist es aber gar nichts. Es ging der OHL ja darum, die Kampfkraft des Gegners zu schwächen. Nach der Oktoberrevolution kam es im Dezember 1917 zu einem Waffenstillstand und im März 1918 wurde der Friedensvertrag von Brest-Litowsk unterzeichnet. Wenn man so will, ist der Plan der OHL sogar aufgegangen.

Was die Russische Revolution anbelangt, so hatte die Oberste Heeresleitung (OHL) sich die Sache anders vorgestellt. Sie hatte keinen Augenblick auch nur gedacht, dass Lenin eine proletarische Revolution in Russland gelingen würde, ja sie hatte nicht einmal gedacht, dass er das beabsichtigen würde. Es galt in jenen Tagen selbst in sozialistischen Kreisen die Theorie, dass eine sozialistische Revolution nur in einem kapitalistisch hochentwickelten Land gelingen könnte. Erst müsse die Macht an die einheimische Bourgeoisie übergeben werden, damit diese die Produktivkräfte entwickele und damit den Grundstein für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft lege. Die Revolution würde demnach in Etappen stattfinden. Auf Russland übertragen hieß das, dass nach dem Zarismus zuerst eine russische Bourgeoisie die Macht übernehmen müsse. Man stellte sich also die Sache so vor, dass die Bolschewiki eine Regierungsbeteiligung anstreben und lediglich als linker Flügel einer bürgerlichen Regierung fungieren würde.

Die These, dass in einer unterentwickelten Gesellschaft die „kapitalistische Phase“ übersprungen werden müsse, da die Bourgeoisie dort teilweise inexistent war und nicht die Fähigkeiten habe, aus eigener Kraft die Produktionsmittel in erforderlichem Maße zu entwickeln, und auch nicht bereit sei, eine bürgerliche Gesellschaft aufzubauen, ist schon bei Marx zu finden. Es war aber erst Trotzki, der sie wieder aufgriff und weiterentwickelte. Die nationale Bourgeoisie habe ihre fortschrittliche Rolle verloren und würde in einem rückständigen Land wie Russland die notwendigen demokratischen Reformen nicht vornehmen. Hierin waren Lenin und Trotzki durchaus lange Zeit unterschiedlicher Meinung. Als Lenin aber nach seiner Ankunft in Petrograd, durchaus auch zur Überraschung der anwesenden Bolschewiki, darunter nicht zuletzt auch Stalin, der zu dieser Zeit noch die Annäherung an die provisorische Regierung und an die Menschewiki betrieb, seine berühmten Aprilthesen verkündete, war klar, dass auch Lenin inzwischen die sofortige Machtübernahme durch die Arbeiterklasse und die Errichtung eines Arbeiterstaates anstrebte.

Aber Lenin forderte auch die sofortige Beendigung des Krieges, was bei der kriegsmüden Bevölkerung auf große Begeisterung stieß. In diesem Sinn, und nur in diesem Sinn, hat Frau Hadinger recht, wenn sie schreibt: ““Er arbeitet völlig nach Wunsch” – freuten sich unsere Diplomaten.“

Ebenso abstrus ist die Aussage: „Lenin erhielt seinerzeit schriftliches Propagandamaterial aus Berlin.“ Lenin war ein marxistischer Theoretiker und Revolutionär, seine theoretischen Schriften umfassen 24 Bände. Lenin hatte seine eigenen Vorstellungen darüber, was er in Petrograd tun müsse, er brauchte mit Sicherheit keine Instruktionen aus Berlin.

