Übersetzung des Textes von Norman Birnbaum zum Hurricane Desaster

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Am 3.9.2005 fanden Sie in den NachDenkSeiten unter der Überschrift „Jeder ist seines Glückes Schmied – Denkste!“ einen Beitrag von Norman Birnbaum auf Englisch. Wir baten um Übersetzung und fanden bei unseren Lesern ein überwältigendes Echo. Herzlichen Dank. Das ist eine große Hilfe. Hier ist die Übersetzung:

“Nachdem sie die miserable Vorstellung der Regierungen in Washington und in den betroffenen Bundesstaaten anlässlich des jüngsten Hurricane-Desasters erlebt haben, können die Bürger der USA nur hoffen, der historische Konflikt zwischen China und den USA werde friedlich gelöst: Man hätte hier wirklich keine Lust, ein ähnliches Drama nach einem Atomkrieg in Potenz wiederholt zu sehen. Was man beobachten kann, ist Kapitalismus in Reinstform, verschnitten mit systematischer Verantwortungslosigkeit, politischer Korruption und – natürlich – einem Schuss Dummheit.

  1. Während der angenehmeren Episoden des vergangenen Jahrhunderts wurden die Landschaften des Mississippi und seines Deltas der Raserei einer unbegrenzten wirtschaftlichen Entwicklung unterworfen. Die ursprünglichen, von der Natur geschaffenen Abflusswege für Regenwasser wurden zugebaut: Wohnquartiere, Erschließung für die Industrie, Häfen – sowie rings um New Orleans zahlreiche Produktionsstätten der Petrochemie.
  2. Die Deiche rings um New Orleans könnten vielleicht einem Hurricane der Kategorie drei standgehalten haben; sie waren jedoch nicht hoch genug für stärkere Stürme, obwohl seit Jahrzehnten zu beobachten war, dass Häufigkeit und Stärke tropischer Hurricanes zunehmen. Die Vorsorge hätte mit öffentlichen Mitteln finanziert werden müssen – und wurde deshalb nicht in Angriff genommen. Obwohl New Orleans und seine Vorstädte bereits unterhalb des Meeresspiegels lagen, hat man ihre weitere Expansion ungeachtet ökologischer Folgen und Gefahren geschehen lassen.
  3. Als vergangene Woche Alarm gegeben wurde und man nur einen Tag, bevor der Sturm die Küstenlinie überquerte, die Evakuierung der Stadt anordnete, wurden keine Vorkehrungen zur Evakuierung von Krankenhäusern getroffen. Genau so wenig geschah für die Wohnbereiche älterer Menschen, für Menschen, die keine Autos besaßen oder kein Geld hatten, ihre Autos zur Flucht zu betanken oder auf der Flucht eine Bleibe zu mieten. Die Wohlhabenderen konnten fliehen, die Armen blieben zurück. (AM: Das ist die “natürliche Auslese”.)
  4. Als die Deiche brachen und die Zurückgelassenen in eine gefährliche Situation gerieten, vergingen noch Tage der Planung, bis organisierte Rettungsmaßnahmen begannen. Es stimmt, dass die benötigten Güter – Hubschrauber, kleine Patrouillenboote, Pionierverbände und Feldlazarette – sich im Irak befinden, zusammen mit dem größten Teil der regulären Armee. Obendrein ist die sogenannte National Guard, die sich aus speziell für den Katastropheneinsatz ausgestatteten Einheiten zusammen setzt und normalerweise unter dem Befehl der Gouverneure der Bundesstaaten steht, zu mindestens 50% unabkömmlich – großenteils ebenfalls im Irak.
  5. Von Bush, seinen Beamten, Gouverneuren und Generälen ging ein Dauerfeuer der Zusicherungen aus (“Hilfe ist unterwegs”). Sie haben nur ein kleines Problem: In keiner Fernsehreportage aus den betroffenen Gebieten ist irgend etwas davon sichtbar.
  6. New Orleans ist samt seiner Vorstädte unbewohnbar. Wer wird den Wiederaufbau bezahlen, wer Unterkunft und Verpflegung der beinahe eine Million zählenden Bevölkerung, deren Häuser, Arbeitsplätze und Gemeinschaftseinrichtungen zerstört worden sind? Es ist keineswegs der Fall, dass Bush keine Ideen hätte – er hat die beiden letzten Ex-Präsidenten, seinen Vater und Bill Clinton, gebeten, eine nationale Wohltätigkeitskampagne zu organisieren. Weiterhin wird die offizielle Verantwortung für die Allgemeinheit betreffende Ereignisse abgelehnt. Allerdings nicht ausnahmslos – Bush und seine Beamten haben schnell klargestellt, dass es etwas Wichtigeres gibt als das Begraben der Toten, die Hilfe für Obdachlose und Kranke, die Hungerhilfe – und das ist “Law and Order”. Es ist einzigartig: Es hat Plünderungen gegeben. Aber, wenn man der Ideologie, die unsere Gesellschaft und Politik geformt hat, zu ihrem Recht verhelfen will: Warum lobt man die Plünderer dann nicht für ihren Unternehmergeist?”

Rubriken:

Umweltpolitik USA

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