Leserbriefe zu „Über die Engstirnigkeit der WhatsApp-Gemeinde und die Folgen des Privatisierungswahns“

Ein Artikel von:

In diesem Beitrag werden Katastrophenschutz und Katastrophenhilfe und vor allem die Warnsysteme hinterfragt. Der Präsident des Bundesamtes für Katastrophenschutz und Katastrophenhilfe habe die Hochwasser-Katastrophe gebraucht, um zur Erkenntnis zu kommen, dass „wieder mehr in analoge Sirenenschutzprogramme“ investiert werden müsse. Auch auf andere Unstimmigkeiten wird hingewiesen – u.a. auf Pannen beim Probealarm im September 2020, frühzeitige Warnungen des europäischen Frühwarnsystems sowie mangelnde Koordination der beteiligten Organisationen und ein „Verschlafenes Talsperren-Management“. Danke für die interessanten Leserbriefe, in denen wichtige Ergänzungen und Kritik enthalten sind. Es folgt eine Zusammenstellung von Christian Reimann. Zuvor Vorbemerkungen des Autors.

Anmerkungen Albrecht Müller:

  • Beim Formulieren des Textes vom 20. Juli hatte ich nicht beachtet, dass Ironie manchmal nicht verstanden oder auch nicht wahrgenommen wird. Das tut mir leid. Im konkreten Fall steckte schon in der Wortkombination „WhatsApp-Gemeinde“ eine ordentliche Portion Ironie und negative Bewertung. Manche, die zu dieser „fortschrittlichen“ Gemeinde gehören, glauben, was sich in ihren Reihen tut, sei die ganze Welt. Im ursprünglichen Artikel hatte ich versäumt, das „fortschrittlich“ in Gänsefüßchen zu setzen. Ich halte nämlich jene, die glauben, man könne die Katastrophenwarnung im Falle einer Überflutung wie an der Ahr vor allem über WhatsApp, SMS und andere digitale Instrumente der Kommunikation besorgen, für durchaus nicht fortschrittlich, sondern für engstirnig, wie es in der Überschrift zum Artikel heißt.
  • Zu dieser Gruppe der Engstirnigen gehört – wenn ich einer dpa-Meldung von heute glauben darf – nach wie vor der nordrhein-westfälische Ministerpräsident und Kanzlerkandidat der Union, Laschet. Er setzt auf das sogenannte Cell Broadcasting. Da würde wie bei einer SMS eine Nachricht an Handy-Nutzer verschickt.
  • Herr Laschet und mit ihm vermutlich eine Reihe anderer verantwortlicher Personen stellen sich offenbar die reale Situation vieler Menschen in der Nacht eines hereinbrechenden Hochwassers – wie geschehen – nicht richtig vor. Die meisten Menschen werden nämlich, um ungestört schlafen zu können, ihr Handy gar nicht neben ihr Bett legen oder es stumm schalten und die Katastrophenwarnung nicht mitbekommen. Dieses vernünftige Verhalten muss man doch im Blick haben, wenn man sich ein effizientes Warnsystem ausdenken und dieses möglichst schnell realisieren will. Siehe dazu auch den Leserbrief Nummer 1.

1. Leserbrief

Lieber Herr Müller,

Zitat:

“dass es jenseits ihrer so fortschrittlichen Gemeinde auch noch andere gibt, die an dieses Netz gar nicht angeschlossen sind, weil sie die notwendigen Instrumente nicht besitzen oder sie nicht mehr verstehen und nicht nutzen können. Alte Leute, kranke Leute, gebrechliche Menschen, kleine Kinder.”

Fortschrittlich mit WhatsApp & Co. und “krank und gebrechlich” ohne? Ich hatte das erste verfügbare Smartphone, aus beruflichen Gründen. Ich habe das Internet in Deutschland mit aufgebaut und kenne die Technik gut, sowohl was die Infrastruktur betrifft als auch die Anwendungen. Schon lange habe ich kein Smartphone mehr. GPS und GSM (wahlweise WLAN) in einem Gerät? Das geht gar nicht, es sei denn ich hole mir “Orwell” freiwillig ins Haus und zahle auch noch dafür. Dasselbe gilt für Facebook, Twitter, WhatsApp, Alexa und wie sie alle heißen. Browser und Email, das reicht. Und die Daten nicht irgendwo beim Provider und in der “Cloud”, sondern im PC auf meinem Schreibtisch.

