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11. Dezember 2016
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Ein neuer „Bock als Gärtner“ – der GoldmanSachs-Berater Issing als Kommissionsvorsitzender. Mein Fazit: Dieser Bundesregierung ist nicht zu trauen.

Veröffentlicht in: Finanzkrise, Finanzpolitik, Neoliberalismus und Monetarismus

Bei SpiegelOnline lese ich (siehe unten), dass Otmar Issing als Ersatz für den gescheiterten Tietmeyer die Kommission zur Reform der internationalen Finanzmärkte leiten soll. Issing war und ist einer der führenden Köpfe der Monetaristen in Deutschland, er war als Chefökonom der EZB wie auch schon als Vertreter der Deutschen Bundesbank mitverantwortlich für deren neoliberalen Kurs in der Geldpolitik. Er unterscheidet sich in seinen wirtschaftspolitischen Dogmen keinen Deut von Tietmeyer und ist wie dieser Mitglied im Kuratorium der neoliberalen Friedrich-August von Hayek-Stiftung. Issing war und ist ein Propagandist der freien Finanzmärkte und ein fundamentalistischer Monetarist. Im Jahre 2003 erhielt Issing für seine theoretischen Arbeiten ebenso wie für sein Wirken als Zentralbankdirektor gemeinsam mit Margaret Thatcher den Preis der Hayek-Stiftung.
Begründung: „He is very Hayekian.“ Siehe Anlage B. Albrecht Müller.

Issing ist nach seinem Ausscheiden aus der EZB für die Investmentbank Goldman Sachs als Berater tätig. Goldman Sachs ist sowohl wesentlicher Mitverursacher als auch Profiteur der Finanzkrise. Der Vertreter dieser Firma soll nun die Kommission zur Reform des Unwesens leiten, an dem sein jetziger Auftraggeber unermesslich viel verdient hat. Angela Merkel lässt sich von dem Deutschland-Vertreter von Goldman Sachs Dibelius beraten.

Die Entscheidung für Issing unterscheidet sich im Prinzip nicht von der für Tietmeyer. Damit wird auch deutlich, dass der Vorschlag „Tietmeyer“ kein unabgesprochener Patzer war, wie die meisten deutschen Medien in ihrer Arglosigkeit meinten, sondern ein erster Versuch, die Gruppe der deutschen Chicago Boys auch bei der „Reform“ im Spiel zu halten.

Der Reform-Gruppe sollen laut SpiegelOnline zwei weitere Vertreter mit internationaler Erfahrung im Bankenbereich angehören, außerdem der Frankfurter Professor für Kreditwirtschaft, Jan Pieter Krahnen, Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen und Merkels Wirtschaftsberater Jens Weidmann. Über Asmussen haben wir schon viel geschrieben. Siehe Suchfunktion. Er ist mitbeteiligt an der Öffnung Deutschlands für die Heuschrecken. So entsteht ein famoses Gremium, das dafür sorgen wird, dass alles im Kern so weitergeht wie bisher.

Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass bisher überfällige Entscheidungen nicht getroffen worden sind. Auch darauf haben wir schon hingewiesen: der Börsengang der Bahn wird nicht endgültig gestoppt, die Steuerbefreiung beim Kauf und Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen wird nicht zurückgezogen, die Erleichterung für Verbriefungen ist immer noch in Kraft, u.a.m..

Anhang A aus Spiegelonline –
wiederum ein Beispiel für die grade zu totale Unfähigkeit zu einem einigermaßen kritischen beGleiten der öffentlichen Vorgänge:

20. Oktober 2008
ERSATZ FÜR TIETMEYER
Finanzexperte Issing soll Reformkommission leiten

Der eine Ex-Bundesbanker scheiterte an der SPD – jetzt übernimmt ein anderer: Wirtschaftswissenschaftler Otmar Issing soll die Expertenkommission der Regierung leiten, in der eine Reform der internationalen Finanzmärkte entwerfen wird. Er gilt als Vater der europäischen Geldpolitik. Berlin – Hans Tietmeyer kommt nicht mehr in Frage, nun soll der ehemalige Chefvolkswirt der Bundesbank, Otmar Issing, Leiter der Expertenkommission der Bundesregierung zur Reform der internationalen Finanzmärkte werden. (…)

Anhang B:
Hier ein Auszug der Preisrede von Leszek Balcerowitz, Präsident der polnischen Nationalbank, zur Würdigung von Otmar Issing:

Ladies and Gentlemen,
I have stressed the unique combination of qualities embodied by Lady Thatcher. Professor Otmar Issing represents another unique combination of features. He has had an impressive academic career; starting with the study of classical philology at the University of Würzburg, through a doctorate in political sciences at that university, through full Professorship at the Faculty of Economics and Social Sciences of the University of Erlangen-Nüremberg at the very young age of 31, and Professorship at the Univeristy of Würzburg, Chair of Economics, Monetary Affairs and International Relations. He is a member of many learned societies, including the Walter Eucken Institute. I am stressing this fact because it symbolises that Professor Otmar Issing is a prominent representative of German “Ordoliberalismus”, a very important intellectual stream that defended and developed the classical paradigm of individual liberty, the free market and the limited state during an age in which mainstream economics went in the statist and a-institutional direction. I think that it was the importance of Ordoliberalismus in Germany, and of the stability-oriented policies of the independent Bundesbank that were mainly responsible for the German economic miracle of the 1950’s and the 1960’s.

Later, the “soziale Marktwirtschaft” became increasingly “sozial”, and the relative economic performance of Germany has worsened. Being a brilliant academic economist, Professor Issing has also been involved in public policy at the highest level – and during extraordinary times, first as a member of the board of the Deutsche Bundesbank and since June 1998 as a member of the Executive Board of the European Central Bank. Let me quote him: “I have been dealing with uncertainty and its consequences for a large part of my professional life. This included the challenges posed by German unification and the turbulence surrounding the ERM crises, the 6 introduction of the euro and the birth of the single monetary policy, and more recently the stock market bubble and a series of terrorist attacks, which followed the string of crises that have struck a number of emerging countries over the last years”.

Prominent positions at the intersection of the world of academia and of monetary policy have given Professor Issing a very rare capacity to make monetary policy more theorybased, while being able to distil policy-relevant theoretical contributions from mere fads or intellectual curiosities. This rare capacity is demonstrated especially in his discussions of monetary theory as a basis for monetary policy, and of monetary policy in a world of uncertainty and in the changing economic environment. His approach to uncertainty is deeply Hayekian even though he offers a critical analysis of Hayek’s specific proposal for the denationalization of money and for competing currencies. He shows how the introduction of the euro and the modern technological developments can lead – in ways different from those proposed by Hayek – to goals he advocated: to the depoliticisation of money and to private competition in the issuing of inside money.

However, Professor Issing’s academic interests go far beyond the technical issues of money and monetary policy, including, for example, the problem of how minorities are treated by the market mechanism relative to that of state regulation;, issues of ownership, the economics of the environment or the ethics of a central bank. Whatever topic he chooses, he addresses it with exemplary clarity and, if necessary, in the philosophical and historical context. In that too he is very Hayekian.

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