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„Liegt halb richtig, bei wem 2+2=5 ergibt?“ – Eine Kontroverse um Evalutation, Bildungsstandards und Kompetenzen

Veröffentlicht in: Bildung

Die neue Fokussierung auf Soft Skills macht Schüler erfolgreich – und dumm, sagt der Didaktiker Hans Peter Klein. Er wirft im FR-Interview vom 27. Juni 2010 einen kritischen Blick auf das Bildungssystem.
Nach Pisa sei das Bildungswesen auf ein sogenanntes output-orientiertes, also auf Kompetenzen basierendes System umgestellt worden – im Gegensatz zum früheren input-orientierten, wissensbasierten System. Das Wissen sei durch die neue Kompetenzorientierung zu 90 Prozent abgeschafft worden.
Der Konstanzer Psychologe und Bildungsforscher Georg Lind antwortet Klein auf seiner Website. Wir dokumentieren diese Kontroverse.

Georg Lind in seiner Kritik auf Hans Peter Klein:

Schade. Diese Kritik enthält einen wichtigen und richtigen Kern, aber leider auch Verallgemeinerungen und Deutungen, die mir falsch und rückwärtsgewandt erscheinen.

Richtig ist: Die rein fachlichen Anforderungen in Vergleichstests wie PISA und, in deren Schlepptau, der neuen Bildungsstandards und Abituranforderungen ist erbärmlich gering. Wenn man diese Aufgaben genau untersucht (wie es der Autor mit seinem Experiment und auch andere wie Meyerhöfer, Wuttke, Jahnke und Brügelmann getan haben*), dann sieht man, dass viele Aufgaben für die jeweilige Zielgruppe im fachlichen Kern so leicht zu lösen sind, dass sie künstlich schwer gemacht werden müssen, um eine deutliche Leistungsstreuung zu bekommen. Erschwert werden diese Aufgaben u.a.

  • durch Erhöhung der Aufgabenzahl und Verringerung der Lösungszeit
  • durch sprachlichen Ballast (viel Text, mehrdeutige und irritierende Formulierungen, etc.
  • durch so genannte Distraktoren, das sind Hinweise, die ablenken sollen, aber mit der Aufgabe eigentlich nichts zu tun haben.

Als ich vor 40 Jahren als Austauschschüler in den USA zum ersten Mal mit solchen Test konfrontiert wurde, hatte ich mich über die sehr geringen fachlichen Anforderungen sehr gewundert, und auch darüber, dass viele meiner Mitschüler trotzdem schlecht abschnitten. Offenbar hatte sie sich durch die Distraktoren bluffen und durch den Zeitdruck in Angst versetzen lassen. (Ich hatte als Austauschschüler wenig zu fürchten, ebenso wenig die Neuntklässler, die die Abi-Aufgaben lösen sollten.) Wirkliches Wissen bleibt bei solchen Aufgaben auf der Strecke.

Richtig ist auch: Mit den „Standards“ wird paradoxerweise die fachliche Beliebigkeit gefördert. Mein Unterricht als Austauschschüler in den USA vor 40 Jahren war ziemlich ähnlich dem Unterricht hier. (Nur die Prüfungsaufgaben waren dort schon anders, weil an Standards orientiert.) Es herrschten also bereits internationale Standards, bevor man sie erfand. Wenn man heute nur noch an statistischen Kennzahlen (Item-Charakteristiken) interessiert ist, aber kaum noch an Inhalt und Qualität der Aufgabe, dann droht in der Tat fachliche Beliebigkeit.

Es ist also Zeit, Alarm zu schlagen, zumal die Problematik bereits seit langem in Fachkreisen bekannt ist.

Falsch ist jedoch, dieses Problem dem Begriff der Kompetenz in die Schuhe zu schieben, auch wenn PISA & Co. diesen Begriff (zu Unrecht!) für sich reklamieren.

