Ohne das Basiswissen der NachDenkSeiten werden Sie zum Spielball der professionellen Meinungsmacher
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Ohne das Basiswissen der NachDenkSeiten werden Sie zum Spielball der professionellen Meinungsmacher

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Wenn Sie zum Beispiel die Manipulationsmethode „Wippschaukeleffekt“ nicht kennen, dann werden Sie zurzeit nur ungenügend durchschauen können, welches Spiel der sogenannte demokratische Westen mit den Schmuddelkindern Europas und der Welt spielt. Wir sind die Guten, die Demokraten, Länder mit Pressefreiheit – dort sind die Autokraten, Machthaber, die Bösen, jene, die die Pressefreiheit schmähen. Wenn man die Bedeutung des „Wippschaukeleffektes“ erkennt, dann weiß man, dass der Eifer der Anklagen gegen die Schmuddelkinder auch deshalb so groß ist, weil damit das eigene Ansehen verbessert wird. In Kenntnis dieser Manipulationsmethode kann man sogar den Umgang der EU-Spitze mit Orban, dem ungarischen Ministerpräsidenten, besser einordnen. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Sie konnten am Anfang der Woche beispielsweise im Deutschlandfunk hören, die EU-Spitze habe den Autokraten Orban ermahnt, in Ungarn die Pressefreiheit zu garantieren, so wie das in den anderen Ländern der EU auch geschehe. Die Tagesschau vom 7. Juli beklagte, Orban habe immer wieder die Freiheit der Presse beschnitten und teile nicht die guten Werte der sonstigen EU.

Ich will mit diesem Hinweis nicht die undemokratischen Besonderheiten des ungarischen Ministerpräsidenten rechtfertigen. Ich will aber darauf hinweisen, dass die harschen Urteile über Orban wie auch jene über den Autokraten/Machthaber Putin und andere Feindbilder auch genau jene Funktion haben, die demokratische und humane Qualität der sonstigen EU-Repräsentanten bis hin zu Ursula von der Leyen in glänzendem Licht erscheinen zu lassen.

Dieser „Wippschaukeleffekt“ funktioniert in der Auseinandersetzung zwischen dem Westen und Russland, China, dem Iran und eben in milderer Form mit Ungarn und Polen.

Mit dieser Manipulationsmethode wird überspielt und zugekleistert, in welch jämmerlichem Zustand die Demokratie und Meinungsfreiheit in Deutschland und anderen westlichen „Musterstaaten“ ist.

Wir haben eine hochkonzentrierte Presselandschaft, sie ist in wenigen Händen von superreichen Menschen; die Presseagenturen dpa, afp und andere gehorchen offensichtlich den immergleichen Einflüssen; was damit noch nicht gleichgerichtet ist, wird über Public-Relations-Agenturen besorgt. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben sich den privaten Print- und elektronischen Medien angepasst; ein Krimi folgt dem anderen, dazwischen Rosamunde Pilcher. Die privaten kommerziellen elektronischen Medien sind kaum auszuhalten. Das Ergebnis: Kritischer Verstand und kritische Begleitung des Geschehens kommt in den deutschen Medien nur noch äußerst selten vor. Gute, aufklärende kritische Sendungen gibt es. Aber Kampagnenjournalismus zum Zwecke der Verbreitung einer gewollten Botschaft und zur Durchsetzung großer Interessen ist Usus und überlagert die Ausnahmen.

Es gibt laufend Belege für die demokratieferne Entwicklung: Die lammfromme Berichterstattung und Kommentierung der Corona-Politik zum Beispiel. Oder der Umgang mit den Parteien. Die konservativen, den Medienbesitzern und Machern nahestehenden Parteien werden kaum noch kritisiert. Die dort verbreitete Korruption ist kein nachhaltiges Thema. Auf der anderen Seite: Alle Parteien, die auch nur mit einer fortschrittlichen und sozialen Schlagseite antreten, werden über die Medien und auch mithilfe von Einflussagenten erledigt. Das ist in Deutschland so, in Frankreich, in Italien, in Österreich, in den USA, in Großbritannien. Dort wurde der Hoffnungsträger des fortschrittlichen Teils Großbritanniens, Jeremy Corbyn, vor kurzem auch mithilfe der Medien erledigt. Damit war eine der wenigen Hoffnungen aus der Welt geschafft. Bei uns ist die SPD erledigt und die Linkspartei folgt dem gleichen Trend.

Verschiedene Umstände haben zu diesem eindeutigen und weitreichenden politischen Ergebnis geführt. Ohne die Einseitigkeit der Medien wäre diese „Erledigung“ des linken Spektrums nicht so eingetreten. Von der Chance zum politischen Wechsel kann man kaum, von Demokratie kann man nicht sprechen. Und von freier Presse auch nicht. Allenfalls formal.

NachDenkSeiten-Basiswissen

Kommen wir zu dem zurück, was ich eingangs NachDenkSeiten-Basiswissen genannt habe.

Ausgangspunkt unserer Arbeit war und ist die Einsicht, dass vieles in der Realität nicht so ist, wie es erscheint, genauer: wie es genannt und beschrieben wird. Meinungsmache, Strategien und Kampagnen der Meinungsmache sind allgegenwärtig. Meinungsmache bis hin zur totalen Manipulation – das sind wichtige Bestandteile der Wirklichkeit, in der wir leben. Die totale Manipulation ist möglich.

