McKinsey-Studie: 56 Prozent der Studierenden denken darüber nach, auszuwandern. Vor lauter Standortwettbewerb kehrt die akademische Jugend dem Standort Deutschland den Rücken zu.

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Bei den Ingenieurstudenten können sich sogar 60 Prozent vorstellen, Deutschland zu verlassen. Darin spiegeln sich erhebliche Skepsis im Hinblick auf die eigenen Zukunftsaussichten in Deutschland, verbunden mit großen Sorgen vor wirtschaftlicher Krise und hoher Arbeitslosigkeit wider. 44 Prozent blicken wenig zuversichtlich in die Zukunft. Die Deutsche Wirtschaft strahlt wenig Faszination auf den Nachwuchs aus, nur 9 Prozent meinen, dass sie gemeinwohlorientiert ist, 37 Prozent sehen eine Dominanz von Shareholder-Value. Soziale und konservativ-traditionelle Werte dominieren bei den jungen Akademikern. Das sind einige der Ergebnisse einer Umfrage von McKinsey für das manager-magazin. Je attraktiver der Wirtschaftsstandort Deutschland gestaltet werden soll, desto weniger attraktiv scheint er offenbar für die akademischen Hoffnungsträger zu werden.

Man weiß ja von den Umfragen von McKinsey, dass dort oft Fragen gestellt werden, die das ökonomistische Weltbild von Deutschlands größtem Wirtschaftberater bestätigen. Umso erstaunlicher sind die Ergebnisse einer manager-magazin Jugendstudie „Generation 05“.

Man erfährt dort z.B. dass nur die wenigsten der befragten Studierenden, nämlich 29 Prozent ihre studentische Existenz ohne zu jobben bestreiten. Das hat zwar das Deutsche Studentenwerk auch schon x-mal erhoben, das hindert die CDU-FDP-Regierungen in den Ländern aber dennoch nicht, Studiengebühren zu erheben und damit den Zwang zu zusätzlicher Erwerbstätigkeit noch mehr zu erhöhen. (Diesen Schluss zieht natürlich die Studie nicht. Sie fragt nicht einmal danach.)

Die Zukunftserwartungen unserer zukünftigen Leistungsträger lassen sich nur als deprimierend bezeichnen:

  • Weniger als ein Drittel blickt optimistisch einer Realisierung der eigenen Ansprüche an den Beruf entgegen.
  • Die befragten Studierenden im Hauptstudium erwarten, dass sie künftig 47,7 Stunden pro Woche arbeiten müssen, gewünscht wären allerdings nur 39,5 Stunden.
  • Die überraschend große Bereitschaft, die berufliche Existenz gegebenenfalls ins Ausland zu verlegen, hängt offenbar mit verbreiteten Zweifeln zusammen, ob man für sich von einer gesicherten Zukunft in Deutschland ausgehen kann.

Im Grunde gehe wenig Faszination von der deutschen Wirtschaft auf die potentiellen Nachwuchskräfte aus.

  • Nur ein Viertel findet die Behauptung richtig, die deutsche Wirtschaft sei konsensorientiert und nur 9 Prozent halten sie für gemeinwohlorientiert.
  • 21 Prozent halten den praktizierten Führungsstil in der deutschen Wirtschaft für veraltet. 71 Prozent halten die deutschen Manager für “überbezahlt”, 62 Prozent stimmen der Charakterisierung zu, sie seien nur auf den eigenen Vorteil bedacht.
  • Als “moralisch integer” bezeichnen die deutschen Manager noch ganze 9 Prozent der Befragten, 46 Prozent stellen dies ausdrücklich in Abrede. Und soziales Verantwortungsbewusstsein wollen ebenfalls nur noch 10 Prozent für deutsche Manager gelten lassen, 59 Prozent sind vom Gegenteil überzeugt.

Die jungen Akademiker haben Forderungen an die Gemeinschaft, die – sieht man einmal von die für Studierende nahe liegende Forderung nach mehr Bildung und Forschung ab – so ganz anders aussehen, also wir sie täglich hören: Werte wie Frieden (92 Prozent), Bürger- und Menschenrechte (91 Prozent), Umwelt-/Naturschutz (87 Prozent) sowie gleichauf soziale Wärme/menschlicher Zusammenhalt und Kinder/Familie (je 86 Prozent) und die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit (79 Prozent), Bürger- und Gemeinsinn (71 Prozent), “Vereinbarkeit von Beruf und Familie” (79 Prozent) sowie “Arbeitsplatzsicherheit” (73 Prozent) stehen im Vordergrund.

Dabei sind 92 Prozent vom Sinn eines gesellschaftlichen Engagements überzeugt, sei es auf dem Feld sozialer Anliegen, in der Politik oder etwa auch im Sport oder in eigener Sache.

Den niedrigsten Stellenwert im Sinne eines positiven Beiklangs haben für die befragten Studierenden materiell ökonomische Werte, nämlich Reichtum (37 Prozent), Marktwirtschaft (32 Prozent) und Globalisierung (26 Prozent).

Nur die Studierende der Wirtschaftswissenschaften fordern deutlich weniger häufig gegenüber der Einschätzung aller Befragten soziale Gerechtigkeit ein, wünschen sich ferner erwartungsgemäß mehr Geltung in der Welt für die Wertbegriffe Marktwirtschaft und Wettbewerb.
Wen wundert das bei dem wissenschaftlichen Mainstream in diesen Fächern.
Leider ist es aber so, dass die Betriebswirte derzeit, bei der Interpretation der gesellschaftlichen Wirklichkeit und bei der politischen Verarbeitung der gesellschaftlichen Zukunftsaufgaben die Dominanz, wenn nicht sogar das Monopol haben. Da denken halt die Studierenden anderer Fächer ans Auswandern.

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