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7. Dezember 2016
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Willkommen in der Echokammer – Politische Debatten in Zeiten des Internet

Veröffentlicht in: Aktuelles, Audio-Podcast, Aufbau Gegenöffentlichkeit, Rechte Gefahr, Strategien der Meinungsmache

Pegida-Anhänger schimpfen auf die „Lügenpresse“ und haben sich im Internet ihre kleine Welt geschaffen, in der sie unter sich bleiben und kommunikative Inzucht betreiben. Dabei imitieren sie jedoch auf ihre Art und Weise doch nur die Kommunikationsstrategien und –fehler der Eliten. Das Internet hat im Guten wie im Schlechten die private und auch die politische Kommunikation revolutioniert. Die Chancen, die sich daraus ergeben, stehen den Risiken in nichts nach. Auch linke Netzwerke sind davor nicht gefeit. Wer Pegida etwas entgegensetzen will, der darf ihre Anhänger nicht ausgrenzen. Ein Debattenbeitrag von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Früher war nicht alles besser aber doch bedeutend einfacher. Politisch und gesellschaftliche Extrempositionen wurden durch einen Effekt abgepuffert, den die deutsche Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann als Schweigespirale charakterisierte. Demnach hängt die Bereitschaft, öffentlich politische und gesellschaftliche Positionen zu äußern, von der persönlichen Einschätzung ab, ob diese Positionen der Mehrheitsmeinung entsprechen. Da der Mensch Furcht davor empfindet, sozial isoliert zu sein, hat er demnach auch Hemmungen, Positionen offen kundzutun, die von der Gemeinschaft nicht akzeptiert werden. Eine besondere Rolle fällt bei dieser Theorie natürlich den Massenmedien zu, da sie die Mehrheitsmeinung definieren und in bestimmten Fällen sogar in der Lage sind, Positionen einer interessierten Minderheit als Mehrheitsmeinung darzustellen.

Bis zum Siegeszug des Internet und der sozialen Netzwerke hat diese Strategie auch auf erstaunliche Art und Weise funktioniert. Die Massenmedien definierten den gesellschaftlichen Konsens und Positionen, die mal mehr, mal weniger von diesem Konsens abwichen, wurden allenfalls in kleinen dezentralen Zirkeln goutiert, in denen man mit Gleichgesinnten unter sich war. Am Stammtisch wurde die Schweigespirale gebrochen, jedoch gab sich kein Stammtischbruder der Illusion hin, dass sein „Stammtisch-Konsens“ mehr als eine Minderheitsmeinung sei.

Der moderne Stammtisch sind die sozialen Netzwerke. Pegida ist beispielsweise nicht nur eine wöchentlich in Dresden stattfindende rechte Demonstration, sondern auch eine Facebook-Seite mit fast 200.000 Unterstützern. Und diese Unterstützer haben ihrerseits ihre eigenen Facebook-Freundeskreise, in denen mediale Inhalte geteilt und diskutiert werden. Wobei man jedoch mit dem Begriff „Diskutieren“ vorsichtig sein sollte. Es ist natürlich nicht so, dass abweichende Positionen oder Fakten, die dem eigenen Weltbild zuwiderlaufen, dort im Rahmen eines kritischen Diskurses ergebnisoffen debattiert werden. Ganz im Gegenteil. Der weltanschauliche Konsens ist vielmehr das vereinende Element dieser Gruppen. Man filtert Inhalte, die diesem Konsens widersprechen, bereits vorher aus und ist sich vor allem darin einig, dass man sich einig ist.

Kommunikationswissenschaftler bezeichnen diesen Effekt als Echokammer. Mit Echokammer wird dabei das Phänomen beschrieben, dass viele Menschen in den sozialen Netzwerken dazu neigen, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben und sich dabei gegenseitig in der eigenen Position zu verstärken. In den Netzwerken selbst bildet sich dadurch eine fatale Dynamik. Befeuert durch die Echokammer verbreiten sich nicht nur konsensfähige Inhalte, sondern auch Kommentare innerhalb der Netzwerke wie ein Lauffeuer. Wer den Konsens der Gruppe am Besten trifft, wird „geteilt“ und „gelikt“ und kriegt aus anderen, harmonierenden Kreisen Freundschaftsanfragen. Die Echokammer wächst und damit auch der Eindruck, man sei selbst keine Minderheit, sondern eine gesellschaftlich relevante Mehrheit. Facebook und Co. unterstützen und verstärken diesen Effekt dadurch, dass die Algorithmen dafür sorgen, dass man prioritär Inhalte angezeigt bekommt, die von Gleichgesinnten stammen oder von ihnen „gelikt“ wurden. Informatiker bezeichnen diesen Effekt als Filterblase. Das Netz sorgt dafür, dass man vor allem Dinge zu sehen bekommt, die das eigene Weltbild stützen, während unbequeme, dem Weltbild zuwiderlaufende Informationen herausgefiltert werden. Der moderne Nutzer sozialer Netzwerke befindet sich also in einem bequemen Informationskokon.