In den Fremdsprachen findet seit einigen Jahren eine sehr erfolgreiche Hinwendung zu kommunikativen Kompetenz statt, die wegführt vom reinen Vokabel- und Grammatiklernen. Vokabeln + Grammatik sind noch keine Sprachkompetenz. Ich hatte bei meinem Austauschjahr in den USA mit Schrecken feststellen müssen, dass ich trotz sechs Jahre Lernfleiß im Fach Englisch an der Bestellung einer Portion Eis scheiterte. Die einzige Eissorte, die ich benennen konnte, war Erdbeereis — und das war ausgegangen. Erst als ich Englisch von Grund auf neu, durch Nachsprechen wie ein Papagei gelernt hatte, kam auch meine Vokabel- und Grammatikkenntnisse zum Zug.

Was diese Beispiel zeigen soll: Die Kompetenz- oder besser: Kommunikationsorientierung ist richtig, nicht nur im Fremdsprachenunterricht, sondern auch in der Naturwissenschaft. Wissenserwerb und Wissensvermittlung sind Kommunikationsprozesse!

Was falsch läuft, ist dass in den Vergleichstests und den neuen Abituraufgaben Kompetenz und Kommunikation nur dem Namen nach geprüft werden, sie in Wirklichkeit aber meilenweit davon entfernt sind. Der gerade publizierte Ländervergleich in Englisch fußt nur auf der Messung von Begriffswissen, nicht von kommunikativen Kompetenzen.

Die gegenwärtigen Papier- und Bleistift-Tests leisten das nicht, weil sie zu billig gemacht sind und weil ihnen keine didaktisch-psychologische Theorie der Fachaufgabe zu Grund liegt. Mit anderen Worten: die Autoren dieser Aufgaben wissen meist selbst nicht, was sie testen. Sie überlassen das Denken den Computern, die vorher mit fragwürdigen Annahmen gefüttert wurden, vor allem mit der Annahme, Kompetenzen seien total eindimensional. Vielfältige Hinweise in den Daten, dass dies nicht der Fall ist,* werden einfach ignoriert oder wegmanipuliert.

Die Formulierung valider Aufgaben zur Überprüfung bestimmter Kompetenzen setzt auf Seiten der Autoren eine hohe fachliche und psychologische Kompetenz voraus. Weil das noch selten gegeben ist, rief der ehemalige Präsident der amerikanischen Vereinigung der Bildungsforscher (AERA) Professor Alan Schoenfeld zu einem Moratorium bei der Testentwicklung auf. Bei aller Kritik an der Arbeit von Lehrern scheinen deren Aufgabenstellungen immer noch die bessere Alternative darzustellen (obwohl auch hier durch die Inflationierung von mündlichen und schriftlichen Prüfungen ein deutlicher Qualitätsverlust zu beklagen ist.)

Für falsch halte ich auch, dass in dem Interview für eine Deckelung der Abiturienten- und Studierendenzahlen plädiert wird. Hier kommt die Kritik an Kompetenzen völlig in das Fahrwasser konservativer Rückwärtskritik.

Weil wir in einer komplexen und sich schnell verändernden Gesellschaft mit vielen neuen sozialen und moralischen Problemstellungen leben, brauchen wir mehr gut ausgebildete Menschen als wir sie momentan haben. Das heißt, wie brauchen mehr Schul- und Hochschulabsolventen und wir benötigen besser ausgebildete Absolventen.
Wir brauchen nicht mehr Menschen mit Datenwissen, sondern Menschen, die sich Informationen merken können, sondern sie auch selbständig auffinden, verstehen, anwenden und im Diskurs mit anderen Menschen verantworten können: eben kompetente Menschen.

Kompetente Menschen sind Menschen, die viel Wissen haben, die aber das Wissen auch

  • verstehen,
  • anwenden und
  • verantworten

können. Nur alle vier Aspekte zusammen machen Kompetenz bzw. wirkliches Wissen aus. Reines Faktenwissen ist kein wirkliches Wissen. Aber ich glaube, dass dies bei Lichte betrachtet, unter Pädagogen nicht strittig ist.

Strittig ist aber, wie man Kompetenzen in Schule und Hochschule effektiv vermittelt. Die alte Vorstellung war, dass man zuerst möglichst viel Fakten kennen sollte, bevor man sich den anderen Kompetenzaspekten zuwenden sollte oder sogar durfte. Schüler mussten zunächst einfach pauken und die Klappe halten. Über die anderen Aspekte mitreden durfte man erst, wenn man ein Abitur, ein Diplom oder gar erst eine Professur vorweisen konnte.

