Die FIFA-Mafia – schmutzige Geschäfte mit dem Weltfußball

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Fußball bewegt Millionen. Allerdings nicht nur Fans auf den Rängen der Stadien. Bei der FIFA werden auch viele Millionen Dollar, Franken und Euro hin- und hergeschoben. Ein wirtschaftlicher und politischer Skandal ungeheuren Ausmaßes. Ein Buch verschafft Einblick in das „größte Schwarze Loch“ unserer Zeit.

Wenn der Ball rollt, steht die Welt still. Millionen Menschen lieben dieses Spiel. Ihnen bereitet Fußball Freude und Vergnügen. Fußball ist die schönste Nebensache der Welt. Für den Chef der FIFA, Sepp Blatter, geht es in erster Linie um Geschäft, Macht und Selbsterhöhung. Und er hat seine willigen Helfer. Das „Korruptionsstadl in Zürich“ nennt Karl-Heinz Rummenigge, Chef der europäischen Klubvereinigung ECA, die FIFA.

Das Treiben der FIFA, vor allem das seines Präsidenten, ist ein wirtschaftlicher und politischer Skandal ungeheuren Ausmaßes. Zu dieser Einschätzung kommt Thomas Kistner, Sportjournalist der „Süddeutschen Zeitung“, in seinem jetzt bei Droemer Knaur erschienenen Buch „FIFA-MAFIA – Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball“. Seit 1990 recherchiert der Autor in Sachen FIFA, entsprechend umfangreich und fundiert sind die Fakten.

Wer gerne Krimis liest, der könnte an diesem Buch seine helle Freude haben – wenn das Geschilderte nicht Realität wäre. Was seit Jahrzehnten Blatter an Vernetzungen und Abhängigkeiten aufgebaut hat, das ist atemberaubend. Das System Blatter hat Große aus der Sportartikelindustrie, aus Politik und Werbewirtschaft so in die Abhängigkeit fast eines Mannes gebracht, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Es ist erschreckend zu sehen, wie in einer solchen weltweit agierenden Organisation nahezu jede Form von demokratischer Entscheidung vom Fingerzeig eines sich als göttlich einschätzenden Mannes wenn nicht verhindert, dann doch ausgehebelt werden kann.

Thomas Kistners akribische Recherche gerinnt in diesem Buch zu einem gedruckten Indizienprozess. Leserin und Leser erfahren viel über die bislang unbekannte Seite des Weltfußballs und seines Verbandes, wie den Verlust des Bälle-Symbols der FIFA, die besondere Vernetzung dieses Verbandes mit Interpol und Security-Firmen, über die Entstehung eines global ausgerichteten Sport-Sicherheitsdienstes in Katar, über FBI-Ermittlungen rund um den Fußball und Wettspielszene und von der Jagd auf eine CD mit sensiblen Bankdaten von hohen Fußballvertretern.

Und: Ein interner FIFA-Briefverkehr belegt, wie die lukrativen Sportrechte an Freunde und Kollegen verschachert werden. Man erfährt wie es mit Geld möglich ist in der Schweiz immer festere Schutzwälle zu errichten. Thomas Kistner: „Blickdichte Mauern um die eigenen Spitzenleute und um deren Geschäftsmoral braucht es dringend, denn der Begriff FIFA ist unter Blatter zum Synonym für Korruption geworden.“ Bei internationalen Treffen und Veranstaltungen stellt die FIFA Bedingungen, die die Teilnehmer von jeder Form von Einreisekontrolle freistellt, wozu auch der uneingeschränkte Transfer und Umtausch anderer Währungen in Dollar, Euro oder Schweizer Franken gehört. Wer hier vermutet, dass es um erlaubte Geldwäsche gehen könnte, muss damit nicht falsch liegen.

Die Bedeutung dieses Buches geht über die Grenzen der Arenen hinaus. Was hier stattfindet ist nicht ein Geschachere innerhalb eines Zweiges des Sportbetriebs, was schon schlimm genug wäre. Was sich unter dem Dach FIFA entwickelt hat, durchdringt längst teile der Wirtschaft und der Politik – internationale Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften sollten sich der Sache annehmen. Schon einmal stand der Weltverband kurz vor dem Strafrichter; doch es gelang der FIFA sich freizukaufen. Das sollte ihr nicht noch einmal gelingen. Das Buch von Thomas Kistner müsste eigentlich dazu beitragen, im „Kooruptionsstadl in Zürich“ kräftig aufzuräumen. Auch deshalb weil es nicht nur um das System Blatter geht: auch bei seinen freiwilligen und unfreiwilligen „Mitspielern“ in der Show-, Sport-, Werbe-, Pharma- und Medienindustrie ist einiges zu ordnen.

Wie heiß das Thema FIFA ist wird daran deutlich, was Thomas Kistner auf die Frage „Wie reagiert die Fifa auf Ihre Arbeit und seit wann weiß sie davon?“ auf der Seite des Verlags antwortet:

„Sie weiß spätestens seit Januar davon, als der Verlag, dann bald auch ich selbst, von der Fifa angefragt wurde, ob ich dem Verband das Manuskript vorab selbst vorlegen möchte. Andernfalls werde man Wege finden, rechtzeitig vor der Veröffentlichung daran zu kommen.
Grundsätzlich zähle ich zu den drei, vier Journalisten, die bei der Fifa auf dem Index stehen. Sepp Blatter selbst hat diese aus seiner Sicht bedrohlichen Leute Ende 2010 namentlich in einem Schweizer Interview benannt. Und so ist bei manchen Fifa-nahen Leuten die Angst davor, mit mir in Verbindung gebracht zu werden, gar als ein Gesprächspartner, mit Händen zu greifen.
Zuweilen wird diese Furcht auch offen formuliert. Zu den Standardfragen mir gegenüber gehört bspw. mittlerweile, ob ich sicher sei, dass mein Telefon nicht abgehört werde. Ich habe keine Hinweise darauf, dass dem so wäre. Keine Ahnung, ob das Paranoia ist – die Sorge einer wachsenden Anzahl von ehemaligen oder Immer-noch-Insidern jedenfalls ist Fakt. Und ein englischer Kollege hat schon 2006 ausführlich darüber berichtet, wie während seiner Buchrecherchen für ein Fifa-kritisches Buch die britische Telekom herausfand, dass irgendjemand seinen Telefongesprächen nachgespürt hatte. Aber klar, auch hier gilt: Der Sachverhalt ist so, doch wer wirklich hinter der Aktion steckte, wurde nie herausgefunden.“

Nach Kistners Einschätzung erliegen noch immer zu viele Regierungen, Institutionen und Verbände der „diabolischen Anziehungskraft des Weltfußballgeschäfts“. Und: „Es ist eine Branche, die, um mit Blatter zu sprechen, alle Religionen übertrumpft hat. In unserer Zeit bildet sie das größte Schwarze Loch.“ Mit dem Erscheinen von Kistners Buch kommt Licht ins Dunkel.

Hermann Zoller

Thomas Kistner
FIFA-MAFIA – Das schmutzige Geschäft mit dem Weltfußball
Droemer Verlag
426 Seiten, 19,99 Euro
ISBN 978-3-426-27586-3

Thomas Kistner, geboren 1958, ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung und zuständig für Sportpolitik. Er wurde unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet, war 2006 “Sportjournalist des Jahres“ und ist international einer der renommiertesten investigativen Journalisten im Bereich Sportpolitik und organisierte Kriminalität im Sport. Kistner kommentiert regelmäßig auf Deutschlandfunk und ist mit den Themen Doping und Korruption im Sport gefragter Gast in TV-Talk-Shows.

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