Die sozialen Netzwerke sind somit der Gegenentwurf zur Schweigespirale. Es spielt keine Rolle mehr, ob die Mehrheit bestimmte politische und gesellschaftliche Positionen teilt oder akzeptiert. In der Echokammer ist man selbst in der Mehrheit und dreht den Spieß einfach um – nun wird innerhalb der abgesteckten Kreise der sozialen Netzwerke derjenige isoliert, der Positionen vertritt, die in der jeweiligen Echokammer kein mehrheitsfähiger Konsens sind. In den pegidaaffinen Netzwerken ist es dann beispielsweise Konsens, dass Einwanderung generell eine Bedrohung sei und eines der größten gesellschaftlichen Probleme in einer drohenden Überfremdung bestehe. Befeuert wird diese Konsensbildung dabei nicht nur von innen, sondern auch von außen. So passieren auch zahlreiche pegidaaffine Artikel oder Kommentare aus den klassischen Medien den Filter, die dann freilich nicht als „Lügenpresse“ wahrgenommen werden. So schafft es jeder Artikel des WELT-Journalisten Henryk M. Broder mühelos in die Echokammern der Pegidisten, wo er dann natürlich – „Endlich sagt mal jemand die Wahrheit“ – als gemeinschaftsstiftendes Gruppenbekenntnis gefeiert wird. Auch fremdenfeindliche Beiträge rechter Blogs und konsensfähige Kommentare von anderen Mitgliedern der jeweiligen Gruppen werden positiv aufgenommen und weiterverbreitet.

Darüber kann man nun natürlich die Nase rümpfen. Dies macht die Sache jedoch auch nicht besser. Und abgesehen von den Inhalten funktionieren ja auch andere Kommunikationsnetzwerke nach dem gleichen Muster. Nehmen wir da ruhig die klassischen Medien selbst als Beispiel. Was sich als Kern des Hauptstadtjournalismus herausgebildet hat, ist in gewisser Art und Weise auch eine Echokammer. Man ist sich in den wesentlichen Punkten einig, ignoriert Positionen, die dem gemeinsamen Konsens zuwiderlaufen, zitiert sich mit Vorliebe selbstreferentiell selbst und bleibt im Netzwerk am liebsten unter sich. Natürlich rümpft der selbsternannte Qualitätsjournalismus über reale und virtuelle Stammtische nur die Nase. Aber ist ein nobler Gentlemen´s Club nicht auf gewisse Art und Weise auch nur ein Stammtisch?

Während Pegida auf die „Lügenpresse“ schimpft und dabei auch gleich mehr oder weniger elegant einen Vorwand gefunden hat, sich nicht mit Informationen zu beschäftigen, die dem eigenen Weltbild zuwiderlaufen, klagt die Bel Etage über ihre schwindende Meinungsmacht und schimpft ihrerseits über die bösen sozialen Netzwerke und „Verschwörungstheoretiker“. Na klar, das Netz wimmelt nur so von Wirrköpfen und Hetzern (z.B. Politically Incorrect, der Kopp Verlag und Jürgen Elsässers Compact). In seiner Pauschalität ist dieser Vorwurf jedoch genau so unzutreffend, wie der „Lügenpresse-Vorwurf“ der Pegidisten. Beide Vorwürfe sind vielmehr eine Abwehrstrategie, um sich gar nicht erst mit Informationen, Positionen und Deutungen beschäftigen zu müssen, die nicht mit dem eigenen Weltbild zusammenpassen.

Und auch linke Netzwerke sind vor derlei kommunikativem Inzest keineswegs gefeit. So sind sich die linken „Freundeskreise“ in den sozialen Netzwerken beispielsweise darin einig, dass es verschenkte Zeit ist, sich mit dem politischen Gegner ernsthaft auseinanderzusetzen. Auch in linken Kreisen gibt es einen gemeinsamen Konsens, der als gegeben vorausgesetzt wird. Positionen außerhalb der Echokammer werden dabei ignoriert und verdrängt. So ist es für viele linke Facebook-Nutzer vollkommen unverständlich, wie man überhaupt erwägen kann, die CDU zu wählen oder gar Angela Merkel gut zu finden. Nun gut, diese Fragen stelle ich mir selbst auch immer wieder. Wer Antworten darauf sucht, wird sie jedoch nicht innerhalb der eigenen Echokammer finden.

Wer die Gesellschaft zum Positiven verändern will, muss auch und vor allem Andersdenkende überzeugen. Wie will man jemanden überzeugen, den man noch nicht einmal verstehen will? Das Leben in der Echokammer ist bequem, da man plötzlich nur noch von Gleichgesinnten umgeben ist und keine ernsthaften Debatten mehr führen muss. Dummerweise ist die Außenwirkung dieses internen Schulterschlusses gleich null. Die Welt nimmt es vielmehr überhaupt nicht zur Kenntnis, wenn diese oder jene Echokammer wieder einmal einer Meinung ist.

Echte politische Debatten finden innerhalb dieser Netzwerke gar nicht mehr statt; ja sie können überhaupt nicht stattfinden, da Debatten mit Personen, die ohnehin einer Meinung sind, per se fruchtlos sind. Wer überzeugen will, der darf nicht das dünnste Brett bohren, sondern sollte sich wenn möglich das dickste Brett heraussuchen. Raus aus der Echokammer! Raus aus der Filterblase! „Entfreunden“ Sie Pegidisten nicht, sondern überzeugen Sie sie. Bombardieren Sie sie mit den Informationen, Positionen und Deutungen, die sie ansonsten herausfiltern und gar nicht an sich heranlassen. Das wäre ein echter politischer Diskurs. Wer sich diesem Diskurs versagt, muss sich nicht wundern, wenn Pegida vor allem virtuell immer mehr Zulauf bekommt.


Hörempfehlung: Frank und Fefe beschäftigten sich in der Folge 35 ihres Podcasts „Alternativlos“ mit der Facebook-Löschdebatte und der Diskurskultur im Internet. Dabei greifen sie ähnliche Argumente auf. In jedem Falle: Sehr hörenswert!

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