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Dass Meinungsmache so total möglich ist, erstaunt selbst uns.

Veröffentlicht in: Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Strategien der Meinungsmache, Wahlen

Zum Verständnis der Irritation eine kleine Geschichte: Mir hilft gelegentlich ein aufgeweckter und begabter Abiturient beim Umgang mit dem Laptop. Am Tag, als die vier ehrenwerten Hessen bekannt gaben, sie könnten Andrea Ypsilanti nicht wählen, kommentierte er stöhnend: „Endlich ist die weg“. Ich war erstaunt. Aber das war keine vereinzelte Reaktion. Ähnlich kommentierten dem Sinne nach eine Reihe von Lesern der NachDenkSeiten. Sie verstanden und verstehen unsere kritische Kommentierung des Vorganges und unsere große Sympathie für den Versuch von Frau Ypsilanti nicht. Das Urteil „Wortbruch“ und die Vorwürfe „machtgeil“ und „dilettantisch“ sind offensichtlich fest verankert und zwar in einem Kreis, der wie im Falle meines Helfers weit über den Bereich des eher konservativen und neoliberalen Teils unserer Gesellschaft hinausgeht. – Es gibt auch andere Stimmen – Menschen, die wie wir das Scheitern Andrea Ypsilantis als Ergebnis nicht ihrer Fehler sondern einer massiven Kampagne der Meinungsmache und der politischen Einflussnahme sehen. Einer aus dieser Gruppe, Wolfgang Fladung, hat den Umgang mit Ypsilanti mit dem Umgang mit Obama verglichen. Siehe Anlage.

Zunächst noch zur Sache:
Es war ein Fehler, sich vor der Wahl im Januar gegen eine Zusammenarbeit mit der Linken festzulegen. Das ist der Fehler, den die SPD insgesamt macht und der ihr die Option zur politischen Führung endgültig verbaut, auch 2009 nach der Bundestagswahl. Andrea Ypsilanti stand offensichtlich unter großem Druck, diese Linie auch für Hessen zu übernehmen. – Diese Erklärung ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass ihre Entscheidung falsch war. Dass sie dann angesichts der quasi unlösbaren Konstellation nach der Landtagswahl versuchte, eine Lösung auch unter Inkaufnahme des Bruchs ihrer Festlegung zu finden, ist nicht zu kritisieren. Das wäre eigentlich sogar öffentlich zu loben. So ist es in Hamburg geschehen, wo man sich zur nicht vorgesehenen und auch vorher von Seiten der Grünen jedenfalls abgelehnten schwarz-grünen Koalition vereinigte. Und so weiter.

Wir haben nach der Landtagswahl im Januar viel dazu geschrieben, analysiert und kommentiert. Wir haben auch die damals begonnenen massiven Kampagnen gegen jeden Versuch, in Hessen eine Lösung ohne Koch zu finden, beschrieben und immer wieder dokumentiert. Wir haben gezeigt, wie zum Beispiel die Bild-Zeitung und SpiegelOnline in gleicher Weise gegen den Versuch von Andrea Ypsilanti angingen und welche Hatz da stattfand. Auch Kurt Beck wurde das Opfer dieser Kampagne, als er versuchte, der SPD wieder eine Führungsoption zu öffnen. Auch das haben wir im einzelnen dokumentiert.

Scrollen Sie, wenn Sie dieses Thema interessiert, einfach ab Ende Januar 2008 durch die NachDenkSeiten oder geben sie in der Suchfunktion das Stichwort Ypsilanti ein.
Dass der „Wortbruch“ zu dem beherrschenden und von einer überwiegenden Mehrheit zutiefst ernst genommenen Vorwurf werden konnte, ist bemerkenswert.
Ähnliches gilt noch mehr für die beiden anderen Vorwürfe:

Andrea Ypsilanti sei „machtgeil“. Dass sie den Wechsel in Hessen wollte, war von Anfang an klar. Jeder Spitzenkandidat will eine Wahl gewinnen und dann auch das Ergebnis umsetzen, wenn es irgendeine Möglichkeit dazu gibt. Vor allem auch dann, wenn es nahezu keine Alternative gibt. Andrea Ypsilanti hat man also in einer breiten Öffentlichkeit etwas übel genommen, was man bei anderen Politikern als selbstverständlich und ehrenwert hinnimmt.

