Riester-PR in der ZEIT – kein guter Rat

Jens Berger
Ein Artikel von:

Seit die Riester-Rente existiert, gibt es in den selbsternannten Qualitätszeitungen Artikel zur Riester-Rente, die selbst bei wohlwollender Betrachtung nicht von bezahlten PR-Artikeln zu unterscheiden sind. Mal kommen diese Artikel suggestiv daher und zitieren Gutachten und Studien von gekauften „Wissenschaftlern“, mal kommen sie gänzlich brachial daher. Ein Musterexemplar für brachiale PR stellt der Artikel „Der gute Rat“ von Marcus Rohwetter dar, der sowohl in der letzten Printausgabe der ZEIT als auch gestern auf ZEIT-Online erschienen ist. Von Jens Berger

Wer in der ZEIT eine Anzeige in der Größe einer Viertelseite schalten will, zahlt dafür 20.064 Euro. Jeder abgeschlossene Riester-Vertrag bringt den Versicherungsunternehmen nach Angaben des Versicherungsexperten Prof. Klaus Jäger von der FU Berlin einen Gewinn von 8.000 Euro. Wenn also nur drei Leser der ZEIT aufgrund einer solchen Anzeige einen Riester-Vertrag abschließen, lohnt es sich für die Branche bereits. Jeder PR-Experte weiß jedoch, dass Werbung, die als solche erkennbar ist, von vielen Lesern nicht ernst- oder erst gar nicht wahrgenommen wird. Ziel der PR ist es daher, wenn man wie in der Apotheken Umschau oder der Bäckerblume interessengesteuerte Inhalte im redaktionellen Teil unterbringen kann. Der Jackpot ist es, wenn dies auch in einer vermeintlichen Qualitätszeitung gelingt.

Es gibt natürlich keinen Beweis, dass Rohwetter oder die ZEIT für diesen Artikel eine wie auch immer geartete Prämie von der Versicherungswirtschaft erhalten haben. Wenn man sich allerdings einen Moment lang vorstellt, dieser PR-Artikel sei tatsächlich ein Produkt des „Qualitätsjournalismus“, wird einem Angst und Bange um das Qualitätsverständnis der Branche. Fragt sich, was schlimmer ist – bezahlte PR oder hundsmiserabler Journalismus? Diese Frage muss jeder Leser für sich selbst beantworten.

Rohwetters joviale Anbiederung bei den „Youngsters“, um ihnen einen Riester-Vertrag schmackhaft zu machen, ist jedoch nur peinlich. Er verliert kein einziges Wort über die Risiken und Nachteile der Riesterrente. Kein Wort davon, dass die „Youngster“ nur dann ihre Beiträge samt Garantieverzinsung zurückbekommen können, wenn sie den Vertrag bis zum Renteneintritt lückenlos bedienen, kein Wort davon, dass diese Garantieverzinsung erst zur Geltung kommt, wenn die „Youngster“ fast so alt werden wie Jopi Heesters und selbst dies dann bestenfalls einem Inflationsausgleich entspricht. Natürlich verliert Rohwetter auch kein Wort darüber, dass die „Youngster“ (je nach Laufzeit ihres Vertrages) erst einmal 10 Jahre Beiträge einzahlen müssen, die ausschließlich die „Kosten“ des Versicherers decken und überhaupt nicht zur Altersvorsorge beitragen und daher auch nicht verzinst werden.

Dafür arbeitet Rohwetter mit Pauschalisierungen, die bei ernsthafter Betrachtung nicht haltbar sind. So suggeriert er, dass vor allem die jüngere Generation besonders von der Riesterrente profitieren würde. Das mag bei einer jungen Frau mit Familie, die zeitlebens in einem festen Arbeitsverhältnis steht, weder zu viel, noch zu wenig verdient, und dabei steinalt wird, durchaus zutreffend sein – für den Rest der U-30-Generation gilt dies jedoch nicht. Männer sind schon alleine wegen der Unisex-Beiträge benachteiligt und Niedrigverdienern wird die künftige Riesterrente ohne Zusatznutzen voll von der zu erwartenden Grundsicherung abgezogen.

Besonders kritisch kann der Riester-Vertrag für Beitragszahler werden, die ihren Job verlieren und den Vertrag frühzeitig kündigen müssen – zumal die „Kosten“ des Versicherers (10% bis 20% der Versicherungssumme) am Beginn anfallen. In einer Zeit, in der gerade die Unter-Dreißigjährigen sich oft von einem Zeitvertrag zum nächsten hangeln, ist dies ein sehr reales Risiko. Bereits heute wird mehr als die Hälfte aller Verträge überhaupt nicht bis zum Renteneintritt bedient und muss – mit gewaltigen Verlusten für den Versicherungsnehmer – vorzeitig aufgelöst werden. Für die „Youngster“ wäre auch der Hinweis wichtig, dass sie sämtliche Zulagen und Steuervorteile zurückzahlen müssen, wenn sie sich einmal dazu entschließen sollten, im Ausland zu arbeiten. Und sollten sie sich dazu entschließen, einmal für ihre frisch gegründete Familie ein Eigenheim erwerben zu wollen, können sie die angesparten Beiträge noch nicht einmal als Sicherheit für einen Kredit verwenden.

Es gäbe viele weitere Argumente, die gegen die Riesterrente für Unter-Dreißigjährige sprechen. Marcus Rohwetter nennt in seinem Artikel kein einziges. Stattdessen polemisiert er ganz nach dem Motto „Lieber Riester als iPhone“. Beides muss man sich als Unter-Dreißigjähriger jedoch erst einmal leisten können. Vielleicht bezahlt ja der Holtzbrinck-Verlag seine Volontäre und Praktikanten so gut, dass sie sich tatsächlich ernsthafte Gedanken darüber machen müssen, wo sie das viele Geld unterbrigen sollen – das ist jedoch heute nicht mehr die Regel, ein Großteil dieser Generation lebt von der Hand in den Mund und kann sich weder iPhone noch Riesterrente leisten. Rohwetters altväterliche „Lebenshilfe“ geht jedoch komplett an diesen Problemen vorbei.

Es ist komplett unverständlich, wie ein Journalist, der immerhin bereits mit dem Otto-Brenner-Preis und dem Helmut-Schmidt-Journalistenpreis (für kritischen Verbraucherjournalismus) ausgezeichnet und dafür auch von den NachDenkSeiten lobend erwähnt wurde, sich für ein solches Machwerk einspannen lassen konnte. Da wundert es nicht, dass Rohwetters Artikel von den Kommentatoren bei Zeit.de förmlich zerrissen ist – mit vielfachen Verweis auf die NachDenkSeiten.

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