Casino-Kapitalismus: Oder wie beim Poker zwischen Bayer und Merck um die Übernahme von Schering 400 Millionen Euro verzockt wurden, ohne dass auch nur ein Euro an Wert geschaffen wurde.

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Wie zwei Zocker saßen sich die Pharmabosse von Merck, Michael Römer, und von Bayer, Werner Wenning, wochenlang gegenüber und pokerten um den im „Jackpott“ liegenden Pharmakonzern Schering. Am Ende gewannen alle, Merck, Bayer, Schering und natürlich die Berater. Die Zeche zahlen die Arbeitnehmer und der Fiskus.

Am Anfang des Spiels war die Schering-Aktie 60 Euro wert. Dann bot „Player“ Merck 77 Euro. „Global-Player“ Bayer überbot mit 86 Euro pro Aktie. Aber der trickreiche Spieler Merck kaufte unter verdeckter Hand 35.000 Schering-Aktien an der Börse und stockte seinen Anteil bei Schering auf 21 Prozent auf – mit 25 Prozent hätte er eine Sperrminorität gehabt. Das konnte die mit Bayer unter einer Decke steckende „Allianz“ – die ja mit den Versicherungsgeldern der Bürger überall die Finger im Spiel hat – nicht zulassen und steckte dem Leverkusener Konzern mit ihrem Schering-Anteil von 11,4 Prozent schnell noch einige Coupons in den Ärmel. Bayer konnte damit seinen Anteil am Berliner Pharmakonzern auf 30 Prozent erhöhen und Merck überbieten. Da konnte Merck nicht mehr mitgehen, musste „passen“ und verkaufte seinen 3,7 Milliarden-Anteil an Schering an Bayer. Wie meist beim Poker gewinnt eben zum Schluss der Spieler mit dem größeren Portefeuille. Bayer legte 89 Euro pro Aktie für die Merck-Anteile auf den Tisch.
Der Verlierer konnte sich trösten, Merck gewinnt binnen weniger Tage 400 Millionen Euro, was die Merck-Aktie natürlich um 5 Prozent steigen ließ. Noch viel mehr – nämlich um 8 Prozent – kletterte, trotz des ziemlich „schläfrigen“ (FAZ) Spiels von Wenning, der Kurs der Bayer-Aktie, sie wurde größter Gewinner im Aktien-Index. Ja sogar die Schering-Papiere stiegen noch um 2 Prozent.

Kräftig abgesahnt haben dazu auch noch die üblichen „Kiebitze“ am Pokertisch: Das Objekt der beiden Zocker, nämlich Schering, zahlte seinen beiden Beraterbanken „Morgan Stanley“ und „Dresdner Kleinwort Wasserstein“ rund 44 Millionen Euro Erfolgshonorar, wenn die Übernahme durch Bayer klappt. (Denn Schering-Chef Hubertus Erlen hatte natürlich nur noch ein einziges Interesse, nämlich mit der Übernahme durch Bayer seine (persönlichen) Schäfchen ins Trockene zu bringen. Man kennt das ja von der Übernahmeschlacht von Mannesmann durch Vodafone vom Herrn Esser.) Dem „schläfrigen“ Bayer-Berater-Team winkt immerhin auch noch ein Honorar in Höhe von mehr als 50 Millionen Euro. (Aber soviel ist Werner Henning die Abwendung einer persönlichen Blamage ja wohl locker wert.)
Mindestens eine halbe Milliarde Euro sind also über den Spieltisch gegangen, ohne dass auch nur ein einziger Euro Wertschöpfung geschaffen wurde. So ist das eben im Spielcasino.

Aber im Gegensatz zum Spielcasino, scheinen im Casino-Kapitalismus alle gewonnen zu haben.
Jedenfalls fast alle, bis auf die Arbeitnehmern und den Fiskus. (Aber die spielen ja bei den Spielberichterstattungen in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen keine Rolle.)

Schering-Betriebsratschef Norbert Deutschmann befürchtet, dass “die Zeche nachher die Arbeitnehmer zahlen”. Denn der höhere Kaufpreis für Schering bedeute “höhere Kosten – und die müssten wieder hereingespielt werden. Daraus folgen höhere Einsparungen, und das gefährdet in der Regel noch mehr Arbeitsplätze”.

Der Wegfall von 6.000 Stellen durch die Übernahme von Schering durch Bayer als „Synergieeffekt“ ist ohnehin schon geplant. Jetzt muss Bayer-Boss Wenning eben seine verzockten 400 Millionen nur noch durch die Streichung von ein paar hundert weiteren Arbeitsplätze wieder hereinholen. Das kostet ja nichts – allenfalls ein paar tausend Existenzen von Arbeitnehmern. Aber wenn kümmert das schon und so lange die Aktionäre sich die Hände reiben, kann der „schläfrige“ (FAZ) Bayer-Chef als „erfolgreicher“ Manager nach aller Erfahrung zusätzlich zu seinen über 3 Millionen Jahresgehalt sogar noch ein paar Milliönchen an zusätzlichen Bonuszahlungen erwarten. Schließlich sichert sich Bayer durch die Übernahme einen Platz unter den zehn größten Pharmakonzernen der Welt – und nur auf die Größe kommt es ja an, egal ob Größe durch Zukauf und Spekulation oder durch unternehmerisches Handeln und Umsatzwachstum entsteht.

Nicht nur die 400 Millionen Euro Gewinn für Merck sondern jedenfalls auch die notwendigen Kredite für die insgesamt fast 17 Milliarden teure Aufstockung auf 75 Prozent des Schering-Anteils dürfte Bayer steuerlich geltend machen und sich wie in der Vergangenheit „arm rechnen“.
Damit hat Bayer ja viel Erfahrung. So senkte der Konzern seine Steuerleistungen „seit Jahren in Bodenlose, von 3,9 Prozent im Jahr 1995 bis auf minus 2,2 Prozent im Jahre 2003“ (Weiss/Schmiederer, Asoziale Marktwirtschaft, S. 284.f.).
Vielleicht können ja wie 2001 die Steuerrückvergütungen sogar wieder in Dividenden ausgeschüttet werden. Da freut sich doch der Aktionär.

Der Bayer-Boss Wenning sitzt ja auch in Angela Merkels „Rat für Innovation und Wachstum“, er kann der Kanzlerin dann dort erklären, wie man die von Bayer geminderten Steuern wieder bei den von Bayer Entlassenen durch weitere Einsparungen beim Arbeitslosengeld hereinholen kann.

Analysten äußerten sich positiv über den Ausgang des Pokerspiels, meldet die Wirtschaftsnachrichtenagentur Reuters. Das Ende der Deutschland AG ist damit endlich gekommen, der Casino-Kapitalismus bestimmt nun endgültig die Regeln. Dementsprechend will auch die Bundesregierung die Meldepflicht beim Kauf von Aktienanteilen noch in diesem Monat lockern. Motto: Platz den Zockern!

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