Das Militär und das Klima: Heuchelei, Betrug, Verbrechen

Das Militär und das Klima: Heuchelei, Betrug, Verbrechen

Das Militär und das Klima: Heuchelei, Betrug, Verbrechen

Ein Artikel von Irmtraud Gutschke

Empörung, untermauert von Fakten-Fülle: In seinem Buch „Militär, Rüstung, Klima“ legt Olaf Achilles das Ergebnis von 35 Jahren Forschung vor – in der Hoffnung, die Öffentlichkeit zu mobilisieren gegen eine Politik, die heuchlerisch mit Klimazielen hantiert, wohl wissend, wie diese im militärischen Bereich ad absurdum geführt werden. Von Irmtraud Gutschke.

„Unsere offizielle Emissionsbilanz glich dabei der Waage eines betrügerischen Fürsten: Die Gewichte waren manipuliert, während die massivste Last – die ‚militärische Sicherheit‘ kollektiv ignoriert und bewusst aus dem Register gelöscht wurde.“

„Unserer Umwelt zuliebe“ – derlei Appelle umschwirren einen bis in die Badezimmer von Hotels. Lasst die Handtücher am Haken, sie müssen ja noch nicht gewaschen werden. Und dabei darf man sich gleich noch dafür schämen, wie man überhaupt in dieses Hotel gelangt ist. Per Auto? Oder ist es gar eine Flugreise gewesen? Während man doch eine Radtour in die Umgebung hätte machen können. Es gibt sogar schon einen Begriff dafür: „Vacation Shaming“.

„Bio“ als Markenzeichen und als Verkaufsargument. Auch wenn du manchmal zweifelst, fühl dich wohl dabei. Nimm es hin, dass sich die Deckel an den Wasserflaschen so schlecht öffnen und schließen lassen. Seit Juli 2024 müssen sie laut EU-Verordnung fest mit der Flasche verbunden bleiben, damit sie beim Recycling nicht verloren gehen. Die Bilder vom Plastemüll im Meer hast du doch gesehen.

Die EU ist ja wirklich aktiv, was Regelungen für die Bürger betrifft. Die schimpfen ein bisschen, zucken die Achseln, denken vielleicht über künftiges Wahlverhalten nach, sind aber insgesamt überzeugt, dass Umweltschutz und „Klimaschutz“ gute und wichtige Sachen sind, die untereinander aber auch in Widerspruch geraten können.

Derlei Aufgaben werden auch vom Autor dieses Buches nicht in Zweifel gezogen. Olaf Achilles ist Diplomingenieur, Unternehmer und Wissenschaftsautor.

Er veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Bücher und leitete sieben Jahre lang ein Friedensforschungsinstitut zu Militär und Ökologie. Schon vor 35 Jahren erstellte er eine ähnliche Studie und erwirkte mit Bundestagsabgeordneten eine Anfrage beim Bundestag zum Thema.

Seine aktuelle Studie ist gerade veröffentlicht worden und wurde aktuell bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin und bei der UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change) eingereicht.

Mit seinen Recherchen, welche auch die Kriege in der Ukraine und im Iran mit einbeziehen, ist der Autor auf politische Wirkung aus. Seine Expertise soll auch Experten überzeugen und faktisch unangreifbar sein. Deshalb werden dem Text immer wieder Tabellen und Berechnungen hinzugefügt. Die Grundaussage findet sich schon zu Beginn:

„Seit Jahrzehnten vermessen tausende Wissenschaftler das Erdsystem und haben ein Fundament errichtet, das die Welt als unsere ‚CO₂-Emissions-Baseline‘ kennt. Sie diente als Referenzmaßstab, gegen den zukünftige Fortschritte bei der Reduzierung von Treibhausgasen gemessen wurden. Dieses statistische Versprechen bildete die Grundlage, an der sich alle politischen Klimaziele messen ließen – vom Pariser Abkommen bis zu den National Inventory Reports (NIR), auf denen Gesetze wie das deutsche Klimaschutzgesetz basieren.“