Dies halten heute viele Pädagogen und Psychologen für falsch. Der effektivere Lernweg ist der vom Verantworten (was muss ich können, um verantwortlich handeln zu können?), über das Anwenden (wie kann ich das machen?) zum Verstehen (warum funktioniert das?) und zum (Begriffs-)Wissen (wie drückt man das genau aus, was da passiert?). Meist kann man sich (Begriffs-)Wissen dann schneller und leichter aneignen, wenn man eine gewisse Ahnung hat, wofür es wichtig ist und wie man es anwenden kann.

Dabei sollte man nicht in denselben Fehler verfallen werden wie das alte Sequenzmodell, nämlich die Aspekte zeitlich allzu sehr voneinander scheiden. Am besten läuft das Lernen ab, wenn Verantworten, Anwenden, Verstehen und Begriffslernen sich in kurzen Sequenzen abwechseln und eng ineinander greifen.

Moderner Sprach- und Naturwissenschaftsunterricht setzt diese Einsicht heute mit gutem Erfolg um, allerdings ständig von zwei Seiten bedroht a) von der Verballhornung durch „Bildungsstandards“ und b) von dem Beharrungsvermögen des alten Modells des Wissenserwerbs, an dessen Ende man zwar weiß, dass 2 + 2 = 4 ist, aber nicht, dass das nur dann ein sinnvolles Ergebnis ist, wenn bei beiden Sumannden die Maßeinheit dieselbe ist oder eine sinnvolle Oberkategorie für beide Maßeinheiten gefunden werden kann: zwei Äpfel und zwei Birnen sind vier Obsteinheiten. Eine sehr leichte Mathematikaufgabe in Rekordzeit lösen zu können macht noch keine Mathematik-Kompetenz.

Für falsch halte ich auch, die Überprüfung des „outputs“ von Unterricht in Bausch und Bogen zu verdammen. Wir brauchen alles Drei: die Betrachtung des Inputs, des Outputs und des Prozesses. Jede Einseitigkeit ist problematisch. Wir müssen Geld für Bildung ausgeben und Bildungsziele aufstellen, aber das allein reicht nicht. Wir müssen auch prüfen, ob das Geld vernünftig ausgegeben wird und wie gut die Ziele erreicht werden. Dafür sind aber Ländervergleiche und Vergleichsarbeiten meist völlig ungeeignet, wie Brügelmann gezeigt hat. Viel zweckdienlicher (und billiger!) sind gezielte Untersuchungen mit kleineren Samples, aber mit einem gut durchdachten Forschungsdesign. Dafür sind auch sanktionsorientierte Tests völlig unnötig und untauglich, da sie zur Korruption herausfordern.

Gerorg Lind

Literatur

* Hopmann, S.T., Brinek, G. & Retzl, M., Hg. (2007). PISA zufolge PISA. Berlin: LIT-Verlag.
* Jahnke, T. & Meyerhöfer, W. Hg. (2006). Pisa & Co. Kritik eines Programms. Hildesheim: Franzbecker. (2. Auflage)
** Schoenfeld, A. H. (1999). Looking toward the 21th century: Challenges of educational theory and practice. Educational Researcher, 28, 4-14.

Weitere Literatur:
http://www.uni-konstanz.de/ag-moral/evaluation/itse-references.htm

Replik von Hans Peter Klein:

Sehr geehrter Herr Kollege Lind,

zuerst einmal schönen Dank für Ihre ausführlichen Darstellungen, denen ich übrigens in weiten Teilen durchaus zustimme. Zum Interview selbst: Wie Sie sicherlich wissen, wird ein solches Interview letztendlich gegenüber dem Original Interview drastisch gekürzt. Auch den Titel habe ich nicht gewählt. “Exzellenz durch Nivellierung” war mein Titel und das ist auch mein zentraler Vorwurf gegen das, was jetzt durch Einführung von Bildungsstandards, Kerncurricula und Kompetenzorientierung passiert, der ist aber wohl nicht attraktiv genug. Nun zu der inhaltlichen Diskussion in aller Kürze:

