Ausgerottet – Die Weltnaturschutzkonferenz 2021 in Kunming
Ausgerottet – Die Weltnaturschutzkonferenz 2021 in Kunming

Ausgerottet – Die Weltnaturschutzkonferenz 2021 in Kunming

Ein Artikel von Timm Koch | Verantwortlicher: Redaktion

Schon mal was vom Verlust der natürlichen Biodiversität gehört, vom globalen Artensterben? Sicherlich. Es gibt ja kaum eine Sonntagsrede, in der nach dem Schlagwort Klima nicht ein kurzer Nebensatz zu dieser Tragödie folgt. Wie aber sieht es mit Kunming aus? Die Stadt des ewigen Frühlings, Hauptstadt der südchinesischen Provinz Yúnnán, ist Gastgeberin der 15. Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD), die coronabedingt mit einem Jahr Verspätung vom 11. bis zum 24. Oktober 2021 stattfinden wird. Hand hoch, wer es gewusst hat! Während es in der deutschen Medienlandschaft von selbsternannten „Klimaschützern“ mittlerweile nur so wimmelt, findet die Berichterstattung über den globalen Naturschutz unter ferner liefen statt. Von Timm Koch.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die Art Mensch (Homo sapiens) gehört zu den wenigen Vertretern der irdischen Megafauna, deren Population (noch) nicht in irgendeiner Form vom Aussterben bedroht, sondern im Gegenteil weiterhin im Wachstum begriffen ist. Anders sieht die Situation beim Asiatischen Elefanten (Elephas maximus) aus, dessen Verbreitungsgebiet sich einst vom Osten des heutigen Chinas, quer über den indischen Subkontinent, bis nach Syrien erstreckte und heute nur noch mosaikhaft vorhanden ist. Während das Riesenland China etwa über eine Milliarde Vertreter der Art Mensch beherbergt, ist die Anzahl seiner Elefanten auf weniger als 250 Individuen zusammengeschmolzen.

Da menschliche Proteste von den chinesischen Behörden nicht gern gesehen werden (die Facebook-Seite von Extinction Rebellion China zählt gerade mal 133 Likes), haben es nun die Elefanten in die Hand genommen, auf den globalen Verschleiß der Biodiversität, von dem sie selbst massiv betroffen sind, aufmerksam zu machen. Eine Abordnung von fünfzehn Vertretern entkam aus dem Naturreservat Mengyang, machte sich auf einen mehr als 500 Kilometer langen Marsch nach Kunming und konnte sich regen Medieninteresses sicher sein. Als sie Anfang Juni die Außenbezirke von Kunming erreichten, hatten sie auf ihrem Weg angeblich Grünzeug im Wert von über einer Million Euro verputzt.

Die Wanderung der Elefanten macht einen wesentlichen Gesichtspunkt des Problems deutlich: Den Erhalt der Natur auf Schutzgebiete zu beschränken, ist ein sehr zweifelhafter Ansatz. Dieser wurde seinerzeit wohl nicht zufällig vom amerikanischen Agrarwissenschaftler und Friedensnobelpreisträger (1970) Norman Borlaug propagiert. Der Schöpfer von Hochertragsweizen gilt als Vater der sogenannten Grünen Revolution. Die einen sehen in ihm den Ernährer der Menschheit. Für die anderen steht er für genau die Dinge, die die moderne Landwirtschaft in den Ruf gebracht haben, zu den größten Vernichtern der Artenvielfalt zu zählen: den Einsatz von Kunstdünger, von Pestiziden, schwerem Gerät und Gentechnik.

Joachim Müller-Jung von der FAZ, der die Probleme von Bienen und anderen Bestäuberinsekten durch Pestizide als „Veschwörungstheorie“ brandmarkt, sieht in der 2014 an Krebs (!) gestorbenen Ikone der industrialisierten Landbewirtschaftung einen Mann, der „mindestens einer Milliarde Menschen das Leben gerettet hat“ (FAZ 3.1.2015). Im allgemeinen Geschwafel um die Ernährung der Weltbevölkerung wird gerne unterschlagen, dass von der Landwirtschaftsindustrie riesige Mengen Lebensmittel für die Massentierhaltung, für Bioenergie oder direkt für den Müll produziert werden, während die Fütterung der Milliarden tatsächlich weiterhin in der Hauptsache durch das gebeutelte Kleinbauerntum erfolgt.

