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„Der Sieg der Ökonomie über das Leben“ – Zum Gedenken an Robert Kurz

Veröffentlicht in: Gedenktage/Jahrestage, Ideologiekritik, Wichtige Debatten

Am 18. Juli 2012 starb der Publizist und radikale Kapitalismuskritiker Robert Kurz an den Folgen einer Operation. Er lebte und arbeitete in Nürnberg. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift Krisis und Mitglied der gleichnamigen Gruppe, bis diese an internen Auseinandersetzungen zerbrach. Er mischte sich immer wieder streitbar in linke Debatten ein und schrieb unter anderem die Bücher Der Kollaps der Modernisierung, Schwarzbuch Kapitalismus und zuletzt Geld ohne Wert. Götz Eisenberg erinnert anlässlich des zweiten Todestages von Robert Kurz an einige Aspekte seines Denkens und seinen Mut, gegen mächtige Zeitgeistströmungen daran festzuhalten, dass eine Welt jenseits von Ware und Geld denkbar und möglich ist. Von Götz Eisenberg

Lesen Sie dazu auch den als Replik auf Götz Eisenberg formulierten Debattenbeitrag „Wenn Kapitalismuskritik zu kurz greift“ von Jens Berger

Unter vorkapitalistischen Zuständen bildeten Lebenszusammenhang und Produktion eine Einheit. Werkstatt, Hof, landwirtschaftlicher Jahreszyklus, Personenkreis der Großfamilie, zu der Verwandtschaft und Gesinde gehörten, stellten einen integrierten Zusammenhang dar. Libidinöse Beziehungen und Arbeitsbeziehungen waren wie zu einem Zopf verflochten. Solange man überwiegend für den eigenen Bedarf produzierte und Gebrauchswerte herstellte, herrschte ein aufgabenbezogener Arbeitsrhythmus und eine entsprechende zyklische Zeitstruktur. Kontakt- und Geselligkeitsbedürfnisse, Kranken- und Altenpflege, Kinderaufzucht mischten sich in die Arbeitsvollzüge ein und unterbrachen sie, der Arbeitstag verkürzte oder verlängerte sich je nach zu erledigender Aufgabe und Jahreszeit. Zahllose Feste und Feiertage lockerten das Arbeitsjahr auf und sorgten für periodische Enthemmungen und Entregelungen der Sinne. Es herrschte ein Wechsel von höchster Arbeitsintensität und Müßiggang. Ein und derselbe Mensch ging im Laufe eines Tages ganz verschiedenen Tätigkeiten nach, deren Insgesamt er trotz aller punktueller Mühsal und Plage nicht als „Arbeit“ empfand. Es war einfach seine Lebensweise. Das bäuerliche Leben hatte trotz aller materiellen Armut, Not und Abhängigkeit von weltlichen und kirchlichen Herren seine eigenen Werte und seine eigene Würde. Trotzdem lebten die Menschen natürlich nicht in einem goldenen Zeitalter, sondern, wie der italienische Filmemacher und Schriftsteller Pasolini schrieb, in einem „bitteren Zeitalter des Brotes.“ Solange die menschlichen Tätigkeiten noch nicht der ökonomischen Rationalität und ihrem rechnerischen Kalkül unterlagen, waren sie noch keine „Arbeit“, sondern fielen mit Zeit, Bewegung und Rhythmus des Lebens selbst zusammen. Es herrschte das, was der englische Historiker Edward P. Thompson als „moralische Ökonomie“ bezeichnet hat. Diese kannte die Kategorie des „Genug“ und besaß präzise Vorstellungen davon, was ein gerechter und angemessener Preis für lebenswichtige Dinge war. Mehr zu produzieren, als man zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse benötigte, erschien sinnlos und galt darüber hinaus als unmoralisch. Die Produktion und der gelegentliche Tausch waren eingebunden in tradierte Formen von Sittlichkeit und religiös geprägten Vorstellungen vom richtigen Leben. Unter solchen Bedingungen hätten sich eine kapitalistische Gesellschaft und das, was man betriebswirtschaftliche Rationalität oder ökonomische Vernunft nennt, nicht entfalten können. Oder mit den Worten von Michel Foucault: „Denn das Leben und die Zeit des Menschen sind nicht von Natur aus Arbeit, sie sind Lust, Unstetigkeit, Fest, Ruhe, Bedürfnisse, Zufälle, Begierden, Gewalttätigkeiten, Räubereien etc. Und diese ganze explosive, augenblickhafte und diskontinuierliche Energie muss das Kapital in kontinuierliche und fortlaufend auf dem Markt angebotene Arbeitskraft transformieren.“ Diesen Vorgang kann man als größtes verhaltensmodifikatorisches Experiment aller Zeiten und weltgeschichtlichen Dressurakt betrachten, die dann gelungen sind, wenn die Peitsche des Aufsehers nicht mehr nötig ist und die Menschen ihr kapitalverwertendes Unglück als eigene Erfüllung erleben.