  1. Warum übernehmen wir eigentlich so völlig blind alles aus den USA, obwohl viele Dinge dort gerade im Schulsektor gescheitert sind? (auch das Ba/Ma-System haben wir blind übernommen. Wie Sie sicherlich wissen, führen einige Elite Universitäten in den USA in einigen Disziplinen jetzt das Diplom ein!). Alan Greenspan hat vor nicht allzu langer Zeit konstatiert, dass die Amerikaner wohl das beste Hochschulsystem haben (wen wundert das, da steckt auch das meiste Geld drin), aber das mit Abstand schlechteste Schulsystem (wen wundert das, da steckt auch in den meisten Bundesstaaten das wenigste Geld drin). Da ist doch wohl was Wahres dran. Und wenn man da mal die soziale Karte spielt, hatten wir nicht da mal ein viel sozialeres Bildungssystem gehabt als das ausgerechnet in den USA?
  2. Die zweite grundlegende Frage lautet: Warum ist wieder einmal ein System (Bildungsstandards usw.) ausschließlich von einem gewissen Klientel von Bildungsforschern – die mit Abstand nicht die Mehrheit in den Bildungs- und Erziehungswissenschaften für sich beanspruchen können – ohne jegliche Diskussion in der Wissenschaft, in der Gesellschaft oder an der Basis (den Lehrern selbst) – in einer Art Generalstabsplan von oben nach unten auf den Weg gebracht worden? Und warum werden von diesem PISA Konsortium alle Einwürfe gegen die Konzepte – und das sind vielfältige – als eine Art Gotteslästerung bewertet, da ja das eigene Konzept sich auf eine “state of the art” Forschung berufen könne (sie kennen ja sicherlich den Kollegen Tenorth und seine Diffamierungen gegenüber Kritikern).
  3. Und jetzt das Schlimmste: Aufgrund des Generalstabsplans sind ja alle institutionellen Einrichtungen – also auch die DFG – in der Hand des PISA Konsortiums, inklusive die KMK. Der gesamte wissenschaftliche Nachwuchs – vor allem in den Bildungswissenschaften und Fachdidaktiken – hat nur noch dann eine Chance, wenn er auf einer Art “Kriechspur” hinter den selbst ernannten Bildungspropheten hinterherläuft. Dann gibt´s Geld von der DFG, Professorenstellen usw., alle Kritiker werden dagegen ausgeschlossen. Da wird von einem bestimmten Institut aus dem kühlen Norden vorgegeben, dass alle Fachdidaktikerstellen selbstverständlich vom eigenen Nachwuchs aus der empirischen Bildungsforschung zu besetzen sind – Schulerfahrung und Fachwissen – das war gestern! Und da Frage ich Sie: Was ist denn das? Wo sind wir denn hier? Das ist Totalitarismus pur! Und schon alleine deswegen bin ich dagegen, obwohl ich als Rheinländer ein ganz friedfertiger Mensch bin. Und da muss ich der Kollegin Frost zustimmen, Bildung bedeutet Widerstand und nicht Anpassung!
  4. Warum ist denn das Unbehagen mit den derzeitigen Maßnahmen vor allem an der gesamten Basis nebst unterschiedlichsten Verbänden so weit verbreitet? Weil die Basis mal wieder überhaupt nicht in den Prozess einer sinnvollen Erneuerung des Bildungssytems einbezogen wurde, erst recht nicht in die Konzeption der derzeitigen Bildungsstandards. Und das gibt es in keinem anderen Lebensbereich so wie in der Bildung. Wenn man heute in die vita einiger selbst ernannten Bildungspropheten schaut, die vorgeben, genau zu wissen, wie denn zu unterrichten sei und das die Absenkung der Schülerzahlen pro Lehrer Geldverschwendung sei (entgegen den Ihnen sicherlich bekannten Untersuchungen aus den USA aus den 80er Jahren), stellt man erstaunt fest, dass die meisten