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Blue-Card-Desaster – warum meiden Fachkräfte Deutschland?

Veröffentlicht in: Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Audio-Podcast, Bundesagentur für Arbeit, Fachkräftemangel

Frank-Jürgen Weise, seines Zeichens Chef der Bundesagentur für Arbeit, zeigte sich zu Beginn des neuen Jahres zerknirscht. Die Blue Card, mit der Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern nach Deutschland gelockt werden sollen, hat sich als grandioser Flop erwiesen. Nur rund 3.000 Menschen kamen in den letzten anderthalb Jahren mit der Blue Card ins Land. Um aus der Blue Card doch noch ein Erfolgsmodell zu machen, hat sich BA-Chef Weise nun jedoch einen „phantastischen“ Plan ausgedacht. Bislang darf die Blue Card nur dann erteilt werden, wenn Bewerber in sogenannten „Mangelberufen“ nachweisen können, dass sie hierzulande mindestens 37.128 Euro verdienen. Dieser Mindestsatz soll nun nach dem Wunsch von Weise gesenkt werden. Die „Logik“ dahinter: Wenn wir für 37.128 Euro keine Fachkräfte anwerben können, dann sollte es mit viel weniger Geld doch ganz sicher klappen. Dies ist freilich Unsinn – wie viele andere Argumente in der Debatte um den Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte auch. Von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Nach gesetzlicher Definition gehören Mathematiker, Ärzte, IT-Fachkräfte, Naturwissenschaftler und Ingenieure in Deutschland zu den Mangelberufen. Ob es tatsächlich in diesen Berufsfeldern einen flächendeckenden Mangel an geeigneten Bewerbern gibt und woran dies liegt, wäre eine interessante Frage. Aber selbst wenn wir für einen Moment mal annehmen, dass es einen solchen Mangel gibt, so muss natürlich die Frage gestattet sein, wie man konkret ausländischen Fachkräften einen Job in Deutschland schmackhaft machen kann. Ein Faktor von vielen ist sicherlich das zu erwartende Gehalt. Nach Berechnungen des DIW verdient ein junger Klinikarzt beispielsweise gerade einmal 10,80 Euro pro Stunde. Auf 37.128 Euro im Jahr dürften Berufsanfänger in diesem „Mangelberuf“ somit nur in Ausnahmefällen kommen. Hat Frank-Jürgen Weise nun etwa doch Recht? Strömen die Ärzte in Scharen nach Deutschland, wenn die Mindestverdienstgrenze für die Blue Card auf ein Niveau gesenkt wird, das dem Renditestreben privater Krankenhausbetreiber entspricht? Nein, denn schon heute ist es für Klinikbetreiber ohne Probleme möglich, Ärzte aus Nicht-EU-Ländern als sogenannte „Gastärzte“ ins Land zu holen. Die damit verbundene Aufenthalts- und Berufsausübungserlaubnis steht der Blue Card dabei kaum nach.

Wer keine guten Gehälter zahlt, kriegt auch keine guten Mitarbeiter

Warum sollte ein junger Arzt aus einem Nicht-EU-Land auch nach Deutschland kommen? Sicher nicht aus finanziellen Gründen. Wer als junger Arzt die Möglichkeit hat, und vor allem die nötige Qualifikation vorweisen kann, geht lieber in ein Land, in dem seine Fähigkeiten besser honoriert werden. Das gilt übrigens auch für deutsche Ärzte. Die Zahl der Ärzte, die in einem Jahr das Land verlassen ist daher seit langem konstant größer, als die Zahl der Ärzte, die ins Land kommen. Am beliebtesten sind dabei die Schweiz, wo Assistenzärzte im Schnitt auf 3.910 bis 6.220 Euro Monatsgehalt kommen, Großbritannien, wo Klinikärzte meist rund doppelt so hohe Bezüge wie hierzulande haben, und die USA, wo Assistenzärzte rund das Vierfache verdienen und Krankenhaus-Fachärzte auf ein Durchschnittsgehalt von mehr als 175.000 US$ pro Jahr kommen.

Und was für Ärzte gilt, gilt unisono auch für andere vermeintliche „Mangelberufe“. An der simplen Wahrheit, dass Deutschland aufgrund des niedrigen Lohnniveaus für ausländische Fachkräfte unattraktiv ist, ändert die Herabsetzung des Mindestgehaltes für die Erteilung einer Blue Card kein Jota. Wenn freie Stellen bei lächerlich geringen Gehaltsangeboten nicht besetzt werden können, müssten stattdessen die Gehälter steigen, um den „Fachkräftemangel“ zu beheben. Dann sprechen wir aber über Gehälter, die deutlich über dem heutigen Blue-Card-Mindestgehalt liegen. Um dies zu begreifen, reicht es, sich die grundlegende Logik der Marktwirtschaft ins Gedächtnis zu rufen – wenn ein Nachfrager zu seinen Preisvorstellungen von allen Anbietern nur die nackte Schulter gezeigt bekommt, kann er dafür nicht die Anbieter verantwortlich machen, sondern sollte sich lieber einmal darüber Gedanken machen, ob seine Preisvorstellungen realistisch sind. Doch dieser Gedanke ist im ansonsten so marktkonformen Deutschland nicht sonderlich populär.

