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27. Dezember 2014
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Ein Beitrag einer Pfarrerin mitten aus Recklinghausen zu „Unternehmerisches Handeln in Evangelischer Perspektive“

Verantwortlich:

Wir hatten schon auf die Denkschrift der EKD hingewiesen – am 17. Juli 2008 mit dem Beitrag ‚Vergessen: „Vorrang der Arbeit vor dem Kapital“ und mit Hinweis Nr. 11 vom 22.7. „Bischof der Bosse“ aus „junge Welt“: Zum gleichen Thema schrieb Silke Niemeyer, Pfarrerin in der Altstadtkirchengemeinde Recklinghausen, einen Hörer-Brief an den WDR. Weil der Brief selbst und die Entwicklung der EKD interessant sind, geben wir diesen Beitrag in der Rubrik „Andere interessante Beiträge“ wieder.

Silke Niemeyer

Betr.: WDR 5, Diesseits von Eden, Sendung vom 13. Juli 2008, Interview mit Prof. Gert Wagner zur EKD Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in Evangelischer Perspektive“, nachzuhören unter wdr5.de

Am vorletzten Sonntag hörte ich die Sendung „Diesseits von Eden“ auf WDR 5. In einem Interview ging es um die neue EKD-Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in Evangelischer Perspektive“. Darin beschwört Herr Professor Wagner im Namen meiner Evangelischen Kirche die „die Regeln des ehrbaren Kaufmanns“. Die nämlich seien in anderen Worten dasselbe wie das achte und neunte Gebot.

Ich kann nicht glauben, dass ein Professor, der nicht nur die Ehre hat, der Kammer für Soziale Ordnung der EKD vorzustehen, sondern zugleich Lehrstuhlinhaber für Empirische Wirtschaftsforschung an der TU Berlin, Mitglied der Rürup- Kommission, Mitglied im Wissenschaftsrat und Abteilungsleiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ist bzw. war – dass der allen Ernstes glaubt, wenn man auf die neoliberalen Märkte ein paar mehr honorige Manager schickte, die was von den Zehn Geboten verstehen, „wäre die Welt viel besser als sie tatsächlich ist“. Angesichts der Krisen, die die deregulierte Wirtschaft weltweit auslöst, bescheidet sich die Kirche damit, etwas mehr Anstand und gute Sitte im Geschäftsleben einzufordern. Unfassbar. Aber damit noch nicht genug. Für den Fall, dass die Moral versagt, ist das auch nicht so schlimm: „Der Unternehmer muss eben wissen, dass er nicht darum herum kommt, sich schuldig zu machen.“ Welcher protestantischen Seele fällt zu dieser Zwickmühle nicht unmittelbar Luthers „pecca fortiter!“ ein? „Sei ein Sünder und sündige kräftig“. Umso heller leuchtet die Gnade.

Es ist an sich schon wunderlich, die Zehn Gebote der Bibel mit Tugenden eines bürgerlichen Kaufmannsanstands zu identifizieren. Sie sind dazu gegeben, den Menschen „aus dem Haus der Knechtschaft Ägypten“, also von jedweden knechtenden Verhältnissen, zu befreien: Erstes Gebot und darum oberste Auslegungsmaxime. Aber auch, wenn er das nicht weiß, wünschenswert wäre, dass der Vorsitzende der EKD-Kammer die Zehn Gebote denn auch kennte, wenigstens die zwei, die er zitiert. Ein Gebot „Du sollst nicht lügen“ gibt es nicht. Vielleicht verwechselt er es mit dem Verbot, falsch Zeugnis zu reden wider den Nächsten, womit ursprünglich die Zeugensituation bei Gericht gemeint ist. Und was das andere Gebot betrifft: Des Nächsten Haus zu begehren, ist nicht nur dann untersagt, wenn man es „durch niederträchtige Machenschaften“ an sich bringen will, wie Herr Professor Wagner meint. Es ist auch dann nicht okay, wenn es nach den Regeln des fairen Wettbewerbs geschieht. Zweck dieses Gebots ist nicht die Akteure auf dem Markt besseres Benehmen zu lehren. Sein Sinn ist vielmehr, dass keiner als Habenichts ohne Lebensgrundlage da stehen soll. Die Begehrlichkeit an sich wird verworfen. Die aber ist geradezu Tugend und Prinzip der Marktwirtschaft, welche nach den Regeln der Akkumulation und Profitmaximierung funktioniert. Aber so weit – oder so eng – möchte man die Gebote nicht ausgelegt wissen. Das röche ja nach Unausgewogenheit oder gar Systemkritik. Und die kann man nicht wirklich von jemandem erwarten, dem zum Thema „soziale Absicherung“ als erstes der Satz einfällt „Da ist der Einzelne auf sich angewiesen“.

Gefragt nach Mindestlöhnen, meint Herr Professor Wagner, „dazu kann man in der Bibel ohnehin nichts finden“, dafür müsse man „außerhalb des christlichen Glaubens und ohne Theologie“ Lösungen finden. Ein Verständnis von Glauben und Theologie, das ich ziemlich befremdlich finde. Nichts anderes ist Aufgabe von Glaube und Theologie: nach Maßgabe der alten biblischen Tradition Lösungen zu finden für ganz neue Fragen. Dürfen Christen etwa nur etwas zu Themen sagen, die sie zuvor in der Wortkonkordanz der Bibel gefunden haben? Nebenbei, selbst wenn man das täte, irrt Herr Professor. Wenn er im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20) nachliest, wird er finden, dass der Mindestlohn das ist, was der Arbeiter braucht, um sich und seine Familie zu unterhalten – in der Sprache des Gleichnisses „das, was recht ist“. Ziert sich die Denkschrift vielleicht deshalb zu Mindestlöhnen Stellung zu nehmen, weil kirchliche Arbeitgeber sich vor längerem öffentlich dagegen ausgesprochen haben?

„Die Multiplikatoren, auf die es ankommt, die lesen das“ meint Herr Professor Wagner. Wenn das, was er da zum Besten gegeben hat, die Essenz der neuen Denkschrift ist, möchte ich darauf verzichten. Damit brauche ich meiner Gemeinde hier in Recklinghausen nämlich nicht zu kommen. Dass diese Marktwirtschaft sozial wäre, das wissen die meisten besser. Und an das unternehmerische Evangelium von Wachstum und Kostensenkung glauben sie längst nicht mehr. Die Menschen, die in unsere Kirche kommen, die wollen nicht ein paar mehr ehrbare Arbeitgeber, die sie erst für Mangellöhne einstellen und am Ende doch rausschmeißen, nur auf etwas anständigere Weise. Was sie wollen, ist einfach gesagt: sinnvolle Beschäftigung und genug Geld, um ein kleines Glück zu genießen. Dass das nicht allen vergönnt ist, liege eben daran, „dass wir nicht mehr im Paradies sind“, findet Herr Professor Wagner. „Wir“ leben nicht mehr im Garten Eden, stimmt. Die einen fahren die Früchte ein und die anderen haben sich mit den Dornen und Disteln zu begnügen. Deshalb haben Christen die Hoffnung auf „einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2. Petrus 3,13)

Recklinghausen, 21. Juli 2008

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