eine Schule zuletzt von innen gesehen haben, als sie ihr eigenes Abitur abgeholt haben und noch nie vor einer Klasse mit 35 Schülern gestanden haben. Aber Sie wissen genau, wie es geht! Vergleich: jemand der nie selbst Fußball gespielt hat gibt vor, genau zu wissen, wie denn Fußball zu spielen ist und strebt daher den Posten des Trainers bei Bayern München an. Wahrscheinlich würde man den für verrückt erklären. Selbstverständlich erwartet man von jedem eine ausgewiesene Professionalität auf dem Gebiet, was er nun mal gerade führend vertreten soll. Gerade in der schulischen Bildung glaubt man anscheinend, darauf verzichten zu können. Dazu kommt, dass die Maßnahmen untereinander keinerlei Kohärenz aufweisen. Dazu nur ein Beispiel: auf der einen Seite wird ein schülerzentrierter Unterricht eingefordert und auf der anderen Seite werden Lernstandserhebungen angesetzt, sodass die Lehrer zu “drill to the test” Unterricht gezwungen werden. Und was passiert in den einzelnen Bundesländern? Jedes Bundesland konzipiert seine eigenen Kerncurricula mit hundertfachen Eigen-Kreationen des Kompetenzbegriffs, der Erfindung neuer Basiskonzepte, Rahmenthemen statt fachstrukturierter Inhalte usw. Was ist denn da noch Standard? In einem sind die Kerncurricula allerdings gleich: selbstverständlich ohne Input-Vorgaben in Form von Fachwissen und das, obwohl in den Bildungsstandards drin steht: Kompetenzen werden an Inhalten erworben! Aus mir nicht bekannten Gründen meidet man das gerade in den IQ´s der einzelnen Bundesländer aber wie der Teufel das Weihwasser. Man will also ohne Input Output messen. Das versteht kein Mensch! Die Basis ist entsetzt, alle Verbände ebenfalls. In den Anhang habe ich mal den Entwurf zu den Kerncurricula in Hessen gestellt und eine persönliche Meinung des Vorsitzenden des Vbio Hessen, der ja eigentlich für die Inhalte zuständig sein sollte. Wenn ein Biologe nicht mehr in der Lage ist, ein Curriculum für sein Fach zu lesen – von Verstehen wollen wir mal gar nicht reden – dann ist das ja wohl mehr als bedenklich. Die dort in hundertfacher Anzahl vorkommenden Kompetenzwörter sind wohl nach dem Muster gestrickt: man nehme einen Duden und ein Stricknadel, führe die Stricknadel an eine beliebige Stelle eines Wortes und hänge das Wort Kompetenz dran. Dann ist man gut aufgestellt, liegt immer richtig und hat sich nach vorn gebracht! Das kann es doch wohl nicht sein.
  5. Und zum Schluss noch die entscheidende Frage: Was bringen die Bildungsstandards den 15 – 17% der Hauptschüler, die ohne Abschluss und ohne Perspektiven die Schulen verlassen und zumindest in Teilen eine Gefahr für den sozialen Frieden darstellen? Hier hätte man alles zur Verfügung stehende Geld investieren müssen, um durch ein sicherlich schwierig zu entwickelndes Konzept und speziell ausgebildeten Lehrern hier qualitativ einen Bildungserfolg zu erzielen, wie schwer das auch sein mag. Wie ich im Kontakt mit Hauptschullehrern weiß, ist dies nicht einfach, man kann zwar ein Rauchverbot erteilen aber Bildung kann man nicht verordnen, vor allem, wenn es um bildungsferne oder sogar bildungsresistente Bevölkerungsschichten geht. Dazu bringen weder PISA noch die Bildungsstandards geeignete Vorschläge. Warum richten wir uns nicht nach Finnland? Die haben längst erkannt, dass der Unterricht von der Lehrerpersönlichkeit abhängt. Entsprechend wählen die ihre Lehrer mit validen Verfahren