Auf der anderen Seite sehen wir – vor allem in Afrika – eine Militarisierung des Naturschutzes (z.B. im Virunga Nationalpark, Demokratische Republik Kongo), die Vertreibung von Naturvölkern (z.B. die Massai aus der Serengeti, Kenia) und eine ungute neue Industrie, die darauf setzt, mit Fahrzeugkolonnen voll zahlungskräftiger Ökosafaritouristen die letzten Rückzugsgebiete der Wildtiere unsicher machen. – Ganz zu schweigen vom gern propagierten, aber dennoch äußerst zweifelhaften Nutzen für genau diese Wildtiere, wenn sie von reichen Trophäenjägern abgeknallt werden. In anderen Schutzgebieten hingegen, wo solche Auswüchse weniger krass stattfinden, wird Naturschutz gerne mal als unnützer Luxus betrachtet und der „Schutz“ findet einfach nicht statt. Dieses Phänomen lässt sich unter anderem in deutschen Naturschutzgebieten beobachten, wo die Forstindustrie ungehindert ihren Machenschaften nachgehen kann. So dass beispielsweise die für den Artenschutz so immens wertvollen Altbäume in Deutschland sozusagen nicht mehr existieren. Selbst in deutschen Nationalparks findet nach wie vor die Jagd statt. Sie wird dort nur anders genannt und heißt dann halt „Wildtiermanagement“.

Erklärtes Ziel der Konferenz von Kunming ist, dass die Menschheit bis zum Jahr 2050 „in Harmonie mit der Natur leben“ soll. Was die Pariser Konferenz von 2015 für das Klima, soll Kunming 2021 für die Biodiversität werden. Elf Jahre nach der 2010 stattgefundenen CBD-Konferenz im japanischen Nagoya sollen in Kunming neue, noch ambitioniertere Naturschutzziele anvisiert werden. Nagoya liegt in der Präfektur Aichi. Nach ihr sind die Aichi-Ziele benannt, die in Nagoya formuliert wurden. Diese zwanzig Kernziele klangen damals recht ambitioniert. Bis 2020 sollten unter anderem 27 Prozent der Oberfläche unseres Planeten unter Schutz gestellt worden sein (10 Prozent der Meere und Küstengebiete und 17 Prozent der Landflächen). Besonders Kernziel Nummer 1 liest sich gut: „Bis spätestens 2020 sind sich die Menschen des Wertes der biologischen Vielfalt und der Schritte bewusst, die sie zu ihrer Erhaltung und nachhaltigen Nutzung unternehmen können.“

Leider ist mittlerweile klar, dass kein einziges der Aichi-Ziele erreicht worden ist. Artenschützer sprechen von einem verlorenen Jahrzehnt. Weder wurden „der biologischen Vielfalt abträgliche Anreize einschließlich Subventionen beseitigt“, noch wurden nennenswert „positive Anreize zur Förderung der Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt“ eingeleitet. Nach wie vor werden die Fischbestände der Meere rücksichtslos geplündert, die Regenwälder abgefackelt und Pestizide versprüht, als gäbe es kein Morgen. Gerade die EU, die mit ihrem European New Green Deal doch eigentlich eine Vorreiterrolle in Sachen Artenschutz spielen sollte, erweist sich aller Lippenbekenntnisse zum Trotz als Bremserin. Wenn es nach dem agrochemischen Komplex der Konzerne, Landgrabber und globalen Fischereiunternehmen geht, wird auch das nächste Jahrzehnt für den Artenschutz verloren sein, kaum dass es begonnen hat.

Abseits intensiver Lobbyarbeit bedienen sich die Feinde der biologischen Vielfalt in ihrer Argumentation gerne des Klimas. Bestes Beispiel dafür ist das 2006 unter Merkel beschlossene Biokraftstoffquotengesetz, das etwa bei Diesel eine Beimischung von zehn Prozent Pflanzenölen bestimmt. Eine Randnotiz der Corona-Pandemie aus dem Jahr 2020 waren fallende Aktienkurse des Bayer-Konzerns, weil wegen fehlendem Treibstoffverbrauchs weniger Biosprit benötigt wurde und dementsprechend weniger Pestizide nachgefragt wurden. Um das Klima zu schützen, werden aus tropischen Regenwäldern Palmöl- oder Sojaplantagen. Verlogener und absurder geht es kaum.