Als Gefahrenmeldenetz ist das Internet nicht geeignet, obwohl es im Grunde redundant, und daher sicher im Sinne von “verfügbar”, konzipiert ist. Aber Infrastruktur und Anwendungen sind weitgehend privatisiert, zersplittert und unkontrollierbar. Zudem wird selbst die Infrastruktur von Computern (Router) kontrolliert, die angreifbar sind. Eine Gefahrenmeldeanlage darf sich nicht darauf verlassen. Sie muss sogar getrennt vom Internet sein, ebenda: Stichwort “Router”.

Sie haben es begriffen, aber unsere verantwortlichen Politiker sicher nicht. Für die ist “Digitalisierung” das Allheilmittel und sie haben keine Ahnung was das bedeutet.

Herzlichen Gruß
Rolf Henze


2. Leserbrief

Lieber Herr Müller, bitte nicht vergessen: es weilen noch Menschen auf diesem sowieso noch lange nicht durchdigitalisierten Flecken des Planeten, die dem smartphone – Wahn widerstehen!

Jürgen Meyer


3. Leserbrief

Lieber Herr Müller,

vielen Dank für ihren unermüdlichen Einsatz bei den Nachdenkseiten, die ich immer wieder gerne lese. Über eine Plattitüde in ihren Artikel hab ich mich jedoch etwas geärgert. Es sind nicht nur “alte Leute, kranke Leute, gebrechliche Menschen, kleine Kinder” die manchmal kein Smartphone besitzen (wobei letztere Gruppe in meinen Augen viel zu früh an dieses Medium herangeführt wird), sondern auch zB meine Familie. Mein Mann und ich zählen zu keiner der von ihnen genannten Gruppen. Die Generation 80+ ist in unsere Verwandtschaft jedoch perfekt ausgestattet und auch in der Lage damit umzugehen. Es ärgert mich, das man als Whatsapp/Smartphone-“Verweigerer” ständig so stigmatisiert wird, als wäre man zu alt/gebrechlich/jung, kurz zu dämlich, es zu bedienen. Vielleicht kann man es einfach bei dem belassen, dass es auch Menschen ohne Smartphone gibt, ohne die persönlichen Gründen zu nennen. Und das nicht jeder der ein solches Gerät besitzt auch gerne gleich Whatsapp, facebook und co dort darauf laufen lässt, so selten das inzwischen auch vorkommen mag.

Der Kernaussage, das politisches Versagen diese Katastrophe in diesem Ausmaß erst möglich gemacht haben, stimme ich jedoch zu.

Herzliche Grüße
Pia Gagel


4. Leserbrief

Liebes Leserbriefteam, lieber Albrecht Müller,

haben sie vielen Dank für die Hinweise auf Whats-App und Co. auf die sich das fortschrittliche Management berufen hat und leider dabei zu kurz gedacht hat, dass es nämlich noch sehr, sehr viele Menschen gibt, die mit den modernen Kommunikationsmitteln nichts am “Hut” haben. Ich lade mir auch nicht alles auf mein Handy und wäre sicherlich schwer in Bedrängnis gekommen. Abgesehen davon, wenn das Handy oder Smartphon nicht aufgeladen ist, weil kein Strom da ist – ist es auch für die Katz.

Hinzufügen möchte ich noch, dass durch die massive Entstaatlichung auch ein großes Chaos entstanden ist, weil alle Privaten dann machen konnten, was sie wollten. Man kann tatsächlich den Eindruck haben, dass unsere Politiker und Politikerinnen lausige Dilettanten und Dilettantinnen sind, die nicht sinnfassend denken können, wie eben, was Sie beschreiben, das Wasser in der Talsperre vorzeitig hätte abgelassen werden können. Hochtechnik kann also auch dumm machen, weil die Zusammenhänge fehlen und damit auch die Kombinationsfähigkeit, etwa: Wenn A ausfällt was passiert dann mit B,C usw.

Mit Sicherheit werden wir noch von vielen anderen Fehlern hören, die die Lage so dramatisch verstärkt haben und Menschenleben kosteten.

Beste Grüße
Karola Schramm


5. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Müller,
 
Ihre Zeilen kann ich nur unterstützen!

Ich war zum Ende meines Berufslebens Leiter des Rechenzentrums eines IT-Landesdienstleisters und hatte die Aufgabe bei laufenden Betrieb die redundante Versorgung mit Strom, Klima und Netzwerk durchgängig einzuführen, einschließlich Erneuerung von USV- und Notstromaggregaten.
 
