Emma tritt ab und die taz tritt nach

Emma tritt ab und die taz tritt nach

Emma tritt ab und die taz tritt nach

Anette Sorg
Ein Artikel von Anette Sorg

Die letzte Ausgabe der Zeitschrift Emma wird am 8.12. erscheinen. Das Ende von Emma nach einer 50-jährigen Erfolgsgeschichte ist von vielen Medien und auch in den sozialen Netzwerken umfangreich kommentiert worden. Der taz ist das Ende von Emma gleich mehrere Artikel wert. Weniger mit der Intention, zu würdigen, als mit der Intention, nochmal betonen zu müssen, wo Schwarzer nach Meinung der taz „falsch abgebogen“ sei. Ein Kommentar von Anette Sorg.

Carolina Schwarz kommentiert am 21.10. wie folgt:

„Doch sollte es einen nicht bestürzen, wenn in Zeiten eines reaktionären Backflashs und einer zunehmenden Faschisierung ein feministisches Magazin eingestellt wird? Eigentlich ja, doch die Emma hat der feministischen Bewegung gerade in den letzten Jahren mehr geschadet als genutzt. Und das liegt an ihrer Chefin Alice Schwarzer.

Möchte man ihre politische Haltung zusammenfassen, weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Bei ihren transfeindlichen Positionen oder ihren rassistischen Stereotypen über migrantische und vor allem muslimische Männer? Bei ihren einseitigen Haltungen zu Pornografie, Prostitution und Kopftuch? Bei ihrer realitätsverdrehenden Haltung zum Ukrainekrieg? Bei ihrer rechtsoffenen Haltung?“

Simone Schmollack äußert sich am 23.10. so:

„Die feministische Journalistin Alice Schwarzer konnte irre nerven. Aber sie war eine Stimme für Frauen, und sie hat Frauen eine Stimme gegeben. Das trägt bis heute.“

Dieser überwiegend freundlichen Aussage setzt sie sofort einen Kontrapunkt:

„Bei aller berechtigter Kritik an Alice Schwarzer – ihre transfeindlichen Ansichten, ihre übertriebene Kopftuchkritik, ihre Härte gegenüber Prostitution und Pornografie, ihr scheinheiliges Friedensgefasel in Sachen Ukraine, ihr Steuerskandal – sie bleibt doch eine der bedeutendsten Personen der feministischen Zeitgeschichte.“

Manchmal sagt das Geschriebene mehr über die schreibende Person als über die beschriebene Person. Man spürt förmlich den krampfhaften Versuch der beiden Journalistinnen, ihre richtige (!) Haltung unter die Leser zu bringen und Alice Schwarzers Verdienste zwar – notgedrungen – zu erwähnen, sie im selben Atemzug aber mit Erwähnung ihrer aktuellen politischen Einstellungen zu diskreditieren.

Nicht einmal die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), ein konservatives Medium, relativiert Schwarzers Lebensleistung mit deren politischen Aussagen und Handlungen der jüngeren Zeit. Dort hätte man es eher erwartet. Vermutlich stimmt jedoch, was Schwarzer gegenüber der Zeit sagte: dass der meiste Gegenwind in ihrer Laufbahn von linken Frauen gekommen sei.

Fakt ist, dass man in Deutschland sehr schnell zur „persona-non-grata“ oder wie das so schön formuliert wird, zur „umstrittenen“ Person werden kann, ganz unabhängig von der individuellen Lebensleistung. Man muss „nur „mit der falschen Person ein gemeinsames Ziel haben (Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer demonstrierten gemeinsam für Frieden), man muss „nur“ das Kopftuch muslimischer Frauen als Unterdrückungsinstrument beurteilen, gegen Prostitution und Pornografie sein. Oder man muss eine kritische Haltung zu Transpersonen und deren daraus abgeleiteter Rechte haben, ohne diese Menschen deshalb diskriminieren zu wollen. So wie es übrigens auch der Oberste Gerichtshof des Vereinigten Königreichs am 16. April 2025 formuliert hat. Das reicht in Deutschland, um 50 Jahre Emma und weit mehr als 50 Jahre Alice Schwarzers Kampf für die Rechte von Frauen mit Schmutz zu bewerfen. Dass (überwiegend) junge Frauen dies tun, die – altersbedingt – selbst nur wenig an Engagement vorweisen können, ist entlarvend. Frauen, die wenig historisches Bewusstsein und wenig Gespür dafür zu haben scheinen, wie viel Kraft, Einsatz, Kampf, Rückschläge, Widerstand all die Errungenschaften gekostet haben, die ihnen heute selbstverständlich erscheinen.