Natürlich gibt es auch einen „echten“ Fachkräftemangel, in bestimmten sehr hoch qualifizierten Fachbereichen. Diesen Mangel gab es immer und es wird ihn immer geben. Doch hier sprechen wir, um im medizinischen Bereich zu bleiben, dann nicht mehr über Assistenzärzte, sondern besonders qualifizierte Fachärzte, die für das Blue-Card-Mindestgehalt nicht einmal aufstehen würden. Wo Geld eine eher untergeordnete Rolle spielt, kommen jedoch andere Faktoren ins Spiel, die auch bei ausländischen Fachkräften mit niedrigeren Gehaltsvorstellungen eine gewichtige Rolle spielen.

Marko und die fehlende Willkommenskultur

Um dies zu verdeutlichen, möchte ich kurz die Geschichte eines serbischen IT-Spezialisten erzählen, den ich während meiner Studienzeit kennengelernt habe. Als ich Marko kennenlernte, gehörte er zu den serbischen Studenten, die aufgrund des Jugoslawien-Kriegs eine befristete Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland bekommen hatten. Nach Abschluss seines Studiums kehrte er nach Serbien zurück, arbeitete dort in der Telekommunikationsbranche und gründete eine Familie. Als Deutschland im Jahre 2000 zum ersten Mal im damals sogenannten „Green-Card-Verfahren“ IT-Experten anwerben wollte, gehörte auch Marko zu den Interessenten. Anstatt nach Deutschland zog es ihn jedoch nach Großbritannien. Warum?

Während ausländische Fachkräfte in Deutschland wie Bittsteller behandelt werden, verstehen es die Briten, begehrte Bewerber wirklich zu umwerben. Die deutschen Behörden behandelten Marko wie ein Bettler, der von ihnen etwas haben wollte, was sie eigentlich nicht herausgeben wollten. Seine Frau und seine Kinder hätten erst später nachkommen dürfen – ohne Garantie auf eine Arbeitserlaubnis und ohne Garantie auf ein dauerhaftes Bleiberecht. Die britischen Behörden halfen hingegen nicht nur beim ganzen „Papierkram“, sondern kümmerten sich nebenbei auch um einen Job für seine Frau und Plätze in einem „Sprachkindergarten“ für seinen Nachwuchs. Neben einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung erhielt Markos Familie auch die Möglichkeit, nach fünf Jahren den britischen Pass zu bekommen. Geld spielte bei der ganzen Sache eine untergeordnete Rolle – sowohl das deutsche als auch das britische Jobangebot waren ordentlich dotiert. Heute ist Marko Brite und hat ein IT-Unternehmen gegründet, das zwanzig Menschen beschäftigt. Dieses Unternehmen könnte auch in Deutschland stehen – leider fehlt dazu jedoch hierzulande die „Willkommenskultur“, sich als Einwanderungsland zu verstehen, das um Einwanderer wirbt und sie nicht als eigentlich unerwünschte Bittsteller versteht.

Es geht auch anders

Neben Großbritannien gehören auch die USA, Australien und Kanada zu den erfolgreichen Einwanderungsländern. Und dies liegt nicht „nur“ an den Gehältern und der weit verbreiteten englischen Sprache – auch die skandinavischen Länder, deren Sprache kaum ein Ausländer beherrscht, sind mittlerweile vorbildliche Einwanderungsländer. Während selbst hoch qualifizierte Einwanderer in Deutschland stets nur als „Gast“ angesehen werden, bemühen andere Staaten sich redlich, für diese Menschen ein neues Zuhause zu werden. Dazu gehören nicht nur eine „echte“ und vor allem unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, sondern auch die Möglichkeit, nach überschaubarer Zeit und ohne großen Aufwand die Staatsbürgerschaft des neuen Landes anzunehmen.

Deutschland versteht sich selbst als Mittelpunkt der Welt, der eine magische Anziehungskraft auf jedermann ausübt. Doch dieses Selbstbildnis hat mit der Realität schon lange nichts mehr zu tun. Solange wir uns nicht klipp und klar als Einwanderungsland definieren und aktiv um Einwanderer werben, müssen wir uns nicht darüber wundern, dass hoch- und normalqualifizierte Menschen einen weiten Bogen um Deutschland machen. Und dies hat nicht „nur“ etwas mit den vergleichsweise geringen Gehältern zu tun.

All dies ist Herrn Weise von der Bundesagentur für Arbeit sicher bekannt. Daher muss man auch unterstellen, dass es Weise keineswegs um „Fachkräfte“ geht. Im Fachkräftebereich spielen die Gehälter, mit denen Weise jongliert, (s.o.) keine Rolle. Eine Absenkung des Mindestgehalts für Blue-Card-Bewerber führt vielmehr dazu, dass Nicht-EU-Ausländer als preiswerte Konkurrenz zu deutschen Arbeitnehmern in Berufen auf den Plan treten sollen, die eben keine „Mangelberufe“ sind und in denen es höchstens einen hausgemachten Mangel gibt, da die Gehaltsvorstellungen der Arbeitgeber unrealistisch niedrig sind. Wer mittels Zuwanderung das deutsche Lohngefüge unter Druck setzen will, darf sich jedoch auch nicht wundern, wenn Einwanderer nicht als Bereicherung sondern als Bedrohung gesehen werden. So wird man keine „Willkommenskultur“ aufbauen können – eher im Gegenteil.

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