Mich verwundert und entsetzt um so mehr, dass man immer mehr dazu übergeht, kommunikationsseitig auf lediglich eine Infrastruktur zu orientieren, die an vielen Stellen dezentral sender- und empfängerseitig mit Strom versorgt werden muss. Wie unabhängig ist heute noch unsere Festnetztelefonie und das Handynetz netzseitig voneinander. Ich befürchte, dass dies an vielen dezentralen und zentralen Stellen nicht mehr gewährleistet ist. Ein Ausfall und jegliche Kommunikation ist weg!
 
2012 stellte ich in Nordnorwegen fest, dass ich über Kurzwelle 6.075 Khz keine Deutsche Welle mehr empfangen konnte, und später auch dass alle anderen deutschen AM—Frequenzen abgeschaltet wurden. Mit einem Kurzwellen- oder Langwellensender konnte man früher die gesamte deutsche Bevölkerung erreichen und im Krisenfall warnen. Heute braucht man dafür wegen geringer Reichweite zig UKW-Sender, die Strom- und kommunikationsseitig versorgt werden müssen. Viele haben ein Autoradio oder Kofferempfänger, die über Batterien lange unabhängig mit Strom versorgt werden und meist noch AM-Empfang.
Auch hier zeigt sich ein völliges Unvermögen sich einen tatsächlichen Krisenfall vorzustellen, genau wie beim Abbau der Sirenenanlagen, weil ja alle Helfer einen Pieper in der Tasche haben oder per SMS erreichbar sind….. solange die Netzte funktionieren und die Geräte geladen sind.
 
Es ist generell ein Umdenken auf redundante wie auch analoge Kommunikation erforderlich. Wer sich einmal darauf verließ, eine Adresse in einer fremden Stadt im Handy zu haben und dann vor Ort feststellte, dass dessen Akku leer war, der sollte das eigentlich verstehen, dass ein Zettel nützlich gewesen wäre.
 
Mit freundlichen Grüßen
U.L.


6. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Müller,
 
zu Ihrem ansonsten völlig stimmigen Artikel möchte ich jedoch noch anmerken:
 
Es gibt nicht nur die Menschen, die diese neuen Technologien nicht besitzen, nicht verstehen-, nicht nur die Alten, Kranken und Gebrechlichen. Nein, es gibt auch jene, die,  so wie ich-, die Fortschrittlichkeit von smartphone und co. bezweifeln, die gegen die uns eingeredete Technologiehörigkeit sind weil sie die Kehrseite der Medaille erkennen.
 
Aber ich bin sicher, Herr Müller, dass Sie auch das anerkennen und es lediglich vergaßen.

Mit freundlichen Grüßen
M.Häusler


7. Leserbrief

Sehr geschätzter Herr Müller,

noch folgendes zu ihrem Artikel

“Über die Engstirnigkeit der WhatsApp-Gemeinde und die Folgen des Privatisierungswahns”

Denken Sie bitte nicht nur an alte Leute, kranke Leute, gebrechliche Menschen und kleine Kinder, die nicht mit oder über WhatsApp, SMS und den anderen digitalen Instrumenten der Kommunikation gewarnt werden. Sie können sich bestimmt vorstellen, dass es jenseits der so fortschrittlichen Gemeinde auch noch andere gibt, die entweder an dieses Netz gar nicht angeschlossen sein wollen, oder Nutzer wie ich das Smartphone in der Ecke liegen lassen, zurück zum einfachen Mobilen greifen, um nicht andauernd kostbare Zeit mit unsinnigen Nachrichten, Whats App-Meldungen (mein Bekannter sendet mir mal gerade wieder ein Foto von seinem Mittag/Abendessen!) etc. und so vielem nervtötenden Blödsinn zu verbringen. Das Leben bietet schönere und wichtigere Dinge.

Mit sonnigen Grüßen
Michael H. Schmitt

Anmerkung Albrecht Müller: Danke, gut getroffen, worauf auch ich aufmerksam machen wollte.


8. Leserbrief

Hallo sehr geschätzter Herr Müller,

gerade habe ich Ihren Einstiegstext zu „Katastrophenschutz über Whats App“ gelesen und mich, trotzdem ich Sie und Ihre Arbeit im Allgemeinen sehr schätze, geärgert!!!
Meine Enttäuschung bezieht sich auf den letzten Satz, in dem sie eine Gruppe von sog „Abgehängten“ unserer Gesellschaft als diejenigen beschreiben, die nicht über Whats App erreicht werden können.