Weil wir das wissen, glauben wir vieles nicht und wir bezweifeln viele der gängigen und immer wieder verbreiteten „Erkenntnisse“. Die überwiegende Mehrheit der NDS-Leserinnen und -Leser werden vermutlich ähnlich verfahren. Anders, das muss man nüchtern feststellen, wird wohl die überwiegende Mehrheit der Menschen verfahren. Sie gehen wohl davon aus, dass das, was allgemein und weit verbreitet und nahezu unwidersprochen gesagt wird, der Wirklichkeit entspricht. Zum Beispiel: Dass der Generationenvertrag wegen des demographischen Wandels nicht mehr trage, dass aktive Beschäftigungspolitik nicht möglich sei, dass Milliardäre ihren Reichtum verdient haben und schon deshalb bewundernswert und kein Problem sind, sogar eher erstrebenswert, dass Angela Merkel rundum erfolgreich gewesen sei, wird in weiten Kreisen geteilt. Das gilt auch für die Einschätzung, der Westen bestehe aus einer Gemeinschaft von souveränen Völkern, die USA meinten es gut, sie seien eine funktionierende Demokratie wie die westlichen Staaten insgesamt. Es gehe bei uns demokratisch zu, auch diese Meinung wird bei uns wohl von der Mehrheit geteilt. Das sind gängige verbreitete Meinungen.

Das ist nicht zufällig so. Immer wieder erleben wir, dass mit Kampagnen der Meinungsbildung das Denken und Fühlen der Mehrheit der Menschen massiv beeinflusst wird. Und wir müssen feststellen, dass man bei entsprechendem Einsatz großer Mittel aus einem X ein U machen kann.

Wichtiges Basiswissen: die Kenntnis der Manipulationsmethoden

Auf den NachDenkSeiten sind in den letzten Jahren immer wieder einzelne Manipulationsmethoden beschrieben worden. 2019 habe ich in meinem Buch „Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst“ 17 Methoden der Manipulation beschrieben – siehe unten – und in weiteren 16 Kapiteln Fälle von Meinungsmache und die dahintersteckenden Methoden und Strategien beschrieben.

Der im Abschnitt über die Methoden unter III. 9. beschriebene „Wippschaukeleffekt“ ist eingangs zur Erläuterung des Geschehens schon herangezogen worden. Sie werden laufend auf Fälle in der öffentlichen Debatte stoßen, die sich mit anderen der beschriebenen 17 Methoden gut erklären lassen. Ein aktuelles Beispiel für die Methode Nummer 11 „B sagen und A meinen“ wird uns in diesen Tagen präsentiert: Meine Regionalzeitung „Die Rheinpfalz“ kam heute auf der 1. Seite mit der Haupt-Schlagzeile: „Rufe nach leichteren Impf-Möglichkeiten“. Und der weltbekannte Karl Lauterbach wird in der Tageszeitung „Welt“ mit dem Folgenden präsentiert:

Wer auch nur ein bisschen nachdenkt, wird sich fragen, was diese nunmehr schon einige Tage dauernde Ankündigung und Debatte von Impfmöglichkeiten in Kneipen, Bars und auf Parkplätzen soll. – Man wird diese Debatte leicht erklären können, wenn man die Geläufigkeit der Manipulationsmethode Nummer 11 in Rechnung stellt: man sagt: Impfen muss überall möglich sein, also B, und man transportiert dabei die Botschaft A: Impfen ist sinnvoll. Auf jeden Fall und unbestritten.

An diesem Beispiel kann man auch beobachten, dass die Methode oft schwer erkennbar ist.

Ich füge hier die Liste der Methoden an, verbunden mit der Empfehlung, sich diese zu merken und das Geschehen und die Debatte öfter mal auf dem Hintergrund der Kenntnis der Methoden zu überprüfen:

III. Methoden der Manipulation 21
1. Sprachregelung 22
2. Manipulation mithilfe von ständig gebrauchten und mit einer Bewertung versehenen Begriffen 24
3. Geschichten verkürzt erzählen 25
4. Verschweigen 29
5. Wiederholen – Steter Tropfen höhlt den Stein 34
6. Übertreiben – Es wird schon etwas hängen bleiben 36
7. Die gleiche Botschaft aus verschiedenen Ecken aussenden 38
8. Alle in der Runde sind der gleichen Meinung.
Dann muss es ja richtig sein.
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9. Der Wippschaukeleffekt 42
10. Umfragen nutzen, um Meinung zu machen 46
11. B sagen und A meinen 48
12. NGOs gründen oder benutzen 50
13. Ein Sammelsurium von Andeutungen macht in der Summe die Halbwahrheiten zur Wahrheit 51
14. Experten helfen – zu manipulieren 53
15. Namen verknüpfen und damit Einzelne bewerten 55
16. Gezielter Einsatz von Emotionen 59
17. Konflikte nutzen und inszenieren, um Meinung zu machen 61

Hier ist das Cover dieses leider immer wieder und immer noch aktuellen Buches:

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