Aber:

„Dieses Fundament ist eine Ruine. Die offiziellen National Inventory Reports waren zu keinem Zeitpunkt neutrale wissenschaftliche Dokumente, sondern ein administratives Inventar, das die Realität nach den Vorgaben der Staatsräson sortierte.“ [1]

Geopolitische Ziele und Abhängigkeiten

Jeder kann es wissen, dennoch wissen es viele nicht oder halten es für unvermeidlich: Militär steht gegen Klimaschutz. Zum Beispiel die Patriot-Raketen, von denen immer wieder in den Medien die Rede ist. Im Internet wird einem die KI erklären, welche Treibgasemissionen durch den Betrieb des MIM-104-Patriot-Systems entstehen. Dass es in der Ukraine aktiv zur Luftverteidigung eingesetzt wird, ist auch bekannt. Unter der Maßgabe, „Leben zu retten“, schnürt Deutschland immer wieder Patriot-Hilfspakete. [2] Leben retten würde man durch diplomatische Bemühungen um ein Ende dieses Krieges. Dass Waffenlieferungen noch mehr Tote kosten, ist an dieser Stelle schon so oft wiederholt worden, dass man es singen kann.

Nein, nicht um Menschenleben geht es, sondern um geopolitische Interessen. „Uns alle eint ein Ziel: Russland darf diesen Krieg nicht gewinnen. Die Ukraine muss bestehen”, das sagte Olaf Scholz schon im Mai 2022, nachdem er bereits am 27. Februar eine „Zeitenwende“ ausgerufen hatte. [3] Alles gegen Russland – das ist die Linie deutscher Politik, die von der Merz-Regierung konsequent weiterverfolgt wird. Warum das so ist? Weil die Russische Union sonst ermutigt würde, andere Länder anzugreifen, wie Carlo Masala phantasierte? [4] Das wird nicht geschehen, aber eine europäische Friedensordnung unter Einbeziehung Russlands würde dem Entstehen eines riesigen eurasischen Wirtschaftsraums dienlich sein. Der wäre für die USA eine riesige Konkurrenz. Deutschland käme er zugute. Was aber eine Veränderung derzeitiger Machtkonstellationen zur Voraussetzung und zur Folge haben würde.

Und außerdem wird an der „Ukraine-Hilfe“ auch heftig verdient. Trump zögert noch, Kiew eine Lizenz zur Patriot-Produktion zu geben, weil er Sicherheitsrisiken für sensible US-Militärtechnologie fürchtet. Doch Merz frohlockt schon: „Da geht es in der Tat um umfassende Lizenzerteilungen auch von amerikanischen Unternehmen an europäische Hersteller.“ [5] Als ob Patriot-Produktion Deutschland aus der ökonomischen Talsohle holen könnte! Wenn die Ukraine noch mehr solcher Raketen verballert, wer bezahlt den Nachschub?

Aber zurück zur Klima-Frage: Was würde eine Meinungsumfrage (die es natürlich nicht geben würde) in der deutschen Bevölkerung zur Patriot-Lieferung und -Produktion erbringen? Nicht das vielleicht, was ich mir ebenso wie Olaf Achilles wünsche. Jahrelange Gehirnwäsche zeigt Resultate. Außenpolitik moralisierend zu erklären, ist eine Finte, die Bürger über ihre tatsächlichen Interessen zu täuschen.

Was unsereins mit dem Iran-Krieg zu tun hat

Blockade der Straße von Hormus: Iran ist schuld, dass Benzin und Diesel bei uns teurer werden. So kommt es bei den Leuten an. Dass im März 2026 das iranische South-Pars-Gasfeld bei Asalujeh Ziel eines israelischen Luftangriffs war, wurde vermeldet. Ohne die Folgen zu benennen. Insgeheim denkt man vielleicht gar, dass militärische Schläge gegen Industrieanlagen irgendwie „humaner“ im Vergleich mit direkten Frontkämpfen seien. Die Zerstörung industrieller Infrastruktur betrifft allerdings nicht nur die Bevölkerung vor Ort, wie Olaf Achilles weiß:

„Ein solcher Konflikt ist kein isoliertes geopolitisches Ereignis, sondern ein thermodynamischer Kataklysmus. Die Zerstörung von Förderplattformen, marinen Pipelines und kryogenen Verflüssigungsanlagen (LNG-Terminals) führt nicht nur zu gigantischen Bränden, sondern zu einem unkontrollierten, großflächigen Austritt von unverbranntem Erdgas direkt in die marine und Methan (CH4).“

Jener „Hauptbestandteil von Erdgas besitzt in der Atmosphäre eine relativ kurze Verweilzeit, entfaltet jedoch in den ersten zwei Jahrzehnten nach seiner Freisetzung eine verheerende thermische Wirkung. Dieser Vorgang wird als systemischer Methan-Schlupf (Methane Slip) in einer Kriegszone definiert – ein Szenario, das von keiner zivilen Notfallarchitektur der Welt mehr beherrscht oder eingedämmt werden kann.“ Im Buch heißt es weiter:

„Laut den aktuellen Sachstandsberichten des Weltklimarates (IPCC) wirkt Methan im kritischen 20-Jahres-Fenster (GWP20) 86-mal klimaschädlicher als Kohlendioxid (CO2). Wenn durch kriegerische Handlungen Millionen Tonnen Erdgas unkontrolliert entweichen, entfaltet sich ein physikalischer Hebel, der das globale Klimasystem im Zeitraffer destabilisiert. Die Zerstörung fossiler Großinfrastrukturen injiziert somit eine thermische Schockwelle in die Atmosphäre, die die globalen Erwärmungsmetriken innerhalb weniger Monate nach oben schnellen lässt und zivile Einsparbemühungen über Jahrzehnte hinweg pulverisiert.“ [6]

Methan: In der Öffentlichkeit ist davon gern in Bezug auf die Rinderhaltung die Rede, die in Deutschland mehr als die Hälfte der Methan-Emissionen verursachen würde. „Das heißt, jeder Wiederkäuer-Rülpser, der heute eingespart wird, führt bereits in zwölf Jahren zu einer Entlastung der Atmosphäre. […] Ein Hausrind rülpst am Tag rund 100 bis 200 Liter Methan.“ [7] Also Rindfleisch- und Milchverbrauch senken? Leute kenne ich, die genau deswegen Vegetarier geworden sind.

Davon sollen Olaf Achilles‘ Überlegungen sie nicht abbringen, aber sie mögen ihnen die Illusion nehmen, durch ihren Verzicht das Klima zu retten. Dazu gibt es im Buch immer wieder interessante Einzelheiten. Zum Beispiel Tempolimit: Eine Begrenzung auf 120 km/h, heißt es, würde eine jährliche Einsparung von etwa 1,9 Millionen Tonnen CO²-Äquivalenten erbringen.

„Setzt man diese zivile Einsparleistung in Relation zu den neu validierten 507,50 Millionen Tonnen des Ukraine-Komplexes, verschärft sich das Bild dramatisch: Der physikalische Ausstoß dieses Krieges neutralisiert die rechnerische Jahresleistung eines bundesweiten Tempolimits im Zeitraffer. Genauer gesagt: Der Emissionsausstoß des Konflikts frisst die mühsame Einsparung eines ganzen Jahres zivilen Tempolimits in nur rund 32 Stunden auf.“ [8]

„Kontenüberziehungen“ führen im Privaten zu großem Erschrecken. Zum „Earth Overshoot Day“ (Erdüberlastungstag) am 30. Juli war es eher kurz. Was soll man auch tun, wenn die Menschheit schon zu diesem Zeitpunkt ihr jährliches Haben an natürlichen Ressourcen aufgebraucht hat und beim Planeten Erde „auf Pump“ lebt? Im entsprechenden Beitrag der „Tagesschau“ war von den Regenwäldern, der Überfischung, dem Wasserverbrauch die Rede. Zu Recht wohl. [9] Aber ökologische Kriegsfolgen werden wie immer außen vor gelassen. Denn die sind offenbar sakrosankt.