gezielt aus, während hier jetzt jeder zum Lehrer gemacht wird, der nicht schnell genug laufen kann. Klar, die Lehrerpersönlichkeit ist testmäßig wohl kaum zu erfassen und deswegen bekommt der Lehrer in der neuen Konzepten nur noch den Status eines Moderators zugebilligt, damit er die zu messenden Dinge nicht negativ beeinflusst. Meine bisherigen Bemerkungen sind zwar vielleicht ein wenig populistisch, dafür aber leicht verständlich und sie bringen die Sache aber auf den Punkt. Zum Konkreten: was bringen denn Kompetenzmodelle, sozusagen das Allerheiligste der neuen kommenden Unterrichtsform? Ich habe die Entwürfe von Kompetenzmodellen von den in babylonischer Gefangenschaft des IPN befindlichen Fachdidaktikern (so ein führender Vertreter eines fachwissenschaftlichen Verbandes) Fachleitern, Fachlehrern, Lehramtskandidaten usw. vorgelegt, mit der Bitte, eine einzige Schülerfrage doch einem bestimmten Kompetenzniveau konkret zu zuordnen. Es ist nicht ein einziges mal gelungen! Fragen, die von den Kompetenzmodellentwicklern der Stufe 0 zugeordnet wurden, wurden von allen bisher Befragten in unterschiedliche Stufen zugewiesen. Und da nützt mir auch nichts der Hinweis von Herrn Tenorth, dass alle Fachleiter und Fachdidaktiker zu blöde dafür sein, das sei schließlich mit Rasch Modellen abgesichert. Zum Schluss möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich jedem zugestehe, Bildungsstandards und Kompetenzorientierung als das “Gelbe vom Ei” zu betrachten. Bildung war immer umstritten und wird es wohl auch immer sein. Gerade deswegen ist ein dialektischer Diskurs vonnöten und den hat es leider zu den Bildungsstandards nie gegeben. Jetzt, wo dieses Konzept massiv auf die Basis zukommt, scheint es aber eher so zu sein, dass eine überwiegende Mehrheit es für äußerst fragwürdig, unausgegoren, unverständlich, kontraproduktiv hält. Zum Schluss noch eines der Anliegen der am Samstag in Köln neu gegründeten Gesellschaft für Bildung und Wissen: eine qualitative Verbesserung von Unterricht mit Lehrerpersönlichkeiten, die fachlich und erziehungswissenschaftlich in der Lage sind, einen anspruchsvollen Unterricht zu erteilen Wie heißt es doch in der Klieme Längsschnittstudie zum Satz des Pythagoras: Bei einem Unterricht, bei dem ein Lehrer differenzierte Fachkenntnisse besitzt, eine wirkungsvolle Klassenführung und damit notwendige Disziplin als Voraussetzung für erfolgreichen Unterricht erreicht, der seine Schüler motivieren und der eine kognitiv anregende Atmosphäre schaffen kann kommt zu besseren Ergebnissen, als wenn diese Faktoren nicht vorhanden sind. Lange Gruppenarbeitsphasen – wie derzeit bei Evaluationen der Lehrer gefordert – haben da gar nichts gebracht! Warum macht´s man nicht einfach so? Unterricht kann so einfach sein. Und alle Kritiker der Bildungsstandards und Kompetenzorientierung als Ewig Gestrige zu diffamieren, finde ich wirklich schade. Wie viele völlig unsinnige Neuentwicklungen im Bildungssystem in den letzten Jahrzehnten sind – Gott sei Dank – an der Basis gescheitert. Damit ist zumindest eine gewisse Kontinuität bewahrt geblieben und Chaos vermieden worden. So haben schon 2005 die Frankfurter Einsprüche gegen die Technokratisierung des Bildungssystems frühzeitig auf die negativen Entwicklungen hingewiesen. Und Ziel der jetzt gegründeten Gesellschaft ist es, diese nachhaltig weiter zu verfolgen (www.bildung-wissen.eu)