Der „soziale Urknall“ (Klaus Dörner) der industriellen Revolution hat um das Jahr 1800 herum die Einheit der agrarischen und handwerklichen Hausgemeinschaft auseinandergesprengt. Die Einheit der Hauswirtschaft wurde im Wesentlichen in drei Teile zerrissen: das Wirtschafts- und Produktionssystem, das Sozialsystem und die Kleinfamilie.
Diese Explosion und die von ihr ausgelösten, bis in die Gegenwart spürbaren Nachbeben nennen wir Moderne. Sie löste die Ökonomie aus den Zusammenhängen, in die sie zuvor eingebettet war, heraus. Die Fabrik- oder Manufaktur-Arbeit war von allen Beimischungen befreite, reine Arbeitszeit und wurde in der Folgezeit in Kombination mit der Maschinerie zur Quelle einer stetig wachsenden Produktivität. Diesen Vorgang hat der englische Soziologe Anthony Giddens als disembedding, Entbettung, bezeichnet, der ungarisch-österreichische Historiker Karl Polanyi sprach von einer „herausgelösten Ökonomie“. In einem kleinen luziden Text, den er „Der Sieg der Ökonomie über das Leben“ betitelt hat, bezieht sich Robert Kurz auf Polanyi und beschreibt den Vorgang des Herauslösens wie folgt: Erst als aus den Zusammenhängen des Lebens „herausgelöste“ konnte sich die Ökonomie von den ihr auferlegten Begrenzungen befreien und zu einer anonyme Märkte beliefernden Warenproduktion werden, deren Ziel nicht länger die Bedürfnisbefriedigung ist, sondern die Vermehrung des zum Kapital mutierten Geldes. Soweit es zuvor Warenproduktion gab, blieb das Geld auf die Rolle eines Mediums beschränkt: Es stand in der Mitte zwischen zwei qualitativ verschiedenen Waren als bloßes Tauschmittel. Die moderne Ökonomie dagegen basiert auf der Verwandlung des Geldes aus einem Medium in einen Selbstzweck. Das Verhältnis von Ware und Geld hat sich verkehrt: Die Ware steht in der Mitte zwischen zwei Erscheinungsformen der gleichen abstrakten Form „Geld“. Diese Operation macht natürlich nur Sinn, wenn am Ende eine größere Summe Geld als am Anfang steht. Das Geld als flüchtige Erscheinungsform des Wertes hat sich in Kapital verwandelt, das sich selbst vermehrt. Zweck der Produktion ist die Anhäufung von Gewinn in Form des Geldes. Erst durch diese neue ökonomische Logik konnte eine Marktwirtschaft entstehen, in der am Profit orientierte Unternehmen miteinander konkurrieren und alle Menschen davon abhängig werden, dass sie Geld verdienen. Das Geld verselbständigt sich zum Selbstzweck und Fetisch der Moderne. Der Druck der Konkurrenz sorgt dafür, dass jedes einzelne Unternehmen gezwungen ist, bei allen Entscheidungen der Rationalität des Geldes zu gehorchen. Das nennt man Marktwirtschaft. Deren Grundregel bekam der junge Walter Kempowski von seinem Vater in folgender Kurzfassung vermittelt: „Angebot und Nachfrage regele die Wirtschaft, der Schwache werde zerquetscht. Klare Sache und damit hopp!“
Der sinnliche Inhalt der Produktion wird einer abstrakten rein quantitativen ökonomischen Rechnung unterworfen. „Das Geld“, heißt es bei Robert Kurz, „arbeitet wie ein gesellschaftlicher Roboter, der nicht zwischen giftig und ungiftig, schön und hässlich, moralisch und amoralisch unterscheiden kann.“ Marktwirtschaft macht hässlich, die Schönheit der Welt schwindet. Rund 200 Jahre Kapitalismus haben ausgereicht, den Planeten in eine einzige stinkende Müllkippe zu verwandeln und sturmreif zu schießen. Das nennt Kurz den „Todestrieb des Kapitals“.
Nun haben wir nicht seit 200 Jahren „den Kapitalismus“ als fertig entwickeltes gesellschaftliches System, sondern, wie Robert Kurz es ausdrückt, „die Durchsetzungsgeschichte dieser Produktionsweise, die erst heute … zum totalen Weltverhältnis geworden ist.“ Das Kapital, zunächst nur ein Segment der Gesellschaft, fraß sich von Produktionszweig zu Produktionszweig voran. Im Zuge der dritten, mikroelektronischen industriellen Revolution erreicht die Steigerung der Produktivität durch das Zugleich von Automatisierung, Rationalisierung und Globalisierung eine neue Qualität: Es wird mehr Arbeitskraft überflüssig gemacht, als durch die Erweiterung der Märkte reabsorbiert werden kann. Die Massenarbeitslosigkeit wird zum strukturellen Weltzustand, und die Arbeitslosen sind keine Reservearmee der Arbeit mehr, sondern ein nicht mehr integrierbares Abfallprodukt der in die Abstraktion geschossenen Verwertung des Werts. Der Realkapitalismus ist inzwischen zu einem Anhängsel der von der Finanzindustrie aufgeblasenen Spekulationsblasen geworden. Die Vermehrung des Geldes hat sich von der lebendigen Arbeit weitgehend emanzipiert und funktioniert, ohne den Umweg über die Produktion von realen Gegenständen oder Dienstleistungen zu gehen. Das Geld selbst wird zur einzigen Ware, die die Finanzindustrie mittels immer waghalsiger und immer weniger beherrschbarer Operationen auf dem Finanzmarkt erzeugt.
Rund zweihundert Jahre, nachdem sich die Produktion aus vorbürgerlichen Lebenszusammenhängen herausgelöst und als abstrakte, kapitalverwertende Arbeit verselbständigt hat, durchdringt die Logik des entbetteten Geldes alle Lebensbereiche, und es kommt zu einer pervertierten Wiedervereinigung von Arbeit und Leben. Das vom „sozialen Urknall“ zerrissene und fragmentierte Leben wird wieder ein Ganzes, aber eben ein vollständig kapitalistisch integriertes und von den Imperativen des entfesselten Geldes beherrschtes. Als Francis Fukuyama angesichts des einstürzenden Ostblocks die marktwirtschaftlich verfasste liberale Demokratie zum Sieger der Geschichte ausgerufen und die Geschichte für beendet erklärt hatte, kommentierte Robert Kurz ironisch, die Menschheit sei tatsächlich ins „Nirwana des Geldes“ eingetreten. Die Logik von Ware und Geld triumphiert in allen Bereichen, dringt in alle Poren der Gesellschaft bis in die alltägliche Lebensführung der Menschen vor. Diese sind und begreifen sich als lebende Waren, Geldsubjekte. Sie sprechen von sich selbst und ihrer Lebensführung in ökonomischen Termini und streben nach ihrer permanenten warenförmigen Selbstoptimierung. Das Gesicht ist zum Logo ihrer persönlichen Marke geworden, das in den sogenannten sozialen Netzwerken zu Werbezwecken ausgestellt wird. Eine Gesellschaft, deren einzige Imperative die der Bereicherung, des Konsumierens und Spaßhabens sind, darf sich nicht wundern, wenn die Waren- und Geldsubjekte moralisch verwildern und verwahrlosen und die Rücksichtslosigkeit grassiert. Schon der Aufklärer Helvetius wusste, dass sich aus einer bloß instrumentellen Vernunft kein Argument gegen Raub und Totschlag herleiten lässt. Erlaubt ist, was Nutzen bringt, alles andere ist Metaphysik. Einer vollständig durchkapitalisierten und ökonomisierten Welt wohnt eine Tendenz zu Barbarei und Gewalt inne. Haben wir angesichts der weltumspannenden Gräuel der letzten Monate und Jahre Grund, dieser Prognose von Robert Kurz zu widersprechen? Als ich Anfang des neuen Jahrtausends den Züricher Ethnologen und Psychoanalytiker Paul Parin zu einem Seminar mit Lothar Baier und Robert Kurz nach Italien einlud, schrieb er zurück, er habe die von Robert Kurz in seinem Buch Der Kollaps der Modernisierung vorgetragenen Thesen zunächst für etwas übertrieben und apokalyptisch gehalten, nun aber – nach dem Platzen der Dotcom-Blase und der Serie von Kriegen im ehemaligen Jugoslawien – bleibe ihm nur zu sagen: „Ich fürchte, er hat Recht.“