Was meiner Ansicht nach wirklich helfen könnte, der Ausrottung unserer natürlichen Vielfalt effektiv zu begegnen, wäre ein Konzept von international verbindlichen Biodiversitätszertifikaten (kurz: Bidis), nach dem Vorbild der CO2-Zertifikate. Allerdings müssten diese Bidis, im Gegensatz zum ethisch höchst fragwürdigen Handel mit „Verschmutzungsrechten“, ein klares Bonus-Malus-Reglement implementieren. Wer also mit seiner Wirtschaftsweise die Artenvielfalt schädigt, der muss dafür zahlen, während der Konkurrent, der mit seinem Kurs die Biodiversität schont beziehungsweise fördert, belohnt wird. Schädliche Produkte würden also teurer, nachhaltige hingegen billiger.

Für die Landwirtschaft hieße das eine Abkehr von der Monokultur und eine Hinwendung zu eigentlich alten, heute aber sehr innovativen Konzepten, wie es zum Beispiel Agroforstsysteme darstellen. Diese Systeme bieten dem Landwirt den Vorteil, dass sie bei intelligentem Einsatz die Produktivität ihrer Flächen nicht etwa senken, sondern im Gegenteil durch den Gebrauch der Vertikalen (Bäume) sogar steigern können – und zwar bis um den Faktor drei. Zudem sinkt bei ökologisch stabilen Polykulturen der Bedarf an teuren Pestiziden oder geht gegen Null, während auf der anderen Seite aus Agrarwüsten wieder artenreiche Kulturlandschaften entstehen können. Weidewirtschaft und natürlich auch das Hirtenwesen müssen wieder her und die Großställe ersetzen. Damit schlagen wir mehrere Fliegen mit einer Klappe: Vieh, das sich zumindest einen Teil seines Futters in der Natur sucht, ist wesentlich glücklicher als die bedauernswerten Kreaturen, die zu einem Leben im Stall verdammt sind. Außerdem lebt es gesünder. Durch die Weide wird vom Bodenbrüter bis zur Wildblume jede Menge Biodiversität gefördert. Das Fleisch der Weidetiere wird eine höhere Wertschätzung erfahren als die antibiotikaverseuchte Massenware aus den Ställen. Der Konsum wird mangels Überangebot zurückgehen, was wiederum positiv für unsere Gesundheit ist. – Neue Hirten braucht das Land!

Wir als Menschheit wären gut beraten, die Natur nicht mehr als etwas zu sehen, das vor uns „geschützt“ werden muss. Vielmehr müssen wir Wege zu gehen suchen, auf denen wir und die Natur zu Partnern werden, die sich gegenseitig begünstigen. Eine entscheidende Rolle muss hierbei dem Gedanken der Permakultur zukommen. Diese Herangehensweise beinhaltet eine intelligente Mimikry der Natur in der Lebensmittelherstellung und behält dabei nicht nur die ökologischen, sondern auch soziale Aspekte im Blick. Mit ihr können wir einen Überfluss an Nahrung für Mensch und Tier schaffen, während gleichzeitig die oben bereits erwähnten, zweifelhaften „Segnungen“ der Norman-Borlaug-Apostel, von der Gentechnik über Pestizide und Kunstdünger bis hin zu den Mastantibiotika, überflüssig werden.

Es braucht für Kunming und die noch folgenden Naturschutztreffen der internationalen Gemeinschaft also noch wesentlich ambitioniertere und vor allem auch spezifischer formulierte Ziele, um unsere Ökosysteme vor dem Kollaps zu retten. Ein China, in dem Hirten mit ihren Herden durch üppige Natur streifen, böte wieder Platz für Elefanten – auch außerhalb der Reservate.

Lesetipp: Koch, Timm: Lasst uns Paradiese pflanzen! Reich werden mit der Vielfalt der Natur – statt arm durch ihre Zerstörung . Westend. 14. Juni 2021. S. 224. 18 Euro.

Titelbild: Photomann7/shutterstock.com

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