Möglich, dass der neue, woke Feminismus, der die Alltagsprobleme der „kleinen Leute“, der Kassiererin an der Supermarktkasse oder der alleinerziehenden Mutter, aus dem Blick verloren hat, die Entscheidung, Emma einzustellen, beeinflusst hat. Wer sich überwiegend mit Sprachakrobatik, Quoten in Aufsichtsräten und Transpersonen beschäftigt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, einer Art „elitärem Feminismus“ zu dienen.

Fernab jeglicher Ideologie sollen Alice Schwarzers wichtigste Kämpfe und Errungenschaften an dieser Stelle nochmals gewürdigt und ins Gedächtnis gerufen werden: (Quelle: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland).

Auszüge:

1971

Dem Vorbild französischer Frauen folgend initiiert Schwarzer den „stern“-Artikel „Wir haben abgetrieben“, in dem sich 374 Frauen selbst der Abtreibung bezichtigen. Der Artikel führt zu einer breit angelegten Kampagne gegen den § 218 und wird als Anfangspunkt der Neuen Frauenbewegung in der Bundesrepublik angesehen.

Veröffentlichung ihres ersten Buches „Frauen gegen den § 218“. Darin beschreibt Schwarzer die Frauen der Studentenbewegung, die sich innerhalb des Sozialistischen Studentenbundes (SDS) gegen die männlich dominierten Strukturen der Gruppierung auflehnen.

1973

Veröffentlichung des Buches „Frauenarbeit – Frauenbefreiung“. Darin thematisiert sie Probleme der Gratisarbeit im Haushalt, der Erziehung und der Unterbezahlung von Frauen im Beruf.

1976

Gründung der „Alice Schwarzer Verlags-GmbH“, später „EMMA Frauenverlags-GmbH“ mit Sitz in Köln. Gesellschafterin und Geschäftsführerin ist Alice Schwarzer.

1977

Mitbegründerin und Herausgeberin der bundesweit erscheinenden autonomen feministischen Zeitschrift „EMMA“. Darin bemüht sich Schwarzer nach eigenen Angaben um eine feministische Alternative und um „ein Stück anderen, aufklärerischen Journalismus“.

1978

Das Landgericht Hamburg weist eine von Schwarzer initiierte Klage ab, bei der es um die Frage geht, ob auf den Titelseiten des stern-Magazins Frauen „als bloße Sexobjekte dargestellt“ werden.

1983

Mitbegründerin des „Hamburger Instituts für Sozialforschung“.

1984

Auf Schwarzers Initiative wird in Frankfurt „Das feministische Archiv und Dokumentationszentrum“ gegründet, dessen Vorstandsvorsitzende sie seither ist. 1988 zieht das Archiv nach Köln und befindet sich seit 1994 als „FrauenMediaTurm“ im Bayenturm, einem mittelalterlichem Wehrturm.

ab 1987

In der „EMMA“ beginnt eine Anti-Porno-Kampagne, die der Entwürdigung der Frauen durch pornografische Darstellungen entgegenwirken soll.

1992/1993

Höhepunkt der Anti-Porno-Kampagne ist die Veröffentlichung von Aktfotos des Erotikfotografen Helmut Newton im November-Heft 1993 der „EMMA“. Die Bilder werden als „sexistisch“, „faschistisch“ und „rassistisch“ interpretiert.