Schöne Grüsse aus Frankfurt
HP Klein

Replik von Georg Lind

Lieber Kollege Klein,
[…] Wirklich schade, dass der Kompetenzbegriff über die PISA-Schiene bekannt gemacht und inzwischen zum Modebegriff wurde, den jeder im Munde führt, aber kaum einer versteht. Da ist die totale Verballhornung im Gang, wie das mit wichtigen Begriffen leider immer wieder geschieht.

Kompetenz schließt Faktenwissen ein, ist aber viel mehr als bloße Faktenhuberei. Kompetenz ist ein sehr schwer fassbares Konstrukt, für dessen Prüfung aufwändige Verfahren notwendig sind. Schnelle, subjektive Einschätzung durch Lehrkräfte („Kompetenz-Raster“) und PISA-Tests („Kompetenz-Stufen“) sind hilflose, aber auch verantwortungslose Reaktionen eines überforderten Bildungspersonals auf unsinnige Vorgaben der Politik.

Ein wichtiger Aspekt des seriösen Kompetenzbegriffs ist, dass der Kompetenzerwerb ein anderes Lernen erfordert: Faktenwissenserwerb (Vokabeln, Formeln lernen) bleibt wichtig, steht aber nicht mehr am Anfang, sondern kommt an zweiter Stelle. Das hat, wie die Lernforschung und auch meine eigenen Erfahrungen zeigen, den Vorteil, dass das Faktenwissen leichter und schneller erworben wird, wenn es in Komptenzerwerb eingebettet ist.

Beispiel Biologieunterricht: Eine Gymnasialehrerin, die ich in der Vermittlung moralisch-demokratischer Kompetenzen mittels der KMDD-Methode fortgebildet habe, schrieb mir: „Zusammenfassend kann ich sagen: es hat sich wirklich gelohnt, diese [Dilemma-]Diskussion durchzuführen. Ich hatte das Gefühl, in diesen beiden Stunden mehr erreicht zu haben als in 3-4 Wochen ’normalem‘ Unterricht. Ich habe viel über eine einzelne Schüler erfahren, war erstaunt über einige ’schwache‘ und stille Schülerinnen, die sich sehr engagiert haben, Veränderungen für die Gesellschaft, für den Umgang miteinander u.ä. eingefordert haben. Es war eine sehr lebhaft und sehr sachliche Diskussion und ich habe mich gefreut, meine Schüler ’nachdenklich‘ (wie sie es nannten) in die Ferien zu entlassen. Ich kann nur jedem, der vielleicht ähnlich zögerlich in Anbetracht der ‚kostbaren‘ Unterrichtszeit von 2 Stunden ist, zuraten, die Dilemmadiskussion auszuprobieren!” Das ist auch mein Eindruck und der Eindruck vieler Kollegen, die wirkliche Kompetenzen zu vermitteln versuchen. Ich fange inzwischen alle meine Lehrveranstaltungen mit Übungen an, in denen die Teilnehmer ein moralisches Problem mit Fachbezug anhand eines konkreten Falls kontrovers diskutieren. Ich kann zeigen, dass sich dadurch die individuelle Urteils- und Diskursfähigkeit deutlich steigern lässt. Ich mache auch immer wieder die Erfahrung, dass im Seminar danach ein positiveres Lernklima herrscht und allen das Lernen leichter fällt. Mehr Stimmen von Teilnehmern von KMDD-Kursen finden Sie hier

Ich muss nicht erwähnen, dass ich für die Kompetenz, die man mit der KMDD fördert, ein geeignetes Messinstrument entwickelt habe (das inzwischen weltweit im Einsatz ist). Kompetenz-Tests sind sehr aufwändig in der Entwicklung, aber nicht unmöglich. Allerdings muss ihre Entwicklung von jahrelanger intensiver Forschung begleitet werden und streng experimentell, nicht empiristisch wie PISA sein. Der Moralisches-Urteil-Test ist kein klassischer Psycho-Test, sondern ein multivariates Experiment, das viel strengeren Validitätskriterien genügen musste: Wenn ich etwas beitragen darf zu der neuen Gesellschaft für „Bildung und Wissen“, dann würde ich gern die Begriffe Kompetenz und Evaluation gegen Missbrauch in Schutz nehmen. Ich hätte gar nichts dagegen, die neue Gesellschaft „Bildung und Kompetenz“ zu nennen. Warum sollen wir das Feld so schnell räumen, wenn Begriffsverwirrung betrieben wird?

Ihren Vorschlag, die Arbeit an Bildungsstandards und Tests erst einmal zu stoppen, unterstütze ich sehr. Wir benötigen mehr Diskussion und Zeit, um über angemessene Kriterien für valide Kompetenztests nachdenken zu können. Andere haben das schon früher gefordert, unter anderen der renommierte Mathematiker, Psychologe, Didaktiker und ehemalige Präsident der AERA, Alan Schoenfeld (1999) in seinem Vortrag „Looking Toward the 21st Century: Challenges of Educational Theory and Practice“, abgedruckt im Educational Researcher, 28, 4-14.

Noch vielen Dank für Ihre freundliche Erlaubnis zum Weiterleiten Ihres obigen Textes an die Leser des Bildungs-Infos, was ich hiermit tue.
Grüße
Georg Lind

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