Fakten zur Nordstream-Sprengung

So wie es auch mit der Nordstream-Sprengung ist. Vor dem Londoner Commercial Court hatte die im schweizerischen Zug ansässige Nord Stream AG schon im Februar 2024 von den Versicherern Lloyd‘s und Arch Reparaturkosten von mehr als 580 Millionen Euro eingeklagt. Vergeblich. Laut Gericht wurden die Schäden an den Pipelines infolge des Krieges verursacht, wodurch sie unter die Kriegsausschlussklausel der Versicherungspolicen fallen. [10]

Dieses Urteil kann der Nord Stream AG nicht gefallen, beweist aber zugleich, dass es nicht irgendwelche Terroristen waren, die aus Jux und Tollerei die Pipeline sprengten. Vielmehr stand dahinter ein geopolitisches Interesse, Russland und zugleich Deutschland zu schaden, das bekanntlich nun teures Flüssiggas vornehmlich aus den USA bezieht. Aus Fracking gewonnen, ist es wesentlich umweltschädlicher als Kohle. [11] Was ganz offensichtlich keine Rolle spielt, wenn es gegen Russland geht.

Olaf Achilles fügt noch einen weiteren Aspekt hinzu, der wenig bekannt sein dürfte: die ökologischen Folgen der Nordstream-Sprengung 2022 – seiner Meinung nach ausgeführt durch eine nukleare Hohlladung („Mini-Nuke“):

„Die seismischen Daten der Stationen in Bornholm und Schweden sowie der zeitgleiche Nachweis radioaktiver Isotope (Jod-131) im nordeuropäischen Messnetz der CTBTO belegen eine Einzelquelle mit Überschallgeschwindigkeit. (…)

Durch die Wucht der Unterwasserdetonation wurden rund 250 000 Tonnen marines Sediment aufgewirbelt. Dadurch wurden die im Bornholm-Becken lagernden chemischen Kampfstoffe – insbesondere Arsen- und Senfgas-Rückstände aus ca. 35000 Tonnen versenkter Weltkriegs-Munition – reaktiviert und großflächig in die Ostsee gespült. Auf Bornholm wurde im Jahr 2024 das Ende der Fischerei nach 141 Jahren vollzogen, da die Laichgebiete des Dorsches direkt im Zentrum der Explosionszone gelöscht wurden.“ [12]

Nicht, dass das alles völlig geheim wäre, aber eine öffentliche Diskussion bleibt aus. Wer fragt, dem antwortet die KI, dass die Sprengung eine enorme Freisetzung des Treibhausgases Methan zur Folge hatte. Laut Berechnungen des Umweltbundesamtes und weiteren wissenschaftlichen Auswertungen entsprachen die Emissionen etwa 7,5 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten. Das im Wasser gelöste Methan wurde über Wochen durch Strömungen verteilt und entwich verzögert an die Luft. Von Greenpeace gibt es auch ein Video über die Untersuchung der Explosionsstellen in der Ostsee.

Knackpunkt Kyoto-Protokoll

Heuchelei, Betrug, Verbrechen: Und das sogar mit völkerrechtlicher Billigung:

„Da die Klimaforschung seit 1945 institutionell eng mit dem Militär verflochten war, entstand eine paradoxe Situation“, schreibt Olaf Achilles. „Dieselbe Macht, welche die Instrumente zur Messung des Klimas schuf, deklarierte ihre eigenen Emissionen gleichzeitig zur ‚Nationalen Sicherheit‘ und entzog sie damit der Bilanzierung. Diese Praxis der Exklusion wurde über das Kyoto-Protokoll (1997) völkerrechtlich zementiert, indem militärische Emissionen (National Security Exception) offiziell von der Meldepflicht ausgenommen wurden.“ [13]

So kommt es, dass man militärische Lasten in offiziellen Klimaberichten vergeblich suchen muss, was auf Druck der USA und anderer NATO-Staaten geschah.