Ähnlich erstaunlich ist die weite Verbreitung des Vorwurfs, sie sei „dilettantisch“ vorgegangen, sie habe „gepatzt“. Ich habe mir bei Auftauchen dieser Vorwürfe den Kopf zerbrochen, an was man diesen Vorwurf festmachen könnte. Ich habe auch genau hingeschaut und nach Belegen gesucht. Ich fand keine einigermaßen schlüssigen Belege. Im Gegenteil. Die hessische Landesvorsitzende hat sich unglaubliche Mühe gemacht, ihre Entscheidung breit abzusichern. Sie ist auf Regionalkonferenzen im Land herumgereist. Sie hat Probeabstimmungen veranlasst. Was war daran „gepatzt“? Sicher findet man, wenn man lange sucht, irgendwelche Fehler. Aber solches gab es auch bei Schmidt und Brandt und Wehner und Kohl. Was dazu jetzt bei Ypsilanti stattgefunden hat, ist jedenfalls bemerkenswert.

Was könnten die Ursachen dieser weiten Verbreitung der Verurteilung Ypsilantis gewesen sein? Wie ist es möglich, die Gehirne einer so großen Mehrheit einheitlich zu prägen?

  1. Die Kampagne gegen Ypsilanti war und ist von einem breiten Bündnis von Wirtschaft, Politik und Medien getragen. Vermutlich wurden im konkreten Fall auch effiziente Public Relations-Agenturen eingesetzt. Damit wurde eine tausendfache Wiederholung der gleichen Botschaften erreicht. Dies ist in vielen Fällen schon alleine so erdrückend, dass viele Menschen dem erliegen.
  2. Hinzu kommt im konkreten Fall, dass die Botschaften gegen Andrea Ypsilanti von sehr verschiedenen Ecken ausgesandt wurden. Das erhöht die Glaubwürdigkeit auch von unwahren Behauptungen so sehr, dass die Lüge zur Wahrheit werden kann. Aus den Reihen der Bundes-SPD wurde über Dilettantismus und Patzer geklagt. Der Vorwurf Wortbruch wurde von vielen Sozialdemokraten und Grünen weiter getragen. Wenn die Impulse aus diesen Ecken sich mit der Kampagne der Union und der Wirtschaft vereinigen, dann ist ihre Glaubwürdigkeit sehr hoch. Man kann dann niemandem verübeln, dass er oder sie die Vorwürfe glaubt und für wichtig hält.
  3. Im konkreten Fall spielte eine Rolle, dass Ypsilanti eine Frau ist und dass sie aus einer Arbeiterfamilie kommt und – was wichtig ist – ihre Herkunft nicht verleugnet, sich also nicht angepasst hat. Die mittel- und oberschichtgeprägte Welt der Chefredakteure nimmt einem Gerhard Schröder nicht übel, wo er herkommt, weil man sich bei ihm – früh erkennbar – auf die Anpassung verlassen konnte. Bei Frau Ypsilanti war das anders. Sie wurde in diese Kreise nicht aufgenommen.
  4. Dass Andrea Ypsilanti so anders behandelt wurde und wird als Obama, hat mit Verschiedenem zu tun: Koch war nicht ganz so verhasst wie Busch und damit abstrahlend auf McCaine, Koch verschwand zeitweise im Gesamtgebilde der Union. Diese wollten die deutschen Medien mehrheitlich nicht schwächen. In den USA gab es eine ähnliche Rücksicht auf die Republikaner nicht. Der Wunsch nach Wandel/Change war also in den USA und Hessen in ein verschiedenes Umfeld eingebettet. – Dass die deutschen Medien so sehr und vor allem in den letzten Tagen von Obama schwärmten, hat zum einen etwas mit dem alten Bandwaggon-, dem Mitzieh-Effekt zu tun, zum anderen damit, dass vor allem der konservative Teil der deutschen Medien, das ist die Mehrheit, das Feiern des Sieges von Obama nutzen konnte und nutzen kann, um den von Bush bewirkten Imageverlust der USA auf einen Schlag wettzumachen. Ohne in der Politik viel geändert zu haben, bekamen die USA über Nacht ein neues Image. Diesen Effekt einkalkulierend haben sich viele der US-ge- und bestimmten Medien in Deutschland auf die Werbung für diesen neuen Präsidenten eingelassen – unabhängig von der Tatsache, dass man seine inhaltlichen Positionen mehrheitlich nicht mitträgt. Davon kann man sich auch später noch distanzieren.