Mein Mann und ich gehören nicht zu dieser Klientel. Bewußt haben wir gänzlich auf Facebook und Whats App verzichtet, weil es u.E. ein Kommunikationsmittel ist, dass überflüssig ist. Wir sind überflutet von unterschiedlichsten Medien, die ausreichen sollten uns untereinander zu verständigen, wenn wir dies ernsthaft und aufrichtig möchten .
Menschen, die sich bewußt entziehen werden in Ihrem, sonst kritischen Bewußtsein aber offenbar nicht mehr wahrgenommen oder als erwähnenswert anerkannt. Gerade diese notwendige und bewußte Abwendung von Unternehmen (u.a. Facebook, zu dem Whats App gehört), die unheimlichen Reichtum für wenige generieren, sollte doch von kritisch denkenden Menschen in Frage gestellt werden.
Wichtig finde ich gerade die Menschen zu ermutigen, ihrer Wahrnehmung zu folgen und nicht wie Lemminge dem vorgefertigten Mainstream zu folgen, indem sie suggeriert bekommen, wenn sie dieses oder jenes MedienTool nicht nutzen, sind sie alt, krank, technisch unfähig oder Kleinkind
mit ganz herzlichen Grüssen aus und nach Absurdistan

Brigitte


9. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Müller,
sehr geehrte Damen und Herren,

leider geht Ihre Kritik in obigem Artikel m. E. an der Sache vorbei: Ich bin weder alt, noch technisch unerfahren etc. – ich *will* WhatsApp etc. nicht (mehr) nutzen. Bei Ihnen klingt es so, als ob es Gruppen geben würde, denen man erst Zugang dazu verschaffen muss (“Alte”).

Ich denke eher, dass es immer einen alternativen, einfachen (analogen) Zugang geben muss, evtl. gegen eine kleine Gebühr.

Und “Daseinsvorsorge” ist eine staatliche Aufgabe. Der Staat darf sich dabei nicht alleine auf kommerzielle Anbieter – noch dazu aus dem Ausland – verlassen. Als Ergänzung: ja, aber sonst braucht es etwas eigenes.

Ein Hinweis noch dazu: Bankgeschäfte etc. gehören zum Leben dazu. Achten Sie einmal darauf, was sich dort im Sinne von “Digitalität” abspielt. Bald ist man ohne aktuellem Smartphone, aktueller App etc. quasi ausgesperrt. Es findet ein “race to the bottom” statt.
Mit besten Grüßen
Stefan Schober

Anmerkung Albrecht Müller: Guten Morgen, sehr geehrter Herr Schober,

wo habe ich in meinem Artikel dafür geworben, Menschen Zugang zu WhatsApp zu verschaffen? Das Gegenteil ist doch der Fall.

Mit freundlichen Grüßen
Albrecht Müller

Antwort des Lesers S.S.: Guten Morgen Herr Müller & vielen Dank für die Antwort,

in Ihrem folgenden Einleitungstext entsteht durch die Wörter “besitzen”, “verstehen” und “können” m. E. der Eindruck, dass die Nutzung (im Sinne von Inklusion) wünschenswert sei.

Argumente gegen den indirekten Zwang, sich solchen System anzuschließen, habe ich nicht gefunden.

Mein Argument ist, dass derartige Systeme stets nur zusätzlich zu einer niederschwelligen und unabhängigen Lösung wie hier beispielsweise Sirenen sein darf.

Vermutlich sind wir darin einer Meinung.

Viele Grüße und bitte weiter so
Stefan Schober

Zitat:

Sie können sich nicht vorstellen, dass es jenseits ihrer so fortschrittlichen Gemeinde auch noch andere gibt, die an dieses Netz gar nicht angeschlossen sind, weil sie die notwendigen Instrumente nicht besitzen oder sie nicht mehr verstehen und nicht nutzen können. Alte Leute, kranke Leute, gebrechliche Menschen, kleine Kinder.

Anmerkung Albrecht Müller:

Lieber Herr Schober,

tut mir leid, ich kann sie ernsthaft nicht verstehen. Schon der Gebrauch des Wortes Gemeinde im Doppelwort WhatsApp-Gemeinde zeigt doch eine kritische Haltung. Dann schreibe ich noch im Einleitungstext: es sei typisch für den Nutzer von WhatsApp, SMS und den anderen digitalen Instrumenten der Kommunikation zu glauben, man könne alle Menschen digital erreichen. Mehr Distanz geht doch nicht.

Die von Ihnen zitierten Worte sagen nicht das, was Sie unterstellen.und im ganzen Beitrag ist genau das ausgesagt, was Sie dann feststellen, dass zum Beispiel Sirenen oder andere Warnsysteme analoger Art dringend notwendig sind.

Mit freundlichen Grüßen
Albrecht Müller


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