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21. Dezember 2014
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Eine Zukunft für die Frankfurter Rundschau

Verantwortlich:

Die Frankfurter Rundschau hat ihr Selbstverständnis als linksliberales Qualitätsblatt bislang nicht widerrufen. Dabei ist offensichtlich, dass immer mehr Artikel diesem Anspruch nicht genügen. Ein klarer Kurs ist für den Leser nicht erkennbar. Dies sei Anlass für die Frage, welche Zukunftsoptionen diese Tageszeitung hat.

Die Frankfurter Rundschau druckt in letzter Zeit immer häufiger richtig schlechte Texte. Zwei zufällig ausgewählte Beispiele aus derselben Ausgabe vom 23.7.2008 mögen dies veranschaulichen:

Beispiel 1:

Auftritt Obama. Erstens sieht er blendend aus und ist mindestens auf den ersten Blick nicht so stark geschminkt wie Hillary Clinton. Zweitens: Wie er redet… Eine Mischung aus den brillanten Anwälten, die wir aus Hollywood kennen, mit ein bisschen Gospel von Queen Esther Marrow (oder Martin Luther King). Kein deutscher Politiker würde so viel Pathos wagen. Aber das größte Wunder: Er ist irgendwie links und trotzdem populär. Wen das nicht hoffen macht, der, respektive die, findet es bedrohlich. Deshalb mochte Merkel den gefühlten Sozialdemokraten nicht am Brandenburger Tor reden lassen. Dafür hat ihn die SPD adoptiert. Wer den Anstatt-Beck Frank-Walter Steinmeier mal hat reden hören, weiß warum. Was Obama sagt, ist es wichtig? Hauptsache der Sound stimmt. Noch dürfen wir träumen. Bis zur US-Wahl.

Quelle: FR vom 23.7.2008

Beispiel 2:

Ökodebatten sind deutsch im übelsten Sinne: Es geht nicht um die Sache oder gesunden Menschenverstand. Es geht ums Prinzip, sprich um einen Sieg. Und darum, wer der bessere Mensch ist. Soll ich mir einen kleinen Gebrauchtwagen kaufen, der schlechtere Abgaswerte hat als mein neuer Schlitten? Noch wehre ich mich. Ein Trabbi für politisch Korrekte, das wär’s vielleicht: DDR light, weil es die Ökos freut.

Quelle: FR vom 23.7.2008

Solche Kommentare könnten unverändert auch in der BLÖD-Zeitung erscheinen. In der FR wären sie noch vor nicht allzu langer Zeit undenkbar gewesen. Sollen damit auch noch die letzten, anspruchsvolleren Leser vergrault werden? Inzwischen bietet nahezu jede Ausgabe Anlässe, sich zu ärgern und das Blatt kopfschüttelnd beiseitezulegen. Das wirft die Frage auf, welche Ziele die Führung der FR verfolgt. Die Zeitung so gegen die Wand zu fahren, wie es jetzt gerade geschieht, erscheint in jedem Fall irrational und ineffizient.

Für welchen Leserkreis ist diese Frankfurter Rundschau eigentlich gedacht?
Der Zeitungsmarkt schrumpft, und die Konkurrenten der FR haben sich längst positioniert. Wertkonservative oder gar wirtschaftsliberale Leser müssten von anderen, etablierten Blättern abgeworben werden, was kaum gelingen dürfte. Die Häufung seichter Kommentare lässt vermuten, dass man zurzeit das Leserpotenzial für eine FR-Variante des Boulevardjournalismus testen möchte.

Das wird der Rundschau aber auch nicht zu einem eigenständigen Profil verhelfen. Zu groß ist bereits die Zahl der Zeitungen, welche die gesamte qualitative Bandbreite abzudecken versuchen, dabei jedoch insgesamt uninteressant und indifferent bleiben. Gelegentlich kommt es bei diesen Wettbewerbern zu qualitativen Aussetzern auf Gossenblattniveau, deutlich seltener finden sich Beispiele für guten Journalismus. Es kann kein erfolgversprechendes Konzept sein, sich diesen (nicht ohne Grund häufig auch wirtschaftlich angeschlagenen) Wettbewerbern anzugleichen.

Bleibt die Frage nach einer Marktlücke für die FR.
Alle Umfragen, ganz gleich von wem sie in Auftrag gegeben wurden, können nicht vertuschen, dass die Mehrheit der Wähler die seit Schröder betriebene Reformpolitik ablehnt. Zugleich gibt es aber weiterhin viel Skepsis gegenüber den politischen Kräften, die sich links von der SPD gebildet haben. Ein großer Teil der Bevölkerung, der von den Politikern erwartet, die fortwährende Demontage des Sozialstaats und den Privatisierungswahn zu stoppen, der vor weitergehenden politischen Konsequenzen als einer Wahlenthaltung jedoch zurückschreckt, wünscht sich im Grunde nichts anderes als eine glaubwürdige, politische Umkehr der SPD.

Dieser Teil der Leserschaft wird zurzeit von allen Massenmedien vernachlässigt. Dabei ist er allemal groß genug, um der FR sogar eine wirtschaftliche Blüte zu ermöglichen. Die FR hat die Chance, ihren Marktanteil an Lesern deutlich zu steigern, indem sie sich als volkswirtschaftlich kompetente Verteidigerin des Sozialstaats sowie einer sinnvollen Marktregulierung positioniert. Vieles spricht dafür, dass dies sogar ihre einzige Überlebenschance als eigenständige Zeitung ist.

Damit diese Profilierung für den Leser wahrnehmbar wird, reichen gute und sogar sehr gute Artikel von ein paar wenigen Redakteuren nicht aus. Notwendig ist darüber hinaus eine erhebliche Konfliktbereitschaft, z.B. mit rot-grünen Reformpolitikern, mit anderen Medien und mit mächtigen Interessengruppen.

Dieser Weg war möglicherweise blockiert gewesen, solange die SPD Mehrheitsgesellschafterin der FR war. Seit 2006 hat jedoch ein neuer Eigentümer, der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg, das Sagen. Dieser kann kein Interesse daran haben, weiterhin Geld zu verbrennen, indem der bisherige, das Profil der Zeitung beschädigende und damit ihre Existenz gefährdende Schlingerkurs fortgesetzt wird. Sogar bei entgegengesetzten, eigenen politischen Präferenzen – was anzunehmen ist – müsste es ihm aus wirtschaftlichen Gründen notwendig erscheinen, die FR so schnell wie möglich auf die einzige, hinreichend große Marktlücke auszurichten.

Die einzige Alternative wäre, so steht zu befürchten, der nicht mehr abwendbare Untergang der Frankfurter Rundschau.

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