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Würden Riester-Rentner nach den Kosten fragen, würden sie sich wundern. Und nicht unterschreiben.

Veröffentlicht in: Riester-Rürup-Täuschung, Privatrente

Am 3.6.2008 erreichte uns die Mail eines Lesers, der den schwer lesbaren Gebührenteil seines Vertragsangebots durchgeprüft hat und keinen Riester-Vertrag abschließt. Zur Sicherheit hat er mit einer unabhängigen Finanzberaterin auch noch ein Beratungsgespräch geführt. Seinen Bericht über seine Berechnungen und über das Beratungsgespräch finden Sie im folgenden. – Für uns als Steuerzahler noch besonders interessant: Unser NachDenkSeiten-Leser hat auch ausgerechnet, wie viel Geld für Gebühren an die Versicherungswirtschaft fließt, wenn man von der gemeldeten Zahl von 11 Millionen Verträgen ausgeht: Rund 3 Milliarden jährlich und rund 77 Milliarden € insgesamt. Die 3 Milliarden entsprechen ungefähr dem, was wir als Steuerzahler für die Förderung bezahlen. Raus aus den Taschen der Steuerzahler, rein in die Taschen der Finanzwirtschaft. Albrecht Müller.

Hier die beiden Mails:

Mail vom 3.6.2008:

als Leser Ihrer Nachdenkseiten darf ich Ihnen folgende spannende Informationen zur Riester-Rente zukommen lassen:

Nachdem meine Frau und ich uns im September letzten Jahres über unseren Nachwuchs freuen durften, erhalten wir öfters die Empfehlung, einen Riester-Sparplan abzuschliessen. Natürlich wegen der „Super“- staatlichen Förderungen! Nach genauer Prüfung eines Angebotes der „LV1871“, insbesondere des „verschlüsselten“ Gebührenteils durfte ich feststellen, dass ich bei einer Beitragszahlungsdauer von 28 Jahren rund 8.870 EUR staatliche Förderungen erhalte (sofern sich an den Förderparametern 28 Jahre lang nichts ändert und ich bis zum 25. Lebensjahr meiner Tochter das Kindergeld beziehe).

Eine interessante Anlage, würde die Versicherung für den Vertrag (Vertragslaufzeit + 15 Jahre Rentenzahlung berücksichtigt) nicht rund 9.680 EUR Gebühren vereinnahmen (Ausgabeaufschläge der Ansparfonds nicht berücksichtigt !).
Zusammensetzung:

  • 4 % Gebühren auf die vereinbarten Eigenbeträge (einmalig) … egal ob sie tatsächlich geleistet werden !!
  • 4 % Gebühren auf die staatlichen Zulagen (einmalig) … egal ob sie tatsächlich fließen !!
  • Verwaltungskosten vor Rentenbeginn (8% aus dem Eigenbetrag p.a. für 28 Jahre)
  • Verwaltungskosten vor Rentenbeginn (3% aus den Zulagen p.a. für 28 Jahre)
  • Verwaltungskosten 0,45 EUR p.Monat für 28 Jahre
  • 0,5 % aus dem Guthaben einmalig bei Rentenbeginn
  • 3,3% p.a. !!! Kosten auf die Jahresrente

Ein rentables Geschäft … für die Versicherungsgesellschaft ! Der Riester-Sparer bleibt zurück mit einem Vertrag,

  • mit dem er bei dieser Laufzeit eine geradezu lächerliche Rendite erzielt,
  • über den er bei Ablauf nicht frei verfügen kann (Wahl zwischen Auszahlung oder Verrentung),
  • der Ihm zum Vertragsende noch auf seine Grundrente angerechnet wird,
  • bei dem er bei vorzeitiger Verfügung (z.B. Notsituation nach 20 Jahren) alle Förderungen und Steuervorteile zurückbezahlen muss,
  • bei dem die „Ansparfonds“ Ausgabeaufschläge zwischen 5 – 5,25 % kassieren,
  • bei dem Wertzuwächse in Fonds angenommen werden, die noch keine 5 Jahre bestehen.

Neben den zahlreichen Vermerken im Angebot, dass für jegliche Berechnungen keine Haftung übernommen wird, ist nachfolgender Hinweis der blanke Hohn “ Der Altersvorsorgevertrag ist zertifiziert worden und damit im Rahmen des §10a des Einkommensteuergesetzes steuerlich förderungsfähig. Bei der Zertifizierung ist nicht geprüft worden, ob der Altersvorsorgevertrag wirtschaftlich tragfähig oder die Zusage des Anbieters erfüllbar ist…“ Die Zertifizierung erfolgte durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht in Bonn…Gute Arbeit !

Laut Reuters-Meldung vom 2. Juni 2008 (13:44 Uhr) wurden mittlerweile elf Millionen Riester-Verträge abgeschlossen.

11 Mio. Verträge und durchschnittlich NUR 7.000 EUR Gebühren je Vertrag für die Versicherungsgesellschaften heißt rund 77 Milliarden Euro gesamt, oder 3,08 Milliarden Euro jährlich für die Versicherungswirtschaft.

Kein Wunder, dass Herr Riester lieber Vorträge … hält. Für meine Altersvorsorge habe ich ein besseres Konzept … Aktien von Versicherungsunternehmen kaufen, bei diesen staatlich geförderten Ertragsaussichten …

Vielleicht sind Ihnen vorige Informationen hilfreich bei Ihrer weiteren Aufklärungsarbeit gegen diese staatlich gesteuerte Irreführung in Punkto Altersvorsorge.

Herzliche Grüße

K. (kein Riester-Sparer)

p.s. ich habe Mitte Juni ein persönliches Beratungsgespräch und werde die Beraterin mit diesen Fakten konfrontieren. Sofern es Sie interessiert, teile ich Ihnen gerne das Ergebnis / bzw. die Ausreden mit.

Mail vom 10.6.2008

bezugnehmend auf meine Mail von letzter Woche darf ich Ihnen noch kurz die Essenz meines heutigen „Beratungsgespräches“ mitteilen:

Die Finanzberaterin klärte mich gut über Förderungen und Vertragsgestaltung der Riester Fondspolice auf

Auf meine detaillierten Nachfragen bezüglich der Fonds (Agios, Verwaltungsvergütungen usw.) bekam ich leider keine befriedigende Antworten mehr. Die übrige Vertragsgestaltung der Gesellschaft (Rentengarantie, garantierte Ablaufleistung usw.) sind m.E. schlecht und nicht empfehlenswert.

Die Gebührenseite des Vertrages deckte sich leider mit meinen Berechnungen und wurde nur auf meine Nachfrage hin so ausführlich besprochen (die Beraterin hat sich den Vertragstext offensichtlich noch nie detailliert durchgelesen und selbst die komplizierte Formulierung bestätigt).

Die lustigsten / erschreckensten Antworten: „Normalerweise fragen die Kunden hier überhaupt nicht nach“ und „Ja wenn Sie das von dieser Seite her sehen und die Kosten dagegen rechnen, dann rentiert sich der Vertrag natürlich nicht mehr„.

Auf meine Frage hin, warum ich einen unrentablen Vertrag abschließen soll…“Irgendwas müssen sie ja machen, damit sie die staatliche Förderung bekommen„.

Die „Finanzberaterin“ gestand mir auf meine Nachfrage hin ein, dass sie selbst keinen Riester-Vertrag abgeschlossen hat.

Übrigens wurde die „RieStar“-Rente der LV 1871 von „Öko-Test“ in 06./2007 auf den 1. Rang bewertet.

Herzliche Grüße … und weiterhin ToiToiToi für Ihre weitere Aufklärungsarbeit

K.

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