Lenin war auch kein “deutsches Projekt”, wer die Schriften Lenins seit seiner Jugend liest, weiß, dass er den Sturz des Zaren und die proletarische Revolution bereits mit der Gründung der Bolschewiki im Jahre 1903 beharrlich verfolgte. Lenins Bruder war Anarchist und wurde vom Zarenregime hingerichtet. Lenin brauchte von den Mittelmächten nur freies Geleit nach Russland und er nahm von ihnen auch nichts anderes an, schon gar keine Bezahlung. Dass die OHL auf einen Separatfrieden hoffte oder dass er zumindest Unruhe in Russland stiften würde, den russischen militärischen Widerstand schwächen und damit die Ostfront entlasten, das dürfte klar sein. Aber das war ihre Sache. In diesem Sinne war die OHL der Russischen Revolution sogar dienlich. Die siegreiche Sowjetunion wurde zum größten Gegner der Mittelmächte und nicht zu derem Verbündeten.

Gegner der Bolschewiki haben später regelmäßig versucht, die Geschichte mit dem Zug auszuschlachten, und behauptet, Lenin sei ein deutscher Agent gewesen und er habe sogar noch obendrein 40 Millionen Goldmark von der OHL erhalten. Eine Behauptung, die haltlos ist und für die nie irgendein Beweis erbracht wurde.

Der russische Zar Nikolaus II. war während der Februarrevolution gestürzt und seine Familie entmachtet worden. Er wurde nicht gleich nach Lenins Ankunft hingerichtet, wie Frau Hadinger schreibt, sondern erst am 17. Juli 1918 und zwar in Jekaterinburg, bei der Evakuierung der Stadt nach einem Angriff der Weißen Armee. Und auch das ohne Wissen der bolschewistischen Regierung und schon gar nicht auf deren Befehl hin, denn diese hatte die Absicht, ihn vor ein revolutionäres Volksgericht zu stellen. Der Ankläger sollte übrigens Leo Trotzki sein, der erste Außenminister der Sowjetunion und Gründer der Roten Armee.

Die Machtübernahme der Bolschewiki geschah auch nicht im Chaos, das zu veranstalten, Lenin angeblich beauftragt worden war. Es war gerade das Chaos, das die Bolschewiki unter Lenins Führung meisterhaft vermieden, denn im Chaos kann man keine Revolution erfolgreich durchführen. Die Machtübernahme der Bolschewiki war im Gegenteil ein geordnetes Vorgehen in den Monaten von Februar bis Oktober 1917, ein ständiges und geduldiges Abwägen und Suche nach dem richtigen Zeitpunkt für die Machtübernahme mit möglichst geringem Blutvergießen und Verlusten. Ruhe und Disziplin zu bewahren, gehörte zu den Tugenden der Bolschewiki. Die Revolution ist gerade deshalb erstaunlich unblutig verlaufen. Ich empfehle dazu die Lektüre von John Reed, einem amerikanischen Reporter, der zu der Zeit in Petrograd anwesend war und ein legendäres Buch mit dem Titel “Zehn Tage, die die Welt erschütterten” darüber geschrieben hat.

Frau Hadinger schreibt: „Er hat sie (die Macht) übernommen und als Folge fegte das große Morden über das Land. Und es riss ganz Europa mit.“ Die siegreichen Bolschewiki haben kein Blutbad unter ihren Gegnern angerichtet, wie Frau Hadinger vielleicht meint, im Gegenteil, sie haben sie geschont. Die Blutbäder im anschließenden Bürgerkrieg haben stets die weißen Truppen veranstaltet, und diese sind auch von den Mittelmächten dafür unterstützt worden.

Die Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion und die Ermordung der politischen Gegner begannen erst nach Lenins Tod (1924) und nach der Machtübernahme von Stalin. Sie gipfelten in den Moskauer Prozessen im Jahre 1933, da war der erste Weltkrieg längst zu Ende.

Lenin stand auf der anderen Seite von Nawalny, Lenin war ein marxistischer Theoretiker und Revolutionär, Nawalny ist ein Faschist im Dienste des Kapitals. Nawalny wird vom Kapital bezahlt, Lenin hat das Kapital zeit seines Lebens bekämpft. Genau so gut könnte man Fidel Castro als CIA-Agenten verdächtigen.

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