Das Kyoto-Protokoll war der erste völkerrechtlich verbindliche Vertrag zur Eindämmung des Klimawandels und wurde von 191 Staaten sowie der EU unterzeichnet. Die USA indes haben das Abkommen nie ratifiziert und sind 2025 erneut aus dem Pariser Klimaschutz-Abkommen ausgetreten. „America first“ rechtfertigt jegliche Rücksichtslosigkeit. Und Deutschland zeigt sich immer noch als williger Vasall. Auch das sogenannte Sondervermögen macht das augenscheinlich. Da jeder investierte Militär-Euro eine um 41 Prozent höhere Klimawirkung injiziere, als ein Zivil-Euro heilen könne, wie es im Buch heißt, „entsteht beim Abruf des Sondervermögens eine physikalische Klimaschuld, die weit über den Nennwert hinausgeht. Um allein die durch diese 100 Milliarden Euro verursachte zusätzliche Real-Last atmosphärisch zu neutralisieren, müsste die Gesellschaft zeitgleich 141 Milliarden Euro in hocheffiziente zivile Klimaschutzmaßnahmen investieren […] Wir erleben hier einen verfassungsrechtlichen GAU: Obwohl der Klimaschutz durch Art. 20a GG und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts Verfassungsrang genießt, wird er im Angesicht der militärischen Expansion zur bloßen Simulation.“ [14]

Dem Buch beigefügt ist der Entwurf einer Verfassungsbeschwerde (Materielle Verfassungswidrigkeit des Bundes-Klimaschutzgesetzes KSG in Verbindung mit dem Sondervermögen Bundeswehr BwFinSVermG aufgrund systemischer Budget-Unwahrheit) und der Klageentwurf zu Umweltkriegsverbrechen. Man kann das unterschreiben und in die Post geben. Doch wird sich dadurch etwas ändern?

Betrug am Überleben der Menschheit

Wie ökologische Realitäten gegenüber geopolitischen Interessenlagen nichtig werden, ist ein Skandal:

„Die physikalische Realität der Erdatmosphäre kennt keine völkerrechtlichen Grenzen, keine nationalen Souveränitätsrechte und keine sicherheitspolitischen Sonderzonen. Jede Detonation, jeder Treibstoffabbrand und jede absichtliche oder kollaterale Zerstörung fossiler Infrastrukturen injiziert stoffliche Lasten in ein planetares Gemeinschaftsgut. Das fundamentale Paradoxon moderner Militärstrategie besteht darin, dass der vermeintliche Schutz des nationalen Territoriums durch militärische Mittel genau jene biogeochemischen Kipppunkte (Tipping Points) triggert, die die nackte physische Existenzgrundlage eben dieses Territoriums unweigerlich vernichten.“ [15]

Die Angst vor einer klimatisch-ökologischen Katastrophe – schon Kindergartenkindern wird sie eingehämmert, so dass sie nachts nicht schlafen können. Der Buchmarkt ist voller gutgemeinter Kinderbücher, die zur Rettung der Welt aufrufen durch konkrete Taten. Kindlich Gutgemeintes hat sich auch in den Hirnen von Erwachsenen eingenistet. Moralisierende „grüne“ Floskeln, mit denen man sich anderen überlegen fühlen darf, die da mit Autos unterwegs sind, Fleisch essen und die Mülltrennung nicht als eine Art Religion begreifen. Man mag das nicht Ersatzbefriedigung nennen, weil damit immerhin ein ökologischer Nutzen verbunden ist. Aber größer noch ist der politische: Gesellschaftlicher Veränderungswille wird umgelenkt auf machtpolitisch weniger sensible Bereiche. Im guten Gewissen, persönlich etwas für die Umwelt zu tun, gerät all das aus dem Blickfeld, was man nicht ändern zu können glaubt. Sozialer Protest wird marginalisiert, Friedensaktionen mangelt es an Wirksamkeit. Eine hochgradig individualisierte Gesellschaft scheint mit dem zufrieden, welches eine gewisse Selbstwirksamkeit verspricht.

