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Vor 100 Jahren kam der Dichter Georg Heym ums Leben

Veröffentlicht in: Gedenktage/Jahrestage

Vor 100 Jahren ist der expressionistische Dichter Georg Heym beim Schlittschuhfahren ins Eis eingebrochen und ums Leben gekommen. Eine Erinnerung von Götz Eisenberg.

Am 16. Januar 1912 hatte sich der Dichter und unglückliche Jurist Georg Heym mit seinem Freund Ernst Balcke zum Schlittschuhfahren auf dem Wannsee verabredet. In Berlin lag die Temperatur an diesem Tag bei minus 13,7 Grad. Nachdem sie gegen Mittag noch eine Rast eingelegt und etwas gegessen hatten, betraten sie gegen 14 Uhr wieder das Eis und fuhren auf der Havel Richtung Strommitte. Dort geriet Ernst Balcke in eine Öffnung, die man für die Wasservögel ins Eis gehackt hatte. Er schlug mit dem Kopf auf die Kante und soll sofort tot gewesen sein. Bei dem Versuch, den Freund zu retten, brach auch Heym ein und geriet unter die Eisdecke. Man fand seine Handschuhe und seine Mütze später an der Einbruchstelle. Er muss lange gekämpft haben. Waldarbeiter, die in einiger Entfernung ihrer Arbeit nachgingen, aber nicht helfen konnten, hörten noch eine halbe Stunde lang seine gellenden Schreie. Die Leiche Georg Heyms fand man am 20. Januar, die des Freundes am 6. Februar. Die Hände Georg Heyms sollen wund und zerkratzt gewesen sein von seinen verzweifelten Versuchen, sich am Eisrand aus dem Wasserloch herauszuziehen. Seine Leiche wurde zunächst zum Selbstmörderfriedhof Schildhorn gebracht und dann am 24 Januar 1912 auf dem Friedhof der Luisengemeinde beigesetzt. Sein Grab wurde 1942 eingeebnet, der Grabstein entfernt.
Georg Heym ist 24 Jahre alt geworden.
Hier eins seiner Gedichte, das mich – ich habe beruflich täglich mit Gefangenen zu tun, bin in gewisser Weise selbst Gefangener – besonders beeindruckt hat:

Die Gefangenen

Sie trampeln um den Hof im engen Kreis.
Ihr Blick schweift hin und her im kahlen Raum.
Er sucht nach einem Feld, nach einem Baum,
Und prallt zurück von kahler Mauern Weiß.

Wie in den Mühlen dreht der Rädergang,
So dreht sich ihrer Schritte schwarze Spur.
Und wie ein Schädel mit der Mönchstonsur,
So liegt des Hofes Mitte kahl und blank.

Es regnet dünn auf ihren kurzen Rock.
Sie schaun betrübt die graue Wand empor,
Wo kleine Fenster sind, mit Kasten vor,
Wie schwarze Waben in dem Bienenstock.

Man treibt sie ein, wie Schafe zu der Schur.
Die grauen Rücken drängen in den Stall.
Und klappernd schallt heraus der Widerhall
Der Holzpantoffeln auf dem Treppenflur.

Aus seinem Tagebuch:

30. Mai 1907
… Aber ganz verborgen immer diese Hoffnung auf ein unerhörtes Glück. D.h. allmählich wird’s langweilig.
April und Mai und Junius sind ferne
Ich bin nichts mehr
Ich lebe nicht mehr gerne.
Ich habe eben wieder mein Tagebuch durchlesen. Alle Tage fast das gleiche. Nur ab und zu mal eine kurze Freude, sonst alles grau in grau.

6. Juni 07
Das Beste ist, nie geboren werden, und danach, jung sterben. … Die Götter sind zu lang schon tot. Ich allein bin nicht im stande, sie wieder zu erwecken.“

15.3.1908
Wohl, ich kenne mein Geschick. Irrsinnig zu werden wie Hölderlin. Doch anders, nach einem Leben ohne Liebe. Als sicheres Ende dieser Tage des Leids. Denn ich wüsste, mich heilte die Liebe wohl. Sicher ginge ich hinaus.
Und wie lächerlich, wenn das nicht eintrifft. Wenn ich Amtsrichter oder dergleichen würde und mit 60 Jahren vielleicht endlich stürbe.

20. Juli 1909
Ich liebe alle, die in sich ein zerrissenes Herz haben, ich liebe Kleist, Grabbe, Hölderlin, Büchner, ich liebe Rimbaud und Marlowe. Ich liebe alle, die nicht von der großen Menge angebetet werden. Ich liebe alle, die oft so an sich verzweifeln, wie ich fast täglich an mir verzweifle.

6. Juli 1910
Ach, es ist furchtbar. Schlimmer kann es auch 1820 nicht gewesen sein. Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts, nichts. Wenn doch einmal etwas geschehen wollte, was nicht diesen faden Geschmack von Alltäglichkeit hinterlässt. Wenn ich mich frage, warum ich bis jetzt gelebt habe. Ich wüsste keine Antwort. Nichts wie Quälerei, Leid und Misere aller Art. …
Geschähe doch einmal etwas. Würden einmal wieder Barrikaden gebaut. Ich wäre der erste, der sich darauf stellte, ich wollte noch mit einer Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spüren. … Was haben wir auch für eine jammervolle Regierung, einen Kaiser, der sich in jedem Zirkus als Harlekin sehen lassen könnte. Staatsmänner, die besser als Spucknapfhalter ihren Zweck erfüllten, denn als Männer, die das Vertrauen des Volkes tragen sollen.

15. September 1911
Mein Gott – ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthousiasmus in dieser banalen Zeit. Denn ich bedarf gewaltiger äußerer Emotionen, um glücklich zu sein. Ich sehe mich in meinen wachen Phantasien immer als einen Danton oder einen Mann auf der Barrikade, ohne meine Jacobinermütze kann ich mich eigentlich gar nicht denken. Ich hoffe jetzt wenigstens auf einen Krieg. Auch das ist nichts.
Mein Gott, wäre ich in der französischen Revolution geboren, ich hätte wenigsten gewusst, wo ich mit Anstand hätte mein Leben lassen können, … .

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