Der nicht genehmigte Druck führt zu einer vielbeachteten gerichtlichen Auseinandersetzung.

1993

Veröffentlichung des Buches „Eine tödliche Liebe“, das sich mit dem Tod der Grünen-Politiker Petra Kelly und Gert Bastian beschäftigt und versucht, die These des Doppelselbstmordes zu widerlegen.

Seit 1993 erscheint die „EMMA“ nur noch im Zwei-Monats-Rhythmus, was Schwarzers Autorentätigkeit verstärkt: Beinahe jährlich veröffentlicht sie seitdem Biografien und Bücher zu feministischen Themen, u.a. „Der große Unterschied. Gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen“ (1998) oder „Die Antwort“ (2007). Letzteres stellt eine Abrechnung mit dem laut Schwarzer aktuellen „Wellness-Feminismus“ dar. Sie nimmt Stellung zu den wichtigsten Thesen ihrer journalistischen Arbeit: Pornografie, Prostitution, Körperbild, Islam, Abtreibung, Muttersein, Karriere und Geschlechterdefinitionen.

1996

Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande.

2010

Schwarzer schreibt einen Offenen Brief an Familienministerin Kristina Schröder, die sie als „hoffnungslosen Fall“ und für ihr Amt „schlicht ungeeignet“ bezeichnet. Zuvor hatte Schröder sich gegen zentrale Themen der Frauenbewegung und gegen Thesen Schwarzers im Speziellen geäußert.

In dem von ihr herausgegebenen Buch „Die große Verschleierung“ bezeichnet Schwarzer das Kopftuch als „Flagge der Islamisten“ und setzt sich unter anderem für ein Kopftuchverbot für Schülerinnen an deutschen Schulen ein. Sie wird dafür kritisiert, dass sie das Kopftuch verallgemeinernd als Symbol der Unterdrückung anprangert und so Musliminnen vor allem als Opfer darstellt.

2012

Dezember: Schwarzer landet auf Platz 4 der Liste der einflussreichsten deutschen Intellektuellen, die von der Zeitschrift Cicero veröffentlicht wird.

2013

Veröffentlichung von Büchern gegen Sexismus im Beruf und gegen Prostitution.

2016

Herausgeberin und Mitautorin des Buches „Der Schock – Die Silvesternacht in Köln“. Darin bezeichnet Schwarzer die Herkunft der Täter als ursächlich für die sexuelle Gewalt gegen Frauen in der Silvesternacht. Ihr wird vorgeworfen, dass ihre Erklärungen zu spekulativ und nicht belegt seien.

2022

Mitherausgeberin des Buches „Transsexualität. Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?“. Darin wird die These vertreten, dass Transsexualität ein „Trend“ sei. Unter anderem wird vor dem geplanten Selbstbestimmungsgesetz der Bundesregierung gewarnt, das es Menschen in Deutschland erleichtern soll, ihr Geschlecht und ihren Vornamen in offiziellen Dokumenten wie dem Pass zu ändern.

Wer ihre Verdienste im Kampf gegen Genitalverstümmelung bei jungen afrikanischen Frauen kennt, der weiß, dass ihr Einsatz nicht an den Grenzen unseres Landes endet. Und wer ihre Verlautbarungen zur Leihmutterschaft gelesen hat, der weiß, dass die Würde des Menschen bei all ihren Einsätzen einen zentralen Stellenwert hat.

Selbst wenn man manche ihrer Positionen nicht teilen möchte, bleibt die Tatsache, dass Alice Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen vielen Frauengenerationen den Boden für ein gleichberechtigteres Leben und Wirken bereitet haben. Alice Schwarzer war und bleibt eine Überzeugungstäterin. Und Emma war und bleibt eine Erfolgsgeschichte. Daran wird auch die taz mit ihrer Hetze nichts ändern können.

Titelbild: Markus Wissmann/shutterstock.com

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