Es war ein Erfolg systemstabilisierender Machtpolitik, wie „Bündnis 90/Die Grünen“ ihre Verbindung zur ökologischen Friedensbewegung der 1980er-Jahre aufgaben, wie sie sich von ihren pazifistischen Wurzeln lösten und militärische Gewalt zu befürworten lernten. Das begann schon mit dem Kosovo-Krieg 1999, als sie unter Außenminister Joschka Fischer den völkerrechtswidrigen NATO-Einsatz mitgetragen haben. Inzwischen steht die Partei unter der Maßgabe, „Demokratie und Frieden“ zu schützen, für Waffenlieferungen an die Ukraine, nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zum Angriff auf russisches Territorium. Während Olaf Scholz Letzteres 2024 noch verweigern wollte, sorgte der Grünen-Politiker Anton Hofreiter als Vorsitzender des Ausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union im Bundestag für einen Dammbruch. [16]

Als „Kriegspartei“ stellen die „Grünen“ inzwischen keine wirkliche Opposition mehr dar, man hat gar den Eindruck, dass sie im moralistischen Elan jeder militärischen Eskalation das Wort reden würden ohne Rücksicht auf Verluste. Zudem haben sie ihren Ruf in der Bevölkerung aufs Spiel gesetzt, indem sie als ökologisch-klimatische Verbotspartei wahrgenommen wurden. Dabei liegt es auf der Hand, dass der Kampf gegen die Umweltzerstörung und Klimawandel zwingend ein Kampf gegen die Hochrüstung sein muss.

„Die Tragik des modernen Klima-Aktivisten liegt in seinem Unvermögen, zur eigentlichen Systemfrage durchzudringen“, heißt es im Buch. Und weiter:

„Er ist das primäre Objekt eines globalen Aufmerksamkeitsmanagements, das die individuelle Ebene – das moralisierte ‚Wir‘ des privaten Konsums – gezielt gegen die Ebene des wahren Akteurs ausspielt. Während der Aktivist glaubt, durch den Kampf gegen das Schnitzel oder den Kurzstreckenflug das Klima zu retten, operiert der eigentliche Gestalter der stofflichen Vernichtung im Verborgenen und jenseits jeder zivilen Moral.“ [17]

Zu Recht spricht Olaf Achilles von einer rituellen „Enteignungsarchitektur, die dem Bürger Askese verordnet, um eine ökologische Stabilität vorzugaukeln, die durch den energetischen Raubbau des Militärs bereits ein physikalisches Totaldefizit ist“. [18] Und er stellt sich vor, wie eine Ostermarsch-Rede von Petra Kelly heute klingen müsste.

Dabei dachte ich beim Lesen auch an Antje Vollmer, mit der ich kurz vor ihrem Tod noch an einem Tisch saß. Vorliegendes Buch wäre ganz in ihrem Sinne gewesen. Schon schwer krank, unterzeichnete sie einen Brief der „Gruppe Neubeginn“. Faktenreich ist darin die Hoffnung begründet, dass die bisher parallel agierenden Friedens- und Umweltbewegungen in ihren Aktionen zusammenfänden, weil beide Themen existenziell zusammengehören. [19] Dabei war sie ohne Illusion über jene Machtinteressen, die einer solchen Bewegung entgegenstünden.

Antje Vollmer ist am 15. März 2023 gestorben. Der Deutsche Bundestag gedachte der langjährigen Abgeordneten immerhin mit einer Schweigeminute.

Titelbild: Yurich / Shutterstock


Das Buch:

Olaf Achilles: Militär, Rüstung, Klima. Die Insolvenz der Klimagovernance: Forensische Evidenz zur systemischen Baseline-Kontamination durch den militärischen … Eingabe an das UNFCCC (Global Stocktake 2026), epubli, 187 S., br., 39.90 €.


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