Statt dass eine zur Vernunft gekommene Menschheit die gigantischen materiellen und intellektuellen Kräfte, die sich im Schoße der kapitalistischen Produktionsweise entwickelt haben, zur Einrichtung einer freien Gesellschaft einsetzt, wird sie mehr und mehr zum Anhängsel einer losgelassenen Ökonomie. Längst könnte sich die Gesellschaft aufgrund der gestiegenen Produktivität von ihren ökonomischen Zwängen befreien; längst müssten Geist und Körper keine bloßen Werkzeuge im Dienst unlustvoller Verrichtungen mehr sein; längst müsste auf dem Leben nicht mehr die Strafe 8-stündiger täglicher Arbeit oder aufgezwungener Nichtarbeit stehen.
Robert Kurz wurde nicht müde, uns an die Möglichkeit zu erinnern, die wild gewordene Ökonomie zurückzupfeifen und an eine gesellschaftliche Leine zu legen. Wir benötigen eine Ökonomie, die nicht länger nach Geldkategorien und den Äquivalenzkriterien des Warentauschs verfährt, sondern ihre Praxis an naturalen Größen und sinnlichen Bedürfnis- und ökologischen Verträglichkeitskriterien ausrichtet. Es wird immer dringlicher, den intellektuellen Mut aufzubringen, uns eine Welt jenseits von Ware und Geld vorstellen zu können und uns praktisch für ihre Verwirklichung einzusetzen.
Alles andere schien Robert Kurz utopisch.

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