Albrecht Müller

Heute früh um 8:26 Uhr erschien eine dieser typischen Spiegel-Online-Meldungen „Starkes Wachstum. Deutsche Wirtschaft strotzt vor Kraft“, die erkennbar Teil der Kampagne sind, wonach es uns unglaublich gut geht, dies das erfolgreiche Ergebnis der neoliberal geprägten Reformen ist und der hervorragenden Arbeit der Regierenden ist. Das sind die offenen unterschwelligen Botschaften. Diese Botschaften werden vermutlich geglaubt, auch von Menschen, die eigentlich die intellektuelle Kraft haben sollten, diese Art primitiver Manipulation zu durchschauen. Von Albrecht Müller

Ein paar Hinweise auf die Manipulationen im Einzelnen auf der Basis des Textes von Spiegel Online.

Dort heißt es zum Einstieg:

Starkes Wachstum

Deutsche Wirtschaft strotzt vor Kraft

Halb Europa kriselt, doch in Deutschland ist von Rezession keine Spur. Nach einem Dämpfer Ende vergangenen Jahres ist die heimische Wirtschaft Anfang 2012 überraschend kräftig gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt stieg um 0,5 Prozent.

Berlin – Die deutsche Wirtschaft hat durch ein starkes Wachstum im ersten Quartal einer Rezession getrotzt. Das Bruttoinlandsprodukt stieg von Januar bis März um 0,5 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Experten hatten mit einem deutlich geringeren Wachstum gerechnet, einige hatten sogar ein weiteres Schrumpfen vorhergesagt.

Ende 2011 war die Wirtschaftsleistung noch um 0,2 Prozent zurückgegangen – zum ersten Mal seit fast drei Jahren. Bei zwei Minus-Quartalen in Folge sprechen Ökonomen von einer Rezession.“

Kommentar AM:

  • „Von Rezession keine Spur“ ??? – Im April lag die offizielle Arbeitslosigkeit bei 2,963 Millionen. Das sind immerhin knapp 3 Millionen – noch statistisch erfasste – Menschen ohne Arbeit. Dazu kommen vermutlich rund 4 Millionen, die von der Statistik nicht mehr erfasst werden oder in „Unterbeschäftigung“ sind. Rund 1,3 Millionen Menschen verdienen so wenig, dass sie aufstocken müssen. Über 800.000 sind als Leiharbeiter tätig. Von Rezession keine Spur?
  • 0,5% Wachstum sind – grob aufs Jahr hochgerechnet – 2% per annum. Das ist auch nicht annäherungsweise ein „starkes“ Wachstum. Dieses sieht, wenn eine Volkwirtschaft aus einer Rezession kommt, anders aus. Rund 4% für mehrere Jahre wären ein „starkes Wachstum“. – Um die 0,5% dennoch als bedeutsam erscheinen zu lassen, werden sie mit den minus 0,2% des Vorquartals verglichen. Diese Werte – plus 0,5 und minus 0,2% – sind so gering, dass sie schon nahe im Bereich statistischer Fehler liegen könnten.
  • Der oft angewandte, billige Trick: Man verweist auf „Experten“, die die Entwicklung düsterer erwartet hatten. SPON: „Experten hatten mit einem deutlich geringeren Wachstum gerechnet, einige hatten sogar ein weiteres Schrumpfen vorhergesagt.“

SPON schreibt:

„Ihr schnelles Comeback verdankt Europas größte Volkswirtschaft vor allem den gut laufenden Exporten und der Kauflaune der Verbraucher. “Nach vorläufigen Berechnungen sind die Exporte – anders als die Importe – zum Jahresbeginn gestiegen”, schrieben die Statistiker. “Außerdem wurde im Inland mehr konsumiert als im Vorquartal.” Das habe die sinkenden Investitionen teilweise kompensieren können. Details wollen die Statistiker erst am 24. Mai nennen.“

Kommentar AM:

Immerhin wird zugegeben, dass das (bisschen) Wachstum vor allem von den Exporten kommt. Natürlich wird zugleich darauf verzichtet zu erwähnen, dass dies zugleich Symptom und Ursache der großen Risiken und Gefahren für die Euro-Zone darstellt – der Auseinanderentwicklung der Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Staaten. Deutschland exportiert Arbeitslosigkeit. Ein toller Erfolg.

Die „Kauflaune der Verbraucher“ wird wie üblich übertrieben. Es wird mit dem Vorquartal verglichen und verschwiegen, dass der Konsum seit einem Jahrzehnt stagniert.

SPON schreibt:

„Verglichen mit dem ersten Quartal des vergangenen Jahres legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sogar um 1,7 Prozent zu – mehr als doppelt so stark wie erwartet. Experten gehen davon aus, dass die Prognosen für 2012 nun angehoben werden. “Dieses starke erste Quartal wird zu einer drastischen Aufwärtsrevision der Prognosen für 2012 führen”, sagte Volkswirt Andreas Scheuerle von der Deka-Bank. “Man muss mit einer Korrektur um rund einen halben Prozentpunkt rechnen.” Bisher erwartet die Bundesregierung für das Gesamtjahr ein Wachstum von 0,7 Prozent, 2013 sollen es 1,6 Prozent werden.“

Kommentar AM:

Das sind rundum lächerlich geringe Werte und Verschiebungen, die meist sprachlich aufgemotzt werden. Z.B. „sogar um 1,7%“. Was sind 1,7% im Jahr? Lächerlich. Aber das „sogar“ bringt die Würze. Oder z.B.: die Korrektur um einen halben Prozentpunkt für 2012 und die Korrektur von 0,7% auf 1,6% für 2013 wird zur „drastischen Aufwärtsrevision“ umgedeutet.

Und klar, zur Umdeutung stützt sich SPON auf den Volkswirt einer Bank. Das ist inzwischen üblich geworden. Als Experten für volkswirtschaftliche Angelegenheiten werden die Mitarbeiter privater Interessenten zitiert.

Es reicht. Der Rest des Textes von SPON ist ähnlich manipulativ. Die Wertungen gründen immer wieder auf „Experten“ aus der Finanzwirtschaft. Reiner Kampagnenjournalismus.
Schade, dass wir nicht wissen, ob SPON oder die Nachrichtenagenturen, deren Meldungen oft Basis solcher Texte sind, dafür von PR-Agenturen und/oder dem Bundespresseamt bezahlt werden.

Über die Wirkung dieser Daueragitation sollte man sich keine Illusionen machen. Sie erreicht inzwischen auch das Bildungsbürgertum. Ein markantes Beispiel aus den letzten Tagen:

Frau Bruhns, heute, alt und uneitel – welche Tür würden Sie gern noch aufknacken als Journalistin?
Merkel. Sie macht einen hervorragenden Job. …
Quelle: taz

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