Meine Antworten sind Versuche zur Erklärung. Vielleicht gibt es Studenten der Kommunikationswissenschaft und der Politologie, die sich bei ihrer Promotion diesem Thema zuwenden. Vielleicht gibt es unter dem Eindruck des Wandels in den USA sogar Professoren, die sich der erfolgreichen Indoktrination im Falle Ypsilanti zuwenden. Material gibt es genug – allein auf den NachDenkSeiten schon sehr viel.

Die erlebte weitgehende Gleichschaltung ist für das Projekt www.NachDenkSeiten.de wie für alle am Aufbau einer Gegenöffentlichkeit Beteiligten ernüchternd. Aber aufgeben werden wir deshalb nicht. Im Gegenteil.

Auch Analysen wie die folgende ermuntern uns dazu.

Anlage:

Obama & Ypsilanti
Dazu Wolfgang Fladung am 6.11. an NDS:

die Kommentare rund um die beiden Ereignisse – die „Abwahl“ von Frau Ypsilanti und die Wahl von Herrn Obama – haben mir doch stark zu denken gegeben, und starken Brechreiz verursacht. Dort der zum neuen Heilsbringer und Heiland hochgejubelte „schwarze Kennedy“ Obama und hier die stümperhafte und dilettierende Ypsilanti, die dank vier heldenhafter und aufrechter Demokraten daran gehindert wurde, Hessen durch ökosozialistische Experimente zugrunde zu richten.

Obamas Heiligenschein konnte natürlich nur so groß werden, weil er gegenüber dem Bösewicht und Versager Bush sich so glänzend abheben konnte. Ich räume ihm durchaus ein, das er nicht nur ein Dampfplauderer ist, sondern versuchen will, trotz aller Widrigkeiten und vor allem mitten in eine Rezession hinein die USA wieder auf einen anderen Kurs zu bringen. Kann natürlich sein, daß das Leck auf der Titanic USA unter der Wasserlinie schon zu groß ist, um noch geschlossen zu werden. Aber einen Bonus hat er bei mir. Jetzt will er also die Steuern für Reiche erhöhen, alternative Energien fördern, endlich zurück zum Multilateralismus und damit auch zurück in die Weltgemeinschaft der Kämpfer gegen den Klimawandel. Er will das Wall-Street-Kasino und seine internationalen Ableger an die Kandare nehmen und dafür sorgen, daß 50 Millionen Amerikaner eine staatliche Krankenversicherung erhalten. Für Bildung und für die marode Infrastruktur sollen wieder mehr Mittel fließen. Für all diese Vorhaben wird er gelobt, gefeiert, als neuer Superstar – bei uns bis tief in die Parteien CDU und FDP hinein.

Und Ypsilanti? Auch sie wollte mit Hilfe des „Öko-Fundis“ Scheer (U. Vorkötter in der FR) eine dezentrale Energieversorgung mit erneuerbaren Energien schaffen, mehr Geld für soziale Projekte und für Bildung ausgeben, und, wie auch Obama, schlechtem Geld nicht weiterhin gutes hinterher werfen. Aber der „Change“ des Obama durfte auf keinen Fall auf Ypsilanti übertragen werden. Es mußte heißen: „She shouldn’t, and therefore she couldn’t“. Zweierlei Maß, was Schwarz-Grün in Hamburg durfte, darf Andrea noch lange nicht.

Im Gegenteil; für all das, für was Obama gelobt und gefeiert wird, wird sie verbal geteert und gefedert, durch den Schlamm taktischer und strategischer Fehler gezogen und wegen ihrer angeblichem persönlichem Machtwahn & natürlich hoher Ignoranz geschuldeten Verblendung geprügelt. All dies wird mit irgendwelchen Umfrage-Ergebnissen, bei denen sich angeblich mehr als 2/3 der Hessen gegen ihre Pläne ausgesprochen haben, unterfüttert. Seltsam nur, das in der angeblich Ypsilanti-feindlichen FR immer wieder Umfrageergebnisse auftauchten, die eine andere Sprache sprachen. Seltsam auch, daß die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, auch eine andere Meinung hatten und bei der Hessen-Wahl sie als Hoffnungs-Trägerin angesehen haben, und die vorher bestrittene Tolerierung durch die Linkspartei als verzeihlichen Fehler ansehen, da notwendig, um auch in Hessen endlich umzusteuern.. Aber vielleicht kenne ich ja die falschen Leute?

Mich würde sehr stark interessieren, ob bei Ihnen auch diese Verbindung der Ereignisse – und deren kommentierte Widersprüchlichkeit – gesehen wird.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fladung

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