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20. Dezember 2014
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Nochmals: 10. Studierendensurvey20

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Horrormeldungen aus dem Studentenalltag, etwa in Köln: man kommt nicht in die Veranstaltungen, die man laut Studienplan belegen müsste, denn die sind überfüllt. In Seminaren mit hunderten von Teilnehmern bekommt man seine Kreditpunkte, die die Studienleistung quantifizieren sollen, ohne sich je zu Wort gemeldet und mit dem Professor ein Wort gewechselt zu haben. Wie auch, bei 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmern?! Alles falsch. „Die Zeit“ berichtet über Glücksgefühle der Studierenden im Hörsaal. Noch nie waren die Studierenden mit der Qualität des Studiums so zufrieden wie heute, lässt Bundesbildungsministerin Annette Schavan mitteilen. Sie stützt sich auf den 10. Studierendensurvey, also einer empirischen Erhebung. Man glaubt es nicht, und so sieht man mal genauer hin. Von Karl-Heinz Heinemann

Ja, die Studenten finden heute einiges besser als früher. Doch sie loben nicht das Studium insgesamt oder gar die Studienbedingungen, sondern die Qualität der Lehrveranstaltungen: Immerhin 60 Prozent der Studierenden fanden im letzten Jahr, dass der Vortrag ihres Professors verständlich sei. Prima. 1993 rauschte der professorale Wortschwall noch an 65 Prozent der Hörsaalbelegschaft völlig unverstanden vorbei. 1998 weckte der Lehrvortrag nicht einmal bei 20 Prozent der Zuhörerinnen und Zuhörer Interesse und Motivation zum Studium, 2007 fühlten sich immerhin schon 28 Prozent im Hörsaal angesprochen. Mancher Rheumadeckenverkäufer wäre froh, würde er so viele seiner Zuhörer mit seiner Botschaft erreichen.

Immerhin – vor Jahrzehnten musste sich ein Professor keinen Deut um die Qualität seiner Lehre kümmern. Da hat sich etwas geändert, seitdem Studenten ihn in Fragebögen bewerten und Hochschullehrer sich damit legitimieren müssen, dass ihre Lehrveranstaltung auch in den vorgesehenen Studienplan passt. Aber kann man wirklich von Glücksgefühlen im Hörsaal sprechen, wenn nach wie vor 70 Prozent der Studenten die Veranstaltungen dort interessant noch motivierend finden? Wenn immer noch ein Fünftel der Studierenden ernsthaft überlegt, das Studium abzubrechen?

Aber vielleicht liegt es ja auch an den Studierenden, dass sie heute den Vorlesungen und Seminaren ein wenig mehr abgewinnen können als vor 15 Jahren. Laut Studierendensurvey sind sie nämlich heute in jeder Hinsicht motivierter. Sowohl das fachliche und das allgemeine Bildungsinteresse hat zugenommen als auch die Erwartung eines sicheren Arbeitsplatzes und besserer Bezahlung. Also: sie werden besser zuhören, egal, was der Professor ihnen erzählt.

Nun kommen wir zum Kleingedruckten. Der „Zeit“ ist es gar keiner Erwähnung wert, in Annette Schavans Pressemitteilung findet man zumindest einen Hinweis darauf, dass sich die Schere der sozialen Herkunft beim Hochschulzugang weiter geöffnet hat. Doch was auch Schavan nicht erwähnt: Je mehr Studierende zwangsweise Bachelorstudien absolvieren, desto schlechter schneiden diese neuen Studiengänge in der Meinung der Studenten ab. Immer weniger erwarten, nämlich nur noch 12 %, dass man damit gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätte oder dass man damit im Ausland besser ankäme, dafür glauben immer mehr, dass die wissenschaftliche Qualität der Ausbildung zu gering sei. 2001 glaubte ein Viertel der Studenten, dass das Bachelorstudium die individuelle Gestaltung des Studiums stark behindert, 2007 war es die Hälfte! Eine unübersichtliche Menge an zu spezialisierten Fächern werde da geboten, die zu Akademikern zweiter Klasse führen und, entgegen der erklärten Intention, die Fähigkeiten der Studierenden zu wenig fördere.

Üblich ist es, dass eine Neuerung von den Betroffenen erst mal abgelehnt wird, solange sie keine Erfahrungen damit gesammelt haben. Doch hier ist es anders: je besser die Studenten Bescheid wissen, desto heftiger wird die Ablehnung. Wenn man also etwas aus dem Studierendensurvey schlussfolgern kann, dann ist es dies: Die Bolognareform ist ein Flop.

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